Nächstenliebe

Ich bin nicht christlich geprägt, aber dieses Wort war schon immer sehr bedeutsam für mich. Was es bedeutet, das wissen wir alle, denn wie  es schon selbst erklärt, lieben wir unseren Nächsten. Und da ich gerade selbst merke, dass der letzte Satz eine etwas anrüchige Zweideutigkeit beinhaltet, hier nochmal:

Wir helfen anderen Mitmenschen in Not und das mit voller Hingabe und ohne Gegenleistung. Wir müssen diese Person nicht unbedingt lieben, wir müssen sie noch nicht einmal kennen, denn eine selbstlose Tat kennt keine Grenzen.

Das ist mit Sicherheit nicht die „richtige“ Definition aus dem Neuen Testament, aber so interpretiere ich Nächstenliebe. Für mich hat es immer eine essenzielle Rolle gespielt, anderen zu helfen. Meine Mutter ist so, und mein Vater erst recht. Ich wurde so erzogen, anderen immer zu helfen und für diese Weisheit bin ich ihnen sehr dankbar.

Heute geht es allerdings um die Kehrseiten der Nächstenliebe. Denn so bewundernswert es auch klingen mag, es hat auch seinen Preis.

Ich habe in all meinen menschlichen Beziehungen einen sehr großen Fehler gemacht: Ich war zu nett. Mein Schwachpunkt war seit jeher, dass ich nie nein sagen konnte. Und das schloss die Tatsache mit ein, dass meine Bedürfnisse oft zu kurz kamen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis mein unselbstbewusstes und viel zu bescheidenes Ego dies überhaupt wahrnehmen wollte.

Und nach einer noch längeren Weile und einem halben Jahr in Therapie, entschloss ich mich dazu, mein Verhalten umzukrempeln. Dazu gehörte unter anderem, meinen Selbstwert anzuerkennen und für meine Bedürfnisse einzustehen.

Der Anfang war ziemlich holprig. Ich gab mit einem „ja“  viel zu oft nach und ärgerte mich über meine Schwäche, nicht einmal für mich selbst einzustehen. Doch irgendwann zeigte der Wille seine Wirkung.  Jedoch nicht ohne ein Erdbeben…

Die Vorwürfe

Egoistisch. Man nannte mich egoistisch. Die Tatsache, dass ich einem Vorhaben  meinetwillen ablehnte, wurde als selbstsüchtig abgestempelt. Und das nicht nur einmal. Niemals hätte ich eine solche Reaktion erwartet. Insbesondere nicht von meinen vertrautesten Mitmenschen. Wenn man so etwas hört, tut das ziemlich weh.

Ich erkannte nach einer Weile, dass dieser  Umschwung von Selbstlosigkeit zu Selbstliebe etwas zu „radikal“ für manche Außenstehende war. Sie waren es nicht gewohnt. Und genauso wenig war ich es nicht gewohnt, an mich zu denken.

Die Schuldgefühle

Es war, als hinterging ich jeden einzelnen von ihnen. Und der Gedanke, andere im Stich zu lassen, war fast noch schlimmer. Ich enttäuschte andere, während ich an mich dachte. Es war ein elendes Gefühl.

Doch auch das blieb nicht von ewiger Dauer. Ich glaube, dass man sich an fast alles gewöhnen kann, wenn man es wirklich will und versucht. Und so verschwand allmählich das Schuldgefühl. Und mit ihm meine bedingungslose Nächstenliebe.

Die Folgen

Der vertraute Kreis ist seitdem definitiv kleiner geworden und das hätte ich wirklich nicht gedacht. Es scheint, als wäre ich zu naiv gewesen, dass sich nichts ändern würde, wenn ich mehr für mich einstehen würde. Daher ist Nächstenliebe kein Lebensstil, den man ausschließlich verfolgen sollte – so meine Meinung.

