Wenn Blicke mehr sagen als Worte

Dieser Blick, als ich es ihm erzählte… Dieser mit Ekel erfüllte Blick….

Es war wieder soweit. Ein wichtiger Mensch wurde in mein Geheimnis involviert. Um ehrlich zu sein sah ich keine andere Chance. Unsere Freundschaft stand auf dem Spiel, weil er sich in einer plausiblen Situation ungerecht behandelt fühlte und ich ihm eine Erklärung schuldig war. Und schließlich möchte ich endlich zu mir und meiner Krankheit stehen.

Das Geständnis

Die Beichte dauerte nicht länger als 5 Minuten und war dann raus. Wie bei seinen Vorgängern war auch er sehr überrascht und wiederholte mehr als ein Mal, dass diese Information sehr unerwartet war. Stotternd fragte er, welche Form von Essstörung ich doch hätte, denn magersüchtig sah ich scheinbar nicht aus. Ich erklärte ihm, dass die „unappetitliche“ Form auf mich zu traf.

„Ah, ok.“ Mehr sagte er nicht. Und das brauchte er nicht, denn sein Blick sprach Bände. Er wandte sich für einen Moment von mir ab, vermutlich um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Natürlich weiß nur er, was sich in seinem Kopf abspielte, aber seine Augen verrieten eine Menge.

Blicke sagen mehr als Worte.

In unserer Gesellschaft versuchen wir diskret auf Situationen zu reagieren, die uns „unpässlich“ erscheinen. Wir reißen uns zusammen und geben unseren Mitmenschen das Gefühl, trotzdem liebenswert zu sein. Und auch das  tat er. Er bliebt lässig und sagte die richtigen Worte.

Seine Mimik passte jedoch nicht zum Gesamtbild. Der Gesichtsausdruck gekünstelt, die Augen auf meinem Körper. Er suchte wohl nach Anzeichen, die mich verraten hätten, doch offensichtlich fand er nichts. Man sieht es mir nun mal nicht an. Es nicht sich nicht umsonst eine psychische Krankheit und nicht physische.

Doch diese Abneigung in seinen Augen. Dieser Abscheu, weil seine beste Freundin nach dem Essen erbricht.  All das versetzte ihm wohl einen kurzen Schrecken.

Bulimie ist die Form von Essstörung, über die man nicht gut sprechen kann.

Sobald man sich übergibt, wird es „eklig“. Man verbindet den Akt mit Magenverstimmungen, alkoholisierten Zuständen, Krankheiten und weiteren unangenehmen Momenten.

Entblößt

Seit meiner Beichte fühle ich mich nackt. Er hat mir zwar keinen Anlass gegeben, an seinem Vertrauen zu zweifeln, doch er sieht mich nun mit anderen Augen. So, wie ich wirklich bin. Wir haben uns seitdem nicht mehr gesehen und ich versuche mir auszureden, dass das an unserem Gespräch gelegen haben könnte. Aber irgendwas sagt mir, dass es von nun an anders zwischen uns sein wird.

Ehrlichkeit hat immer seinen Preis. Und eigentlich hätte mir klar sein sollen, dass er mich mit anderen Augen ansehen würde – vielleicht hätte ich nicht anders reagiert.

Interessant wie verschieden die Menschen reagieren. Meine Eltern, meine Freunde,…

In einem älteren Beitrag Geheimnisse vor Freunden: Die Beichte einer Essstörung fiel die Reaktion einer guten Freundin ähnlich und doch irgendwie anders aus. Beide Momente spielten sich in einer Konfrontation ab, die ich nur so verhindern konnte, in dem ich mich offen erklärte. Die Reaktionen waren zwar unterschiedlich, aber dennoch ähnlich. Wenn ich als Protagonistin meine eigenen Geschichten jener Entgegnungen durchlese, löst das ein starkes und beklemmendes Gefühl in mir aus. Ich werde wütend.

Warum werde ich wütend?

Was fehlt mir? Erhoffe ich mir in den Arm genommen zu werden und so viel Trost zu bekommen, dass ich fast daran ersticke? Erwarte ich von jedem Menschen auf der Welt zu wissen, wie ernst eine Essstörung ist und wie belastend für den Körper und die Psyche? Habe ich es satt, dass alle Welt glaubt, es sei meine eigene Schuld, dass ich mich für die Essstörung entschieden habe und nach dem Essen freiwillig übergebe? „Niemand zwingt dich dazu“ – Zitat eines Familienmitgliedes. Oh ja, das frustriert sehr.

