Verpasse ich mein Leben?

Was stimmt nicht mit mir?

Diesen Satz habe ich schon so oft ausgesprochen, ohne dass ich je die Antwort wusste. Immer wieder fragte ich mich, warum ich nicht auch so sein konnte, so ausgelassen, so spontan, so abenteuerlustig. Schließlich war ich im „richtigen“ Alter, am „richtigen“ Ort und in der „besten Zeit meines Lebens“.

„Du wirst nie wieder so jung, hübsch und frei sein, du musst dein Leben genießen.“

Dieser Satz liegt schon ein paar Jahre zurück. Er kam von einem ehemaligen Jungen aus meiner Klasse mit einer stechenden Bierfahne. Wir waren gerade mit dem Jahrgang in einer Bar und in ein Gespräch vertieft, in dem ich versuchte, ihm zu erklären, dass ich keinen Alkohol trinken musste und trotzdem meinen Spaß haben konnte. Doch im selben Moment fragte ich mich, ob ich mich vielleicht selbst belügte. Ob ich mich dazu zwang, laut und lustig zu werden, nur damit die anderen mich mit ihrer Fragerei („warum trinkst du nicht?“) in Ruhe ließen.

Ich mochte es nicht. Alles. Diesen ganze „Teenagerkram“ in der Schule sowie das gegenwärtige „verrückte“ Studentenleben. Das war nicht „ich“.

Und jetzt bin ich 23. Sollte ich so etwas nicht mögen? Jetzt, in der „besten Zeit meines Lebens“?

Folgende Aspekte sind für meine Umgebung essenziell und schließen mich aus:

Die Zigaretten

Diejenigen, die rauchen, wissen alle nur zu gut, welchen sozialen Aspekt das Rauchen haben kann. Es sorgt für ein sofortiges Gespräch („Hast du mal Feuer?“) und schließt die erste Gemeinsamkeit zweier fremder Menschen ein. Die Raucher stehen vor der Uni, vor der Bar und vor dem Club. Und sie freunden sich an. So schnell. Ich will auch so schnell Freunde finden. Aber geht das nur, wenn ich auch rauche?

Die Bars

Ich stehe nicht auf Bars. Warum? Zum einen weil dort Spirituosen ausgeschenkt werden, die ich nicht trinke. Bars sind ein gesellschaftlicher Treffpunkt, in dem Freunde sich amüsieren und fremde Menschen sich kennenlernen. Aber ich fühlte mich dort nie wohl. Die laute Musik, die zwanglosen Gespräche, die ausgelassene Lebenseinstellung – mit nichts von dem kann ich mich identifizieren.

Ich bin immer nüchtern. Nicht, dass es negativ ist, aber wenn wir ehrlich sind, ist ein Mensch mit Alkoholeinfluss tendenziell lockerer drauf, als ich. Daher würde ich nie von mir selbst aus einfach so vorschlagen, in eine Bar zu gehen. Und dann sitze ich da mit meiner Cola und bin steif wie ein Bügelbrett.

Die Partys

Nach meinem achtzehnten Geburtstag unternahm ich viele Spritztouren durch die Clubszene meiner Heimatstadt. Ich machte mich schick, ging aus und tanzte die ganze Nacht durch. Es hat Spaß gemacht. Bis es keinen Spaß mehr gemacht hat.

Mein Standardspruch war immer: „Ich gehe nur feiern, um zu tanzen.“ Dabei klammerte ich jahrelang aus, wie enttäuscht ich war, wenn ich nach dem Abend niemanden kennengelernt hatte. Ich war einsam und suchte einen Menschen. Ich sehnte mich nach Zuneigung und Liebe. Ein Club ist  der ideale öffentliche Ort für kurzlebige Bekanntschaften. Doch irgendwann war ich es so leid, wie ein Stück Fleisch behandelt zu werden, das sofort verspeist werden will. All die fremden Berührungen, die Anmachsprüche und die tolerierte Drogenszene waren nur noch lästig. Und ich fand sie nie. Heute weiß ich, dass ich dort einfach nicht hingehöre.

Ich bin also anders, da ist vermutlich nichts schlimmes dabei. Aber dann kommt mir wieder der Satz in den Sinn.

„Du wirst nie wieder so jung, hübsch und frei sein, du musst dein Leben genießen.“

Steckt ein Fünkchen Wahrheit in diesen Worten? Und wenn die Zeit vorbei ist – werde ich zurückblicken und alles bereuen?

Bereuen, dass ich nicht alles einfach ausprobiert habe?

Bereuen, dass ich nicht mehr die Kondition habe, um das ganze Wochenende durch die Bars zu ziehen?

Bereuen, dass ich in keinen Club der Welt mehr reinkomme?

Verpasse ich mein Leben?

Ich würde pauschal sagen nein.  Und obwohl ich versucht habe, mich durch Bars, Tanzlokale und Homepartys zu zwingen, so hatte ich anschließend nie das Gefühl, dass dies eine bereichernde Erfahrung war. Das sogenannte „Studentenleben“ zieht mich einfach nicht in seinen Bann.