Trotz der fatalen Folgen würde ich nicht noch einmal tauschen wollen. Das neue Lebensgefühl, das mich erfüllt, lässt sich durch nichts auf der Welt ersetzen. Und die Tatsache, dass ich eine Wahl habe und mich nicht verpflichtet fühlen muss, mich an zweiter oder dritter Stelle zu setzen, lässt sich kaum in Worte fassen.

Ich werde niemals aufhören, Nächstenliebe zu betreiben. Aber bei alledem darf ich niemals vergessen, auch auf mich zu achten. Mir ist nun klar, dass beide Extreme nicht gut sind.

Euch alle, die so ähnlich ticken wie ich, und gerne helfen, ohne an sich zu denken: Nächstenliebe ist nicht ehrenhaft, wenn ihr euch und eure Bedürfnisse dabei vergesst. Denn wie wollt ihr jemandem helfen, wenn ihr euch nicht einmal um euch kümmert? Liebt zuerst euch, und dann liebt andere! ♥

 

11 Kommentare zu „Nächstenliebe

  1. Hallo Mia,
    wow, was für ein Text! 🙂 Ich stimme deinen Worten voll und ganz zu.
    Auch ich bin nicht christlich, auch wenn ich ungewollt einer Glaubensrichtung angehöre. Dennoch spielt Nächstenliebe in meinem Leben eine große und entscheidende Rolle. Beruflich sowieso, aber auch privat.
    Es passiert mir immer und immer wieder, dass ich etwas tue, um zu helfen, was ich im Grunde gar nicht möchte. Irgendwann kippt die Hilfe, die mit der Zeit als selbstverständlich gilt (mir irgendwann unvertretbar gegen den Strich geht) und zack bin ich der egoistischste Mensch unter der Sonne, der nicht gesellschaftsfähig und nur schwarz/weiß-denkend ist. Und nun? Stehste verdattert da und verstehst die Welt nicht mehr. Bin ich egoistisch, wenn ich an mich denke? Wenn ich nicht an mich denken darf, warum gibt es mich dann? Bin ich ein Mensch, oder eine Maschine? Wer einen mit oberflächlichen Äußerungen (die du erwähntest) verletzt, hat m. E. (m)eine Unterstützung nicht verdient.
    Es wird immer Menschen geben, denen ich bedingungslos zur Seite stehe. Aber auch nur dann, wenn ich es kann.
    Du bringst es auf den Punkt. Nächstenliebe = du bist dir der Nächste, erst dann kommen die anderen. Das habe ich für mich schmerzlich erkannt. Ich verändere mich gerade, was privat mit Kritik gezollt wird. Wenn es mir nicht gut geht, kann ich anderen keine Stütze sein. Punkt.
    Von dem her, ein treffender Artikel, der mir aus dem Herzen spricht.
    Dir einen tollen Tag. 🙂
    Viele Grüße
    Michaela 🙂

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    1. Liebe Michaela,
      Danke für deine netten Worte. So ist es, zuerst muss man auf sich selbst achten, um anschließend anderen zu helfen. Den eignen Selbstwert zu erkennen, bedeutet nicht bedeuten, egoistisch zu sein. Und selbst wenn man so tut, als wäre man eine Maschine, so raucht hbd qualmt man im Laufe der Zeit von innen und zerstört sich selbst.

      Viele Grüße!!

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  2. Es klingt so plausibel was Du sagst. Und einige Formulierungen meines Therapeuten finde ich gar in Deinem Eintrag wieder.

    Aber ich bin, so glaube ich, längst (noch) nicht so weit wie Du. Ich mag nur Einiges an mir, mit vielem bin ich nach wie vor sehr im Unreinen, und gerade meine ich zu erleben, wie wieder mehr derartiges hinzukommt. Ich möchte niemals auch nur egoistisch wirken, geschweige denn sein.

    Was Du schreibst, klingt völlig vernünftig, zumal ich aus allem, was Du generell in Zeilen gießt herauslese, dass Du weit entfernt davon bist, egoistisch zum Schaden anderer zu sein.

    Wenn es nur leicher wäre, Dein neues Verhalten zu erlernen …

    Sehr liebe Grüße an Dich!

