Als ich einen Menschen aus der Vergangenheit traf und plötzlich wieder der Mensch aus der Vergangenheit wurde

In den letzten Jahren habe ich mich stark verändert. Und doch erfolgt eine kleine Geschichte, in der ich einen Menschen aus der Vergangenheit traf und plötzlich wieder der Mensch aus der Vergangenheit wurde. 

Vor einigen Tagen fragte mein Freund mich, ob wir spontan auf einem Street Food Festival gehen wollten. Ich hatte eigentlich keine große Lust, aber da das Wetter gut war und es ohnehin in meiner Nähe war, ließ ich mich überreden. Gemeinsam gingen wir hin, zahlten den (überteuerten) Eintritt, bekamen einen Stempel und spazierten durch die ausgefallenen Essensstände.

Dann sah ich ihn.

Nur ganz kurz von der Seite. Ich war mir nicht sicher, ob er es war. Schließlich war so viel Zeit vergangen.Wir kannten uns aus der Schule. Und ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen, kann ich sagen, dass dieser Mensch eine große Bedeutung für mich hatte. Ich drehte mich wieder um und tat so, als hätte ich ihn nicht gesehen.

Im Geiste ging ich unsere Begegnung durch.

Was würde ich tun, wenn er mich ansprach? Überrascht wirken? Einen dämlichem Witz reißen, so wie ich es früher immer getan hatte? Ihn ärgern und necken, obwohl das gar nicht mehr meine Art ist? Meine Haare zur Seite fallen lassen, weil ich wusste, dass er das mochte?

Alte Selbstzweifel kamen hoch.

Warum hatte ich mich nicht ein bisschen geschminkt? Warum war ich so klobig angezogen? Warum stand ich nicht gerade und elegant?

Plötzlich hatte ich Angst, dass er einen spöttischen Kommentar zu meinem Exfreund geben würde, eine Geschichte, die der ganze Jahrgang verfolgt hatte. Oder meinen jetzigen Freund anschauen und mich mit seinen Blicken fragen würde, warum ich nicht mehr die klassischen blonden Schönlingen bevorzugte.

Und plötzlich wurde ich zur alten Mia.

Unsicher, ängstlich und viel zu selbstkritisch. All meine Fortschritte und Veränderungen hatten sich in Luft aufgelöst.

Eigentlich bin ich nicht mehr so.

Klar, bin ich nach wie vor eher introvertiert, aber ich bin nicht mehr oberflächlich, ich bin kein lauter Scherzkeks und ich bin auch nicht mehr fixiert auf mein Aussehen. In den letzten 5 Jahren habe ich mich stark verändert und immer mehr zu mir gefunden.

Ich habe eigentlich nichts mehr für Menschen wie ihn übrig. Ich lasse mir keine rassistischen oder diskriminierenden Witze mehr gefallen. Ich respektiere mich gut genug, um mich nicht mehr so behandeln zu lassen, wie er es tat. Ich bin nicht mehr die zweite Wahl!

Und doch war es plötzlich so, dass ein Mensch aus der Vergangenheit mich selbst wieder zu dem Menschen aus der Vergangenheit machte...

Wir sprachen nicht miteinander.

Um ehrlich zu sein ging ich ihm den ganzen Abend aus dem Weg. Ich war nicht bereit für eine Konfrontation. Nicht so. Nicht spontan. Nicht, wenn ich nich plötzlich wieder genauso fühlte wie früher.

Was sagt mir das?

Als Möchtegern-Therapeutin würde ich sagen, dass ich noch immer in einem Konflikt mit meinem damaligen Ich stehe. Es ist ein Teil von mir und kommt gelegentlich wieder an die Oberfläche.

In diesem Moment wollte ich ihn gefallen. Ich wollte, dass er mich mochte, und das, obwohl ich seit Jahren versuche einen Sch*** auf die Meinung anderer zu geben. Verrückt! Es fühlt sich irgendwie wie ein Rückschlag an. Und gerade weiß ich nicht mehr, ob ich mich überhaupt geändert habe…

Kennt ihr dieses Phänomen, dass ihr plötzlich wieder die alte Person seid? Habt ihr irgendwelche Tipps dagegen?

