Lernen, wütend zu sein – Therapiestunde #10

Wut. Ein natürliches Gefühl, das wir oft verdrängen, weil…ja, warum eigentlich? Müssen wir erst lernen, wütend zu sein?

Über Wut in der Therapie sprechen

Bei meiner letzten Therapie Sitzung ging es um das Thema Wut. Ich erklärte meiner Therapeutin mein Dilemma bezüglich einer Person, die sehr viel Wut in mir hervorruft. Doch mehr als Wut löst sie Sorge, Frustration und Machtlosigkeit in mir aus. Ich erzählte ihr von bestimmten Situationen, in denen ich mich gefangen fühlte, weil ich nicht wusste, wie ich mich der Situation entziehen konnte. All diese Zustände sind so einnebelnd, dass ich die Wut ganz bewusst verdränge – ja schon unterdrücke. Ich will nicht wütend sein, weil ich nicht weiß, was dann passieren wird.

„Wut schickt sich nicht.“

Im Grunde ist es nicht verwunderlich, dass es mir so schwer fällt wütend zu sein. Wut wird seit jeher immer nur Männern zugeschrieben. Zeigt eine Frau Wut, wird sie als melodramatisch oder zickig abgestempelt. Zeigt eine schwarze Frau Wut, dann spiegelt sie das Bild der „Angry Black Woman“, in dessen Schublade sie so gern gesteckt wird. Nein, ich bin nicht wütend. Ich war immer sehr darauf bedacht, anderen Menschen nicht noch mehr Gründe zu geben, über mich herzuziehen.

Gefühle unterdrücken macht krank.

Das Problem ist nur, dass man Gefühle nicht steuern kann. Sie kommen hoch, egal, ob es uns passt oder nicht. Was wir tun können, ist sie zuzulassen und anzunehmen – oder aber zu verdrängen. Weggehen tun sie trotzdem nie, im Gegenteil. Unterdrückte Wut ist die gefährlichste Wut. Sie frisst sich durch unseren Körper, saugt uns aus und raubt uns die letzte Energie. Wut zu unterdrücken ist gefährlich.

Wut ist gesund.

„Sie müssen wütender werden!“ – So der weise Rat meiner Therapeutin. Ich schüttelte nur den Kopf, weil mir dieser Vorschlag nicht behagte. Ich mochte das Gefühl von Wut nicht. Ich mochte es nicht, wenn ich anfing rumzuschreien und den Drang zu verspüren, etwas kaputt zu machen. Im Gegenteil wollte ich sogar lernen, gar nicht mehr wütend zu sein.

„Die Wut wird Sie retten.“

Auch diesen Rat wollte ich nicht so recht verstehen. Wie konnte mich etwas retten, das mir so viele negativen Gefühle gab?

Für meine Situation jedoch hatte sie recht. Die Wut half mir. Sie ließ mich klarer schauen, wenn ich mal wieder dabei war, in schlechtes Gewissen zu versinken, weil jene Person so viel Macht über mich hatte. Ich war wütend, aber ich sah auch warum. Ich war wütend und kannte den Grund. Ich war wütend und konnte zu meinen Gunsten handeln.

Ich muss lernen, wütend zu sein.

Ich muss es lernen, weil es wichtig für meine Gesundheit ist. Ich muss es lernen, weil ich mich mithilfe der Wut der emotionalen Erpressung widersetzen kann. Ich muss es lernen, weil es mich vom Teufelskreis befreien wird.

Wut ist nichts Schlimmes – Wut ist menschlich.

Wir sind nicht hypersensibel oder zickig, wenn wir wütend sind. Wir sind keine „Tiere“, die sich nicht beherrschen können. Wir sind Menschen und wir sind wütend. Weil wir es dürfen.

In den letzten Tagen habe ich es tatsächlich zugelassen, etwas wütend zu sein. Was mich überrascht hat war, dass die Wut sehr schnell verraucht ist, nachdem ich sie zugelassen hatte. Viel schneller als wenn ich sie verdrängte.

Wie ist es mit euch und der Wut? Lebt ihr eure Wut offen aus? Fällt es euch manchmal schwer, sie zuzulassen?

5 Kommentare zu „Lernen, wütend zu sein – Therapiestunde #10

  1. Ich kann wahnsinnig wütend werden, wenn ich auf Inkompetenz, Machtmissbrauch oder Ungerechtigkeit treffe. Und ich lebe es es oft aus, wenn ich es unterdrücke, geht es oft schief, weil die Wut immer neue Nahrung kriegt, weil die Umstände sich nicht ändern. Ich empfinde meine Wut oft als kraftvollen Freund, durch den ich die Power habe zu handeln.

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  2. Richtig wütend zu sein fand ich als Kind eher anstrengend, ebenso wie alle anderen starken Gefühle wie Freude, Trauer usw.. Ich kann für mich keinen rechten Sinn in so einer „Gefühlsüberreizung“ des eigenen Systems sehen.

    Mehr in Gedanken etwas wütend zu sein, finde ich aber praktisch, um sinnvolle Dinge zu tun, bei denen ich sonst Hemmungen hätte.

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