Der Ramadan und Essstörungen – ein kleiner Einblick in die Problematik von esskranken MuslimInnen

Vielleicht wissen einige von euch, dass die Fastenzeit für muslimische Menschen begonnen hat. Einen Monat lang verzichten sie bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken.

Beim Fastenbrechen gibt es in der Regel eine kleine Dattel, gefolgt von einem traditionellen festlichen Essen mit der ganzen Familie. Dann, wenn die Sonne aufgeht, wird wieder gefastet – vier Wochen lang.

Ziel des Ganzen ist, sich einen Monat lang bewusst zu machen, dass es nicht selbstverständlich ist, genug zu Essen und zu Trinken zu haben, und das alltägliche Essen wertzuschätzen. Am Ramadan wird außerdem besonders viel an Bedürftige gespendet.

Fasten dürfen nur gesunde Erwachsene!

Es gibt einige Ausnahmen, die das Fasten verbietet: Demnach dürfen nur gesunde Menschen fasten. Schwangeren Frauen ist es verboten, genau wir älteren Menschen oder Kindern.

Ich habe jahrelang gefastet.

Vielleicht wusstet ihr nicht, dass ich in einem muslimischen Haushalt aufgewachsen bin (woher auch, ich habe es ja nie erzählt 😀 ) In diese Religion hinein geboren und damit aufgezogen, habe ich mich selbstverständlich auch an alle Regeln gehalten.

Wie ich mich im Laufe der Jahre von der Religion distanziert habe, ist eine andere Sache. Hier geht es mir  um etwas ganz anderes.

Hier folgt ein Einblick in die Problematik von esskranken MuslimInnen:

Der Ramadan und Essstörungen

Natürlich können alle Menschen unabhängig ihrer Religion von einer Essstörung betroffen sein. Ich kenne viele, die sich auf den Monat freuen, weil sie in diesem Monat eine Menge Gewicht verlieren. Einige von ihnen leiden an Anorexie und genießen es, nichts essen zu dürfen.

Moralische Konflikte.

Das bedeutet jedoch auch, dass sie sich schuldig fühlen! Ob sie für die Essstörung fasten, oder aus religiösen Zwecken, können sie nicht eindeutig sagen.

Ich und fasten?

Mit 14 (dem Eintritt meiner Periode) fing ich regelmäßig zu fasten an. Ich hatte keine großen Schwierigkeiten damit, denn meine mentale Stärke ließ mich weder Hunger, noch Durst verspüren. Ich freute mich immer auf den Ramadan, auf das köstliche Essen am Abend, und den kollektiven Zusammenhalt. Selbst einige meiner Freunde versuchten es aus Neugier, scheiterten jedoch meist nach wenigen Stunden.

2016 war die Fastenzeit grauenhaft, weil ich in der Hoch-Phase meiner Essstörung war. Ich aß den ganzen Tag nichts und am Abend viel zu viel. Ich übergab mich und am nächsten Tag fühlte ich mich wie ein toter Mensch. Ich kippte regelmäßig um und kam ständig aus dem Gleichgewicht. Ich war so krank, dass ich die letzten Tage nicht mehr fastete und meine Mutter belog, damit sie nicht enttäuscht von mir war.

2017 fastete ich nicht. Meine Mutter war nicht begeistert, aber sie nahm es hin. Obwohl ich nicht mehr zu Hause wohnte, zog ich für den Monat wieder bei ihr ein, um sie zu unterstützen (und mein Gewissen zu reinigen).

2018. Dieses Jahr faste ich wieder nicht. Ich bin noch nicht gesund und darf es somit auch nicht. Meine Mutter ist da leider anderer Meinung. Für sie ist meine Essstörung leider keine richtige „Krankheit“, daher verurteilt sie stillschweigend meine Entscheidung.

Wäre ich gesund, dann würde ich nicht noch einmal fasten.

Ich bereue keine Sekunde, in der ich damals am Ramadan teilgenommen habe. Heute bin ich jedoch ein anderer Mensch. Ich kann mich nicht mehr damit identifizieren, aufgrund von „Regeln“ meinen Körper, sowie meine psychischen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Und ich möchte nichts tun, wovon ich nicht felsenfest überzeugt bin.

Menschen, die an einer Essstörung leiden, sollten niemals fasten!

