Tränenreiche Nächte

Ich weine in letzter Zeit sehr viel. Das ist eigentlich ungewöhnlich für mich, denn ich bin ziemlich gut darin, meine Probleme ohne Tränen zu bewältigen. Deshalb überrascht es mich, warum ich in letzter Zeit so emotional bin.

Meine Mutter sagt, dass sie im Weinen oft Trost findet. Sie lässt damit ihren Schmerz raus und fühlt sich anschließend befreit und kann dem Alltag wieder ins Gesicht sehen.

Bei mir sieht das irgendwie anders aus. Ich habe dann das Gefühl, dass mein selbst gebautes Haus über mich kracht und mich einer kalten Schutzlosigkeit aussetzt. Je länger ich weine, desto schlimmer wird es.

Jetzt, einen Tag später ist dieses Gefühl zwar weg, aber die Kopfschmerzen vom vielen Weinen sind noch da. Auch habe ich eben einen Blick in den Spiegel geworfen und musste etwas stutzen, weil meine Augenlider völlig aufgeqollen und meine Augen gerötet sind.

Möglicherweise habe ich die falsche Technik. Vielleicht sollte beim Weinen meine Augen nicht so stark reiben. Oder zwischendurch mein Gesicht waschen. Eine Ibuprofen nehmen. Oder eine Feuchtigkeitsmaske auftragen.

Sehen alle Menschen nach dem Weinen so aus?, frage ich mich.

Inzwischen bin ich an dem Punkt gelangt, in dem ich meine Ursachen zu ergründen versuche und meine Emotionen dabei verstehen möchte. Warum ich traurig war, weiß ich. Und in Anbetracht der Situation finde ich meine Reaktion auch berechtigt. Aber gestern habe ich zum ersten Mal meine Gefühle während des „Akts“ analysiert.

Inmitten dieses emotionalen Moments hatte ich nichts, was mich aufheitern konnte. Alleine lag ich in meinem Bett und reflektierte mein Leben und die letzten Wochen. Je länger ich den Gedanken zuließ, desto heftiger wurde das Weinen.

Und als ich einen Blick auf mein Handy warf und prompt zwei liebevolle Nachrichten vorfand, konnte ich sie kaum annehmen oder genießen, weil ich zu deprimiert war. Ich fühlte mich undankbar und fiel in einen erneuten Teufelskreis.

Es half mir auch noch nie, mich mit anderen zu vergleichen. Klar habe ich nie harte Tragödien mit dem Verlust eines Menschen bewältigen müssen oder ein Bein verloren. Ich habe auch nie gehungert oder kein Dach über dem Kopf gehabt. Habe ich dann übehaupt das Recht, so zu fühlen?

Aber trotzdem ist mein Schmerz real. Stechend, qualvoll und so unglaublich intensiv.

Warum bist du traurig, fragte ich mich selbst. Weil ich überfodert bin, antwortete ich. Weil ich so viel Stress habe und nicht weiß, wie ich das bewältigen soll. Weil ich mich gerade nicht in der Lage fühle, arbeiten zu gehen oder die Uni abzuschließen. Weil die familiären Konflikte mich gerade nicht kalt lassen, sondern stark mitnehmen. Weil ich mit 23 Jahren Angst habe, an einem Burnout zu zerbrechen und noch nicht einmal weiß, wie hart und anstrengend das Arbeitsleben noch werden wird. Und weil ich kurz davor stehe, meinen Kampf mit dem Essen erneut anzutreten.

Das Gefühl ist so ergreifend, dass ich mich frage, ob ich mich jeden Moment in Staub auflöse. So intensiv, dass ich mir immer wieder sage, dass ich einfach nicht mehr kann.

Aber heute ist ein neuer Tag. Ich habe lange geschlafen und wieder Energie getankt. Ich habe mich zurückgenommen und bin in keinen Fressanfall geraten. Und heute kann ich auch die Freude darüber genießen. Die negativen Gedanken sind fort und im Nachhinein frage ich mich, ob das wirklich ich war, die gestern so traurig war.

Aber was tue ich jetzt?

Es ist ein Leichtes, in meinen vertrauten Teufelskreis zurückzufallen. Ich weiß jedoch, was passieren wird, wenn ich es tatsächlich tue. Dann werden meine Emotionen irgendwann mein Alltag werden und dann wird es noch schwerer sein, dem Ganzen zu entkommen.