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14 Kommentare zu „Als ich einen Menschen aus der Vergangenheit traf und plötzlich wieder der Mensch aus der Vergangenheit wurde

  1. Es ist allein deswegen schon kein Rückschlag, weil du deine veränderten Gedanken und dein Verhalten erkannt hast.
    Mir geht es auch so, dass ich bei bestimmten Personen so bin wie „früher“. So wie er/sie mich kennt. Viele Menschen haben das ja zB auch in Gegenwart ihrer Familie, dass sie sich „klein“ und nicht autonom fühle.

    Ich finde es gut, dass du das erkannt hast. Es ist kein Rückschritt. Du hast dich verändert, sonst gäbe es ja nichts wahrzunehmen 😉
    Es ist schwierig, weil „alte Bekanntschaften“ sofort auch alte Verhaltensmuster provozieren. Weil das Verhaltensmuster sind, mit denen du jahrelang irgendwie durchgekommen bist. Mit denen es dir vielleicht auch eine ganze Zeit lang gut ging.

    Ich denke, dass das allen Menschen so geht. Nur bei Menschen mit psychischen Problemen ist das vielleicht nochmal eine Ecke ausgeprägter.

    Mach dir keine Gedanken. Du hast dich verändert. Du bist nicht mehr wie früher, auch wenn du kurzfristig diese Handlungsimpulse und Gedanken verspürtest ♥️

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  2. Ich sehe da auch keinen Rückschlag. Du hast Dich inzwischen verändert und Dein Ex ja möglicherweise auch. Da kann man vielleicht ein paar Gedanken an ein „was wäre, wenn“ ver(sch)wenden, aber dann ist’s auch gut. Bleibt doch alles in der Theorie. 🙂

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      1. Ich glaube, Du kannst das!
        Da denke ich gleich wieder an Klassentreffen, Nächsten Monat sind wir wieder dran. Hätte früher kaum gedacht, daß ich auf eines gehen würde oder eingeladen würde. Aber schon beim ersten Wiedersehen war es so, daß man sich mit manchen Leuten länger unterhalten hat als während der gemeinsamen Schulzeit. – Und mit Einzelfällen, die einen immer noch für 19 halten, muß man sich ja nicht beschäftigen- oder sagt es ihnen auf den Kopf zu. 😉
        Liebe Grüße!

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  3. So wie du das beschreibst, könnte das direkt ich gewesen sein. Beim letzten Klassentreffen war ich so verunsichert, dass ich beschlossen habe, kein weiteres mehr zu besuchen. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich, im Vergleich zu den anderen, in meinem Leben nichts erreicht. Ich hatte nichts zu erzählen und habe mich einfach nur deplatziert und frustriert gefühlt genauso wie früher in der Schule.
    Natürlich ist das keine Lösung, allem unbequemen aus dem Weg zu gehen. Aber leider habe ich mich in diesem speziellen Fall dazu entschieden.
    Ich wünsche dir, dass du mehr Mut als ich aufbringst und der Welt zeigst, wer du bist und dass auch du ein wunderbarer Mensch bist!
    LG Kerstin

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  4. Von Kind an werden wir zu der Person, die wir irgendwann verändern wollen. Aber wie verändert man sich? Neue Gedanken über einen Selbst? Denkweisen aufgeben? Die mir ist alles egal, was mich mal gestört hat Version? Kann man alles machen aber Veränderung erfährt man nur, durch Konfrontation mit sich und dem was man verändern möchte. Übung macht dem Meister. Du hast ihn getroffen und bist ihm aus dem Weg gegangen. Du weist warum und kannst dich jetzt hinterfragen. Triffst du ihn wieder wird es anders sein. Weil jetzt die wirkliche Veränderung in dir abläuft. Du hast in deine Abgründe geblickt und kannst jetzt lernen neu damit umzugehen. Da deine Veränderung die du ja schon durchlaufen hast, in dir wirken wird. Du hast nichts verloren bei diesem Treffen, du hast nur noch nie die neue Person angewandt im Bezug auf dieses Treffen. Der Mensch lernt nur in der Praxis und nicht in der Theorie. Da sammelt er nur Wissen.

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  5. Das passiert sehr oft. Die Vergangenheit ist nunmal ein Teil von dir. Vor allem aber hat man bei Begegnungen mit Menschen die alten Rollenmuster, Rollenerwartungen im Kopf. Und der andere auch. Oft haben sich jedoch beide verändert. Was tun? Nett grüßen und offen bleiben, dann hat der andere auch ne Chance offen zu bleiben. Damit bin ich bei Klassentreffen oder ähnlichen Situationen gut gefahren.

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