„Ich kann niemandem glauben“ – Therapiestunde #10

Was passiert, wenn man anderen nicht vertraut? Hat das Konsequenzen? Kann man trotzdem gut damit leben? Ich möchte euch gerne von meiner letzten Therapiestunde erzählen, in der ich zugab, dass ich niemandem glaube.

Es war eine dieser Stunden, in der wir durch Zufall auf dieses Thema stießen. Sie sagte das Eine und dann sagte ich das Andere. Plötzlich erwähnte ich eine Situation, die mir neulich widerfahren war. Ich hatte meinem Freund unterstellt, dass er den Kaffeesatz aus Faulheit nicht richtig entsorgt hätte. Daraufhin reagierte er gekränkt und enttäuscht, weil er selbstverständlich getan hatte, worum ich ihn gebeten hatte! Und obwohl er es mir bestätigt hatte, musste ich später nochmal im Biomüll nachsehen, um mich zu vergewissern. Als ich den Kaffee dort vorfand, hatte ich ein so schlechtes Gewissen, dass ich fast heulen musste. Warum hatte ich ihm nicht geglaubt, obwohl er es mir doch gesagt hatte?

Und dann, als ich meiner Therapeutin davon erzählte, wurde es mir klar:

Ich vertraue fast niemandem.

Es gibt nur eine Hand voll Menschen, bei denen ich weiß, dass jedes Wort, das von ihren Lippen kommt, wahr ist. Das sind entweder sehr direkte Menschen, die sehr offen und ehrlich durchs Leben schreiten, oder welche, zu denen ich eine ganz, ganz tiefe Verbindung habe. Und selbst bei denen, zum Beispiel meinem Freund, schwappt hin und wieder die Skepsis auf und übernimmt die Steuerung über mein Mundwerkt und glaubt einer Person erst, wenn ein Beweis vorliegt.

Verrückt, oder? Mir ist das Jahre lang selbst nicht klar gewesen, aber es ist so. Seit ich denken kann, gehe ich davon aus, dass die Menschen mich grundsätzlich belügen. In derselben Stunde kamen wir zwar schnell auf den Ursprung meiner Urskepsis, aber auf diesen werde ich hier nicht eingehen, weil es eigentlich irrelevant ist.

Leben, ohne anderen zu glauben

Wenn ich höre, dass Person xy zu spät kommt, weil sie den Bus verpasst hat, denke ich instinktiv, dass sie lügt und etwas anderes dahintersteckt. Wiederholt sich das Ganze, verstärkt sich meine Grundannahme, dass xy gerne mal flunkert. Selbst bei Komplimenten war es früher so. Lange konnte ich sie nicht annehmen, weil ich nicht glaubte, dass die Person es ernst meinte. Schon klar, mein niedriger Selbstwert hing damit auch zusammen – aber es war vor allem auch die Grundannahme, dass ich belogen wurde. Wobei das Eine das andere nicht ausschließt … Eigentlich hängt es sogar ziemlich eng zusammen.

Natürlich konfrontiere ich mein Gegenüber nicht mit meinen Theorien, ich will schließlich nicht streiten. Stattdessen stellte ich mich dumm und tat so, als würde ich die Aussage tatsächlich glauben. Und irgendwie kam ich damit gut durchs Leben.

„Welche Folgen hat das?“

Meine Therapeutin stellte mir diese Frage und ich zuckte bloß mit den Schultern. Was sollte es schon groß für Folgen haben? Dann vertraute ich eben nicht, na und? Solange es mein Leben nicht beeinträchtigt…

„Und was war mit dem Streit mit Ihrem Freund?“

Touché, dachte ich. Anderen nicht zu glauben, sorgt zwangsläufig für Konflikte. Ich sinnierte weiter darüber und erkannte immer mehr Folgen.

Anderen zu unterstellen, dass sie mich belügen, macht mich traurig, aber auch wütend. Anderen nicht zu glauben, macht mich unter anderem auch einsam, da ich mich ohne Vertrauen nicht mitteile. Überhaupt lässt es mich die ganze Welt – um es poetisch auszudrücken – grau und trostlos sehen. Ohne Vertrauen fehlt der Glanz. Ohne Vertrauen ist alles matt.

„Beide Extreme sind problematisch.“

Einer der Gründe, warum ich jedem gegenüber so skeptisch bin, ist, weil ich nicht für dumm verkauft werden möchte. Ich bin kein naives Dummchen, aber scheinbar trotzdem nicht besser, weil ich stattdessen im gegenteiligen Extrem schwimme. Ich muss einen Mittelweg suchen, einen, in dem ich mich zu vertrauen wage, aber gesunde Skepsis wahre (Reim unbeabsichtigt).

Nur wie? Das ist nämlich immer das Problem. Wie ändere ich ein Verhalten, das ich mir angelernt und über Jahre unbewusst praktiziert habe? Wie lege ich etwas ab, das so tief in mir verankert ist?

