„Du bist undankbar!“

Wie oft habe ich diesen Satz gehört? Wie oft habe ich ihn geglaubt und verinnerlicht? Und wie oft habe ich versucht alles andere als undankbar zu sein?

Momentan herrscht ein großer Konflikt zwischen meiner Mutter und mir. Ich habe mich nach wiederholten Vorwürfen zurückgezogen, weil ich einfach nicht mehr konnte. Dieser Schritt war alles andere als leicht, aber nach 24 Jahren habe ich es dann doch endlich geschafft.

Dass das meine Mutter sich bei mir melden könnte, kommt ihr scheinbar gar nicht in den Sinn – es herrscht daher unangenehme Funkstille.

Mein Vater, zu dem ich in sehr gutes Verhältnis habe, wünscht sich, dass wir uns alle versöhnen. Er macht mir großen Druck, meinen Stolz herunterzuschlucken und ihr einfach hinterherzurennen. Aber es geht hier nicht um Stolz. Ich mache das nicht, um sie zu bestrafen. Auch wenn es dramatisch klingt, mache ich es um mich zu retten.

Ist es undankbar an sich zu denken?

Meine Familie tut mir nicht gut. Das ist war schade, aber auch nicht tragisch. Sie triggert mich mit ihrer passiv aggressiven Stimmung, ihren Vorwürfen und Beleidigungen auf intensivste Weise, und das tut mir nicht gut. Ist es undankbar an mich zu denken, wenn ich mich aus dem Ganzen zurückziehe?

Ist es undankbar für sich einzustehen?

Ich bin 24 Jahre alt. Ich bin nicht mehr in dem Alter herumkommandiert zu werden. Auch möchte ich nicht, dass irgendjemand so mit mir redet, selbst wenn er oder sie mich erschaffen hat. Mir muss kein absurder Vorwurf gemacht werden, weil niemand mehr zu Hause spült – ich wohne nicht mehr da?! Warum ist es undankbar, sich selbst zu verteidigen und die Fakten auf den Tisch zu legen?

Ist es undankbar das Kind und nicht die Mutter sein zu wollen?

Leider ist mir viel zu spät klar geworden, dass ich Jahrzehnte lang in einer Beziehung gesteckt hatte, die völlig verkehrt war. Ich wurde viel zu früh erwachsen und musste für eine cholerisch depressive Frau und eine traumatisierte ebenfalls depressive Schwester Mutter sein.

Aber auch ich habe Bedürfnisse, die sich Kinder wünschen. Auch ich will geliebt und geschätzt werden. Auch ich will, dass sich jemand um mich sorgt. Auch ich will das Gefühl haben existent zu sein.

„Du bist undankbar!“

Dieser Satz stammt nicht von meiner Mutter – denn diese ignoriert mich ja. Nein, er kommt von meinem Vater. Er findet es undankbar, dass ich mich nach wiederholten Versuchen einer Versöhnung zurückgezogen habe. Er findet mich undankbar, weil meine Mutter stundenlang mit in den Wehen lag, mir ständig die Windeln gewechselt und meinetwegen so gelitten hat.

Hallo?! Geht’s noch? Habe ich mir ausgesucht zu leben? Nein, es wurde mir von diesen beiden Menschen geschenkt und dafür bin ich Ihnen wirklich dankbar, aber es war trotzdem ihre Entscheidung Kinder zu kriegen. Sie WOLLTEN Eltern sein. Und die Konsequenz ist nun mal, dass man sich um die Kinder kümmert, die man auf die Welt bringt. Nicht, dass man sie gebärt und ihnen die Mutterrolle zuschreibt.

Ich bin wütend und traurig, weil mein Vater mich als undankbar sieht und ihm nicht klar ist, wie es mir geht. Ja, meine Mutter ist krank. Ja, man kann mit ihr nicht wie bei einem „normalen“ Menschen reden.

Aber mir geht es auch nicht gut. Ich habe keine offene Wunde, aber ich habe seelische Sorgen. Ich kompensiere all meinen Kummer auf eine sehr ungesunde Weise und finde es schade, dass diese Form für ihn nicht als Krankheit gesehen wird.

Fest steht, dass ich nicht undankbar bin.

Diese kleine Selbstreflexion hat es mir gerade bewiesen. Ich bin sehr dankbar und es ist weder überheblich noch arrogant es mit Leib und Seele zu spüren.