Muslime nehmen diese heilige Zeit sehr ernst. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, wie schwer es ist, sich diesem Ritual zu widersetzen. Meine Verwandten dürfen bis heute nicht wissen, dass meine Schwester und ich nicht fasten.

Es ist aber sehr wichtig, an die eigene Gesundheit zu denken! Eine Essstörung sollte unbedingt als Krankheit akzeptiert werden. Und kranke Menschen dürfen nicht fasten.

Zum Abschluss möchte ich gerne anmerken, dass ich den Islam in seiner Theorie, genau wie alle Religionen sehr wertschätze. Es macht mich traurig, wenn ihn Medien in eine bestimmte Richtung drängen und ein falsches Allgemeinbild entsteht. Religionen sind eigentlich friedlich, solange sie richtig verstanden werden.

Was ich leider überhaupt nicht mag, ist der viel zu strenge Umgang damit. Das Aufhetzen gegenüber denjenigen, nicht am Ramadan teilnehmen, finde ich lächerlich. Besonders, wenn jene Menschen krank sind.

Wie schön die Welt doch wäre, wenn nicht alles immer aus Zwängen bestehen würde. Denn wie wir wissen, vertagen sich Essstörungen und Zwänge am allerwenigsten.

Ich hoffe, ihr hattet einen kleinen Einblick zum Ramadan und der Problematik der Essstörungen. Ich wünsche mir, dass Essstörungen als ernstzunehmende Krankheiten allgemein anerkannt werden und betroffene Menschen auf das Fasten verzichten können.

Habt einen schönen Montag! ♥

Foto gefunden auf unsplash.com

13 Kommentare zu „Der Ramadan und Essstörungen – ein kleiner Einblick in die Problematik von esskranken MuslimInnen

  1. Hat dies auf Lebenswelt rebloggt und kommentierte:
    Im Moment gönne ich mir gerade ein paar Tage Auszeit von Uni, Blog und Co. Aber keine Sorge, es geht bald wieder weiter! 😉

    Um euch aber doch ein bisschen Lesestoff zu bieten, lest doch gerne mal in den sehr wichtigen Beitrag von Mias Anker rein! Es geht um Essstörungen im Zusammenhang mit dem Fasten im Ramadan. Ein sehr interessantes Thema, welches viel zu selten (oder viel eher gar nicht) angesprochen wird.

    Außerdem ist Mias Blog ohnehin einen Besuch Wert! Also, lasst ihr ganz viel Liebe da! ❤

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  2. Danke für diesen Einblick. Ich habe darüber bisher noch nie so nachgedacht, aber was du schreibst ergibt sehr viel Sinn.
    Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es sein muss, sich da dem sozialen Druck zu widersetzen und stattdessen auf seine Gesundheit zu achten.

    Alles Liebe!

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  3. Liebe Mia,
    vielen Dank für diesen sehr interessanten Post! Ich habe mehrere muslimische Freundinnen, auch eine muslimische Schwieferfamilie und bekomme dadurch einiges vom Ramadan mit. Was ich sehr schön finde an diesem Montag ist die gemeinsam verbrachte Zeit mit Familien, Nachbarn oder Freunden beim Fastenbrechen sowie das Denken an die Armen der Gesellschaft. Was mir sauer aufstößt, ist die Rigerosität, die sich bei einigen Fastenden erkennen lässt. Da wird gefastet trotz chronischer Erkrankungen, Schwangerschaft oder harter körperlicher Arbeit aus Angst vor göttlicher Strafe und/oder Kritik durch die soziale Community. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es mit einer Essstörung im Hintergrund noch einmal schwieriger ist … Zumal ja dann auch überall möglicge Trigger in Form von Süßigkeiten und Co. lauern.

    Liebe Grüße
    Nelia

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Nelia, vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      Ich stimme dir absolut zu! Das Gemeinschafts- und Familiengefühl ist in diesem Monat unschlagbar!

      Aber der radikale Umgang mit den Regeln ist nicht nur in der Religion verboten, sondern total blödsinnig. Meine Verwandten haben bis in die ganz späten Jahre gefastet, genau wie meine krebskranke Tante….Irgendwann wird es absurd!

