„Konfliktscheu“? – Ich muss lernen, mich zu streiten

Wisst ihr, was ich hasse? Streit. Ich hasse es, mich zu streiten und vermeide deshalb sämtliche Konflikte. Doch nach der heutigen Therapiestunde ist mir klargeworden, dass ich unbedingt lernen muss, mich zu streiten.

Da ich aus einem Umfeld stamme, in dem immer sehr laut und sehr lange gestritten wurde, versuchte ich mein ganzes Leben lang jene Situationen zu vermeiden. Das bedeutete auch, dass ich mich oft zurücknahm. Gab es Konfliktpotenzial, ging es selten von mir aus. Ich hielt den Schnabel, egal wie sehr ich innerlich explodierte.

Doch damit half ich niemandem – am wenigsten mir selbst.

Eigentlich dachte ich, dass meine Taktik besonders schlau war. Ich stritt mich nicht, und wenn, dann erstickte ich eine brenzlige Situation im Keim. Keine Diskussion darüber, wenn es mir dabei schlecht ging. Kein Ton, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Kein Streit, mit niemandem. Der harmoniebedürftige Teil in mir wollte den Frieden um jedes wahren!

Kurz gesagt: es ging mir nicht gut.

Mehr noch – ich war eine Marionette und wusste es selbst nicht. Jede/r konnte mit mir machen, was er/sie wollte, denn ich argumentierte nicht. Dieses ständige Unterdrücken ist unter anderem ein Grund dafür, warum ich jetzt wieder in Therapie bin. Der Druck hatte sich ein anderes Ventil gesucht – ich bekam Angstzustände, Panikattacken, Zwangsgedanken.

Muss ich lernen, mich zu streiten?

Ja, das muss ich. Ich muss mich den Konflikten stellen und das daraus entstehende Gefühl aushalten. Es geht nicht, sie immer nur zu unterdrücken und den „leichten“ Weg zu nehmen. Ich muss streiten und lernen es zu ertragen, wenn es laut wird. Wenn mir Worte entgegengeschleudert werden, die mich verletzen. Wenn meine Harmonie unterbrochen wird.

Ich muss den konflikt“freudigen“ Teil in mir aktivieren und den alten zurücklassen. Der alte ist nämlich während meiner Kindheit entstanden, doch jetzt bin ich erwachsen und weiß es besser. Mein kindlicher Anteil sollte nicht über heutige Situationen entscheiden. Er sollte da bleiben, wo er ist – in der Vergangenheit!

Wie handhabt ihr das mit Konflikten? Könnt ihr euch streiten? Weicht ihr ihnen aus? Was macht das mit euch?

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11 Kommentare zu „„Konfliktscheu“? – Ich muss lernen, mich zu streiten

  1. Das kommt mir sehr bekannt vor…. Bei uns wurde früher sehr viel und laut gestritten…. ich habe diese Situationen so gehasst. Darum habe ich mich damals dann einfach in mein Zimmer verkrochen, Musik angemacht und Kopfhörer aufgesetzt. Heute bemerke ich bei mir, dass ich jedem Streit aus dem Weg gehe. Ich will Ruhe und Harmonie. Mich aus der Haut zu bringen ist nahezu unmöglich. Das ist manchmal fast unheimlich, wie sehr ich mich kontrolliere. Ich lasse keine Wut zu….. schlucke alle Wut runter und erschlage alle Gedanken daran, mal laut zu werden. Ich deutete das immer damit, dass ich mich einfach im Griff habe….. aber ob das so ist oder ich alles einfach nur erdrücke und was es mit mir macht – darüber habe ich nie nachgedacht……

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  2. Fast noch schlimmer als der Streit an sich, ist für mich das danach. „Was denkt der andere jetzt über mich? Stand mir meine Kritik zu? Stelle ich mich vielleicht einfach nur an? ….“ Und andersrum „Hat der andere in Rage gesprochen und hat er gesagt, was er wirklich von mir denkt? Sind wir wirklich wieder im Reinen?“ Ich habe schon viele Kontakte nach einem Streit abgebrochen, weil ich nicht weiß, wie man weiter macht.