Ich bin wie ich bin. Vielleicht langweilig. Vielleicht unkonventionell. Ohne spannende Geschichten mit legendären Abstürzen. Und ich hoffe, dass ich es nicht bereuen werde…

18 Kommentare zu „Verpasse ich mein Leben?

  1. Liebe Mia,
    diese Fragen stellte und stelle ich mir noch immer regelmäßig. Schon allein aus dem Grund, weil ich nicht die typische Kindheit und Jugend nach Bilderbuch hatte. Disco und Partys waren und sind noch immer nicht mein Ding. Früher fühlte ich mich schlecht, wenn ich am WE allein mit meinen Büchern daheim saß, während andere tanzen gingen. Ob ich was verpasst habe? Das weiß ich nicht. Muss ich das wissen?
    Trotz des – für Außenstehende – langweiligen Lebens habe ich eine Familie mit Kind, Kegel, Mann und Kater. Also habe ich nicht alles falsch gemacht. 😉
    Hör auf dein Herz und nicht darauf, was andere von dir erwarten. Dein Leben ist so unkonventionell, wie du es dir zugestehst. Einem Buschbewohner aus dem letzten Urwald, ist dein Leben das reinste Abenteuer, weil er es anders gewöhnt ist. Du hast nur dieses eine Leben. Nutze es für dich und deine Belange. Fehler und falsche Entscheidungen treffen alle. Aber die Welt ist eine Kugel und auch irgendwie ein Kreis. Es wird sich alles schließen und zur rechten Zeit finden.
    Viele Grüße 🙂
    Michaela

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Mia, ich bin jetzt fast doppelt so alt wie Du und habe viel erlebt. Glaube mit, wenn das erlebte nichts hinterlässt, ist es nicht nötiger im Leben als das nicht erlebte. Wichtig ist, das du bei dir bleibst. Alles andere kommt dann schon irgendwie zu dir hinzu. Behalte dann einfach das Gute davon, oder erinnere dich daran. LG

    Gefällt 1 Person

  3. Mir ging und geht es ganz ähnlich… Party machen, Rauchen, Trinken, das alles hat mich als Teenager nie gereizt. Lieber hab ich zuhause ein gutes Buch gelesen, Filme geschaut, mit meinen Freundinnen Spiele- und Kochabende veranstaltet … Bei den meisten Mitschülern war ich deswegen nie voll integriert. Damals tat mir das weh, heute nicht mehr und ich habe auch nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben oder nachholen zu müssen 😃😉

    Gefällt mir

  4. Hallo Mia,
    ich kenne dich nur von deinem Blog, aber so wie ich das sehe, bist du alles andere als langweilig!
    Und zu diesem Spruch:
    „Du wirst nie wieder so jung, hübsch und frei sein, du musst dein Leben genießen.“
    Das einzige, was hier stimmt, ist die Aussage dass wir nie wieder (biologisch) so jung sein werden wie jetzt gerade. 😉
    Alles hat seine Zeit, und das Leben zu genießen hat nur sehr bedingt was mit Alkohl trinken, Rauchen und Durchfeiern zu tun. Und das auch nicht für jeden.
    Mir ging und geht es da ähnlich wie dir.
    Also alles gut, finde das was für dich Leben und Genießen heißt und lass dich nicht dadurch stören, dass du es nicht auf Anhieb findest, mal Zweifel auftauchen oder Andere es anders machen.

    Viele Grüße!

    Gefällt mir

    1. Hallo John, es freut mich wirklich sehr, dass viele weitere diese Gedankengänge verstehen können. In meinem sozialen Umfeld ist das nur anders und löst diesen unerwarteten Druck in mir auf. Und eigentlich bin sehr zufrieden damit – ich frage mich nur, ob es immer so sein wird…aber du hast recht, Partys und Alkohol muss kein Grund sein, sein Leben ohne nicht genießen zu können!
      Hab einen schönen Abend!

      Gefällt 1 Person

  5. Mia: Ich bin wie Du!!! Ich war auch schon immer so. – Als ich Deinen Eintrag hier gelesen habe, flogen all die Sprüche, die ich wegen meinem „Anderssein“ schon empfangen habe (und da gab es „wohlmeinende Ratschläge“ ebenso wie dämliche Urteile oder halt auch pures Unverständnis), wieder an mir vorbei. Und auch an meine Selbstzweifel (die bis heute auch das Thema hier betreffend andauern) waren mir wieder gegenwärtig.

    Aber ich möchte Dir Zuversicht zusprechen. Keinen einzigen Menschen, der in meinem (ja schon ein bisschen längeren Leben) eine für mich wichtige Rolle gespielt hat, den ich überdies schätze, den ich Freund oder Freundin nenne, für den ich wirklich aufrichtig und teif empfinde, habe ich in einer Raucherrunde, auf eine Party oder am Biertisch kennengelernt.