      Liebe Grüße! ❤️

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  4. Das ist wirklich ein sehr interessanter Beitrag! Das muss ein sehr großer sozialer Druck, unter dem man in dieser Zeit steht. Natürlich kriegt man es mit, dass gerade Ramadan ist, aber erst durch deinen Text jetzt merke ich, wie schwierig das für Essgestörte sein muss. Ich finde mit deiner Entscheidung, nicht zu fasten, tust du genau das Richtige… Falls andere Muslime nicht auf das Fasten verzichten möchten, kann man ja vielleicht auf etwas anderes verzichten als auf das Essen. Danke für diesen interessanten Einblick! 😊

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  5. Liebe Mia,

    ich habe ja ganz viele Jahre mit Menschen mit Migrationshintergrund, darunter vor allem Flüchtlingen, zu tun gehabt und kenne daher die Problematik ein bisschen. –

    Ich respektiere jede Religion, und ich finde schön, dass ALLE an sich den respekt vor JEDEM Menschen, anders- oder uach nichtgläubig zum Inhalt haben.

    Um so weniger Verständnis kann ich dafür aufbringen, wenn Im Namen welcher Religion auch immer Zwang ausgeübt wird oder Menschen Dinge tun zu MÜSSEN glauben, die die Religion, der sie nahestehen, ihren Bezug, ihr Verständis davon, überhaupt nicht in Frage stellen.

    Nicht am Ramadan teilzunehmen stellt für mich einen Muslim als Muslim nicht in Frage. Gerade in den Sommermonaten, so habe ich quasi miterleben können/müssen, ist es mitunter eine an sich nicht zu verantwortende Tortur, die vor allem Frauen aber immer wieder auch Kinder und Heranwachsende da durchstehen müssen/mussten.

    Ich finde Deine Einstellung nicht nur sehr vernünftig und angemessen, ich finde, dass sie viel populärer sein und werden sollte. Es geht mir, wie gesagt nicht darum, Religionen bzw. Unterschiede zwischen ihnen oder Spezifika, die sie jeweils ausmachen grundsätzlich in Frage zu stellen. – Aber auch Religionen müssen sich entwickeln dürfen. – Dogmen sind etwas aus Zeiten, die gewesen sind.

    Eine dogmatisch striktes Beharren auf dem Ramadan bzw. der Art seiner Ausübung halte ich für ebenso fragwürdig wie das dogmatische Festhalten am Zölibat. Und, religionsübergreifend, etwa die vielfach immer noch dogmatischen Auslegungen und Praktiken mit Blick auf die Rollen und Rechte von Frauen.

    Ich finde es schön, dass Du diesen Beitrag geschrieben hast und ich beglückwünsche Dich zu Deinem Mut. Du hast mehr wirkliche den Islam und andere Religionen ausmachende Werte in Deinem Herzen und LEBST diese vor allem als so mancher, der sich als „streng religiös“ ausgibt.

    Du verbindest Menschen und Religionen im Sinne eines möglichen friedlichen Miteinander, die Anderen, trennen sie.

    Sehr dankbare und ebenso liebe Grüße an Dich! ❤

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    1. Danke für deine ehrliche Meinung, lieber sternfluesterer!

      Wie es scheint, kennst du dich mit diesem Prozess durch die Arbeit ganz gut aus! Mit Zwängen verstehe ich mich auch nicht so gut!

      Zu den Dogmen, die du beschreibst, kann ich dir nur in jeder Hinsicht zustimmen! Auf diese zu beharren und überhaupt nicht in Kontext einer völlig anderen Zeit, finde ich sehr schwierig!

      Ganz liebe Grüße zurück und noch einen schönen Restfeiertag ❤️

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  6. Das hat jetzt nur etwas am Rande mit dem eigentlichen Thema zu tun. Aber ich habe mal jemanden gekannt, der hat sogar nichts getrunken während dem Ramadan (und es war ein wirklich sehr heisser Tag). Ich habs dann auch probiert (für etwa zwei, drei Stunden schaffte ich es, aber dann war es vorbei…). Also soviel dazu.

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      1. Ah ok. Also er hat mir gesagt, dass man das wahrscheinlich nur schafft, wenn man es von klein auf „geübt“ hat. Dann hast du natürlich noch umso mehr Recht, dass man weder eine Essstörung noch sonst was haben darf. Lieber Gruss!

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