Warum ich nicht mit ihm zusammenziehen will – soziale Einschränkung durch Essstörung

Ich teile hier eine persönliche Begebenheit mit euch, die sowohl meine Essstörung thematisiert, als auch meine innersten Grundängste aufzeigt.

Folgende Hintergrundgeschichte:

Mein Freund fragte mich neulich, ob er am folgenden Tag bei mir übernachten könnte. Da ich an jenem Tag erst spät nach Hause gekommen wäre, gab ich ihm meine Zweitschlüssel, damit er schon rein konnte. Es war eine Kurzschlussreaktion, bei der ich nicht groß nachdachte.

Panik!!!

Nachdem ich ihm meine Schlüssel ausgehändigt hatte, fühlte ich mich komisch. Nicht nur, dass ich das Gefühl hatte, dass wir einen großen Schritt in unserer Beziehung übersprangen, er hatte nun auch öffentlichen Zugang zu meinem „Reich“.

Ich schätze ihn nicht so ein, dass er einfach unangekündigt hereinspazieren würde, aber es ist dennoch manchmal vorgekommen, dass er spontan vor meiner Tür stand, weil meine zentrale Wohnung für den Heimweg näher war als seine. Und schließlich hatte er hier Klamotten und weiteres deponiert.

Ich dachte darüber nach, was wäre, wenn er nun immer kommen könnte. Innerer Druck staute sich in mir auf. Eine zehrende Stresssituation, mit der ich nicht umgehen konnte. Es gibt Momente, in denen ich nicht möchte, dass mich jemand sieht. Intime Augenblicke, wo ich ausbrechen (essen) und ich selbst sein kann. Was, wenn er eines Tages auftauchen und einen Berg von Essen oder ähnlichem vorfinden würde?

Ich will nicht zusammenziehen!

Er hatte nun den Schlüssel. Doch was würde als nächstes kommen? Das Thema Zusammenziehen ist mehr als nur ein mal zur Sprache gekommen, doch ich blocke meistens ab. Klar wünscht sich ein Teil (der kitschige) von mir, jeden Morgen neben ihm aufzuwachen, aber was würde mit meinen Essanfällen passieren? Ich wohnte einst in einem Haushalt, in dem ich meine ES verbergen musste und das war ziemlich anstrengend!

Außerdem brauche ich manchmal Momente für mich. Serien gucken, telefonieren, am Laptop arbeiten, faul herumliegen…Ich schätze es sehr, dass ich anders als früher das Alleinsein endlich genießen kann.

Gleichzeitig bin ich so froh und unendlich dankbar, dass es einen Menschen gibt, der ernsthaft mit mir wohnen möchte. Aber ich kann es einfach nicht, es nicht, wenn ich einen Teil von mir unterdrücken müsste.

Ich brauche einen Ort, an dem ich „Ich“ sein kann!

Einige sagen mir, dass es auch helfen könnte, mit einem Menschen zusammenzuwohnen, weil der Zwang zum Selbstzwang stärker wäre. Aber auch wenn es stur klingt, möchte ich mir meine Gesundheit von niemandem abhängig machen. Wer weiß, wie alles kommt. Ich möchte eines Tages nicht schon wieder am gleichen Punkt stehen und merken, dass ich alles nur „pausiert“ habe.

Den Schlüssel habe ich mir übrigens nach dem Abend zurückgeholt (zum Glück war das völlig okay für ihn)! Seitdem fühle ich mich wieder „geschützt“. Ich kann entscheiden, wann er kommen darf. Genauso wie ich entscheide, dass ich noch nicht mit ihm zusammenziehen will. Nicht in einer Zeit, in der es mir unheimlich wichtig ist, meinen eigenen Rückzugsort zu haben. Einen Ort, an dem ich „frei“ bin.

Mein Fazit für heute lautet, dass es wichtig ist, auf die eigene Stimme zu hören und sich nicht zu einer  Entscheidung zu drängen. Und wenn die Entscheidung schon gefallen ist, so ist es vielleicht noch nicht zu spät, sie wieder rückgängig zu machen und sich den Schlüssel zurück zu holen! ;;.)