Aber manchmal tut es trotzdem weh. So wie jetzt gerade. Und ich weiß nicht wie lange es dauert, bis es aufhört.

Diesen Beitrag habe ich für mich geschrieben. Das Schreiben hilft mir meine Emotionen zu hinterfragen. Falls euch aber ein paar Tipps einfallen, wie ihr mit diesen schrecklichen Grudannahmen umgehen könnt, dann immer her damit.

❤️

 

22 Kommentare zu „„Du bist undankbar!“

  1. Oh ja… Eltern und die Themen Dankbarkeit und Respekt. Als würden sie sich beides allein durch die Tatsache, dass sie sich entschieden ein Kind in die Welt zu setzen automatisch verdienen…
    Hast du darum gebeten, gezeugt zu werden und warst du da in der Lage, eine informierte Entscheidung darüber zu treffen, was das bedeutet? Nein. Du wurdest nicht mal gefragt. Du hast ja noch nicht existiert. Dir wurde also ihre Entscheidung aufgezwungen. Deine Eltern wollten ein Kind. Und sie waren alt genug, um sich der Verantwortung, die das mit sich bringt, bewusst zu sein. Sie haben sich trotzdem dazu entschieden. Ihre Entscheidung, ihre Aufgabe, diese Verantwortung so gut es geht zu erfüllen. Ich muss dem Staat nicht dankbar dafür sein, dass er ordentliche Straßen baut und eine Politik führt, die mich vor Krieg schützt. Das ist seine verdammte Aufgabe. Ich darf es sein, ich muss es aber nicht. Es ist nicht undankbar, vom Staat eine sinnvolle Verteilung der Steuergelder zu erwarten. Ich muss auch dem Menschen auf der Straße nicht dankbar sein, dass er mich nicht schlägt. Das ist seine Aufgabe als Mitglied dieser Gesellschaft. Und ich bin nicht verpflichtet, meinem Und so ist es die Aufgabe von Eltern, ihr Bestes zu geben, um ihren Kindern einen möglichst guten Start ins Leben zu ermöglichen.

    Selbst bei nicht selbstverständlichen Dienstleistungen, wie z.B. dass ich für eine Party einen besonders tollen Kuchen bekomme, muss ich nicht dankbar sein, wenn ich nicht darum gebeten habe. In dem Moment, wo ich um etwas nicht-selbstverständliches bitte, ist es angebracht, Dankbarkeit von mir zu verlangen und zu erwarten. Nicht einen Moment vorher.

    Ich muss noch nicht mal für ein Privileg dankbar sein, wenn ich es mir durch den Verzicht auf etwas Selbstverständliches Erkaufe. Ich muss nicht dankbar sein, dass mir Reitstunden gezahlt werden, wenn ich zu Hause dann Verachtung dafür erfahre. Selbst wenn es ein ausgehandelter Deal wäre, müsste ich nicht dankbar sein. Aber allzuhäufig entscheiden die Eltern, welchen Wert manche Privilegien haben und treffen die Entscheidung dann für uns, obwohl wir es vielleicht gerne anders hätten.

    Und ja, natürlich darf ich dankbar sein, dass meine Eltern mir viel ermöglicht haben, was anderen Kindern verwehrt blieb. Ich darf ihnen sogar dankbar sein, dass sie mich nie geschlagen haben. Ich muss es aber nicht. So wie ich auch meinem Partner nicht dankbar dafür sein muss, dass er mich nicht misshandelt. Denn das ist eine verdammte Selbstverständlichkeit. Das ist der zu erwartende Normalzustand.

    Und meiner Erfahrung nach sind es in den allermeisten Fällen die Menschen, die am meisten Dankbarkeit erwarten, die, die sie am wenigsten verdient haben. Denn sie tun die Dinge eben nicht aus dem Wunsch heraus, zu helfen, sondern aus dem Wunsch heraus, selber Anerkennung und Dankbarkeit zu erfahren. (Ausnahmen stellen hier, wie oben beschrieben, die Menschen dar, die um etwas nicht-Selbstverständliches gebeten wurden und es als selbstverständlich wahrgenommen wird, dass sie das erledigen)
    Sie haben also nicht aus reiner Güte geholfen, sondern aus egoistischen Beweggründen heraus.

    Insofern würde ich sagen:
    Nein, du bist nicht undankbar. Du musst nicht dankbar dafür sein, dass sie nicht noch mehr ihrer Aufgaben nicht erfüllt haben.

