„Ich weiß, wie es Ihnen geht.“ – Wie sollte das Verhältnis zwischen PatientIn und TherapeutIn sein? Sind Vergleiche ein Tabu?

Nach meiner letzten Therapiestunde, in der meine Therapeutin sich zum ersten Mal mit mir verglich, habe ich viele ungeklärte Fragen im Kopf, die ich gerne mit euch teilen würde. Wie sollte das Verhältnis zwischen PatientIn und TherapeutIn sein? Sind Vergleiche ein Tabu?

Bisher hatte ich nicht viele positive Erfahrungen gemacht, wenn es darum ging, dass TherapeutInnen etwas über sich erzählten oder sich gar verglichen. Meine alte Therapeutin tat das oft – sie verglich ihre christliche Erziehung mit meiner muslimischen, ihr Psychologiestudium mit meinem Geisteswissenschaftsstudium; sie ging sogar so weit, zu behaupten, dass sie als weiße Frau wüsste, wie es mir gehe, als ich über meine rassistische Erfahrung sprach.

Meine jetzige Therapeutin ist ganz anders.

Zugegeben, unser Verhältnis ist nicht so freundschaftlich, wie das zwischen mir und meiner früheren Therapeutin, aber nicht weniger effektiv. Sie wirkt zwar etwas kälter, ist jedoch unheimlich kompetent und hilft mir bei der Heilung. Doch nun brach auch sie die Mauer der Distanz und Diskretion, und setzte einen Vergleich auf.

Bei meiner letzten Therapiestunde erzählte mir meine Therapeutin das erste Mal etwas über sich selbst.

Bis zu diesem Augenblick wusste ich nämlich nichts, außer ihren Namen über sie. Während ich ihr also von einer Situation erzählte, in der ich mich verurteilt fühlte, fing sie plötzlich an, von einem ähnlichen Moment zu berichten, der ihr am Wochenende widerfuhr. Sie erklärte mir offen und ehrlich, wie unwohl sie sich in jener Situation gefühlt hatte und wie es ihr gelang, dieses unangenehme Gefühl loszuwerden. Ich war baff. Denn so blöd es klingt, wurde mir just in dem Moment klar, dass auch sie ein Mensch mit Gefühlen und Problemen ist.

Ich mochte ihren Vergleich.

Ich konnte mich mit ihren Gedanken identifizieren und meine eigenen dadurch viel besser erforschen. Auch gefiel mir, dass die Hierarchie zwischen uns plötzlich nicht mehr da war und wir auf Augenhöhe miteinander sprachen.

Aber sollten TherapeutInnen sich mit PatientInnen vergleichen?

Im Grunde ist es doch so: Wenn wir mit jemanden sprechen, dem Ähnliches widerfahren ist, können wir uns besser mit ihm identifizieren. Wir fühlen uns verstanden, vielleicht sogar aufgefangen. „Gleich und gleich gesellt sich gern.“ Aber gilt das auch für die Therapie? Eigentlich finde ich, dass die Beziehung zwischen TherapeutIn und PatienIn neutral bleiben sollte.

Was ich weiß ist, dass mir die letzte Therapiestunde unsagbar gut getan hat.

Mir wurde klar, dass mich die Therapeutin trotz ihrer Distanz versteht. Ich weiß nicht, ob es zur Regel werden wird, aber wenn sie hin und wieder einen Vergleich zu sich selbst ziehen wird, glaube ich nicht, dass ich mich daran stören werde. Außerdem macht der Ton die Musik. Bei meiner letzten Therapeutin fand ich es wie gesagt „too much“!

Wie denkt ihr darüber? Seht ihr das kritisch, wenn TherapeutInnen sich mit PatientInnen vergleichen? Oder findet ihr gerade das gut?

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14 Kommentare zu „„Ich weiß, wie es Ihnen geht.“ – Wie sollte das Verhältnis zwischen PatientIn und TherapeutIn sein? Sind Vergleiche ein Tabu?

  1. Liebe Mia,

    ich denke, dass sich jede Person, die Rat sucht, mit der beratenden Person „verstehen“ sollte. Die Chemie zwischen den beiden muss stimmen. Jedoch halte ich nichts davon, dass beratende Personen (ob nun psychologisch oder nicht) von sich selbst berichten. Es geht bei der Beratung immer nur um die Person, die Beratung sucht, nie um den Berater selbst. Ein Vertrauensverhältnis kann man auch ohne Austausch aufbauen, schließlich frage ich meinen Hausarzt auch nicht, an welchen Krankheiten er wohl leiden mag. Wenn es mal „passt“, so wie vielleicht in der Situation, die Du in dem Beitrag beschreibst, dann ist es okay. Jedoch sollte es nicht so sein, dass eine beratende Person über die Beratung suchende Person hinweg, eigene Probleme löst / Revue passieren lässt.

