Seid ihr rachsüchtig?

Rache – ein Wort, das jedem bekannt, und doch sehr verschrien ist. Aber Hand aufs Herz: Wenn ihr wirklich ehrlich zu euch sein solltet, würdet ihr von euch behaupten, dass ihr rachsüchtig seid?

Ich selbst habe mir diese Frage nie gestellt, hätte sie aber vermutlich immer mit nein beantwortet. Rache war für mich immer viel zu negativ behaftet. Menschen, die nach Rache dursten, werden in Büchern und Filmen als die Bösen dargestellt. Und die Bösen verlieren bekanntlich immer.

Nun frage ich mich allerdings, ob meine Ansicht in all den Jahren nicht etwas pauschalisiert war. Schließlich ist Rachelust auch nur eine menschliche Emotion. Wir können Gefühle nicht verhindern. Wenn der Wunsch nach Rache in einem aufschwappt, ist er eben da. Wie wir mit ihm umgehen, ist etwas völlig anderes.

Je länger ich darüber sinniere, desto klarer wird, mir, dass ich schon immer ein sehr starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit hatte. Sah ich etwas Ungerechtes vor mir, überkam mich der Wunsch nach Vergeltung. Klingt etwas dramatisch, ist aber so. Im Leben passieren einfach zu viele Dinge, die schlicht und ergreifend unfair sind. Wir Menschen wollen Gerechtigkeit, vor allem dann, wenn wir uns machtlos fühlen. Im Grunde ist Karma auch nichts anderes, oder?

Rache ist bitter

Mit dem Jahren ist mir eines klargeworden. Rache ist nicht immer süß, manchmal ist sie sogar so bitter, dass sich einem dabei der ganze Mund verzieht.

Ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, an dem ich „Rache“ ausgeübt habe. Es war zwar eine ziemlich kinderkackige Aktion (Mädchen macht Typen, auf den sie steht, eifersüchtig, weil er gemein zu ihr war). Die Folge dessen war jedoch alles andere als süß. Der Junge, den ich mochte, war tatsächlich verletzt. So verletzt, dass sein ganzes Gesicht seinen Schmerz sprach. Da hatte ich also meine Rache, doch ich fühlte mich kein Stück besser, weil ich diesen Menschen mit meiner kindischen Aktion verletzt hatte.

Wütend sein, aber Rache loslassen

Es ist das eine, wütend zu sein und den Wunsch nach Vergeltung zu haben. Doch es ist etwas anderes, die Rache auszuüben. Besser ist es, die Emotionen anzunehmen, zu akzeptieren und loszulassen.

In dem Buch „Resilienz“, das ich neulich gelesen und euch vorgestellt habe, gibt es eine Passage über das Thema Rache. Die Autorin macht klar, dass Rache überhaupt nichts bringt und den Menschen zu sehr an das Gegenüber bindet.

Einer der großen Irrtümer ist, dass Rache eine Lösung sei. In diesem Irrtum verlieren viele ihre letzte psychische Widerstandskraft. Machen Sie sich bewusst, dass Rache immer wieder zur weiteren Schwächung führt.

Prieß, Mirriam 2019. Resilienz. München. S.183

Auch wenn wir glauben, dass wir uns durch eine Vergeltungstat in der Siegerposition befinden, bedeutet das nur, dass jener Mensch nach wie vor zu viel Macht über uns hat. Der eigene Schmerz verschwindet dadurch nicht, er wird nicht einmal weniger. Um das Geschehene wirklich loszulassen muss auch die Rache losgelassen werden. Denn sie bringt nichts. Sie ist bitter. Das ist zumindest meine Meinung.

Wie seht ihr das? Findet ihr, dass Rache süß oder bitter ist? (Bei dieser Frage gibt es auch kein richtig oder falsch!)

4 Kommentare zu „Seid ihr rachsüchtig?

  1. Es macht für mich einen Unterschied, ob man nur über einen Racheakt nachdenkt oder ihn tatsächlich ausführt. Sich ausmalen, wie man sich an einer Person rächt, finde ich nicht schlimm und ein Stück weit sogar befreiend – nicht, weil ich der Person wirklich etwas schlimmes wünschen würde, sondern weil es die eigene Frustration ganz gut abbauen kann. Mich aber tatsächlich durch einen Streich rächen würde ich nie, weil es oft in einer Spirale enden kann und oft noch hässlichere Nachwirkungen mit sich zieht.

    Ich würde auch grundsätzlich zwischen einer einmaligen Aktion einer anderen Person und regelmäßigen Ungerechtigkeiten unterscheiden. Wenn eine Person, mit der ich auch in Zukunft noch zu tun haben werde, mich einmal auf irgendeine Art und Weise verletzt hat, würde ich es ihr klar mitteilen. Wenn ich keinen Kontakt mehr mit dieser Person haben werde, mir ausmalen, wie sie durch ihr Verhalten irgendwann auf die Nase fällt (was ja auch eine Art der Rachsüchtigkeit ist)
    Wenn mir eine Person wiederholt unrecht tut und sich auch durch Hinweise nicht davon abbringen lässt, würde ich entweder den Kontakt einstellen oder – wenn das nicht möglich ist – mir im Außen Unterstützung suchen, um mit der Situation umgehen zu können.

    Rache ausüben hat für mich immer den Beigeschmack, sich auf das Niveau des anderen herab zu setzen und das würde ich nicht wollen. Aber wie gesagt, Pläne schmieden kann manchmal schon hilfreich sein – gerade wenn sie super absurd und albern sind.

    Liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    1. Du sprichst da einen sehr inteessanten Punkt an…Mich in Rachefantasien zu verlieren kam mir auch immer falsch und „charakterschwach“ vor, aber jetzt wo du es sagst, wirkt es total einleuchtend! Außerdem hat die Fantasie nichts mit der Realität zu tun! Aber beim Thema „Rache ausüben“ bin ich ganz auf deiner Seite! Ich finde, damit gibt man der anderen Person viel zu viel Macht über einen, und setzt sich, wie du schon sagtest, auf ihr Niveau herab!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Ich kann zwar deinen Gedanken zu „Charakterschwach“ verstehen, betrachte es aber eher von der Seite, dass es schwach wäre, sich alles gefallen zu lassen und zu schlucken, statt sich zumindest innerlich davon abzugrenzen und so auch ein Stück weit zu verarbeiten. Falls das einen Sinn ergibt?

        Liebe Grüße!

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s