Victim Blaming: Was ist eine Täter-Opfer-Umkehr?

Falsche Anschuldigungen können gefährlich sein. Noch gefährlicher ist es allerdings, wenn dem Opfer nicht geglaubt wird und es als Täter hingestellt wird. Ich möchte euch heute das Vorgehen der sogenannten Täter-Opfer Umkehr vorstellen, und warum sie so gefährlich ist.

Was ist eine Täter-Opfer Umkehr?

Victim Blaming, zu Deutsch: eine Täter-Opfer Umkehr, beschreibt das Phänomen, dass dem Opfer Schuld für das Handeln des Täters gegeben wird. Das „Urteil“ fällt dann zugunsten des Täters aus, während das Opfer die Schuld trägt.

Typische Opferbeschuldigungen kommen auf bei Vergewaltigung oder sexueller Nötigung („Aber die Frau hatte auch ein kurzes Kleid an“/ „Selbst schuld, wenn sie das Foto verschickt“), häuslicher Gewalt („Du zwingst mich dazu, dich zu schlagen/ So reagiere ich eben, wenn du mit anderen flirtest!), rassistischen Übergriffen („Er sah eben sehr verdächtig aus“) und sonstiger Belästigung. Auf die Punkte Rassismus und Vergewaltigung werde ich gleich noch näher eingehen.

In den meisten meiner Beispiele ist die Frau übrigens absichtlich das Opfer und der Mann der Täter, weil es in unserer patriarchalen/sexistischen Gesellschaft leider nach wie vor zu häufig vorkommt, dass die Schuld der Opfer infrage gestellt wird. Dennoch kennt die Täter-Opfer Umkehr weder Alter noch Geschlecht.

Viele denken beim Opfer wird zum Täter Thema immer gleich an Extremfälle, in denen Frau dafür gesteinigt wird, weil sie ihren Ehemann betrogen hat. Doch lasst mich gesagt haben, dass wir gar nicht erst den Kontinent wechseln müssen und den Dreck lieber erst mal vor unserer eigenen Tür kehren sollten. Ich kenne unzählige Beispiele, in denen „hier“ im „zivilisierten“ Deutschland dem Opfer zu Unrecht die Schuld gegeben wurde und ich bin sicher, dass euch selbst auch viele eigene Beispiele einfallen werden…

Täter- Opfer-Umkehr bei Rassismus

Das Vorgehen kommt auch sehr häufig beim Thema Rassismus auf. Opfer machen die Täter darauf aufmerksam, dass sie rassistisch gehandelt haben (manchmal auch laut und energisch), woraufhin die Täter, die oft nichts Böses in ihrer Tat sehen, den Spieß umdrehen, weil sie sich angegriffen fühlen. Ich erwähne das deshalb nochmal extra, weil mir diese Form von Täter-Umkehr am häufigsten begegnet. Nach dem Motto:

Opfer: „Das war gerade ganz schön rassistisch von dir. Ich bin gerade richtig verletzt“

Täter: „Hä, das war doch nur ein Witz! Mein Kumpel lacht auch immer darüber! Ich bin kein Rassist! Du bist einfach nur viel zu sensibel und verstehst keinen Spaß…“

Hier ein aktuelles Beispiel für eine rassistische Täter-Opfer Umkehr. Der deutsch-ghanaischer Tänzer Prince wird mit Kartons beschmissen und rassistisch beleidigt (weil er sich über das N-Wort beschwert), doch am Ende wird ER aus dem Aldi rausgeschmissen, obwohl ER das Opfer ist. Zudem spricht ihm der Filialleiter seine Gefühle ab und sieht nicht ein, warum er das Wort nicht sagen darf. Zum Glück hat Aldi sich bei Prince entschuldigt und dem Filialleiter gekündigt!

Hier das Video:

Täter-Opfer-Umkehr bei Vergewaltigung

Ebenso häufig tritt das Phänomen bei Missbrauchsvorwürfen auf. Der Fokus wird dann nicht auf die Tat, sondern auf nebensächliche Details gelenkt („Warum war sie überhaupt so spät allein unterwegs? Warum trug sie ein kurzes Kleid? Warum ist sie so lange mit dem Typen zusammengeblieben, wenn er angeblich so schlimm war?“).

Viele Opfer trauen sich deshalb gar nicht erst, sich anderen anzuvertrauen, da ihnen in den meisten Fällen ohnehin nicht geglaubt wird. Tun sie es doch, droht ihnen oft die reinste Hexenjagd, da es selten Beweise für sexuellen Missbrauch gibt (besonders nicht, wenn die Tat Jahre zurückliegt) und zu wenig Sympathie für die Opfer besteht. („Warum hast du nicht einfach gleich was gesagt? Vielleicht hast du dir das nur eingebildet? Pass auf, was du sagst – mit Rufmord kannst du damit das Leben dieses Menschen zerstören!“)

Deshalb nehme ich die Anschuldigungen von Opfern grundsätzlich immer sehr ernst. Es erfordert viel Mut, sich der ganzen Hetze zu stellen und noch mehr, sich anzuvertrauen. Das ist kein Spaß, den man sich freiwillig wünscht – oder weil man aufmerksamkeitsgeil ist, wie viele (Arschlöcher) denken.

Opfer bleibt Opfer – nicht Täter

Es ist keine Ansichtssache, es ist auch nicht von Fall zu Fall anders. Ein Täter bleibt ein Täter und ein Opfer ein Opfer – Punkt. Mag sein, dass der Täter ebenfalls eine Geschichte hat und ihm zugehört werden muss, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er in diesem Fall der Täter bleibt.

(Psychische) Folgen einer Täter-Opfer-Umkehr

Die (psychischen) Folgen bei einer Täter-Opfer Umkehr sind sehr groß und besonders ernstzunehmen. Hier nur ein paar mögliche Folgen:

  • Das Opfer beginnt, an seiner eigenen Intuition und Wahrnehmung zu zweifeln
  • Gefühle und Emotionen wie Stress, Scham, Angst, Einsamkeit und Schuld werden zusätzlich verstärkt
  • Das Trauma verstärkt sich ggf., da dem Opfer nicht geglaubt wird
  • Das Opfer vertraut sich nicht mehr länger an und trägt die Last ganz allein mit sich
  • Das Opfer kann sich nicht aus einer toxischen Beziehung befreien, weil es keine mentale, soziale und juristische Unterstützung erhält
  • Dem Opfer drohen Folgen (juristische, am Arbeitsplatz), weil zugunsten des Täters entschieden wird

(Übrigens verwende ich absichtlich so häufig das Wort Opfer, weil sie in diesem Kontext eben jene sind – und nicht die Täter!!! Eigentlich aber sind sie mutig und stark und selbstbestimmt, weil sie sich der Ungerechtigkeit stellen!)

Schluss mit Victim Blaming!

Wenn Opfer sich äußern, sollte ihnen immer erst mal zugehört werden. NIEMALS sollten ihnen die Gefühle abgesprochen werden. Wir müssen ihr Anliegen mit Empathie und Sensibilität behandeln und, wenn wir selbst nicht betroffen sind, unsere eigene Meinung für uns behalten. Das Opfer sollte sich niemals vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn es sich endlich traut, „darüber“ zu reden. Seid also da und hört zu. Mehr müsst ihr nicht tun. Aber diese Täter-Opfer-Umkehr muss endgültig ein Ende haben.

Habt ihr weitere Gedanken/Ergänzungen zur sogenannten Täter-Opfer-Umkehr?

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