Essstörung und andere Kulturen -Der Zwang, essen zu MÜSSEN

In meinen vorigen beiden Beiträgen habe ich bereits erwähnt, dass ich mich gerade im Urlaub befinde. Ich bin in dem Land, aus dem meine Mutter kommt. Ich kenne es gut, weil ich bis zum meinem siebzehnten Lebensjahr meine ganzen Sommerferien hier verbracht hatte. Aber nach sieben Jahren Pause und vier Jahren Essstörung habe ich einen neuen Blick auf das kulturelle Essverhalten.

Andere Länder, andere Sitten.

Ich liebe andere Bräuche und passe mich während meines Aufenthalts sehr gerne an. Im Besuch einer katholischen Kirche in Rom ziehe ich keinen kurzen Rock an und in Japan verbeuge ich mich gerne zur Begrüßung.

Hier wird einem Essen angeboten und man sagt aus Respekt nicht nein!

Es gilt als unhöflich, Essen einfach abzulehnen. Es wird gegessen, weil man das eben macht. Und zwar viel… Nachts um 12 gibt es ein ordentliches drei Gänge Menü. Die Portionen sind groß und reichhaltig. Ist der Teller leer, kommt die nächste Portion drauf. Man soll nicht nein sagen.

Dazu eine kurze Anmerkung: Ich habe es bisher in keinem meiner Beiträge erwähnt, aber momentan ist bei meiner Essstörung die Pausentaste gedrückt. Ich habe seit mehreren Wochen so schlimme Bauchschmerzen, das alles, was in meinen Magen kommt schmerzt. Selbst Wasser. Ich esse sehr wenig und alles was ich esse schmerzt. Ich habe auch ein wenig abgenommen und das verwirrt mich total, weil ich mich dünner nicht mehr schöner fühlen will…Aber das ist eine andere Geschichte!

Wie soll ich essen, wenn ich nicht essen kann?

Ich habe meine Mutter und meine Schwester zum Glück auf meiner Seite. Wird mir ein Keks in die Hand gedrückt, schiebe ich ihn unter dem Tisch meiner Mutter zu. Bekomme ich eine zweite Portion, grätscht meine Schwester dazwischen, dass ich Bauschmerzen habe. Ich fühle mich nicht alleine und dafür bin ich ihnen trotz ständiger Meinungsverschiedenheiten sehr dankbar.

Wie gesagt habe ich Bauchschmerzen von fast allem, was ich esse. Aber das Essen hier, so lecker es auch ist, schmeckt und ist wohl so süß wie Diabetis.  Zu Hause habe ich sehr mager gegessen. Hier gibts kein mager. Höchstens pures Brot, aber selbst das verursacht Bauchweh.

Zu viel Essen – zu viel Ballast

Trotz der inaktiven Essstörung triggert mich das Essen. Es triggert mich, dass alles reinhauen und ich theorethisch so viel essen könnte, ohne das es jemand merken würde. Es triggert mich, dass meine Gedanken wieder zu viel um das Thema Frühstück-, Mitttag-, und Abendessen kreisen. All diese wunderbaren Gerichte zu riechen und doch so wenig zu essen, löst etwas unausgesprochen seltsames in mir aus. Und das mein Gewicht wieder sinkt, obwohl ich es nicht beeinflussen kann (und was ich überhaupt nicht erwartet hätte – im Gegenteil – ich dachte, ich würde mein kleines Bauchpösterchen zu einem großen machen), verwirrt mich sehr.

Ich will mich nicht schön finden, wenn es mir doch so schlecht geht. Ich will nicht froh darüber sein, dass ich den ganzen Tag Bauchschmerzen habe.

Man sollte niemals essen MÜSSEN!

#nojudging. Andere Kulturen, andere Sitten – wie ich schon sagte. Aber ich finde es aus gesundheitlicher Perspektive SCHLIMM, Menschen zum Essen zu zwingen. Als kulturelle Gegebenheit hinterfragt man es natürlich sehr selten, aber das bedeutet nicht, dass es nicht trotzdem kritisch betrachtet werden muss.

