Warum Mobbing nicht nur laut und aggressiv, sondern auch leise und unauffällig sein kann

Neulich wurde ich gefragt, ob ich während meiner Schulzeit Erfahrung mit Mobbing hatte. Die Antwort darauf fiel mir sehr schwer und ließ vergangene Erinnerungen hochkommen. Ich habe ein bisschen über dieses Thema nachgedacht und möchte gerne mit euch teilen, warum ich denke, dass Mobbing nicht nur laut und aggressiv, sondern auch leise und unauffällig sein kann.

„Wurdest du in der Schule gemobbt?“

Mein erster Impuls war „nein“ zu sagen. Eigentlich wurde ich nicht gemobbt. Zumindest nicht so, wie man es aus irgendwelchen amerikanischen Filmen kennt. Ich wurde nicht gegen einen Spind gedrückt, mir wurde nicht mein Mittagessen geklaut und mein Kopf wurde auch nicht in die Toilette gesteckt.

Aber fühlte ich mich während meiner Schulzeit auf emotionale Weise gewalttätig behandelt? Ja…

Von Schülern, aber auch von Lehrern.

Schüler, weil sie mich ausschlossen. Weil sie mich als neue Schülerin nirgendwo mit einbezogen. Weil sie hinter meinem Rücken über mich lästerten. Weil sie mich als einzige aus der Klasse nicht zu einer Party einluden. Weil sie über meine Kleidung lachten, die meine Mutter noch für mich kaufte. Weil sie meine Bräuche (zum Beispiel, dass ich als Kind/Jugendliche am Ramadan teilnahm) verabscheuten. Weil sie Flaschendrehen spielten und mich als hässlichstes Mädchen auswählten („Es ist doch nur ein Spiel!“)

Lehrer mochten mich eigentlich, weil ich immer sehr ruhig war. Doch einige von ihnen hielten es für möglich nötig, ihre Macht zu missbrauchen und mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen (weil ich in einem Fach ziemlich schlecht war). Oder aber sie lebten ihren Rassismus aus, indem sie meinen Namen partout falsch aussprachen, weil er ihnen zu „schwer“ erschien. Oder sie bezichtigten mich einer blöden Tat, weil sie mich versehentlich mit dem dunkelhäutigen Mädchen aus der Parallelklasse verwechselt hatten…

Ist das auch eine Form von Mobbing?

Ja, Mobbing kann auch psychisch ausgehen. Emotionale Gewalt ist auch Gewalt. Erst jetzt ist mir so richtig klargeworden, wie schwer die Schulzeit (besonders die frühen Jahre) für mich waren. Ich habe Wunden aus der Zeit getragen – keine körperlichen, aber seelische. Mobbing hat eben viele Gesichter.

Habe ich auch Menschen auch mal „emotional“ gemobbt?

Ich schäme mich das zuzugeben, aber vermutlich war auch ich hin und wieder Täterin. Auch ich zog jemanden manchmal „aus Spaß“ auf.  Manchmal überschreiten wir Grenzen, ohne es selbst wahrzunehmen. Und wenn wir den Eindruck verspüren, dass es der anderen Person nichts ausmacht, hinterfragen wir unser Handeln nicht.

Mobbing ist nicht nur laut und aggressiv, sondern auch leise und unauffällig.

Die meisten Menschen, die unsere Hilfe brauchen, bitten nicht darum. Die meisten, die verletzt sind, geben es nicht zu. Die meisten vergießen ihre Tränen hinter unseren Rücken.

Niemand von uns kann Gedanken lesen, aber vielleicht sollten wir trotzdem die Augen offenhalten und nicht nur dann aufmerksam werden, wenn wir einen weinenden Menschen oder eine blutende Nase sehen. Sobald wir unterschwellig spüren, dass wir vielleicht zu weit gegangen sind, sollten wir uns vielleicht erkundigen, ob das verletzend für die Person war. 

Noch ein paar Worte zu den nicht-Mobbern, sondern nur denjenigen, die nichts tun und „zusehen“:

Ihr seid nicht besser, wenn ihr euch einfach raushaltet. Das Problem zu ignorieren ist fast genauso schlimm wie die Tat selbst. Wir Menschen sollten lernen füreinander da zu sein und nicht immer unsere Mitmenschen ihre Kämpfe allein austragen lassen. Alle für einen, eine/r für alle. ♥

 

17 Kommentare zu „Warum Mobbing nicht nur laut und aggressiv, sondern auch leise und unauffällig sein kann

  1. Mir kommen die Tränen,denn in vielen hab ich ähnliches durchgemacht wie Du.Besonders der Machtmissbrauch der Lehrer(hab Dyskalkulie) und das wegsehen vieler anderer die es mitbekamen.’Da ist was passiert? Das war mir gar nicht bewusst‘,hab ich mal auf einen Klassentreffen gesagt bekommen.