    Okay, das ist jetzt etwas ausgeartet… ^^ Aber irgendwie bewegt mich dieses Thema 😉

    Ich wünsche dir alles Gute!

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    1. Ich liebe ausartende Kommentare! 🙂 Besonders wenn ich Zeile für Zeile lese und nickend zustimme. Danke für deine Zustimmung! Freut mich, dass es dich genauso bewegt wie mich. Dankbarkeit ist natürlich alles andere als wichtig, aber sie sollte nicht als Vorwurf eingesetzt werden, wenn ein Aspekt zu kurz kommt. Nicht dankbar zu sein sollte nicht immer mit Verachtung einhergehen. Besonders nicht, wenn sie in vielen Fällen „überflüssig ist“.

      Danke für deine Worte! :*

      Liebe Grüße!

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  2. Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielen Menschen es ganz genauso geht wie mir. Wobei ich auch sagen muss, dass es noch genügend Menschen gibt, die absolut kein Verständnis haben und nicht verstehen, dass man kein gutes Verhältnis zu den Eltern haben kann.
    Ich kann dich so gut verstehen und ich habe sehr viel länger gebraucht, um mich von den „Fesseln“ zu lösen. Erst mit 40 habe ich beschlossen mir das nicht länger gefallen zu lassen. Seither geht es mir viel besser.
    Bewundernswert, dass du das schon jetzt geschafft hast. Ich finde das sehr gut!
    Und natürlich bist du nicht undankbar.
    Eltern, die ihre Kinder emotional erpressen, indem sie sagen, sie hätten sich schließlich um sie gekümmert, finde ich total erbärmlich.
    Liebe sollte doch aus sich selbst heraus kommen. Vor allem sollte die Liebe von Eltern selbstverständlich und vor allem selbstlos sein. Sie sollten keine Gegenleistung wie Dankbarkeit verlangen.
    Leider gibt es wohl keine Lösung für dieses Problem. Wir werden immer emotional gebunden sein.
    Der Schmerz ist insofern so schlimm, weil wir glauben, dass es anderen besser geht als uns. Wir wollen eine heile Familie, das, was alle anderen auch haben.
    Vielleicht tröstet es dich, dass da draußen sehr viele Menschen das gleiche Problem haben wie du und ich.

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    1. Dein Kommentar hat mir gerade sehr viel gegeben. „Emotionale Erpressung“ – genauso ist es!
      Dass ich da wirklich raus bin, weiß ich noch nicht. In der Vergangenheit bin ich viel zu oft eingeknickt und zurückgekommen. Im Grunde wünsche ich es mir auch, aber nicht innerhalb einer so toxischen Beziehung!

      Ganz liebe Grüße!

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      1. Ich habe nicht komplett mit meinen Eltern gebrochen, weil ich doch zu sehr an meinen Vater hänge. Der, ebenso wie dein Vater, unbedingt Frieden will. Daher habe ich Waffenstillstand mit meiner Mutter geschlossen. Aber in dem Moment, wo sie wieder austickt, bin ich erst mal weg. Ich versuche es nicht mehr zu sehr an mich herankommen zu lassen. Inzwischen sind meine Eltern auch schon sehr alt. Da habe ich ohnehin ein ganz anderes Verhältnis zu ihnen bekommen und bin in vielen Dingen nachsichtiger geworden.