Für die Zukunft wünsche ich mir, mehr Anteilnahme für dieses Thema zu erhalten. Aber da das Leben kein Wunschkonzert ist, muss ich die Sache wohl selbst in die Hand nehmen. Neue Chance, neues Glück. Demnächst wird eine weitere Person informiert und ich bin gespannt auf ihre Reaktion.

Essstörungen dürfen nicht mehr totgeschwiegen werden. Sie dürfen sich nicht hinter fälschlichen Klischees verstecken und uns das Reden darüber verhindern. Sie müssen in der Gesellschaft als anerkannte Krankheit ankommen, damit Betroffene sich nicht mehr dafür schämen müssen. Hoffentlich wird das eines Tages geschehen. ♥

15 Kommentare zu „Wenn Blicke mehr sagen als Worte

  1. Du sagst es Mia. Essstörungen müssen als das wahrgenommen werden, was sie sind – Süchte, die die Betroffenen zwingen das zu tun, was sie tun. Noch immer wird darüber gelächelt, denn wie kann man bitteschön von etwas abhängig sein, was zum Leben ESSENtiell ist?! Die Gefährlichkeit wird absolut unterschätzt.
    Eine Alkoholsucht ist auch eklig. Alkoholiker pinkeln ein, kotzen im Suff alles voll, werden verbal ausfällig etc. All das hat bereits ein gewisses Verständnis in der Bevölkerung erlangt. Ich bin zwischen Alkoholflaschen und Erbrochenem aufgewachsen. Nichts ist mir fremd, was die Essstörung und den Alkoholkonsum im Übermaß betrifft.
    Keiner entscheidet sich bewusst, an einer Essstörung zu leiden. So wie andere Süchte schleichend kommen, entsteht auch eine Essstörung Schritt für Schritt. Standardsätze und Ekel haben an dieser Stelle nichts verloren.
    Wird zu einer Person, die unter Verstopfung leidet, auch gesagt: „Drück einfach richtig, dann löst sich dein Problem!“? Eher nicht. Hauptsache bei Essstörungen mit „einfach mal“ daher kommen. Nichts ist einfach, wenn man gezwungen wird.

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    1. Ich könnte es nicht besser ausdrücken 😉 aber um ausrüstenden Menschen die Chance zu geben, dieses Konzept überhaupt zu begreifen, müssen wir endlich darüber reden. Reden, damit diese lächerliche Vorurteile endlich nachlassen. Und reden, damit Freunde, Verwandte und alle anderen Menschen auf der Welt nicht immer so bestürzt und angeekelt reagieren! Danke für dein Verständnis und deine lieben Worte ❤️

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      1. Ich freue mich, dass du die Kraft hast, darüber zu reden. Du tust in meinen Augen genau das Richtige. Da sind wir wieder bei der kommunikativen Aktivität, die Aufklärung und Prävention benötigt. Wer, wenn nicht Betroffene selbst (= wir), kann authentisch diese grausame Welt aufzeigen. Erklären wir der blinden Gesellschaft „unsere Welt der Essstörung“. Wir müssen uns nicht schämen. Wir müssen uns aber auch nicht den Vorurteilen anderer beugen. „… denn sie wissen nicht, was sie tun…“

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  2. Erst mal Gratulation, dass du es ihm gesagt hast. Du hast somit Stellung für dich bezogen und in gewisser Form grenzen gesetzt. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass sich im Rahmen der Genesung auch Freundschaften verändern oder auflösen. In gewisser Weise ist die Freundschaft auch an das Thema Essstörung gebunden, denn diese gehört(e) zu dir und somit auch zu der Freundschaft. Sich zu offenbaren ist auch für dein Gegenüber unbequem, denn er muss sich ja insgeheim eingestehen, dass er dich falsch gesehen/falsch eingeschätzt hat. Generell ist deine Offenbarung ein Schritt zur Besserung, denn nur wenn man die Situation erst mal akzeptiert und zu sich steht, kann man gesund werden. Und wenn man gesund wird, verändert man sich. Man wird nicht ein anderer Mensch, aber man ENT-WICKELT sich und nähert sich seinem Kern. Dann kann es gut sein, dass Freundschaften obsolet werden, weil sie auf alten Strukturen aufgebaut waren und dann stimmt die Chemie plötzlich nicht mehr. Wenn Freundschaft weiter bestehen soll, wird er sich Mühe geben. Und wenn nicht, ist es vielleicht Zeit für dich, neue Freundschaften zu knüpfen mit Menschen, die bereit sind, ALLES von dir zu akzeptieren, nicht nur das, was sie gerne sehen wollen.