    Beruflich habe ich etliche Beratungen (keine psychologischen) durchgeführt. Wenn ich nach meiner persönlichen Meinung gefragt wurde, gab ich immer zu verstehen, dass mein Lösungsweg nicht der Lösungsweg meines Gegenübers sein muss. Meines Erachtens ist es auch nicht wichtig, dass ein Berater mich mit meinem Hintergrund versteht (also z.B. türkisch, Frau, muslimisch, …), sondern sein Handwerk beherrscht. Er mag noch nie von der Problematik gehört haben, die ich durchlebe, keinen eigenen Bezug finden, trotzdem muss er in der Lage sein, mich durch diese Phase des Lebens zu führen, weil er die Mittel und Wege kennt, wie ich aus mir selbst heraus (mit beratender Unterstützung), meine Lösungen kreiere und für mich umsetze.

    Die Personen in der Beratung/Therapie sollten kein Ersatz für etwas anderes darstellen. Der Berater darf die beratungssuchende Person nicht als Projektionsfläche für eigenen Probleme, Lösungswege, Erfolge etc. betrachten. Auch sollte die Ratsuchende Person den Berater nicht als Ersatz für fehlende Personen im Leben sein (also z. B. Mutter-, Vater-, Freundin-Ersatz), weil man mit denen die Probleme nicht besprechen kann.

    Natürlich gibt es viele Formen von Beratung und Therapie und man sollte darauf achten, ob es Dir gut tut damit. Denn schließlich geht es einzig und allein nur um Dich! Wenn die Therapeutin sich wie eine Freundin verhält und Dir es damit gutgeht, warum nicht? Für mich persönlich wäre dies nichts, aber das hat nichts zu bedeuten. Du musst für Dich herausfinden, ob und wieviel Du aus dem Ganzen herausziehen kannst. Dafür investierst Du schließlich Deine Zeit.

    Herzliche Grüße
    Serap

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    1. Danke für deine ausführliche Nachricht, liebe Serap! Das, was du schreibst klingt absolut einleuchtend. Das Vertrauen kann tatsächlich auch entstehen, ohne, dass ein gegenseitiger Austausch stattfindet. Und doch kann ich nicht leugnen, dass ich die Kommunikation zwischen meiner Therapeutin und mir nicht mochte…Ich werde mir trotzdem auf jeden Fall nochmal Gedanken über deine Worte machen und unser Verhältnis bei der Therapie beobachten!

      Liebe Grüße! ❤

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  2. Nun wenn Du Dich danach gut gefühlt hast, verstanden und besser und sogar was durch diesen Vergleich mehr verstehen konntest…. was soll daran falsch sein? Und eine Therapie auf Augenhöhe ist doch erstrebenswert. Iss doch nicht verkehrt wenn man spürt, da gegenüber sitzt ein Mensch und kein Roboter, und wenn Du auf Damis Charf „Traumaheilung“ guckst, dann sind da viele Filmchen und Artikel darüber wie sie das handhabt und welche Überzeugungen sie lebt in den Therapien.

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    1. Vielleicht hast du recht – vielleicht ist überhaupt nichts daran falsch! Schließlich hatte ich ja das Gefühl, dass es mir half. Aber nach dem Kommentar, den die liebe Serap hinterlassen hat, denke ich trotzdem darüber nach, wie angebracht es als Therapeutin ist, über ihre „Probleme“ zu sprechen…Und ich bin auch noch zu keiner Lösung gekommen..

      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar! 🙂

      1. Hat sie wirklich über IHRE Probleme geredet? Oder sie nur als Vergleich herangezogen, damit Du vielleicht besser verstehen kannst? Wenn Sie ihre Probleme mit Dir bespricht, da wäre ich auch misstrauisch. Manchmal hilft es sehr differenziert hinzugucken.

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  3. Hallo Mia, ich fand deinen Beitrag ziemlich interessant zu lesen, danke dir. Ich hab mir auch schon ähnliche Fragen gestellt, weil ich ganz oft, sobald ein Vergleich kommt oder das Verhältnis zwischen mir und meiner Therapeutin den gewohnt-distanzierten Rahmen verlässt, Angst habe, dass sie mir plötzlich nicht mehr helfen kann, weil sie emotional zu involviert ist oder so (eigentlich ein Quatsch-Gedanke, aber irgendwie ist er trotzdem da). Und gleichzeitig ermöglicht genau so etwas das Vertrauen, das ich zu ihr hab. Ich bin es so Leid zu versuchen mich Leuten in face2face-Kommunikation verständlich zu machen, die absolut nie etwas Ähnliches erlebt haben und mich 0 nachvollziehen können. Und da hilft es mir manchmal, wenn ich bemerke: Aha, meine Therapeutin hat potenziell auch mal so etwas erlebt und kann das deshalb nachfühlen. Ist also irgendwie ziemlich zweischneidig die Sache, aber grundsätzlich können Vergleiche und so schon auch der Therapie zuträglich sein, glaube ich… Hoffe ich… 🙂 Ganz liebe Grüße und ein schönes restliches Wochenende dir!