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    1. Danke für deinen ehrlichen Kommentar! Es tut mir leid, dass dir Ähnliches widerfahren ist, aber genau deshalb habe ich den Beitrag geschrieben – um zu zeigen, dass wir nicht allein sind! Und das Mobbing viel mehr ist als körperliche Peinigung!

      Liebe Grüße! ❤

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      1. Ich habe erst nach der Schule/anfang Ausbildungszeit so darunter gelitten das ich freiwillig in eine Klinik (antroposophisch) gegangen und auch weitere Therapien im Anspruch genommen habe. (auch eine spirituelle Praxis kann da begleitend mit unterstützen und das behielt ich seitdem als Teil meines Lebens bei). Ich habe sogar von einem Täter von damals eine Entschuldigung,Einsicht und seitdem hat sich über die Jahre sogar eine Freundschaft entwickelt.Ich weiß das dies allein mein Weg damit ist und viele Arschlöcher (sorry) bleiben auch einfach arschlöcher.Heute würde ich am liebsten meine Erfolge (wie die Anthologien in den ich vertreten bin) meinen alten Lehrerinnen vorlegen um ihnen zu zeigen das sie mit ihrer Aussage ‚Aus dir wird eh nichts!‘ bei mir nicht recht hatten.Sorry für den Roman,Mia ^^“

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      2. Toll, dass du dir gegen all das Mobbing Hilfe gesucht hast. Leider begegnet es einem in jeder Lebenslage. Einige zeigen Ansicht, andere weniger. Es freut mich so sehr zu hören/lesen, dass du dich nicht von den Stimmen deiner Lehrer*innen hast unterkriegen lassen!

        Liebe Grüße!

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  2. Ich wurde auf dem Gymnasium gemobbt, aber nur von Schulkameraden und nicht von Lehrern. Ich wurde mit Dreck beworfen, an den Haaren gezogen und geschubst, meine Bücher wurden kaputtgerissen, teilweise „verschwanden“ auch kleine Sachen wie Stifte oder Radiergummis. Als Aufhänger diente ein Makel im Aussehen. Es war eine schlimme Zeit für mich, ich musste sogar ein Jahr wiederholen deshalb. Das Gute daran war, dass ich dann in eine neue Klasse kam, wo ich akzeptiert wurde.

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  3. Ich glaube, sehr viele können sich in diesem Beitrag wieder finden… Bei mir stand hinter allem immer die Frage, ob ich mir das nicht gerade einfach nur einbilde und ich überempfindlich bin oder ob die anderen (insbesondere Lehrer) einfach blind sind und nicht sehen wollen, was da vor sich geht.

    Diese leise Art der Ausgrenzung und schlechten Behandlung fand ich persönlich auch tatsächlich immer schlimmer, als die lautere und aggressive Form. Vielleicht lag das am Umgang mit beiden Arten der Gewalt. Wenn Mitschüler tatsächlich handgreiflich geworden sind, kollektiv Dinge von einem Mitschüler geklaut haben, seine Sachen kaputt gemacht haben und so weiter wurde bei uns an der Schule direkt dagegen vorgegangen. Wenn ein Schüler immer übrig blieb, weil keiner mit ihm arbeiten wollte, sich in den Pausen auf dem Klo versteckt hat, weil er draußen nicht alleine sitzen wollte, ignoriert wurde, leise Gerüchte über ihn verteilt wurden und so weiter wurde nichts gemacht – denn es war ja nichts. Beziehungsweise habe ich mir das eine oder andere Mal anhören müssen, dass ich selber daran schuld sei…
    Ich habe tatsächlich beide Formen erlebt, wenn auch die leisere um einiges stärker. Bei den „lauten“ Vorfällen wurden Maßnahmen ergriffen, bei den anderen wurde mir gesagt, ich müsse etwas an mir ändern. Ab einem gewissen Punkt habe ich dann wohl angefangen, mich selber zu „mobben“, also abzuwerten, zu übergehen, aggressiv gegen mich zu werden usw. Ich hab dieses „Nicht Gesehen Werden“ und gleichzeitig aus Scham nicht darüber reden können nicht mehr ausgehalten.

    Für mich in meiner persönlichen Geschichte tragen tatsächlich meine Lehrer, insbesondere meine Klassenlehrerin in der 5.-7. die Hauptschuld an dem, was ich erlebt habe. Sie hat nicht gehandelt, auch als ich einmal den Mut aufgebracht habe und etwas gesagt habe. Einige der Haupttäterinnen in meiner Klasse waren Kinder von ihren Freundinnen, vielleicht lag es daran.