    Ich bin kein Smalltalker, fühle mich auf größeren Feiern (auch in der Familie, weshalb ich viele meide oder eben nur für eine bestimmte Zeit „zu meinen Bedingungen“ dort bin) nicht wohl un d mag es auch nicht laut. – Dagegen kann ich mich sehr ausdauernd in einer kleinen schönen Runde wohlfühlen, wo neben guten Gesprächen auch gelacht wird, eine gemiunsame Unternehmung gemacht wird oder ähnliches. Alkohol ist dafür überhaupt nicht wichtig oder nötig.

    So wie Du bist, bist Du übrigens überhaupt nicht langweilig. Du schreibst hier so schön, so vielfältig, so interesant, in einem so ansprechenden Stil, so einladend (Deine Rezension letztens!) und Interesse weckend. Du sendest Freundlichkeit und Vertrauen aus und zeigst viel Interesse an Menschen und Themen. – Wer das sehen und erkennen möchte, der wird das erkennen. Bleib wie Du bist!!!!

    Es ist wunderbar, Menschen wie Dich, nicht in Bars oder Kneipen treffen zu müssen, um ihnen zu begegnen und Lebenszeit mit ihnen teilen zu dürfen und zu können.

    In diesem Sinne heute mal ganz extra besonders liebe, sternflüsternde Grüße an Dich und die von ganzem ❤ !

    Gefällt mir

    1. Ach lieber sternfluesterer,
      Ich freue mich immer so über deine Kommentare und deine Zustimmung zu meinen Themen.

      Ich glaube natürlich auch nicht, dass ich mich zwingen sollte, den gesellschaftlichen sozialen Pflichten nachzukommen, aber mir ist dieser eine Satz (siehe Zitat oben) wieder eingefallen und das hat mir zu denken gegeben, was wohl in 20 Jahren sein könnte, wenn ich nicht mehr jung bin. Es ist nur schwer, neue Leute kennenzulernen und Kontakte zu knüpfen, wenn man immer darauf verzichtet, mitzugehen. Und eigentlich hätte ich das ja so gerne, nur am liebsten, ohne rauchen oder trinken zu müssen 🙂

      Hab einen schönen Abend, lieber sternfluesterer, ich hoffe der Sturm hat sich bei euch wieder erholt! Ganz besonders liebe Grüße auch an dich! ❤️

      Gefällt mir

      1. Ja, der Sturm hat sich erstmal verzogen. (Besser ist’s)

        Das mit dem Kontakte knüpfen kenne ich gut. Ich hatte immer wenig wirkliche Freunde. Aber ich habe damit leben gelernt. – Wenn ich drei, vier wirklich liebe, verlässliche, Vetrauen und Rücksicht erwidernde Menschen habe, dann ist das doch aber sehr viel. Ich bin niemand, der 10 oder 20 „lockere Bekannte“ mehr wertschätzt.

        Es ist so schon so schwer mit der Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit der Welt zurecht zu kommen, so viel, was heute zu sein scheint, ist morgen als wäre es nie gewesen.- Es geht doch aber, und das gerade für Menschen mit einer größeren Empfindsamkeit, für Menschen der leiseren Töne, der bescheiden formulierten Wünsche darum, wie Du es selbst bezeichnbet hast, ANKER zu finden. – Und das können aufrichtige, wirkliche Freundschaften allemal mehr sein als wenn auch grundsätzlich nette, flüchtige Bekannte.

        Ich glaube, was uns doch immer noch nach diesem oder jenem Kontakt mehr Ausschau halten lässt, ist nicht zuletzt auch die mindestens unterschwellige Furcht, vielleicht des einen oder anderen wirklichen Freundes einmal verlustig zu gehen. Wir wissen so um den Wert solcher Freundschaften, wir wissen auch, wie zerstörerisch vieles der realen Umwelt ist. Und wir wissen, dass wir selbst nicht die größten Draufgänger, Anmacher, sich selbst Präsentierer, sind.

        Es gibt nicht gar so wenige Menschen, liebe Mia, die Dich gerade deswegen mögen und schätzen würden und schätzen, weil Du bist wie Du bist. Die Deine Art leben und Kantakte knüpfen und halten zu wollen, teilen. –

        Unsere Crux ist, dass wir es ein Stück weit schwerer haben, uns zu finden.

        Das ist dann aber auch schon das Ganze an Dilemma.

        Wir haben halt andere Wege, Menschen kennen und schätzen zu lernen. Unter anderem über das Schreiben ….

        Dankeschön, für Deine auch besonders lieben Grüße. Ich nehme die sehr gern an, freue mich wirklich darüber. Ich wünsche Dir eine gute, erholsame und traumschöne Nacht!

        Gefällt 1 Person

  6. Ich glaube du machst alles richtig und mit DIR IST alles in Ordnung. Du tust was du fühlst und nicht was ‚man‘ Dir sagt, und genau DAS macht Dich für die Anderen ‚unnormal‘. Die Frage ist allerdings;
    Wer genau ist denn Norm-al?
    Weiter so, du lebst und schreibst aus dem Herzen!
    Alles LIEBE für Dich ❤

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s