Geheimnisse vor Freunden: Die Beichte einer Essstörung

Wenn man an einer Essstörung leidet, trägt man oft die Last mit sich, mit keinem darüber reden zu können. Wie auch, wenn man oft selbst nicht die Worte für das eigene Problem findet.Und wie soll man überhaupt anfangen? „Oh neues Kleid? Steht dir gut. Ach übrigens: Ich habe Bulimie.“ Irgendwie ist es ziemlich schwer…

Heute habe einer guten Freundin meine Krankheit gebeichtet. Sie beschwerte sich darüber, dass ich mich in letzter Zeit wohl zu egoistisch verhalte. Und das zurecht. Ich habe im Laufe der Therapie gelernt, mehr an mich zu denken und meine Meinung öfter durchzusetzen. Das löst in meinem Freundeskreis natürlich Verwirrung aus und in Anbetracht dessen werde ich automatisch gleich als egoistisch abgestempelt. Also dachte ich, dass es an der Zeit wäre, mich zu öffnen.

Ihre Reaktion war ehrlich gesagt etwas seltsam. Sie schien sichtlich überfordert und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Ihr Kopf schien unsere ganze Freundschaft zu reflektieren und sie begann, mich nach Situationen auszufragen, in denen es mir eventuell komisch erging. „War es komisch für dich beim Grillen?“ War es komisch bei dem Geburtstag und der fetten Geburtstagstorte?“

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber irgendwie war ich enttäuscht. Obwohl ich weiß, dass sie ihre Gedanken erst einmal ordnen musste, hatte ich das Gefühl, einen großen Teil gegeben zu haben, der nicht richtig angenommen wurde.

Ich dachte  darüber nach, was passieren würde, wenn ich sie aus meinem Leben verlor.

Wäre ich einsam sein? Beschämt und verletzt? Würde ich mich jemals trauen, mein Geheimnis anderen Menschen zu offenbaren?

Abends bekam ich eine Nachricht von ihr, in der sie mir beteuerte,  wie lieb sie mich habe und für mich da zu sein. Ich musste lächeln und wusste, dass sie ebenfalls einfach etwas Zeit brauchte, um mit dieser Situation klar zu kommen.

Aber worauf ich hinaus will, ist: Man weiß nicht, wie Freunde darauf reagieren, wenn sie eine solche Nachricht erfahren. Aber wenn ihr es schafft, euch zu öffnen, schaffen eure Freunde es vielleicht auch, besser damit umzugehen.  Wann und wie ihr es tut, ist euch überlassen. Einen richtigen Moment gibt es nicht. Aber trotzdem ist es enorm wichtig, es zu tun, sobald ihr euch bereit fühlt.

Warum beharre ich so darauf? Weil dies ein weiterer Schritt zur Heilung ist. Es muss Rücksicht genommen werden. Und wenn die Reaktion darauf negativ ausfällt (und das ist natürlich die größte Angst), dann wären diese Kontakte auf Dauer ohnehin schädigend für euch.

Ihr braucht Menschen in eurem Leben, die euch lieben, zuhören und verstehen.

Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass man diesen Weg zur Heilung nicht alleine gehen kann. Manchmal kann man sich Freunden eher öffnen, als der eigenen Familie. Und obwohl ihr Angst davor habt, anders angesehen zu werden, müssen die Menschen wissen, dass etwas nicht stimmt. Das heißt nicht, dass es durch die Schulsprechanlage ertönen muss und es jeder im Umkreis von 10 Kilometern weiß. Aber ihr wisst glaube ich, was ich meine.

Ich hoffe, dieser Beitrag war ein Input für euch,  mutiger zu werden und mit Menschen darüber zu reden. Ich bereue es nicht, dass ich es meiner Freundin erzählt habe, obwohl es die nächsten Male sicherlich noch etwas angespannt sein wird, wenn wir uns treffen. Aber auch da muss man durch. Und meine Worte lassen sich nicht mehr rückgängig machen.

Ich bin so wie ich bin und dafür gibt es keinen Grund, sich zu schämen. Und obwohl es unerwartet und schnell kam, wird es mit viel Mühe und Kraft eines Tages verschwinden. ♥

 

Ein Kommentar zu „Geheimnisse vor Freunden: Die Beichte einer Essstörung

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