Briefe schreiben und nicht abschicken – Selbsttherapie #10

Neues Jahr neues Glück. Viele notieren sich ein paar Vorsätze, die sie im Laufe des Jahres erreichen wollen. Ich hingegen schreibe Briefe und schicke sie nicht ab – als eine Form der Selbsttherapie.

Warum schreibe ich einen Brief und schicke ihn nicht ab?

Im ersten Moment könnte es unlogisch erscheinen, einen Brief zu schreiben, ohne ihn zu versenden. Schließlich besteht sein einziger Sinn darin, von einer anderen Person gelesen zu werden. In diesem Brief hingegen geht es lediglich darum, etwas für mich zu tun. Ich schicke ihn nicht ab, weil ich nicht will, dass er gelesen wird. Ich schreibe ihn nur für mich, um meine eigenen Gedanken zu reflektieren und all das zu sagen, was ich einer Person am liebsten nicht ins Gesicht sagen würde.

Der Brief soll ein Ventil für unterdrückte Gedanken und Gefühle sein.

In der Vergangenheit schrieb ich bereits jene Briefe. Einer davon richtete sich an eine ehemalige Freundin, die mich nach jahrelanger Freundschaft wie einen alten Kartoffelsack fallen ließ. Vieles an ihrem Verhalten verletzte und ärgerte mich. Also setzte ich mich eineis Tages hin, um einen Brief an sie zu schreiben. Ich offenbarte ihr meinen Zorn über ihr Verhalten und scheute mich nicht, die kreativsten Ausdrücke zu verwenden. Ich schimpfte und trauerte und vermisste. Als der Brief fertig war, wusste ich, dass ich diesen absurden Brief niemals abschicken konnte. Aber das musste ich auch nicht mehr. Ich hatte meine Wut raus gelassen. Es ging mir tatsächlich besser.

Später schrieb ich immer wieder Briefe, die ich nicht abschickte. 

Ich schrieb an meinen Exfreund, an meine Eltern, an meine FreundInnen. Ich schrieb sogar an mein verstorbenes Kaninchen (und erntete eine Menge Gelächter, als meine Schwester durch Zufall meinen Brief las^^). Kurz: ich schrieb meine Gefühle nieder. 

Aber ist es nicht besser, der Person direkt zu sagen, was ich von ihr halte?

Vielleicht würden einige gegenargumentieren, dass es immer besser ist, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren, und sich nicht hinter einem Brief zu verstecken. Dies wäre nämlich nur reine Konfliktvermeidung, die mir nur allzu bekannt ist. 

Und ja, eigentlich stimmt das auch. Aber der Brief ist weniger als Mitteilung für andere gedacht, sondern als Mitteillung für mich selbst. Ich will mit dem Brief nichts gerade biegen, mich vertragen, streiten, oder Sonstiges. Ich will nur meine Gefühle rauslassen, verarbeiten und vielleicht auch abschließen.

Heute schreibe ich einen Brief an eine Person, die nicht mehr ein Teil meines Lebens ist.

Wir hatten bereits Ende letzten Jahres ein abschließendes Gespräch, doch mit liegt noch einiges auf der Zuge, das ich gerne loswerden möchte. Es würde nichts bringen, ein persönliches Gespräch aufzusuchen, weil es ohnehin nichts mehr ändern würde. Dennoch weiß ich, dass es mir helfen wird, der Person einen Brief zu schreiben und ihr  meine Gedanken und Gefühle niederzulegen, um es „rauszulassen“. 

Was passiert mit dem Brief, wenn er nicht abgeschickt wird?

Das ist ganz euch überlassen. Ihr könnt ihn aufheben, und bei Gelegenheit wieder lesen. Ihr könnt ihn aber auch schreiben und danach sofort wegschmeißen.

Was haltet ihr von der Idee, einen Brief zu schreiben, aber nicht zu verschicken? Könntet ihr euch diese Form der Selbsttherapie vorstellen? Habt ihr etwas Ähnliches vielleicht sogar mal ausprobiert?

PS.: Mein Buch „Zwischen meinen Worten“ ist jetzt erhältlich!

zwischen_meinen_worten

22 Kommentare zu „Briefe schreiben und nicht abschicken – Selbsttherapie #10

  1. Finde ich auf jeden Fall gut und würde ich auch gar nicht in „Konkurrenz“ zu ’nem persönlichen Gespräch sehen. Denn manchmal muß etwas einfach nur raus. Und was man dann am wenigsten gebrauchen kann, sind Antworten 🙂
    Liebe Grüße und komm gut ins neue Jahr!

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  2. Habe ich auch schon gemacht. Im tiefsten Liebeskummer, als mich mein Exfreund verlassen hat. Habe den Brief dann gleich verbrannt. Tat gut.

    Eine gutes Neues Jahr dir noch!

    Marion

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  3. Ich finde das auch wahnsinnig nützlich – gerade auch bei Menschen, die man aus diversen Gründen nicht (mehr) persönlich sprechen kann/möchte. Danke für die Erinnerung, werde ich auch bald wieder einmal machen!
    Ganz viel Befreiung beim Schreiben wünsch ich dir 🙂

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  4. Tatsächlich mache ich das auch selber. Es hilft einfach, sich zumindest schriftlich den Ärger vom Herzen zu schreiben und man kann meiner Meinung nach auch viel ehrlicher sein, als wenn man ihn verschicken würde, da die Person ihn eh nie lesen und einen mit den Informationen zurück verletzen kann. Es geht ja manchmal auch gar nicht darum, der Person noch unbedingt dieses oder jenes sagen zu wollen, sondern mit Dingen abzuschließen und in diesen Rahmen ist es einfach eine Art der (Selbst)Reflexion.