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  3. Hallo Mia
    Wow, wow, wow. Ich bin selbst Vater und wenn ich das hier lese, dann werde ich echt traurig. Muss ich dankbar sein als Kind den Eltern gegenüber?Kommt auf die Eltern an. Aber Kinder sollten auch wissen, das auch Eltern ihre Grenzen haben.
    Habe ich mit dem Wunsch ein Kind zu haben, auch für alle daraus entstehenden Schwierigkeiten die Verantwortung? Sicher nicht.Auch Kinder tragen Verantwortung, wenn sie erwachsen geworden sind. Ich kann nicht sagen, oh toll das ich lebe und gleichzeitig, du bist Schuld das ich lebe. Eltern haben ihre Pflichten und Kinder auch. Wir behüten euch bis ihr auf euren eigenen Füssen stehen könnt und irgendwann müsst ihr dann Verantwortung für euer eigenes Leben übernehmen.
    Wenn ihr das nicht macht, dann schaut nicht nach euren Eltern und schreit ihr seit Schuld.Wenn du mit deinen Eltern nicht klar kommst, dann musst du Konsequenzen daraus ziehen. Einfach nur sagen die sind Schuld, weil sie nicht das machen was ich will, bringt dich nirgendwo hin. Du ist 24 Jahre und lebst nicht mehr Zuhause wie du schreibst. Du hast also die Möglichkeit dich deinen Eltern völlig zu entziehen. Machst du aber nicht.Warum machst du das nicht? Du hast die Möglichkeit deinen Eltern oder eben deinem Vater zu sagen, so geht es nicht mehr und wenn sich das nicht augenblicklich ändert, sind wir geschiedene Leute.
    Aber genauso wenig wie deine Eltern Verantwortung für dich übernehmen, genauso wenig Verantwortung bringst du dir selbst entgegen. Hier geht es nicht um Dankbarkeit. Hier geht es um Liebe, Anerkennung, Vertrauen, die nie wirklich da war.Der Vater sieht die Mutter leiden und kennt kein besseres Mittel als dich zu bearbeiten, da die Mutter ja krank ist.Du siehst deine kranke Mutter und bist verbittert.Du siehst deinen Vater und bist enttäuscht. Ihr alle wünscht euch das gleiche und keiner ist bereit oder imstande es zu geben.
    Daher ist es manchmal besser seine Kraft in die eigene Zukunft zu legen und nicht an Orten zu verschleudern die keine Veränderung bringen kann und wird. Es ist immer die Geschichte vom Schrecken mit Ende oder eben Schrecken ohne Ende.Wenn alle Gespräche keine Veränderung mehr bringen, muss man sich selbst verändern und seine Situation. Denn nichts verändert sich, solange alles bleibt wie es ist.
    Das ist jetzt keine Aufforderung zu tun was ich hier schreibe. Es ist ein kleiner Hinweis darauf das du mal danach schauen könntest was du wirklich willst, von deinen Eltern und welche Möglichkeiten du hast es zu erreichen.Und dir auch überlegst was passiert wenn ich nichts erreiche. Wie geht es dann weiter mit mir.
    Und zum Schluss. Eltern haben immer Träume, Vorstellungen und Erwartungen ihren Kindern gegenüber. Sie möchten ihre Kinder glücklich sehen aber das Leben ist manchmal erbarmungslos und alles wird anders als gedacht. Ich möchte hier jetzt nicht Eltern entschuldigen, die sich nicht um ihre Kinder kümmern, sie misshandeln oder unfähig sind ihre Gefühle zu zeigen. Ich rede von den Eltern die sich um ihre Kindern kümmern, auch wenn manche Kindern nicht sehen was dazu notwendig war. Eltern und Kinder da gibt es keine Garantien im Faktor Leben. Jeder kann nur das Beste geben in Liebe und Vertrauen. Wenn die Kinder dann erwachsen sind, ist es an ihnen und nicht mehr an den Eltern, was sie daraus machen.Nicht das die Eltern das nicht auch übernehmen wollten, aber erwachsene Kinder leben ihr Leben. Eigenverantwortlich oder eben nicht.
    Lg Robert

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    1. Lieber Robert,
      danke für deinen langen Kommentar! Mir scheint, als hättest du als Vater eine sehr subjektive Meinung aus der Elternperspektive. Und auch wenn du es vielleicht nicht so gemeint hast, so hat es sich beim Lesen so angefühlt, als würdest du meine Gedanken ein wenig „verurteilen“.

      Dieser Beitrag war sehr schwer für mich zu teilen, weil es mir lange Zeit kaum möglich war, schlecht über meine Eltern zu reden oder gar einzusehen, dass sie meine Krankheit negativ beeinflussen. Ich habe mich mit diversen Details aus meiner Kindheit hier zurückgehalten, aber wie du schon sagtest, haben Eltern und auch Kinder ihre Pfliichten. In meinem Beitrag jedoch habe ich angerissen, dass mir jedoch sehr früh eine andere Rolle zugeschrieben wurde. Das mag übertrieben erscheinen, aber ich hatte all die Pflichten, die eine Mutter hatte – von Putzen, Einkaufen, Wäsche waschen, bis hin zu emotionalen Beistand für andere und zu wenig für mich.

      Ich beschwere mich nicht darüber, dass ich lebe, ich sage lediglich, dass ich es mir nicht ausgesucht habe, und mir niemand einen Vorwurf machen sollte, in einer Zeit für mich dagewesen zu sein, in der ich als Säugling noch völlig unselbststämndig und von meinen Eltern angewiesen war. Das ist nun mal die Aufgabe der Eltern und sollte meiner Meinung nach nicht jeden Fehler entschuldigen.