Habt einen schönen Start in die Woche! ❤️

10 Kommentare zu „Warum ich nicht mit ihm zusammenziehen will – soziale Einschränkung durch Essstörung

  1. Liebe Mia,
    ich kann deine Gefühle nachvollziehen. Nach der Trennung vom Kindsvater, begab ich mich damals fast nahtlos in eine weitere Beziehung. Anfangs war alles toll. Von meiner Essstörung erzählte ich nichts. Ich konnte diese ganz gut in unseren Beziehungsalltag einbauen. Unsere gemeinsame Zeit verbrachten wir fast ausschließlich in meiner Wohnung, schon allein wegen meinem Sohn, der damals gerade ein Jahr alt war und weil mein mittlweile guter Freund, noch bei seiner Mutter im Haushalt wohnte.
    Mir gefiel das immer weniger, dass er nach seiner Arbeit bei mir hereinstolzierte, als sei es auch sein Reich. Erste Konflikte bauten sich in mir auf. Ich fühlte mich unwohl, denn ich hatte sehr mit meinem Sohn zu kämpfen und mit meiner damaligen beruflichen Situation. Ich erfand irgendwann Ausreden, dass er nicht zu mir könne, weil ich fürs BWL-Fernstudium lernen müsse, oder weiß der Geier was. An manchen kinderfreien Wochenenden log ich mich auch frei. Bis ich zu dem Entschluss kam, die Beziehung aus den unterschiedlichsten Gründen zu beenden. Zwar taumelte ich im Anschluss daran in eine neue Beziehung mit meiner Jugendliebe, aber das war wieder ein anderer Hut.
    Jedenfalls fühlte ich mich stets am besten und sichersten, als keine Ersatzschlüssel bei einem anderen Mann waren. Heute weiß ich, dass ich damals viel zu verstecken hatte – meine Essstörung. Ich genoss die Stille und das Alleinsein nur bedingt, denn in meinem jungen Alter ist keiner allein, sondern genießt das Partyleben oder trifft sich mit Freunden oder ist mit Kind und Mann glücklich.
    Als ich mit meinem jetztign Mann (das klingt gerade, als hatte ich einen enormen Männerverschleiß 🙂 ) zusammenzog, war das wieder ganz anders, denn diesmal war ich diejenige, die die Sachen packte. Es war meine bewusste Entscheidung, mein trautes Heim zu wechseln. Es drang keiner in meine Privatssphäre ein, denn ich gab diese auf, um mich neu zu finden.
    Vielleicht ist das für dich irgendwann eine Alternative. Lass dich bitte nicht drängeln und höre auf dein Herz. Heute weiß ich, dass ich mich für kein gesellschaftsfernes Verlangen schämen muss, nur weil es nicht der altersbedingten Norm entspricht.
    Übringens wieder ein sehr angenehmer und authentischer Artikel. 🙂
    Viele Grüße
    Michaela

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    1. Liebe Michaela,
      Danke für dein liebes Kompliment und das Teilen deiner Erfahrung!! Und obwohl ich deine Erfahrungen nicht gemacht habe, so kann ich das Gefühl gut nachvollziehen. Ich will irgendwann, dass es meine Entscheidung ist, dass wir zusammenziehen – nicht, dass ich mich dazu dränge oder es einfach „praktisch“ ist. Irgendwann ein neues Reich aufzubauen klingt als gute Idee – denn das alte Reich wird immer das alte bleiben!
      Viele liebe Grüße! ❤️

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  2. Liebe Mia,

    ich glaube Dir, dass das keine leichte Entscheidung für Dich ist. Einen wirklichen Rat habe ich nicht, dazu habe ich viel zu wenig Informationen und Kenntnis. –

    Wichtig scheint mir, dass Du innerlich wirklich bereit sein musst, den Schritt des gemeinsamen Wohnens zu gehen. Dein Grund, es Dir damit nicht leicht zu machen, ist dabei nur einer, ein spezifischer wohl, aber es gibt so viele andere auch, angesichts derer ich mir manches Mal wünschte, dass die zwei jeweils betreffenden Menschen geduldiger miteinander wären, sensibler.

    Ich wünsche Dir sehr, dass Dein Freund solche Geduld und Sensibilität aufbringen kann und wird, gegebenenfalls auch über längere Zeit.

    Ich meinerseits würde es ihm jedenfalls empfehlen. Er hat so viel zu gewinnen, wenn diesem Tipp folgen würde … 😉

    Ganz viele, ganz liebe Grüße an Dich! ❤

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  3. Ich bin auch furchtbar gern allein! Nur, wenn ich allein bin, kann ich ICH sein, kann tun und lassen, was ich will und wann ich will. Wenn man mit jemandem zusammen wohnt, geht das nicht mehr. Bevor ich mit meinem jetzigen Freund zusammengezogen bin, habe ich ein paar Jahre allein gelebt und war sehr zufrieden mit der Situation. Eigentlich wollte ich nicht mehr mit einem Mann zusammenziehen, einfach zu viel Stress und Arbeit. Aber es kam natürlich anders 🙂

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      1. Nein, so einen Ort habe ich nicht. Aber mein Freund ist oft auf Montage, das ist für mich dann fast wie Urlaub 😀 Kein Stress mit Kochen und Hausarbeit, wunderbar. Denn es ist ja eigentlich nicht seine Anwesenheit, die mich stört – ich kann ja in ein anderes Zimmer gehen. Es ist die viele Arbeit, die mit dem Zusammenleben verbunden ist. Kochen, Haushalt, Wäsche, dazu ein fulltime job mit 2 Stunden Pendeln täglich.

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