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    1. Lieber sternfluesterer, viele dieser Sätze habe ich mir auch nicht selbst einprägen können, meine ehemalige Therapeutin hat mir vieles dazu beigebracht.

      Ich kenne dich nicht gut genug, um eine „Analyse“ zu erschließen, aber ich habe den Eindruck, du bist zu streng zu dir und deinem Wesen. Alles was ich bis jetzt von dir erfahren habe, insbesondere deine Anteilnahme und liebevollen mutmachenden Worte, sind nicht nur sehr sympathisch, sondern sprechen sehr für deinen lieben Charakter. Nie kommentierst du etwas Böses und alles ist von dir stets gut gemeint! Dass du nicht egoistisch sein kannst, zeigt nur, wie sensiblel und einfühlsam du bist – und das ist natürlich nicht negativ. Ich hoffe nur, dass du dadurch nicht zu kurz kommst und damit unglücklich bist.

      Ich schrieb leider auch von einigen Folgen dieser Entscheidung, aber mit der Zeit habe ich gelernt, nur noch Menschen in mein Leben zu lassen, die mich so akzeptieren wie ich bin und respektieren, wenn ich auch an mich denke.

      Und da ich weiß, dass du gerade eine etwas schwere Zeit hast, sage ich dir zum Abschluss, dass du ein ganz toller Mensch bist (obwohl ich dich nicht kenne), der wunderschöne Texte schreibt und hier mit seinen Lesern teilt. Du gibst jedem, dem du ein Kommentar hinterlässt ein so schönes Gefühl, daher hoffe ich, dass ich dir das gleiche zurückgeben kann und dich diese Worte ein wenig lächeln lassen! ☺️

      Viele liebe Grüße und schönen Abend!

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      1. Liebe Mia,
        l
        ächeln kann ich gerade gar nicht, ich bin zu gerührt über Deine Worte. Aber das ist nicht schlimm, sei nur nicht traurig deswegen. Ich kann und möchte Dir versichern, dass Du mir nicht nur etwas „zurück“ gibst, sondern dass Du mir ein Stückchen Heimat schenkst, mit dem wie Du schreibst, wie freundlich und empathisch Du bist.

        Außerdem bin ich voller Respekt, wie Du die Erfahrungen mit Deiner Krankheit hier teilst, wie Du Zuversicht gibst, ermutigst und diejenigen, denen es aufgrund diesen oder jenen Problems doch schwer fällt, das anzunehmen und vor allem umzusetzen, nicht fallen lässt, kein „Urteil“ über sie fällst.

        Du bist ein sehr SCHÖNER Mensch. Deine Schönheit ist spürbar! – Und jetzt kann ich doch ein bisschen lächeln!

        Ich lasse Dir meine liebsten Grüße hier und ich traue mich, Dich virtuell mal in meine Arme zu schließen, ganz und gar von Herzen!

        Dankeschön, dass Du da bist, so wie Du bist!

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      2. Danke dir, lieber Sternfluesterer, auch ich muss sehr lächeln! Und du hast gerade wieder deine vielen einzigartigen Merkmale auf einmal gezeigt. Ich halte es für eine Gabe, anderen Menschen ein so angenehmes und schönes Gefühl zu geben.

        Erneut vielen Dank dafür und gute Nacht!!

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  3. Ich würde der Schlusswarnung v. dir, liebe Mia, ganz unbedingt zustimmen. Aber es ist sehr schade, dass das christl. Gebot der Nächstenliebe immer nur halb wiedergegeben wird: in Wirklichkeit heißt es: Du sollst den Nächsten lieben, wie dich selbst. Dir alles Gute!

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    1. Oh, tatsächlich. Ich wusste gar nicht, dass der Satz so endet, aber das ändert ja dann gleich den Kontext in Bezug auf Nächstenliebe. Und dem würde ich absolut zustimmen! Nächstenliebe funktioniert, wenn man sich nicht dabei vergisst und gleichermaßen Beachtung schenkt. Danke dir sehr und liebe Grüße!

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