      Dass du implizierst, dass ich mit meinem Beitrag jemandem die Schuld geben möchte, verletzt mich sehr. Ich finde, dass man bei einer Meinung ohne großes Hintergrundwissen vorsichtig sein sollte, denn mir scheint, dass du deine Kinder anders erziehst, als ich erzogen wurde. Damit gehen auch sicher deine westlichen Werte einher, aber wie du aus vielleicht anderen Beiträgen weißt, haben meine Eltern einen kulturellen Hintergrund und waren mit ihrer Erziehung etwas konservativer.

      Es ist nicht so leicht, einfach mal so die Konsequenzen zu ziehen und die Tür zu schließen. Ich liebe meine Eltern und fühle mich durch diese zugeschriebene Mutterrolle verantwortlich für sie. Auch wohne ich seit noch weniger als einem Jahr alleine, weil es mir ständig untersagt wurde, auszuziehen und die Familie alleine zu lassen.

      Ich versuche mich aber heute bewusst aus dem Ganzen zu entziehen und nicht „undankbar“ oder „egoistisch“ zu sein, weil ich versuche an mich zu denken. Mir ist bewusst, wie viel meine Eltern für mich getan haben, aber ich möchte mich nicht schuldig fühlen, dass auch die Momente zulassen, die sie in meiner Erziehung falsch gemacht haben.

      Liebe Grüße!

      Gefällt 3 Personen

  4. Liebe Mia,

    Du kennst mich inzwischen gut und weißt daher, dass ich jemand bin, der sehr gern dankbar sein mag, der versucht, allem und jedem dankbar zu sein und dabei vor allem vermeintliche Kleinigkeiten auch nicht zu übersehen.

    Aber auch ich kann und konnte nicht alles gut heißen, auch mit Abstand, auch mit „zunehmender Reife“ nicht. Und eben auch nicht alles, was mein Elternhaus betrifft.

    Meine Mutter, die ja leider früh verstorben ist, war eine insgesamt strenge Mutter. Ich weiß, dass sie nie etwas getan hat, um mir schaden zu wollen. Sie meinte es immer gut (wirklich!) Aber sie hat dabei Fehler gemacht, wie jeder Mensch Fehler macht. Darunter auch solche, die mich sehr verunsichert, mir sehr weh getan haben, die ich lange nicht verwinden konnte, die Folgen hatten (einige bis heute)

    Ich habe dennoch nur sehr selten gegen meine Mutter aufbegehrt, wenn dann immer von Gewissensbissen begleitet und daher wohl auch nie wirklich konsequent. Darunter habe ich aber wiederum auch gelitten. Über längere Zeiten sogar sehr. Es blieben Dinge ungesagt, ich war nicht im Reinen mit mir und mit der Familie. Dabei wussste ich von meiner Oma (der mütterlicherseits!), dass ich mit meinem Empfinden durchaus nicht falsch lag.

    Ich habe mir selbst den Vorwurf der Undankbarkeit gegenüber meiner Mutter, meinen Eltern selbst nie gemacht. Und ich weiß auch, dass ich nie undankbar war oder bin. Ich achte die Lebensleistung meiner Eltern und ich weiß, dass sie im Mindetsen nach ihrer jeweiligen Ansicht, immer bestrebt waren, zu meinem Besten zu handeln. Dafür haben sie meine ganz und gar aufrichtige Dankbarkeit!

    Aber es ist ihnen eben nicht immer gelungen, zu meinem Besten zu handeln. Eben weil sie Menschen waren bzw. sind und Menschen Fehler machen, mehr oder weniger, kleinere und auch größere. Und dazu stehe ich inzwischen. (Auch Eltern sind keine Götter.) Und ich denke, dass das auch gar nicht schlimm ist. Ich denke, dass das genau das ist, was Du gerade auch tust. Du tust es nur eher als ich es vermocht habe. Und ich glaube, dass das nicht zu verurteilen ist, ja, dass Dich das möglicherweise sogar heiler leben lässt als mich über viele Jahre. Und auch das ist wichtig!