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    1. Ich stimme dir in allen Punkten zu. Für Freundschaften habe ich ungeachtet der Essstörung festgestellt, dass sie der individuellen Entwicklung des Menschen nicht immer standhalten. Natürlich versuche ich meinen Mitmenschen den Raum zu geben, sich an meine Situation zu gewöhnen, aber Veränderungen sind manchmal auch zerstörerisch. Daran ist niemand schuld und im Nachhinein ist es wohl besser, sich von den Menschen zu trennen, die einen nicht akzeptieren. Wie du schon sagtest, kann man sich stattdessen mit den Menschen anfreunden, die einen so akzeptieren, wie sie sind.
      Viele Grüße und danke für deinen netten Kommentar!!

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  3. Ich habe riesigen Respekt davor, dass du so offen mit deiner Essstörung umgehen kannst, auch wenn das ganze in diesem Fall etwas notgedrungen war. Von meiner Essstörung weiß kaum jemand, aber ich habe die Reaktion auch immer als negativ wahrgenommen… es war genau wie bei dir: nach außen hin zeigen die Leute Verständnis, aber innerlich empfinden sie wahrscheinlich Abneigung und Ekel. Ich denke, dass kann man den Leuten nicht übel nehmen obwohl es mich selbst auch immer sauer macht. Wichtig wäre, dass die Leute ihre Gefühle reflektieren und offen damit umgehen, das passiert aber meistens nicht. Letztendlich wird das Thema dann meistens totgeschwiegen und nichts ist schlimmer als diese Stille. (Für mich zumindest) Ich hoffe, dass du den Freund bald noch mal triffst und ihr halbwegs normal miteinander umgehen könnt oder er vielleicht sogar versucht dich zu unterstützen (falls du das möchtest).. echte Freunde versuchen für dich da zu sein und versuchen auch immernoch dich als Person zu sehen, und nicht nur deine Essstörung
    Alles liebe Wünsche ich dir❤

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    1. Das ist ein großes Kompliment!! Danke dir sehr dafür! Es hat auch sehr lange gedauert, bis ich mich dazu entschloss, mich nicht mehr dafür zu schämen. Zwar kann ich auch bloß ab zwei Händen abzählen, wem ich es erzählt habe, aber das soll sich ja zukünftig ändern! Auch wenn die Reaktion negativ ausfällt oder mal wieder totgeschwiegen wird (und das tat sie leider auch sehr oft) möchte ich die Menschen sensibilisieren, das Thema mit anderen Augen zu betrachten und eben wie du meintest zu reflektieren. Aber trotzdem interessant, wie ähnlich die Reaktionen bei uns beiden ausgefallen sind! Dass das nichts an der Freundschaft zwischen mir und meinem Kumpel ändert, wünsche ich auch sehr!
      Dir auch alles Liebe und hoffentlich viele Menschen und wahre Freunde um dich herum!❤️

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  4. Mutig, dass du dazu stehst und es wichtigen Menschen, in deinem Leben erzählst. Wenn sie kein Verständnis zeigen, mit Ekel reagieren und sich abwenden, dann waren es wohl nicht die wirklich richtigen Freunde, die mit dir durch gute, wie schlechte Zeiten gehen. Lass dich nicht verunsichern!

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  5. Hier ist heute schon viel geschrieben worden, liebe Mia, was ich ähnlich oder ebenso sehe. – Ich kann deshalb nicht viel hinzufügen.

    Du gehst großartig mit Deiner Krankheit um, und ich spüre, dass Dir genau diese Umgangsweise selbst hilft, Dich stärker macht.

    Für mich ist Bulimie nur immer wieder etwas, das mich erschreckt, wann immer ich höre oder lese, das jemand daran leidet, aber das geht mir, wenn ich von anderen Krankheiten höre oder erfahre auch so. Und, ja, ich glaube, ich reagiere dann manchmal unsicher, zumindest für den ersten Moment. Aber einen Menschen aufgrund seiner Krankheit „bewerten“? Das ist mir wirklich noch nie in den Sinn gekommen.

