Essstörungen sind ein schleichender Prozess – Wie alles begann

Lange Zeit dachte ich, dass ich plötzlich in die Essstörung gerutscht war. So abrupt wie sie da war, dachte ich, dass es nur einen Auslöser gab. Aber dem war so nicht. In diesem Beitrag möchte ich euch erzählen, wie alles begann.

Da in den letzten Monaten viele neue Menschen dazugekommen sind, kam oft die Frage auf, wie alles bei mir begonnen hatte. Diejenigen, die schon seit drei Jahren dabei sind, wissen es vielleicht, denn ich habe immer wieder darüber geschrieben. Diesmal jedoch möchte ich die ganze Geschichte erzählen. Wie die Essstörung sich durch verschiedene Einflüsse bemerkbar machte und durch einen Auslöser ausbrach. Ich werde jedoch andersherum beginnen – mit dem Auslöser und dann mit den Einflüssen.

Der Auslöser

Ich befand mich mitten in meinen Abiturprüfungen und hatte ziemlich große Existenzängste. Ich wollte zwar nicht mehr länger zur Schule gehen, doch ich wusste auch nicht, was mir danach bevorstehen würde. Zudem war ich ziemlich verknallt in einem Jungen. Seit Jahren schon. Und wie sich herausstellte, erwiderte er meine Gefühle.

Ich schwebte auf Wolke 7, war aber gleichzeitig so unsicher wie nie zuvor. Da er sehr gut gebaut war, versuchte ich instinktiv ebenfalls ein bisschen auf meine Figur zu achten.

Als ich über den Sommer in den USA war und mir eine Lebensmittelvergiftung einfing, nahm ich ungeplant ein paar Kilos ab. Berauscht von dem Gefühl weniger zu wiegen, achtete ich immer mehr auf meine Ernährung und redete mir selbst ein, den „gesunden Lifestyle“ zu leben.

Doch dann kam alles anders. Mein Freund trennte sich eines Tages wie aus dem Nichts von mir. Ich war todtraurig, einsam und fühlte mich vor den Kopf gestoßen. In meiner Uni fand ich keinen Anschluss, weil ich zu deprimiert war, um mich irgendwo einzubringen. Die Essstörung war alles, was ich noch hatte. Sie gab mir die Kontrolle über meinen Körper. Sie gab mir etwas, worauf ich mich fixieren konnte. Die Recherche über Kalorien und Sport lenkte mich erfolgreich ab. Ich gab mich der Krankheiten hin, weil ich dachte, dass sie mir gut tat. Doch das tat sie nicht. Ich rutschte geradewegs in die Essstörung.

Das war also der Auslöser. Liebeskummer. Und doch war sie nicht die Ursache.

Die Essstörung hatte sich schon viele Jahre zuvor an mich herangeschlichen.

Essstörungen haben nie eine einzige Ursache und einen einzigen Auslöser. Sie stützen sich auf verschiedene Einflüsse unseres Lebens.

Unwohlsein des Körpers

Als Kind sagte man mir von allen Seiten, ich sei viel zu dünn. Als Jugendliche formte mein Körper sich zu einer Birne– unten schlank und nach unten hin immer breiter werdend. Ich fand meine Brüste viel zu klein und meinen Bauch zu schwabbelig. Meinen Hintern fand ich ganz okay, aber meine Oberschenkel waren mir zu dick. Ich gab es zwar nie zu, aber ich fühlte mich nicht wohl in meinem Körper.

Sport und Diäten – Druck aus der Schule

Natürlich war ich nicht die einzige, die sich in meiner Schule mit den Themen Körper, Ernährung und Sport auseinandersetze. Viele aus meinem Jahrgang besuchten bereits Fitnessstudios und berichteten von ihren Workouts (vor allem die Jungs). Einige aßen kaum noch Süßes. Eine Freundin verzichtete gänzlich auf Zucker. Wieder eine andere auf Kohlenhydrate.

Dann begann es auch bei mir. Immer wieder warf ich einen prüfenden Blick auf meinen Bauch, der nicht ganz so straff war, wie der meiner Mitschülerinnen. Ich fing an, mich mit den anderen zu vergleichen.

Irgendwann ließ ich den Käse aus. Und die Butter. Und den Orangensaft. Von nun an trank ich nur noch Wasser. Und als all die Verzichte trotzdem nicht dazu führten, dass ich abnahm, bekam ich erstmals Heißhunger.

Niedriger Selbstwert

Und dann gab es da noch meinen Selbstwert, der die meiste Zeit meines Lebens kaum existent war. Ich hielt nicht viel von mir. Weder mochte ich meinen Körper noch etwas anderes an meinem Äußeren. Ich fand mich weder hübsch noch liebenswert. Bekam ich ein Kompliment, dachte ich, jemand würde sich über mich lustig machen. Mein Selbstwert war praktisch nicht existent. Ich wollte unsichtbar sein.

Einsamkeit

Obwohl ich von meiner Familie sehr geliebt wurde, war ich schon immer ein sehr einsames Kind. Einsam, weil ich wenige Freund*innen hatte. Einsam, weil ich immer wieder rassistische Sprüche um die Ohren bekam, die als „Scherz“ gemeint waren. Einsam, weil ich immer das Gefühl hatte, dass ich nirgendwo dazugehörte.

Traumata

Traumata können Auslöser für verschiedene physische und psychische Krankheiten sein. Bei mir waren es verschiedene. Zum einen war da die Mobbingerfahrung aus meiner Schulzeit. Dann waren da noch die rassistischen Übergriffe, die ihre tiefen Wunden hinterließen. Später gab es noch weitere Übergriffe, Übergriffe, die mich für immer traumatisierten.

Meine Essstörung kam über Nacht und doch hatte sie sich jahrelang an mich herangeschlichen.

Sie war schon in der Kindheit da und wurde durch verschiedene Einflüsse genährt. Sie wurde immer größer, stärker und lauter. Und dann, im verletzlichsten Moment meines Lebens brach sie aus.

Wie begann es bei euch? Erinnert ihr euch an eure Auslöser? Hattet auch ihr verschiedene Einflüsse?

Hier ein paar ältere Beiträge, die ich euch gern ans Herz legen würde:

Was wir alle vorher hätten wissen sollen: Essstörungen können sich verschieben
Nach dem Rückschlag geht es wieder bergauf – Die Heilung einer Essstörung verläuft nicht linear

 

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