    Manchmal schreibe ich auch Briefe an mein späteres „Ich“ – davon liegen inzwischen so an die 10 in einer Kiste herum 😀

    Ich schreibe zum Beispiel auch gelegentlich Briefe an meine Mama, die ja bereits verstorben ist. Manchmal, weil mir etwas unausgesprochenes einfällt oder weil ich mich über meinen Papa aufregen möchte 😉 Oder einfach um ihr zu „erzählen“, was gerade in meinem Leben los ist. Das wird dann immer super emotional und ich fange fast immer an zu weinen, aber es tut auch unglaublich gut!

    Und ich verbrenne die nicht-geschickten Briefe auch oft – um noch ein wenig mehr abschließen zu können 🙂

    Liebe Grüße!

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  5. Frohes neues Jahr, liebe Mia! 😊

    Ich könnt mir gut vorstellen, diese Methode auszuprobieren. Bisher hab ich zwar immer nur gezielt (mit Briefübergabe) an einzelne Leute geschrieben, oder aber für eine größere Leserschaft, und empfand das beides schon als sehr hilfreich und heilsam- Aber: immer mal was Neues! 😉

    Lass es dir gutgehen! VVN

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  6. Habe ich tatsächlich erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal gemacht und es tat unheimlich gut. Aber ich weiß nicht, was ich mit dem Briefen jetzt machen soll. Behalten will ich sie nicht, weil die darin eingeflossenen Gefühle tatsächlich losgelassen werden wollen. Wegschmeißen ist aber auch komisch. Vielleicht werde ich sie verbrennen…

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  7. Die Idee ist gut, ist sogar großartig.. – Ich habe sie bislang allerdings stets so umgesetzt, dass ich letztlich an mich geschrieben habe. Allerdings nicht so wirklich oder klassisch in Briefform. Große Teile meines Blogs sind allerdings Selbstreflexionen, und darin flossen und fließen immer wieder Gedanken zu Ereignissen und Personen, zu deren Abläufen bzw deren Verhalten ein, zu denen ich mir dann oft auch etwas von der Seele schreibe. Das hat durchaus etwas von Selbsttherapie – freilich mit unterschiedlichem Erfolg. Aber eine momentane Las hilft es doch zumindest meist ein wenig zu mindern.

    Noch zu wenig, aber in eine ähnlcihe Richtung gehend, direkter aber, führe bzw. schreibe ich „Selbstgespräche“.

    Schon lange (DU weißt ein bisschen davon 😉) schwelt in mir eine Idee für ein größeres Projekt, dass irgendwie diese Form aufgreifend, viele Gedanken umfassen würde, die ich kaum direkt an einen Menschen adressiert zu Papier bringen könnte.

    Übrigens kann ich es ganz emotional sehr gut mit- und nachempfinden, dass Du entsprechende Briefe bewahrst …

    Meine liebsten Grüße an Dich! 💖⚓✨

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  8. Hallo meine Liebe,

    ich habe erst sehr wenig von deinem Blog gelesen. Finde diesen jedoch Klasse. Sehr offen und an manchen stellen hilfreich.

    Ich finde es toll, dass du dich mit diesem/deinem Thema auseinandersetzt!

    Ich war vor Jahren selbst auf dem Weg in eine Essstörung. Von einem extrem in das andere.
    Irgendwas hatte mir geholfen nicht krank zu werden.

    Allerdings kämpfte ich seit vielen Jahren mit meinem Körper und meiner Ernährung. Hab mich schlecht gefühlt,wenn ich mir was gegönnt habe. Auch Alkohol und Drogen waren defenitiv ein Thema. Ich stand öfters vor dem Spiegel und habe mich einfach nur fertig gemacht. Es war ein verdammter Kreislauf.

    Mir hat es tatsächlich geholfen, an den Ursprung des Problems zurückzukehren. Zu dem Zeitpunkt in dem das ganze zum erste Mal angefangen hat. In diese Zeit Ressourcen zu schicken, die ich gebraucht hätte.

    Weiter auch die Arbeit mit meinem verletzten inneren Kind, das wahrschenlich in uns allen schlummet 🙂 und tiefe Wunden mit sich trägt.

    Die Rückkehr zu meinen weiblichen Wurzeln, der Prozess in dem ich gerade stecke, hilft mir sehr dabei mein Körpergefühl zu finden, die Verbindung zu mir selbst, zu meiner Schönheit, weiblichkeit. Die Intuition zu Entwickeln, was mein Körper braucht, was ihm und meiner Seele gut tut.

    Ich fühle mich mehr und mehr Selbstbestimmter, Selbstbewusster. Und zum ersten Mal wirklich, wahrhaftig Glücklich mit meinem Körper.

    Mein Essverhalten, hat sich dadurch auch stark verändert. Ich geniesse Essen. Ich esse Bewusster und mit Dankbarkeit. Es gibt keine Eskapaden, sowie Hungerzeiten, viel weniger Heisshungerattaken. Außer zu bestimmten Zeiten meiner zyklischen Phasen.

    Dies ist nur ein Teil meines Weges, der wahrscheinlich nicht so ausgeprägt war, wie es bei dir der Fall ist.

    Würde mich freuen von dir zu hören, falls du mal über meine Selbsthilfe sprechen willst.

    Wünsche dir alles gute!

    Die Nackte Frau

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für dein Feedback und deine ehrlichen Worte! Es freut mich sehr, dass du ein Stück deines Weges mit mir geteilt hast und du von dir behaupten kannst, dass du glücklich in deinem Körper bist!

      Liebe Grüße!

      Liken

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