    Demut und Dankbarkeit eines Kindes, eines Heranwachsenden, eines erwachsenen Kindes sind gut und wichtig und richtig. Aber nichts ist gut und wichtig und richtig, was darin Absolutheit fordert. Eine Familie ist keine Diktatur, und niemand darin ist unfehlbar. – Im Gegenteil, meine Mutter ist beispielsweise, dann als sie krank und kränker wurde, keineswegs „einfacher“ geworden. Eher schwieriger. Dafür konnte und kann ich nicht „dankbar“ sein. Natürlich habe ich es aber verstehen können, und ich war deshalb und vor allem in dieser Zeit sehr nachsichtig. Und heute habe ich längst meinen inneren Frieden mit ihr. Ich verurteile meine Mutter für nichts. Auch wenn ich ihr nicht für alles dankbar sein kann, habe ich sie fest in meinem Herzen.

    Ich sehe selbst, wie fehlerhaftm, wie unperfekt ich als Vater bin. Weil ich das weiß, erwarte und verlange ich von meinem Sohn keine uneingeschränkte Dankbarkeit. Er soll, er muss, er darf Dinge anders machen als ich, je mehr er durch eigenes Erfahren, selbst Erkenntnisse gewinnt, desto mehr. Das ist der Lauf der Welt. Daran ist nichts Verwerfliches. Ich finde auch nichts Verwerfliches daran, wenn mein Sohn mich auf das anspricht, was er in seinen Augen als meine Fehler sieht. – Er ist mein Sohn!!! Wem sollte ich insoweit mehr Vertrauen, mehr Interesse, mehr Zugewandtheit entgegenbringen können? Zumal er sich selbst durch die Pubertät hindurch stets respektvoll mir gegenüber verhalten, mir gegenüber gehandelt hat. Ich möchte ihm vor allem nicht weh tun. Kann ich aber immer wissen, ob mir das gelingt? ICH kann das nicht!

    Nein Mia, Du bist nicht undankbar. Du bist kritisch und Du ziehst für Dich Grenzlinien. Solche, die für Dich wichtig sind. Dazu gehört auch Abstand zu halten, vielleicht für längere Zeit, vielleicht für kürzere, vielleicht auch für nicht absehbare. Du wirst immer wieder neu beurteilen, was für ein Abstand das sein sollte, wann mehr, wann weniger davon nötig ist, WIE dieser Abstand jeweils aussieht. – Das st richtig und wichtig. Denn viele Menschen, mit denen Du eine Beziehung, welcherart auch immer, eingegangen bist oder eingehst, konntest und kannst Du Dir aussuchen. Unter anderem (und besonders bedeutsam, weil lebenslang!), die Familie, in die Du hinein geboren wurdest, Deine Eltern und Geschwister, aber nicht .

    Du hast aber auch dort jeweils das Recht, DU zu sein. Und das zu wollen, das auch einzufordern, hat gar nichts mit Schuld zu tun.

    Von Herzen liebe Grüße an Dich ❤ !

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    1. Lieber sternfluesterer,
      ja, glücklicherweise kenne ich dich inzwischen gut und weiß wie dankbar du bist. Aber auch ich weiß, wie schwer du dich damit tust, etwas schlechtes über deine Eltern zu verraten. Umso mehr gefreut hat es mich, dass du gerade sehr reflektiert und keineswegs wertend über bestimmte Dinge geschrieben hast, die vielleicht nicht so schön waren. Das finde ich auch in Ordnung.

      Dein Absatz:
      „Ich verurteile meine Mutter für nichts. Auch wenn ich ihr nicht für alles dankbar sein kann, habe ich sie fest in meinem Herzen.“ hat mich besonders berührt. Genau das wünsche ich mir eines Tages auch. Aber manchmal, da verurteile ich sie doch ein bisschen. Und vielleicht lässt es sich erst durch gewisses Hintergrundwissen besser verstehen. Nichtsdesto trotz möchte ich weder Verachtung mir oder jemand anderem gegenüber empfinden.

      Danke für deinen wieder einmal großartigen Kommentar!

