„Wie viel wiegt mein Leben?“ – Buchrezension und Kaufempfehlung für Betroffene mit Magersucht

Heute habe ich wieder eine Buchrezension für euch, die wunderbar in meinen Blog über Essstörungen passt: „Wie viel wiegt mein Leben?“ von Antonia Wesseling.

Vielleicht wisst ihr schon, wie ich zu Autobiographien stehe, die von Essstörungen handeln. Oft habe ich das Gefühl, dass sie sehr trauma-lastig sind und nicht genügend praktische Hilfsmöglichkeit bieten. Umso erfreuter war ich, als dieser Klappentext sehr vielversprechend und „anders“ klang.

Zum Förmlichen

Ich habe das Buch innerhalb von zwei Tagen beendet, was zum Großteil daran liegt, dass mir der Schreibstil der Autorin sehr gefallen hat. Ich hatte beim Lesen zwar immer das Gefühl, dass sie eine jüngere Zielgruppe anspricht, aber vielleicht war gerade deshalb ihre Sprache sehr angenehm und trotz der Schwere der Themen überraschend leicht.

Antonia Wesseling spricht aus der Ich-Perspektive als „Toni“ und spricht ihre Leser*innen zugleich in der Du-Form an. Das hat das Leseerlebnis für mich gleich viel persönlicher und vertrauter gemacht.

Als „Struktur-Freak“ muss ich auch den Aufbau des Buches loben. Es ist zwar eine Biographie, die größtenteils chronologisch aufgebaut ist, hat jedoch eingängige Leseabschnitte, die immer wieder aufeinander aufbauen. Die Biographie wird von einigen Zwischenpassagen unterbrochen, in denen ihre Familie oder Fachkundige zu Wort kommen, und kleine Tipps mit auf den Weg gegeben werden.

„Wie viel wiegt mein Leben?“ 

Antonia erkrankt im Alter von vierzehn Jahren an einer Magersucht, die sich für die nächsten Jahre wie ein Schatten an sie festsetzt und ihr die Jugend raubt. Sie erzählt ihre Geschichte unzensiert und ohne Scham, und gibt viele, intime Eindrücke aus ihrem Familienleben und ihrer Gefühlswelt preis. Ebenfalls erwähnt sie, dass ihre Magersucht mit weiteren psychischen Lastern einhergeht, die ich jetzt nicht erwähnen will, um nicht zu spoilern, aber sehr deutlich macht, dass es eben nie „nur“ eine Essstörung ist.

Biographien haben aber meiner Meinung nach nur dann einen nachhaltigen Mehrwert, wenn nicht nur die eigene Geschichte erzählt, sondern systematisch in die Tiefe gegangen wird. Dies war bei diesem Buch definitiv der Fall.

Über den Tellerrand schauen

Das Buch wird seinem Untertitel „Warum wir bei Magersucht über den Tellerrand schauen müssen“ allemal gerecht, denn es wird mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass es weder um Essen oder Gewicht, sondern vielmehr um etwas viel Tieferes (negative Glaubenssätze, seelische Verletzungen etc.) geht. Ansonsten finden viele weitere wichtige Themen, wie Achtsamkeit, die Ergründung der eigenen Gefühle, und Akzeptanz ihren Platz im Buch.

Meine Highlights

Obwohl einen so gesehen „alles“ triggern kann, hatte ich den Eindruck, dass die Themen mit sehr viel Feingefühl behandelt wurden. Glücklicherweise enthielt das Buch keine Äußerungen zum Gewicht der Autorin, da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass sie dazu verleiten, in zwanghaftes Vergleichen überzugehen.

Dass die Familie immer wieder zu Wort kam, fand ich auch sehr wertvoll, da der Fokus nach außen gelenkt wurde und die Essstörung von Außenstehenden beschrieben wurde. Die Mutter fand ich besonders großartig und ist mir – obwohl ich sie nicht kenne – direkt ans Herz gewachsen.

Auch sehr schön fand ich das gewisse „Happy End“, da es für Betroffene unfassbar wichtig ist zu wissen, dass es trotz qualvoller, traumatischer Hindernisse trotzdem einen Weg da raus gibt.

Meine Kritik

Während des Lesens bin ich über einige, wenige Passagen gestolpert, die meiner Meinung nach zu grob und oberflächlich angerissen waren. Manchmal hat mir ein wissenschaftlicher Ansatz und der Zusatz weiterer Quellen gefehlt. Das Buch ist zwar in erster Linie eine Autobiographie, aber für meinen Geschmack zu „seicht“, wenn es bei konkreten Phänomenen in die Tiefe geht.