So viel zum Zwang, essen zu Müssen. Eigentlich muss man gar nichts, wenn man es nicht kann oder will. Und ich werde versuchen, mich im Laufe des Urlaubs an diese Philosophie zu halten.

Genießt euren Tag! ♥

17 Kommentare zu „Essstörung und andere Kulturen -Der Zwang, essen zu MÜSSEN

  1. Hallo liebe Mia,
    wieder einmal ein sehr interessanter Post!
    Mein Partner kommt ebenfalls aus einer Kultur, in der Essen eine wichtige Rolle spielt und es als unhöflich gilt, es abzulehnen. Auch ohne Essstörung im Gepäck habe ich mir viele Gedanken gemacht, unhöflich zu sein, als ich dann das erste Mal bei meiner schwiegerfamilie war und habe öfters über den Hunger hinausgegessen. Ich kann mir vorstellen, wie viel schwerer das alles mit einer Essstörung sein muss!

    Liebe Grüße

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      1. Als du von nächtlichen Dreigänge-Mahlzeiten geschrieben hast, habe ich überlegt, ob wir vom selben Land schreiben, denn auch das kenne ich aus dem Urlaub dort (Nordafrika) nur zu gut😁🙈

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  2. Oh ja, ich hasse es auch, essen zu MÜSSEN. In den schlimmsten Zeiten meiner Magersucht hatte ich einen Partner, der mich zum Essen zwang. Einmal hatte ich eine Lebensmittelvergiftung und konnte nichts essen, selbst da stand er hinter mir und zwang mich. Und fast noch schlimmer finde ich, etwas essen zu müssen, was ich nicht mag. z. B. gab es damals mal Geschnetzeltes mit Reis, ich aß nur Fleisch mit Soße, weil ich den Reis mit Milch und Zucker essen wollte… das gab ein Theater! Dabei ist es doch egal, WIE ich den Reis esse…

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      1. Nee, jetzt gehts mir sehr gut, ich habe einen sehr lieben Mann an meiner Seite, der mir auch ständig sagt, dass ich perfekt bin ❤ Er würde mich niemals zu etwas zwingen, allerdings ist er leicht ablenkbar und merkt nicht, wie viel oder wenig ich esse, was wiederum gefährlich werden kann. Und ich würde mich inzwischen auch zu nichts mehr zwingen lassen, ist eben alles ein Lern- und Reifeprozess.

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  3. Schön zu lesen, dass deine Mutter und Schwester dich so unterstützen, das freut mich sehr! Komisch, mit den Bauchschmerzen? Könnten das vielleicht psychosomatische Beschwerden sein? Ansonsten, wenn es schon so lange anhält, müsste vielleicht ein Arzt mal drüberschauen… Ich will dich nicht beunruhigen, aber im Zweifelsfall lieber einmal mehr zum Arzt. 🙂

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    1. Einen Arzt versuche ich schon seit längerer Zeit aufzusuchen! Aber leider war im August alles zu! Psychosomatische Schmerzen sind es bestimmt nicht. Es fühlt sich eher so an als hätte ich die ganze Zeit
      Sodbrennen im Magen. Vielleicht brauche ich eine magenspiegelung! Danke für deine liebe Fürsorge!

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  4. Liebe Mia,

    das ist eine heikle Situation, dien ich selbst ein bisschen kenne, die freilich mit einer Essstörung im „Hintergrund“ noch um einiges heikler ist.

    Ich erinnere mich vor allem an die ersten Jahre, während der ich im Urlaub im Elternhaus meiner heutigen Frau zu Gast war. Auch wenn das land, in dem sich jenes befand, gar nicht so weit weg von hier ist, sinbd die Bewirtungsgewohnheiten dort andere als bei uns, vor allem wenn Gäste ins Haus kommen.