      Liebe Grüße! ❤

      Gefällt 1 Person

  5. Liebe Mia, manchmal tut Abstand gut. Wenn ein Kind seine Eltern besucht und imergleiche Grundmuster von Verletzungen und Abwertungen oder unangemessenen Forderungen ablaufen, ist Abstand manchmal die einzige Möglichkeit, das zu durchbrechen und sich zu schützen. Ich denke, dass du das ohne Schuldgefühle tun darfst. Dein Vater nimmt möglicherweise jetzt die Rolle des verlängerten Arms deiner Mutter ein. Das ist menschlich, aber nicht gut. Du darfst Grenzen setzen. Du darfst dich finden. Du darfst dir Zeit nehmen, dir darüber klar zu werden, was du willst und wir du mit den Grundmustern umgehen willst. Vielleicht kommt irgendwann der Tag, an dem du beschließt, deine Eltern (und deine Mutter) zu treffen oder zu besuchen. Und auch dann darfst du, sobald die Grundmuster wieder ablaufen, wieder Grenzen setzen. Wie z.B. aufstehen und gehen, und sagen: Ich treffe mich gerne mit euch. Aber sobald diese (Beleidigungen/ Bemerkungen etc)
    werde ich mich verabschieden, weil es mir nicht gut tut. Wenn ihr bereit seid, anders damit umzugehen, freue ich mich von euch zu hören. – Damit verschließt man die Tür nicht für immer, aber macht die Regeln klar, unter denen Gemeinschaft möglich ist. Ich wünsche dir, dass du für dich einen guten Weg findest! Liebe Grüße, Bettina

    Gefällt 6 Personen

    1. Liebe Bettina,

      Ich stimme dir absolut zu. Abstand ist wichtig und kann hilfreich sein (wenn er doch nur nicht so schwer wäre umzusetzen…).

      Deine Worte hatten etwas sehr verständnisvolles, das mich in meinen Gedanken und Vorsätzen gestärkt hat. Tatsächlich ist mir erst kürzlich klar geworden, dass wenn ich die Tür schließe, das kein „für immer“ sein muss, und ich sie durchaus wieder öffnen kann. Irgendwie hatte ich immer Angst mich zurückzuziehen, weil ich dachte, dass meine Entscheidung endgültig wäre. Dankealso für deine lieben Worte!

      Viele Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      1. Liebe Mia, wenn man in der Lage ist, Grenzen so zu ziehen, dass man seine Würde behält und nicht nachher verzweifelt ist, wie es gelaufen ist, dann muss das mit dem Abstand vielleicht nicht sein. Das Problem ist wahrscheinlich, dass sich die Eltern in der Regel erst mal nicht ändern – und dass die Abläufe, wie miteinander umgegangen wird, so eingespielt sind und automatisiert ablaufen. Deshalb ist Abstand manchmal der einzige Weg. Ist natürlich ein krasser Schritt. Und dass Schuldgefühle bei dem sich zurückziehenden Part aufkommen, ist leider so, obwohl dieser keine Schuld hat. Und dass ihm Schuld zugeschoben wird, gehört in der Regel auch dazu. Mit Abstand kann man sich seiner eigenen Wünsche und Standpunkte siher werden. Und sie später besser vertreten. – Nein – die Tür muss nicht für immer geschlossen werden. Und das würde ich auch den Eltern gegenüber zum Ausdruck bringen. Aber eben auch, dass man Zeit für sich braucht. Dass man einen erneuten Kontakt zu seiner Zeit wünscht, aber dann auch mit Respekt behandelt werden will. Ach – ich wünsche dir sehr, dass es gelingt…! Ich schreibe auch aus Erfahrung 😉 Ganz liebe Grüße!

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  6. Wie hier bereits geschrieben wurde: Eltern verdienen nicht automatisch Respekt und Dankbarkeit, weil sie ein Kind bekommen haben! Wie oft dachte ich mir schon, dass ich doch nicht schuld daran bin, geboren worden zu sein. Mich hat keiner gefragt, ob ich auf diese Welt kommen will und ich konnte mir leider meine Eltern auch nicht aussuchen. Hätte ich andere Eltern gehabt, wäre bestimmt was ganz Tolles aus mir geworden – wahrscheinlich eine Ärztin. Aufgrund der Tatsache aber, dass ich es mit 17 bei ihnen nicht mehr aushielt und ich mich deshalb dem erstbestem Kerl an den Hals warf, der bereit war, mich bei sich aufzunehmen, wurde nix Besonderes aus mir. Ich musste schließlich meine finanzielle Unabhängigkeit erkämpfen und konnte nicht jahrelang in einem Studium rumtüddeln (das mir auch gar keiner bezahlt hätte)…

