Realistische Ziele – Schritt für Schritt zur Heilung

Manchmal muss ich selbst darüber lachen, wie paradox ich klinge. Ich will dünn sein und alles essen können, was ich will. Dazu noch erfolgreich im Leben, ohne zu viel zu schuften. Und am liebsten würde ich mit einem Wimpernschlag die Welt retten, ohne mir dabei die Finger schmutzig zu machen.

Dann denke ich darüber nach und stelle fest, dass meine Träume ein paar Lücken vorweisen. Denn von nichts kommt nichts. Meistens jedenfalls.

das Frustrierende an dem Ganzen ist, dass es in der Tat Menschen gibt, denen alles auf den Schoß fällt. Ich habe eine Freundin, die so dünn ist, dass es fast in den Augen wehtut, doch sie isst, so viel sie will. Eine andere musste sich noch nie für eine Stelle bewerben, weil sie jedes Mal via Kontakte tolle Angebote erhält. Und ein weiterer strotzt vor Geld in den Taschen, ohne überhaupt zur Bank gehen zu müssen.

Dann frage ich mich, ob ich der geborene Pechvogel bin oder einfach nur einen anderen Blick auf die Welt habe?

Und was erwarte ich überhaupt? Dass alles leicht für mich ist?
Was will ich? Was erwarte ich?
Und wann bin ich zufrieden?

Die Welt ist ungerecht verteilt und es ist sinnlos sich mit Menschen zu vergleichen, die mehr oder weniger haben. Einige werden Youtube Stars und verdienen ihr Geld mit Schminken und Konturieren,  andere kümmern sich den ganzen Tag um kranke Menschen und verdienen einen Witz dabei.

Während meiner Essstörung habe ich festgestellt, dass die Ziele, die ich mir setzte, ziemlich widersprüchlich waren. Ich musste ziemlich lachen, als ich mir meine Vorsätze fürs Jahr 2014 fand und folgendes schrieb:

  • ungefähr 5 Kilo abnehmen
  • mindestens 2 Reisen in diesem Jahr machen
  • mehr Blumen kaufen
  • aufhören, über sich über das Gewicht und Aussehen zu stressen

Sieht noch jemand die Widersprüchlichkeit in einigen Punkten? Ich sah sie jedenfalls nicht. Mein Ziel war es 5 Kilo abzunehmen und dann aufzuhören, mich zu stressen.

Für mich machte alles Sinn. Bis ich die 5 Kilo tatsächlich abnahm. Dann war mein sehnlichster Wunsch, 5 Kilo abzunehmen. Schon wieder.

Es war zum verzweifeln. Und jetzt spulen wir ein paar Jahre vor. Und zwar zu dem Zeitpunkt, als ich endlich gesund werden wollte.

Meine neuen Ziele sahen wie folgt aus:

  • Gesund werden
  • Aufhören, mich zu übergeben
  • Nicht mehr vollfressen
  • Nicht weiter zunehmen
  • Wenn es geht, ein paar Kilo abnehmen, damit ich mich wohler fühlte.

Und auch das klappte nicht so ganz. Meine Therapeutin erklärte mir, dass es nicht möglich wäre, abzunehmen und wieder gesund zu werden. Für mich war es eine Angst einflößende Vorstellung, denn ich konnte mich nicht vorstellen, irgendwann glücklich zu sein.

Also startete ich einen neuen Weg: Realistische Ziele setzen. Alles Schritt für Schritt angehen. Ohne Druck, ohne schlechtes Gewissen. Ich baute mir meine Ziele wie folgt auf:

  1. Aufhören, mich zu übergeben. Damit riskierte ich aber auch zuzunehemen. Doch als ich mir das Ziel setzte, 6 Monate durchzuhalten und erreichte, wendete ich mich endlich dem nächsten Schritt zu.bbb

  2. Aufhören mit Binge-Eating. Nach 6 Monaten war es ohnehin nicht mehr die Regel, jeden Tag so viel in mich hineinzustopfen. Je weniger ich mich übergab, desto weniger wurde das Bingen. Eine sehr überraschende und erfreuliche Folge des Ganzen (vielleicht ergeht es anderen ebenso dabei) Dann nahm ich mir bewusst vor, nur diese eine Portion zu essen und mir nicht mehr nachzunehmen, wenn ich satt war. bbb

  3. Mein Selbstbildnis verändern. Mich zu akzeptieren, wie ich bin und meine Makel nicht zu hassen, sondern zu lieben. Es war ein weiter Weg dorthin und er dauert nach wie vor an.