    Ich weiß aber, dass das viele andere Menschen tun, und sich dann, so, wie Du es erleben musstest nicht mehr aufrichtig verhalten, sich gar abwenden. – Das aber macht für jeden, der an einer Krankheit leidet, der gegen sie kämpft, alles nur noch schwieriger.

    Warum verstehen das so viele Menschen nicht?

    in Deinem sehr schönen Bemühen über Deinen Krankheit offen zu sprechen, darüber aufzuklären, Deine Rückschläge aber auch und vor allem Deine Erfolge zu informieren, tust Du etwas Unschätzbares. – Du gibst anderen Menschen die Chance, über deine Erkrankung zu ERFAHREN und vor allem zu LERNEN.

    in dem Blogportal, in dem ich früher unterwegs war, hatte ich erstmals eine Begegnung mit einem Menschen der mehrere, der „ganz viele“ war. Aufgrund eines unfassbar grausamen und zudem sehr oft wiederholt derartigen Erlebens in der Kindheit. Ich habe diese Person sehr gemocht, sie hat bewundenswert versucht, über ihre schlimme Krankheit aufzuklären. Ich habe selten so etwas Berührendes miterlebt. Eine ihrer Persönlichkeiten hat mir mal ein Kuchenrezept geschickt und eine Teesorte empfohlen. Wir mögen beides in unserer Familie sehr. Und immer, wenn ich diesen Kuchen esse oder diesen Tee trinke, lebt dieser Mensch und meine Wünsche für ihn wieder aufs Neue in mir auf. – Und in mir ist größte Dankbarkeit, weil ich durch diesen Menschen viel von meiner ursprünglichen Scheu überwinden konnte, gegenüber Menschen, die an für mich unbekannten, verunsichernden Krankheiten leiden.

    Du bist nun wieder jemand, von dem ich in diesem Sinne lerne …

    Wie stets nur ganz liebe Grüße an Dich, liebe Mia! 🙂

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    1. Vielen Dank, deine Worte bedeuten mir wirklich sehr viel (besonders der letzte Absatz!❤️). Deine Sichtweise ist sehr interessant, auch wenn es mich sehr freut, dass du Krankheiten nicht wertend betrachtest! Gerade deswegen ist es mir wichtig, darüber zu reden, damit die Menschen keine „Furcht“ mehr vor dem Thema haben werden! Aber leider wird es nicht passieren, nur weil ich es mir wünsche.

      Der Prozess der Selbstfindung ist bei mir noch längst nicht abgeschlossen (wenn überhaupt jemals), aber es wird wohl nur dann stattfinden, wenn ich vor meinen Mitmenschen ich selbst bin. Ich möchte eines Tages wirklich gesund werden und ein anständiges Leben führen.

      Hab noch ein ein schönes Wochenende, lieber sternfluesterer, ich hoffe sehr, dass sich der Tumult bei dir sich allmählich beruhigt hat! Ganz viel Kraft und Ruhe!

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  6. Du bist so unendlich mutig Mia, diesen Schritt konnte ich bis jetzt noch nie machen, denn genau vor solcher Konfrontation habe ich Angst. Ich hoffe ihr findet noch einmal zu einander. Hab ein schönes Wochenende ♡

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    1. Wow, das ist ein unglaubliches Kompliment!! Danke dir sehr dafür! Ich verstehe deine Angst, denn ich habe sie auch. Aber es war schließlich keine Beichte, in der ich mich strafbar oder ähnliches gemacht habe – warum also sollten ich oder du aufgrund einer Krankheit gemieden werden? Auch wenn du es nicht erzählt hast, so hoffe ich, dass du trotzdem ein paar Menschen hast, vor denen du offen und ehrlich sein kannst!
      Dir auch ein schönes Wochenende! ❤️

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  7. Zu aller erst muss ich dir sagen, dass ich erst jetzt auf deinem Blog gestoßen bin und ich finde deine Schreibweise einfsch angenehm. Vielleicht waren diese blicke, von ihm, die du so beschrieben hast, gar nicht so gemeint und das kam nur für dich so rüber. Schönen abend noch ❤️

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