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich finde auch, dass es nicht schlimm sein sollte, durchaus eine eigene Meinung zu haben ohne als undankbar zu gelten. Eltern haben einen erzogen und in gewisser Weise geprägt. Es ist nicht schlimm das zu wissen. Aber es ist schön, dass du das genauso siehst und dein Leben sehr gut reflektiert hast!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  7. „Ist es undankbar an mich zu denken, wenn ich mich aus dem Ganzen zurückziehe?“
    Nein auf keinen Fall! Du bist ein eigenständiges Individuum, das (wie du selbst schon sagtest) nicht selbst entschieden hat diese Welt zu betreten. Deine Eltern haben es entschieden. Und du bist auch in deinen jungen Jahren für dich selbst verantwortlich. Wenn der Kontakt mit deiner Mutter momentan nicht funktioniert oder auch nach etlichen Gesprächen (Bzgl. Vorhaltungen, Beleidigungen) keine Verbesserung der Beziehung zwischen euch ersichtlich ist, so würde auch ich (die eine sehr enge Beziehung zu ihrer Mutter hat) den Kontakt abbrechen. Du bist du! Du bist nicht deine Mutter. DU entscheidest, wass DU aus deinem Leben machen willst. Und wenn DU entscheidest, dass du Abstand zu deiner Mutter haben willst, dann ist das so. Und das sollten deine Eltern akzeptieren. Basta!

    „Warum ist es undankbar, sich selbst zu verteidigen und die Fakten auf den Tisch zu legen?“
    Das ist nicht undankbar. Du stehst für dich ein! Und das ist es, was deine Eltern wollen sollten. Meine Mutter hat mir immer gesagt das ich, egal worum es geht, für mich einstehen soll, mich slebst verteidigen soll und nicht nachgeben soll, nur weil es der friedlichste Weg ist. Es ist sehr wichtig für deine persönliche Entwicklung, dass du dich weiterhin verteidigst, weiterhin für dich einstehst, egal in welchen Belangen! Höre nicht damit auf. Es gilt des weiteren die Antwort zur ersten Frage: DU bist DU und nicht jemand anderes.

    Es ist offensichtlich, dass du nicht undankbar bist. Jedoch ist es nicht so einfach für andere Menschen so etwas zu sehen. Sie fühlen sich undankbar behandelt (ich meine das jetzt allgemein und nicht explizit auf deine Eltern bezogen), aus Gründen die nur sie verstehen. Ich argumentiere dann immer gerne mit Fragen. „Warum bin ich undankbar?“ – „Blabla, mutter hat dich geboren.. blabla“ – „Und was kann ich jetzt dafür?“ – „Blabla..“

    Durchhalten, Mia!

    Liebste Grüße, Annie

    Gefällt 4 Personen

    1. Danke für deine Worte!! Mit deinem letzten Absatz hast du völlig recht – ich weiß, dass ich nicht undankbar bin, aber das Gefühl schmerzt trotzdem (also glaubt es ein Teil von mir wohl doch).

      Danke auch für deinen Zuspruch, dass Abstand wohl zunächst das logischste und beste für beide Parteien ist. Manchmal tun Menschen sich nicht gut, selbst wenn sie miteinander verwandt sind.

      Du hast mich mit diesem Kommentar gerade wieder sehr glücklich gemacht 🙂 ❤

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Natürlich schmerzt es, aber wenn man weiß, dass es einem nicht gut tut, dann sollte man es einfach lassen. Denn wenn man nicht den Abstand hält, dann kann es auch passieren das es derart eskaliert, dass man sich nie wieder zusammen raufen kann. Das sollte man an diesem Punkt auch nicht vergessen. Deine Eltern sollten auch daran denken, das für eine Beziehung auch der Abstand gut tut.

        Ich freue mich sehr das ich dich wieder glücklich machen konnte 😀
        „Eine gute Tat am Tag!“

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  8. Bleib dir selbst treu und dem was du fühlst was richtig ist für dich.
    Du bist nicht geboren um die Bedürfnisse deiner Eltern zu befriedigen, dafür sind sie selbst zuständig. Wenn sie dies für sich selbst nicht schaffen, ziehen sie immer die Kinder heran.
    Jemand sagte mal: Das Gute (von den Eltern) ist selbstverständlich, das Schlechte unentschuldbar.
    Und das fühlte sich stimmig für mich an.
    In letzter Zeit versuche ich (gelingt mir nicht sehr oft durch unsere installierten Denkprogramme, durch Eltern und Erzieher) mich zu fragen, ‚Wie hätte JESUS gehandelt oder reagiert?‘
    Denn das halte ICH für einen guten Maßstab.
    Alles LIEBE für Dich!

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