Es ist jedoch interessant, dass ich manchmal über meinen unförmigen Bauch streiche und ein angenehmes Gefühl dabei empfinde. Ich kenne ihn, ich kenne seinen etwas großen Bauchnabel und sein kleines Speckpolster. Und irgendwie mag ich ihn. Er lässt sich nicht so richtig verändern und irgenwie ist das nicht mehr das Ende der Welt. Klar wäre es schön, wenn ich einen flachen Bauch und ein filigranes Sixpack hätte, aber  ich hätte auch gerne eine Villa in der Toscana und Haare ohne Spliss.

Man kann nicht alles im Leben haben, das ist mir nun klar. Wenn ich mich weiterhin stresse und zu viel auf einmal anstrebe, dann werde ich eines Tages aufhören zu existieren. Denn nur Roboter können alles auf einmal. Und Metall steht meinem Teint nun überhaupt nicht.

Setzt auch euch realistische Ziele! Macht euch keinen Druck und gebt euch alle Zeit, die ihr braucht. Selbst langsam kommt man zum Ziel und das sogar ohne zu schnaufen und sich zu stressen. Und fangt damit an, euch zu lieben.Und zwar alles an euch. ♥

 

 

 

 

Titelbild gefunden auf http://www.pexels.com

6 Kommentare zu „Realistische Ziele – Schritt für Schritt zur Heilung

  1. Ach diese unrealistische Ziele… die bringen uns nur nach unten. Und ich spreche nicht nur über Leuten die an Bulimie leiten, sondern über alle andere. auf erster Stelle sollen wir uns lieben und dann irgendwelche Ziele sich selbst stellen lassen.

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    1. Liebe amelikameli, da hast du natürlich recht, sich selbst zu lieben und zu akzeptieren steht an erster Stelle! Ich gebe auch nur meine persönlichen Tipps weiter, die mir sehr geholfen haben, aber jeder sollte für sich entscheiden, was am besten für ihn/sie ist 🙂

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  2. Liebe Mia, ich bewundere dich gerade sehr dafür, dass du es geschafft hast die Angst vor dem Zunehmen zu überwinden. Wirklich. Ich stehe noch meilenweit entfernt davon. Ich übergebe mich „leider“ nicht, ich krieg das einfach nicht hin. Aber jedes Gramm mehr löst neue panische Momente und Essanfälle aus. Sehr hilfreich dabei. Eine absolute Abwärtsspirale. Ich hoffe ich schaffe es irgendwann und noch bevor ich vollkommen aufgegangen bin.
    Hab einen sonnigen Tag,
    Kati.

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    1. Liebe Kati,
      Danke für deine lieben Worte! Und sei froh, dass es nicht funktioniert, denn das Übergeben hat mir wirklich nichts gebracht!! Ich brauchte auch eine ganze Menge Zeit, bis ich mich mit dem zunehmen arrangieren konnte. Glücklich bin ich deshalb auch noch nicht, aber ich habe mich eben für das Leben entscheiden und mit einer Essstörung ist es einfach kein richtiges. Ich empfehle dir, nicht auf die Waage zu schauen, denn diese bestimmt irgendwann komplett über dein Leben.

      Hier nochmal mein Beitrag zum Übergeben und was es mir gebracht hat. Hoffentlich schreckt dich das ein bisschen ab:)
      https://mias-anker.com/2017/09/22/wie-viel-hat-mir-das-kotzen-gebracht/

      Liebe Grüße!

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