Vermutlich ist das genau wie bei der Essstörung: Ich muss mein Verhalten AKTIV ändern. Das heißt: Das Misstrauen beiseite schieben und die Worte des Gegenübers ohne Beweisvorlage annehmen. Das wird sicher viele Anläufe brauchen und nicht von heute auf morgen gehen. Aber mein Lieblingssatz heißt schließlich nicht umsonst „Es ist alles ein Prozess.“

Na ja, mal sehen, was die Zeit so bringt. Ich werde euch auf jeden Fall Bericht erstatten! ❤

Wie steht ihr im Bezug zum Vertrauen? Fällt es euch auch schwer, anderen zu glauben und vertrauen? Wenn ja, wie geht ihr damit um?

9 Kommentare zu „„Ich kann niemandem glauben“ – Therapiestunde #10

  1. Ich vertraue meinen Freunden blind. Sonst wären es nämlich nicht meine Freunde. Demnach habe ich wenig wirkliche Freunde.
    Bei allen anderen bin ich aber auch kritisch und gehe allgemein davon aus, dass ich belogen werde. Bei mir hat sich das aus Erfahrung raus gebildet und ist jetzt halt da. Würde aber auch behaupten, dass es mich nicht wirklich beeinflusst im Alltag es ist nunmal so.
    Zum Teil fällt es mir aber wirklich schwer, wenn ich weiss, dass ich mich in einer Situation zu 100% auf jmd verlassen muss. Zum Beispiel bei einer Partnerarbeit im Studium. Da habe ich immer das Gefühl, ohne mich würde nichts geschehen obwohl die anderen ja (meistens zumindest) auch gut arbeiten. Aber in so Situation arbeite ich gerne allein. Auf mich kann ich mich nämlich immer verlassen.
    Liebe Grüsse
    Winona

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  2. Mal ganz doof gefragt nach dieser Geschichte: bist Du eigentlich quasi „enttäuscht“, wenn Du feststellst, daß Du nicht belogen wurdest?

    Und auf Deine Frage hin: ich vertraue Leuten generell erstmal. Habe auch festgestellt, daß es hier und da die Leute motiviert. Wenn das allerdings beschädigt wird, hat der- oder diejenige ganz schön zu strampeln um mein Vertrauen in ihn/sie wiederherzustellen.

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  3. Bei mir auch eher mehr Vertrauen. Auch Vorschussvertrauen, wenn ich jemanden noch nicht so gut kenne. Aber ich ärgere mich maßlos, wenn das enttäuscht wird. Mache mir aber dann immer wieder bewusst, dass das zum Leben dazu gehört. Nur wenn ich Vorschussvertrauen gebe, kann sich eine „Beziehung“ i.w.S. entwickeln. Wird das enttäuscht, weiß ich halt Bescheid, dass ich diesem Menschen besser nicht (mehr) vertrauen sollte.

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  4. Bei mir ist es so, dass man sich mein Vertrauen sehe langsam verdienen muss. Gerade wenn es um zwischenmenschliche Dinge geht.

    In „allgemeinen“ Themen fällt es mir oft schneller leicht, den Worten anderer zu glauben, doch sobald es um Kontakte oder Beziehungen jeder Art geht, dauert es mit unter sehr lange, bis ich einer Person vollkommen vertraue – und wenn das Gerüst noch fragile ist, können mir mitunter auch Kleinigkeiten ausreichen, um es als Beweis zu sehen, dass ich dieser Person nicht trauen kann/sollte. Oder wenn eine große Verletzung durch eine andere Person geschieht, beeinflusst es auch mein Vertrauen in andere Menschen.

    Aber: wenn eine Person einmal mein Vertrauen gewonnen hat, vertraue ich ihr blind und zweifle ihre Aktionen auch nicht mehr an, selbst wenn sie mich im ersten Moment aufgeregt oder verletzt haben. Es ist also irgendwie eine Mischung zwischen vertrauen und nicht vertrauen bei mir 🙂

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    1. Spannend! Also muss braucht man eine Weile, um in den Kreis aufgenommen zu werden, aber kommt dann nicht wieder raus ☺️ Bei mir variiert das glaub ich von Thema zu Thema. Es gab schon Fremde, denen ich mehr anvertraut hatte, als meinen ältesten Freundinnen! 🤔

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      1. Das ist auch spannend! Ich vertraue manchen Menschen schneller als anderen, das ja. Aber an sich vertraue ich den meisten Menschen, denen ich wirklich vertraue, in einem ähnlichen Ausmaß. Zwar auch mitunter in verschiedenen Themen, aber Aussagen/Erklärungen glaube ich ab einem gewissen Punkt direkt.
        Wobei es für mich definitiv auch einen riesigen Unterschied macht, wo und unter welchen Umständen ich eine Person kennengelernt habe ^^
        Liebe Grüße!

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