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  3. Liebe Mia, vielleicht hilft es dir, wenn du das hässliche Wort „Streit“ umbenennst in „Debatte“. Ich selbst empfinde das sehr entspannend, denn letztlich geht es ja um eine Auseinandersetzung über ein Thema bei dem es verschiedene Ansichten gibt; es geht um die Findung eines Kompromisses oder einer Übereinkunft, oder auch um die Einsicht eines der Debattierpartner, dass er/sie im Unrecht ist. Eine Debatte ist automatisch etwas weniger emotionsgeladen als ein Streit oder Krach. Meine Erfahrung zeigt auch, je eher etwas auf den Tisch gebracht wird, desto weniger Ärger und Frustrationen schwingen mit. In dem Sinne bringen Zuwarten oder Runterschlucken nichts, sondern sind kontraproduktiv. Im Weiteren habe ich (beruflich) gelernt, dass in Debatten oder Diskussionen nur ‚ich‘-Mitteilungen erlaubt sind, also keine ‚du‘-Anklagen. Das funktioniert ganz gut! Guten Mut zur eigenen Meinung, liebe Grüsse

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    1. Das Wort „Debatte“ klingt tatsächlich sanfter 🙂 aber ich muss sagen, dass das in der Praxis gar nicht so leicht ist. Vielleicht muss Streit aber auch nicht wütend schimpfen und Türen knallen bedeuten, sondern einfach nur aussprechen, was Sache ist. Siehst du das ähnlich?

      Liebe Grüße!

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      1. Absolut! Wobei ich nicht etwa behaupten möchte, ich könne das immer. Bin eher der impulsive Typ. Aber da komme ich bei meinem Mann nicht weit, deshalb musste ich lernen, mein Mütchen zu kühlen und klare Ansagen zu machen. So geht’s besser (und schneller). Auch habe ich mich verabschiedet davon, dass es immer und auf alles eine Lösung gibt. Gewisse Unstimmigkeiten oder Meinungsverschiedenheiten muss man aushalten können. Das “ ein Herz und eine Seele“ anzustreben ist Blödsinn, man bleibt immer eine eigenständige Person. Sich lieben kann man sich als Paar trotzdem.

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  4. Streit ist ja keine Frage der Lautstärke. Im Grunde versucht man ja stets, es auf argumentativer Ebene zu lösen. Zumindest so lange, bis man erkennt, daß es mit dem Gegenüber sinnhaft scheint. – Ist der Punkt erreicht, hilft zumeist nur eine klare Ansage.

    Streiten lernen? Vielleicht eher: lernen zu erkennen, daß es manchmal nicht anders geht?

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  5. Ich verstehe deine Konfliktscheuheit sehr gut! Auch bei mir zu Hause wurde, obwohl wir eigentlich immer alle zusammenhielten/zusammenhalten, viel und laut gestritten – vor allendingen in der Zeit, als meine Schwester gerade in der Hochphase ihrer Pubertät war. Ich, als kleinen Schwester, die bei den allabendlichen „Diskussionen“ eigentlich schon längst schlafen sollte, konnte natürlich nicht schlafen und daher rollte ich mich immer im meinem Bett zusammen. Mein Problem war glaube ich nie der Streit an sich, da ich mich mit meinen Mitschülern zum Beispiel sehr gut streiten kann. Ich hatte eher immer ein Problem damit, dass beim Streit mit Menschen, die mir nahe stehen, auf einmal, für eine kurze Zeit, nicht mehr so eine Verbindung ist. Auch heute noch bekomme ich Bauchschmerzen und ziehe mich in mich selbst zurück, wenn sich welche aus meiner Familie streiten oder auch ich mich dann doch einmal einem Streit ausgesetzt habe.
    Und auch mir wird immer wieder gesagt, dass ich streiten lernen muss – ich hoffe, dass du und ich es beide noch lernen werden, für unsere Interessen einzustehen und uns auch mal durchzusetzen!😉💕

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    1. Das mit den Bauchschmerzen kenne ich! Mir bereitet es auch physische Symptome! Und die nähsten Freunde können einen auch am ehesten treffen, glaube ich! Ich weiche dem nach wie vor auch aus, aber ich glaube, dass dies langfristig nur Stress unterdrückt!

      Liebe Grüße!

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