    Ich habe viel Zeit gebraucvht, für mich einen Weg zu finden meine Schwiegermutter nicht zu brüskieren und doch gleichzeitig zu signalisieren, dass ich ihre Koch- und Zubereitungskünste über alle Maßen liebte und genoss. – Aber das war ein nicht so leichter weg. Vor allem uns „Chlapci“ („Jungs“) konnte sie (mein Uraltkumpel war etliche Jahre mein Urlaubsbegleiter) nie genug auftischen. Und ich wusste nie, wann und ob, etwas abzulehnen, eine Gratwanderung werden könnte.

    Später war dann alles gut. Sie wusste dann, dass ich auch die ganz ursprünglichen, einfachen Gerichte, die mir zunächst unbekannt waren, sehr schnell schätzen gelernt hatte und die Ablehnung eines MEHR nicht bedeutete, dass es mir nicht schmecken würde.

    Ich bin sehr froh, dass Deine Mutter und deine Schwester, Dir in Deiner Zeit nun beistehen, denn ich ahne bzw. weiß ein bisschen, dass es in dem Land, in dem Du jertzt gerade bist, mit dem bewirten, mit dem Reichtum der Speisen noch ein ganz anderes „Kaliber“ ist.

    Deine Bauchschmerzen – hmmm, das ist so eine Sache. Könnte sich um eine Magenschleimhautentzündung handeln, wenn Du oft das Gefühl eines Brennens und Kneifens vor allem im Oberbauchbereich spürst. Man kann dann wirklich kaum essen. – So eine Entzündung kann durchaus auch bzw. maßgeblich mit stressbedingt sein. Und Du hast ja seit einiger Zeit so einiges um die Ohren. (Wenn es wirklich so etwas ist, lindert hin und wieder ein bisschen Milch zu trinken – nur nicht eiskalt – die Schmerzen ein bisschen. Ansonsten gibt es auch Tabletten, die man langsam im Mund zergehen lassen muss, die allerdings etwas kalkhaltig schmecken. Aber das macht Sinn – sie binden die Säure, die das Brennen verursacht. Auch Kamillentee, ohne Zucker, kann ein wenig lindern.)

    Ich wünsche Dir sehr, dass es Dir bald besser geht und, dass allmählich auch in Deine weitere Verwandtschaft hinein Verständnis für Deine berechtigten Esswünsche wächst. – Und ich wünsche Dir, dass Du dennoch und überhaupt die Zeit jetzt auch ein bisschen genießen kannst.

    Meine liebsten Grüße an Dich! ❤

    Gefällt 3 Personen

    1. Deine Fürsorge rührt mich sehr, lieber sternfluesterer. Du könntest tatsächlich Recht mit deiner Vermutung haben. Eine Magenschleimhautenthündung haben schon mehrere vermutet. Ich warte schon ungeduldig, dass alle Ärzte (und ich) aus dem Urlaub kommen und ich mich endlich mal untersuchen lassen kann.
      Milch hilft bestimmt, aber leider nicht mir, da ich Milchprodukte nicht so gut vertrage. Aber diesen Vorschlag weiß ich wirklich sehr zu schätzen!

      Ich glaube, dass Essen in sehr vielen Ländern von kulturellem Wert ist – eigentlich auch in Deutschland – auch wenn es anders gehandhabt wird. Und je mehr Vertrauen man zu seinen Gästen aufbaut, desto leichter wird es, nein zu sagen. Bis jetzt klappt es hier besser als gedacht.

      Ganz liebe Grüße (bald gibts noch mehr liebe Grüße) und gute Nacht ❤

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  5. Das ist garantiert nicht leicht, wenn es als unhöflich interpretiert wird, nicht (noch) mehr zu essen. Schön, daß wenigstens in dieser Situation das Zusammenspiel mit den Beiden klappt 😉
    Wie lange mußt Du den Urlaub noch durchhalten? Ich wünsche Dir, daß es Di rbald wieder besser geht.

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