Da war zum Beispiel das Thema Sucht, in der die Autorin einen Experten interviewt hatte und dieser erklärte, warum die Magersucht nur bedingt eine Sucht ist.  Ich sehe das aus der Sicht einer „Erfahrungsexpertin“ anders, da viele Betroffene die Essstörung tatsächlich wie eine Sucht empfinden, aus der sie nicht mehr rauskommen. Bei Essanfällen ist es ja so, dass die Betroffenen nicht mehr aufhören können, weil sie „wie auf Droge sind“ und (vor allem fettige) Lebensmittel dieselbe Wirkung im Gehirn haben wie Kokain. Auch beim Hungern werden körpereigene Opiate freigesetzt, die euphorisch und süchtig nach mehr machen. Bei Drogen geht es selten um die konsumierte Substanz, als mehr um das, was dahintersteht. Und gerade bei Essstörungen ist es ja so, dass man eben nicht einen Entzug von Essen machen kann, sondern das Esssverhalten neu erlernt werden muss.

Ähnlich ging es mir mit der Passage zum Extremhunger. Dieses komplexe Phänomen wurde auch nur kurz angerissen – ich weiß nicht, ob nicht Betroffene verstehen würden, was gemeint war. Es wird auch nicht erwähnt, dass Extremhunger per se nicht nur gut, sondern auch „gefährlich“ werden kann, weil viele Betroffene (zum Beispiel ich) auf diese Weise von der Magersucht ins Binge Eating rutschen können.

„Wie viel wiegt mein Leben?“ – Mein Fazit

Ich finde das Buch wirklich sehr gelungen und, anders, als viele andere „Ratgeber“, die ich davor gelesen habe, tatsächlich hilfreich. Es enthält eine ehrliche Geschichte, viel Selbstreflexion, mutmachende Worte und praktische Lösungsansätze.

Besonders empfehlen würde ich es Betroffenen einer Magersucht oder den jeweiligen Angehörigen, die sich über die Krankheit informieren wollen. Auch glaube ich, dass die Zielgruppe eher eine jüngere ist. Ob es Betroffenen mit einer Bulimie, Binge Eating oder anderem Form auf „praktische Weise“ helfen wird, weiß ich tatsächlich nicht, da es schon konkret um das Thema Magersucht und „Kontrolle“ geht. Betroffene mit der Bulimie und Binge Eating leiden ja zumeist unter jener „Kontrolllosigkeit“. Nichtsdesto trotz enthält es im Kern sehr viele wichtige Gedanken, in denen sich nahezu alle Personen mit psychischen Krankheiten wiederfinden werden.

Ihr könnt das Buch bei Amazon, aber auch im Buchladen eures Vertrauens finden. 🙂

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Und falls ihr auf der Suche nach einem „Duden“ für Essstörungen seid, kann ich euch das Buch von Michaela Schubert ebenfalls nur ans Herz legen. Ich empfehle es vor allem Angehörigen von Betroffenen!

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Ich danke Toni sehr für das Rezensionsexemplar und hoffe, dass sie mit diesem Buch viele Menschen erreichen wird! ♥

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B u c h e m p f e h l u n g 📖 Werbung Letzte Woche habe ich das Buch #wievielwiegtmeinleben von @tonipure beendet. Auf eure Nachfrage hin kommt meine Meinung dazu: Ich mochte es wirklich sehr gern. ☺️ Der Schreibstil war ehrlich und ihre persönliche Geschichte berührend. Obwohl ich Toni schon seit einiger Zeit folge, habe ich sie beim „Lesen“ auf eine ganz andere Art kennengelernt. Ihr Buch ist keine Autobiografie im klassischen Sinne, da es viele kleine Tipps und Impulse enthält, die Betroffenen weiterhelfen können. Was ich an dem Buch besonders schön finde, ist, dass man merkt, wie sehr sich Toni darum bemüht hat, nicht triggernde Inhalte zu teilen. Es ist ehrlich und mutmachend. Am ehesten würde ich es tatsächlich Betroffenen einer Magersucht, weil es sehr spezifisch um eben diese Form der Essstörung geht. Auch glaube ich, dass die Zielgruppe eher jünger ist, was das Lesegefühl für mich allerdings keineswegs eingeschränkt hat. Wer es aber auf jeden Fall lesen sollte, sind Angehörige, um das Gefühlsleben und die „Taten“ einer Betroffenen besser nachvollziehen zu können. Die ganze Rezension gibt’s in meinem Blog, bei der ich inhaltlich mehr in die Tiefe gehe! Link in der Bio ⬆️ Habt ihr das Buch schon gelesen? Oder bereits davon gehört? . #buchtipp #buchempfehlung #buchrezension #biografie #edrecovery #edrecoverywarrior #essstörungrecovery #anorexianervosarecovery #rausausderessstörung #recoveryanorexia #recoveryispossible

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*Dieser Blogpost ist nicht gesponsort, enthält jedoch affiliate Links und Werbung wegen Namensnennung. Das Buch ist mir als Rezensionsexemplar zugestellt worden.

 

 

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