    Was ich mit dem ganzen Palaver sagen möchte: ich glaube, eine weitere Form, die ich noch anfügen würde, wäre Selbstmobbing als ein Oberbegriff für Selbstabwertung, Selbstverletzendes Verhalten und Gedanken, überstärke Selbstzweifel und so weiter.

    Liebe Grüße!

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    1. Danke für deinen Kommentar! Was mir beim Lesen ein bisschen das Herz gebrochen hat war, dass deine Lehrer nichts gemacht haben – dabei wäre es ihre Aufgabe gewesen, zu handeln und dich ggf davon zu beschützen. Und das wohl schlimmste ist, wenn der Spieß plötzlich umgedreht wird und man selbst die hypersensible ist… Deine Ergänzung – deinen Oberbegriff „Selbstmobbing“ finde ich sehr zutreffend und teile ich.

      Ich finde, wir können uns alle auf die Schulterklopfen, dass wir die Schulzeit halbwegs überlebt haben.

      Liebe Grüße!

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      1. Für den Lehrer ist es einfacher, den Spieß umzudrehen. Er gibt für sich damit die Verantwortung ab (denn das Kind is ja selber komisch). Und das geht bei „leisem“ Mobbing einfach viel leichter, es ist einfach leichter zu ignorieren und weg zu schieben.

        Schule als Institution ist auch einfach ein super seltsames Konstrukt: Menschen werden auf engem Raum zusammen gepfercht, haben kaum Möglichkeit, diesen Raum zu verlassen und müssen dann für X Jahre mit den anderen gemeinsam überleben, egal was passiert. Irgendwo ist das zum Scheitern verurteilt.

        Ich wünsch dir ein schönes und entspanntes Wochenende! 🙂

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      2. Ja, eben! Ich glaube sogar, dass das Leben in der Schule einigermaßen funktionieren würde, wenn Respekt, Empathie und Toleranz mehr Wichtigkeit bekommen würde. Andernfalls ist es wie ein Gefängnisaufenthalt, bei dem man bei guter Führung nach 10-12 Jahren raus kann 😛 (verzeih mein Galgenhumor!)

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      3. Puh, das ist ja fies! Dann haben Menschen mit einem Hauptschulabschluss ja eine viel kürzere Inhaftierung als Gymnasiasten! Unfair! 😂

        Aber stimmt schon, wenn das Zwischenmenschliche mehr gefördert und die Leistung gefordert wären, liefe es wahrscheinlich besser. Und wenn es mehr Lehrer von der Art gäbe, die sich wirklich dafür interessieren, wie es den Schülern geht und die auch bereit sind, etwas zu machen, um die Dinge zu bessern. Als (Opfer)Schüler ist man da zum Teil ziemlich machtlos und eben auf äußere Hilfe angewiesen. Und nur Aufklärung über Mobbing reicht da nicht 🙄

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      4. „Ich finde, wir können uns alle auf die Schulterklopfen, dass wir die Schulzeit halbwegs überlebt haben.“

        … Aber ÄUßERST können wir uns auf die Schultern klopfen! Volles Brett, Leude- 😆

        Passt weiter gut auf euch auf! VVN

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  4. Ich kenne das unter anderem genau so. Still und leise, die anderen haben es gar nicht mitgekriegt. Und das Schlimme ist, wenn man es anspricht, heißt es nur „das bildest du dir doch ein“, obwohl ich es mir definitiv nicht eingebildet habe. Das ist das, was das Fass zum Überlaufen bringt. Das gibt einem den Rest.

    Gefällt 5 Personen

  5. Ich wurde früher eindeutig gemobbt, auch wenn es den Begriff Mobbing damals noch nicht gab. Und ich gehörte wenn dann zu denen, die nur zuschauten und nichts taten, aber einfach auch aus Angst, dass ich sonst womöglich zur Zielscheibe werden könnte, was ich ja schon oft genug war.
    Ich habe sehr sehr lange gebraucht, um mich vom Mobbing zu erholen. Aber im Nachhinein bin ich froh, zu den Gemobbten und nicht zu den Mobbern gehörte. Es machte mich zu dem Menschen, den ich jetzt bin. Ich bin dadurch rücksichtsvoller gegenüber den Gefühlen anderer. Ich bin bestrebt, andere Menschen nicht zu verletzen, ich bin ein netterer und lieberer Mensch geworden dadurch. Trotzdem wäre es nicht nötig gewesen und mittlerweile habe ich einfach noch Mitleid mit dem Mädchen, das ich früher war und das sich selbst nicht helfen konnte. Gerne würde ich die Zeit zurückdrehen und für mein jüngeres Ich einstehen, jetzt da ich das gelernt habe.

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