Deshalb werde ich mich gleich auf den Weg machen und alleine spazieren. Ich werde einige Läden aufsuchen und vielleicht ein neues Buch kaufen. Neulich erst habe ich eine kleine Buchhandlung entdeckt, in dem ausschließlich Second Hand Bücher für einen sehr günstigen Preis zum Verkauf stehen. 🙂

Euch allen wünsche ich einen wunderschönen Tag. Falls ihr noch andere Überlebenstipps habt, die einen vor dem Teufelskreis schützen, dann könnt ihr es mich gerne wissen lassen. ♥

7 Kommentare zu „Tränenreiche Nächte

  1. Ich habe die letzten Jahre kaum geweint, seit meiner recovery sieht das anders aus. Früher als ich traurig war habe ich gegessen, jetzt weine ich. Du erkennst weshalb du so traurig bist, du kannst dich wunderbar reflektieren und das ist wichtig. Jeder hat diese Traurigkeit, dieser Schmerz der einen innerlich zerreißt, aber er geht wieder weg. Vergiss das nicht. Verwöhn dich ein bisschen, Schenk deinem Inneren ganz besondere Beachtung. Und ein Spaziergang oder ein buch lesen ist was, das deinem inneren auch gut tut. Alles Liebe

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  2. Liebe Mia,

    ich habe es wieder schwer gehabt mit dem Lesen. Aber das liegt nicht an Dir. Gar nicht! (Also bitte keine Sorge deswegen.) –

    Wieder habe ich mich sehr, sehr wieder gefunden in Deinem Text. Außer der Sache mit der Essstörung und meinem größeren „Unvermögen“ wirklich weinen zu können, könnte ich eigentlich JEDEN Satz unterschreiben. – Wenn ich Dir sage, dass ich ansonsten noch unter Angst- und Panikschüben leide – meine zweite Diagnose (neben den Depressionen) eine manifeste Angsstörung ist, dann weißt Du nun in Vollständigkeit, was mein „krank Sein“ ausmacht.

    Weil ich bin, wie ich bin, werde ich kein guter „Ratgeber“ für Dich sein können. Wobei ich von „Ratschlägen“ eigentlich auch grundsätzlich nicht so viel halte.

    Ich mache auch gerade eine sehr dunkle und schwere Phase meines Daseins durch, und gerade, das „Vergleichen“ mit anderen, das schuldig Fühlen, sind dann, wie bei Dir, immer wieder ein Thema.

    Inzwischen wehre ich mich dagegen, so gut ich denn vermag. Nicht immer erfolgreich. Aber ich habe rational inzwischen begriffen, dass das Vergleichen so gar nichts bringt. –

    Es ist seltsam: Auf der einen Seite kenne ich keinen Neid (wirklich nicht!) – es stört mich nicht, wenn dieser oder jene Dieses oder Jenes hat und ich nicht. Wissend auch in diesem Sinne nicht perfekt zu sein, lebe ich so bewusst wie möglich eine Bescheidenheit, die mein Wesen ist. Ich wünsche mir ohne Reue nicht MEHR für mich, ich wünsche mir allerdings, dass es insgesamt gerechter zuginge. Dafür würde ich, wenn denn das WIRKLICH geschähe, sogar noch einiges von meinem „Reichtum“ abgeben.

    Während mich insoweit also das Vergleichen gar nicht anfichtt, ist das mit Blick auf Menschen, denen es offenkundig und wirklich noch weit schlechter geht als mir, immer wieder ähnlich, wie Du es auch empfindest: Ich fühle mich irgendwie schuldig, frage mich nach meinem Recht, so jämmertlich zu sein.

    Ich fühle sehr mit Dir, im ureigensten Sinne des Wortes. Und deshalb freut es mich ganz doll, dass Du den Plan mit dem spazieren Gehen, mit dem Buch Kaufen, gefasst hast.

    Wie ich schon schrieb, ein guter „Ratgeber“ bin ich nicht, und so ist es mir auch nicht leicht, Dir „Überlebenstipps“ zu geben. Ich bin selbst immer wieder auf der Suche …

    Aber eines möchte ich Dir nun hierlassen liebe Mia:

    Ein Lied, das ich einst geschenkt bekam und das seither MEIN LIED ist. Niemand wird es mir je wieder nehmen können. Deshalb, aber auch, weil für mich das Besinnen auf Musik, auf Lieder, immer wieder überlebenswichtig sind, und ich in Dir einen mir doch in vielem wohl ähnlichen Menschen sehe, möchte ich es nun meinerseits Dir schenken.