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    1. Danke für deinen Input! Bei meiner damaligen Verhaltenstherapie wegen meiner Bulimie dachte ich mir auch oft, dass sich all ihre Tipps aus der Sicht einer gesunden Person leicht sagen…oftmals wünschte ich mir eine Therapeutin, die wirklich wusste, was ich durchmachte. Verständnis ist also was ganz Tolles, doch ich glaube, es ist trotzdem etwas anderes, als das gegenseitige Vergleichen! Ich werde diese Eigenschaft an meiner Therapeutin auf jeden Fall weiter verfolgen und schauen, in welche Richtung es gehen mag 🙂

      Liebe Grüße zurück!

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  4. Ich glaube, es ist schon ein deutlicher Unterschied, von Dingen zu erzählen, die einen gesamten Lebensabschnitt ausgemacht haben (wie Erziehung) und dem Erzählen einer passenden erlebten Situation am Wochenende.
    Ich glaube, eine Therapeutin sollte definitiv den Abstand wahren und eben nicht die gute Freundin sein, aber wenn sie mit Fingerspitzengefühl vorgeht, dann ist es doch okay, selbst erlebtes zu berichten. Ich glaube, manchmal kann der Kanal auch voll sein und dann ist es vielleicht für den Patienten einfacher, einen Rat in Form einer persönlichen Geschichte anzunehmen, als auf irgendeine andere Art.
    Ich denke, du musst dir da keine Gedanken machen und kannst einfach das gute Gefühl genießen, dass die Sitzung ausgelöst hat 😉

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  5. Kann man das so klar mit ja oder nein beantworten? Vielleicht wäre statt „ich weiß“ auch „ich kann mir ungefähr vorstellen“ eine bessere Formulierung, die auch Beiden noch ein wenig „Luft“ läßt?

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  6. Die Selbsthilfe funktioniert alleine über eigene Berichte und Erfahrungen der Betroffenen. Keiner rät einem anderen, keiner nimmt Bezug auf einen Wortbeitrag eines anderen, jeder erzählt nur von sich und wie er bestimmte Situationen gemeistert hat. Es liegt an einem selbst, was man davon selbst versucht umzusetzen. Mir persönlich hat diese Form der „Therapie“ immer am Besten geholfen. Bei den meisten Therapeuten hatte ich das Gefühl, dass sie nur aus Büchern sprachen und mein Problem überhaupt nicht nachvollziehen konnten. Ich für mich brauche aber das Gefühl, dass mich jemand genau versteht.

    Deine ehemalige Therapeutin hat vielleicht versucht, diesen Aspekt der Selbsthilfe mit zu übernehmen, durch ihre Vergleiche. Sie hat dann aber wohlmöglich nicht ihre Grenze erkannt. Bei dem Versuch von ihr, ihre Erfahrungen als Frau (die zugegebener Maßen auch diskriminiert werden, aber anders) mit deinen rassistischen Erfahrungen gleich zu setzen, hätte sie vielleicht zugeben müssen, dass sie das nicht 100% nachvollziehen kann. Der Versuch, an der Stelle Verständnis durch Vergleiche zu erzeugen kann auch nach hinten losgehen. Je nach Schweregrad des Übergriffs, kann man sogar eine Abwertung des Übergiffs fühlen, wenn die verglichene Situation nicht annähernd so schlimm war. Man denkt dann vielleicht: „Du verstehst überhaupt nicht, was ich wirklich durchgemacht habe.“

    Das ist alles eine Gradwanderung und oft auch von den eigenen Persönlichkeit abhängig, was besser hilft und was nicht.

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    1. Danke für deine Meinung! Prinzipiell denke ich, dass, wenn eine Therapie erfolgreich ist, nicht allzu viel falsch gemacht sein könnte. Die einen präferieren Distanz, die anderen eher weniger. Ich glaube, dass ich ein Mittelding von beidem mag. Meine andere Therapeutin ging mit ihren Aussagen viel zu weit, meine jetzige hält sich da meiner Meinung nach im Rahmen!

      Liebe Grüße!

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