Essstörung und der Beruf in der Gastronomie

Mir kam heute eine verdrängte Erinnerung hoch, die mit meiner Essstörung und meinen ehemaligen beruflichen Tätigkeiten zusammenhängt. Diese würde ich gerne mit euch teilen, da sie möglicherweise dem ein oder anderen in meiner Situation helfen könnte.

Ich habe schon viele Nebenjobs gehabt, die meisten unter anderem in der Gastronomie. Bei Restaurantketten, in Hotels, oder bei Messen. Und nach dieser Erfahrung kann ich bestätigen, wie hart es ist, unter einem gestörten Essverhalten zu leiden und im gastronomischen Bereich tätig zu sein.

Essstörung und der Beruf in der Gastronomie

1. Die Konfrontation mit Essen.

Die Esstörung bleibt bei der Arbeit nicht zu Hause, nein. Sie verfolgt uns auf Schritt und Tritt. Bei vielen essgestörten Menschen dreht sich ohnehin schon alles ums Essen. Arbeitet man irgendwo, wo es serviert wird, man es sieht und riecht, ist der Trigger natürlich gigantisch! Denn das Essen zuzubereiten, oder auf Tabletts herum zu tragen, ist mit dieser Krankheit alles andere als leicht.

2. Das unweigerliche Naschen

Arbeitet man bei der Gastronomie, so bekommt man fast immer die Gelegenheit, etwas umsonst zu essen. In Hotels wurde ein Teller für die Mitarbeiter hingestellt und auf Messen ebenso. Wir durften in der Küche im Prinzip alles naschen, was wir wollten, und solange der Oberkellner nicht da war, durften wir auch einen hochwertigen Keks oder gar einen Muffin mopsen. Auch im Restaurant durften wir alle 4 Stunden ein Gericht gratis bekommen. Ich kritisiere daran keineswegs den spendablen Service, sondern die freie Verfügbarkeit jenseits der Essroutine. Erhält man die Möglichkeit zu viel zu naschen, verliert man schnell die Kontrolle. Es ist wie bei einem „All you can eat“- Buffet, wenn einen das Essen förmlich erschlägt.

Die verdrängte Erinnerung: Die schlimmste Erfahrung in der Bäckerei

Vor gut zwei Jahren arbeitete ich mit Freude in einer kleinen Bäckerei in meiner Nähe und übernahm oft die Spätschicht. Demnach bestanden meine Aufgaben darin, alles zusammen zu sortieren, für den morgigen Tag aufzuräumen und alles abzuschließen. Am Ende war ich immer ganz alleine mit einem Sack voll übrig gebliebenem Gebäck, welches am Ende des Tages weggeschmissen wurde. Es stand uns frei, so viel wie möglich aus der Tüte mitzunehmen, denn schließlich war alles noch nicht mal einen Tag alt, jedoch nicht mehr verkaufstauglich für den nächsten Tag. Es gab alles – Brötchen, Croissaints, Apfeltaschen, Laugenstangen…

Meistens ignorierten der Sack und ich uns ganz gut. Aber manchmal auch nicht. Insbesondere wenn meine Familie mich bat, etwas für sie mitzunehmen. Sobald ich den Sack nämlich freiwillig öffnete, konnte ich nicht anders, als einen Bissen vom Croissaint zu nehmen. Bis ich schließlich das ganze aß. Und vom Apfelstrdel. Und vom Laugenbrätchen. Es war so gut. Es war alles, was ich mir nicht erblaubte. Zum Glück sah mich niemand weinen, als meine Tränen voller Enttäuschung und Selbsthass herunterliefen.

Die Bäckerei war der erste und einzige Ort, in dem ich mich an einem öffentlichen Ort übergab. Und auch wenn das Kollegium und die Arbeitsschichten sehr angenehm und nett waren, so ist diese Erinnerung eine so traurige, die alles Gute überschattete. Ich habe sie lange verdrängt, sogar schon fast vergessen, dass ich fast 2 Jahre dort tätig war! Aber so ist das wahrschienlich mit schmerzhaften Erinnerungen.