    Du findest es, neben ein paar Versen von mir, die dieses Lied in und aus mir entstehen ließ, nachdem ich es zum ersten Male hörte, hinter dem nachfolgenden Link:

    https://gedankenorbit.wordpress.com/2014/09/22/sleeping-sun-stimme-liebe-19448178/

    Ganz liebe Wochenendgrüße an Dich! ❤

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    1. Lieber Sternfluesterer,
      Ich danke dir von ganzem Herzen für deine warmherzigen und ehrlichen Worte. Absurdeweise freue ich mich darüber, dass es Menschen gibt, die meine Gedanken verstehen, auch wenn ich wünschte, sie würden die zerreißenden Gefühle nicht auch empfinden.

      Deine Diagnose kenne ich von einer Bekannten. Sie ist zwar der stärkste Mensch, den ich kenne, geht aber manchmal wortwörtlich durch die Hölle. Ihr soziales Leben leidet sehr darunter und ihren Stimmungswechsel kann sie kaum kontrollieren. Es tut mir sehr leid, dass ein sensibler und lieber Mensch wie du sich auch damit herumschlagen muss. Aber ich hoffe, dass nach deiner „dunklen“ Phase, auch wieder „helle“ kommen und du mit deinem Gefühlsleben besser ins Reine kommst.

      Komischerweise kann ich anderen Menschen immer bessere Ratschläge geben, als mir…Und du musst dich absolut nicht verpflichtet fühlen, mir helfen zu wollen:) Es freut mich einfach, dass meine Texte gelesen und verstanden werden.

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      1. Ach Du … – Verpflichtet fühle ich mich nicht. Aber dem aber, was ich hier lese, MÖCHTE ich so gern etwas tun können. Aber freundlich begleitet zu sein, obendrein motiviert durch ehrliches VERSTEHEN wollen, sit da wohl schon was. Mir jedenfalls ist es immer eine Stärkung, wenn ich wieder so einem Menschen begegnen darf. – Du bist so ein Mensch, liebe Mia.

        Ich teile Deine Gedanken sehr gern. Und, dass Du meine auich teilen magst, dafür danke ich Dir sehr, sehr …

        Nochmals liebe Grüße!

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  3. Hallo Mia,

    das kenne ich auch, mit Heulkrämpfen im/auf dem Bett liegen und sich einfach nur elend und endlos traurig fühlen. Nichts konnte mich aufheitern.
    Ich habe dann angefangen meine Gedanken und Gefühle in den Momenten in einem Extra-Tagebuch (ich nenne es „Frust-Buch“) aufzuschreiben. Vollkommen ungefiltert, ohne Rücksicht auf Ausdruck und Stil. Nach dem Aufschreiben war erstmal die größte „Enge“ weg und ich konnte mich etwas beruhigen. Das hat mir sehr geholfen.
    Seit der Reha hatte ich diese richtig „tiefen Tiefs“ mit Heulkrämpfen nicht mehr, wohl aber Tiefs und auch Tränen. Wenn ich merke, dass ich anfange mich in Gedankenschleifen zu drehen, versuche ich mich (nach Möglichkeit) mit einem kleinen Tapetenwechsel und (ganz wichtig!) Entspannung und/oder Sport abzulenken und die Gedanken-/Gefühlsspirale zu durchbrechen. Klappt einigermaßen gut, und wenn mal nicht so gut weiß ich inzwischen, dass ich das einfach für eine gewisse Zeit aushalten muss und kann. Danach geht es wieder aufwärts. 😉

    Du hast das ja schon gut gemacht, erst Reflexion und später Entspannung (Buchläden, klasse, da bekommt man mich so schnell auch nicht wieder raus!).
    Schön, dass es dir wieder besser geht! 🙂
    Stay safe!

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    1. Hallo John,
      Das „Frust-Buch“ wie du es nennst, habe ich tatsächlich auch, allerdings nicht unter diesem charmanten Begriff. Nach Buch 11 platzen meine Schränke aus allen Näten, sodass ich gelegentlich darauf verzichte. Aber es löst einen in der Tat aus der Enge, wie du sagtest.
      Ein Tapetenwechsel ist wirklich sehr hilfreich, das ist mir gestern auch sofort aufgefallen, als ich mich aus meiner dunklen Blase entfernt habe. Die Gedanken kreisen sich nicht mehr um das eine Thema und die frische Luft erfrischt den Kopf.

      Schön, dass es dir nach der Reha wieder besser geht. Gelegentliche Tränen sind sicher unvermeidlich, solange sie nicht den Alltag bestimmen.

      Viele Grüße!!

      Gefällt 1 Person

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