Essstörung und die Gastronomie vertragen sich nicht!

All diejenigen, die unter einem gestörten Essverhalten leiden und in einem Café, Restaurant, einer Bar oder sonstigem gastronomischen Bereich arbeiten, würde ich aufgrund meiner Erfahrung raten, eine völlig andere Tätigkeit auszuüben. Insbesondere wenn es um solche Mini Jobs wie ich sie hatte, geht. Der Vorteil an der Gastro ist, dass sie immer jemanden zum arbeiten suchen, aber mit einer Essstörung ist es das einfach nicht wert. Es schadet der Gesundheit und behindert die  Heilung!

So viel zu meiner Erfahrung und kleinen traurigen Erinerung zu meiner Esstörung und der Gastronomie.

Habt einen wunderschönen Tag! ♥

6 Kommentare zu „Essstörung und der Beruf in der Gastronomie

  1. Liebe Mia,

    ich kann mir gut vorstellen, dass so eine Arbeit wie die in der Bäckerei der permanente Trigger ist, wenn man an einer Essstörung leidet. Das ist in gewisser Weise noch härter als ließe man einen Alkoholkranken in einer Sprituosenfabrik tätig sein, denn dort ist ja der Genuss der Produkte grundsätzlich und ausdrücklich untersagt.

    Ich beginne langsam zu begreifen, wie viele „Fallen“ es für Menschen gibt, die an einer Essstörung erkrankt sind und immer wieder auch für diejenigen, die sich sehr bemühen, davon loszukommen und dabei sogar schon gute Erfolge erreicht haben.

    Ich frage mich immer, wann man es als wirklich gelungen bezeichnen kann, dass eine Essstörung überwunden ist. Denn soweit ich weiß, geht das wirklich, schaffen es Menschen, ohne dass sie in der Folge auf dieses oder jenes Essen verzichten müssen (Im Unterschied etwa zu Alkoholkranken, die ja nie wieder einen Tropfen Alkohol zu sich nehmen dürfen, wenn sie nicht sehenden Augens in einen Rückfall geraten wollen) oder noch diesen Drang verspüren doch wieder zu viel auf einmal zu essen.

    Dein Weg ist so beschwerlich. Aber Du kämpfst so sehr auf ihm. Das ist großartig und eben auch immer wieder, dass Du Deine Erfahrungen dabei teilst.

    Ganz, ganz liebe „Weitermutmachgrüße“ an Dich von einem, der ganz fest an Dich glaubt. ❤

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieber sternfluesterer,

      Erneut Danke für deine einfühlsamen Worte!! Ich werde noch nicht „satt“ daran, sie immer wieder zu lesen!

      Manchmal wünschte ich, ich könnte so wie Alkohol auf das Essen verzichten, weil der radikale Verzicht für mich oft besser ist, als der Umgang damit. Aber das geht natürlich nicht. Bei dieser „Sucht“ muss man lernen, die Sucht in seinen Alltag zu integrieren.

      Ich glaube, dass eine ES dann überwunden ist, wenn der Zwang nicht mehr da ist. Ein mulmiges Gefühl bei dem ein oder anderen Essen haben schließlich viele!

      Gaaaanz vieeele und nur besonders liebe Grüße zurück! ❤️⭐️

      Gefällt 1 Person

  2. Ich könnte auch niemals in der Gastronomie arbeiten. Ich habe ja schon mit den Keksen im Büro zu kämpfen, aber sowas wie bei dir in der Bäckerei… da kann wohl niemand ewig standhaft bleiben.
    Schade, dass die Essstörung einen eigentlich schönen Job kaputt macht, aber da geht die Gesundheit natürlich vor

    Gefällt 1 Person

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