Niemals vor anderen weinen – Therapiestunde #7

Ich teile mit euch hier mein „Problem“, welches während der Therapie häufig thematisiert wurde: Das Weinen oder besser gesagt nicht Weinen in der Öffentlichkeit.

Was ist so schlimm daran, nicht zu weinen?

Bei jeder Therapiestunde lag vor mir ein Tisch mit einer Taschentuchpackung. Ich griff nur ein einziges Mal danach und zwar, als mir die Nase lief (doofe Pollensaison!).

Eines wunderte meine Therapeutin. Unsere Themen waren manchmal so herzzerreißend und emotional, dass selbst sie ein Mal weinen musste. Doch ich blieb immer standhaft. Fast zwei Jahre war ich in der Therapie, ohne auch nur eine Träne zu vergießen. Nicht, dass ich nicht etliche Male kurz davor stand…Aber mein Schamgefühl ließ es nicht zu.

Es liegt nicht daran, dass der Heulstrom nicht hin und wieder ausbricht. Ich kann alleine wunderbar weinen. Auch vor meiner Mutter und Schwester funktioniert es gut. Aber der Rest der Menschheit hat mich kaum weinen sehen.

Das Nicht-Weinen können

Eigentlich war es schon immer so. Als Kind konnte ich im Kindergarten nicht losheulen, als ich mir das Knie aufschlug. Es war mir peinlich, dass die anderen mich so sahen. Obwohl ich es wiederum nie peinlich, sondern im Gegenteil bewundernswert finde. Es gefällt mir, wenn sich Menschen ihren Kummer entleeren und vor allem beeindruckt es mich, wenn Männer „Manns“ genug sind, um zu weinen.

Als meine  Großmutter starb, weinte ich wochenlang. Alleine. Am nächsten Tag musste ich zur Schule und bekam fast Nasenbluten, weil ich das Weinen unterdrückte. Schlussendlich kam es doch raus und zwar wie ein Wasserfall. Ich wurde prompt nach Hause geschickt.

Warum kann ich nicht weinen?

Ein Grund dafür ist leider mein Vater. Für ihn ist es eine Schwäche, zu weinen, wenn nicht gerade jemand gestorben ist. Dass ich nach einem Jahr noch immer wegen meiner Beziehung trauerte, fand er lächerlich. Und dass ich weinte, weil ich mich überfressen hatte und mich kaum bewegen konnte, sah er auch als meine eigene Schuld an. Ich habe es aufgegeben, ihm meine Sichtweise zu erklären und mich dafür zu rechtfertigen, dass ich keine Drama Queen bin. Wenn ich „grundlos“ weine, dann habe ich in seinen Augen meine Periode und leide unter Stimmungsschwankungen. Ich liebe meinen Vater über alles, aber diese Eigenschaft hat mich geprägt.

Ob es noch andere prägende Ereignisse gab, weiß ich jetzt nicht. Aber vermutlich hängt es auch damit zusammen, dass ich ohnehin sehr selten meine Gefühle an die Oberfläche lasse. Und je emotionaler sie sind, desto verschlossener bin ich.

Was ist so schlimm daran, nicht zu weinen?

Fakt ist, dass es mich nie gestört hat. Warum also ändern? Ich weiß nicht, ob ich meiner Therapeutin zustimmen kann, dass das Weinen unheimlich wichtig ist. Vielleicht sind einige eben nicht zum öffentlichen Weinen aufgetan. Aber manchmal wünsche ich es mit trotzdem. Weinen kann sehr befreiend sein.

Mir ist dabei klar geworden, dass man im Leben alles hinterfragen sollte. Selbst die Ratschläge eines gebildeten Therapeuten. Obgleich mich ihre Aussage damals sehr belastet hat, habe ich nun für mich entschieden, dass ich nichts daran ändern möchte. Letztlich sollte man auf sein Herz hören und auf das, was einem gut tut. Aber das ist natürlich nur meine Meinung 🙂

Euch allen einen schönen Montag! ♥

24 Kommentare zu „Niemals vor anderen weinen – Therapiestunde #7

  1. Liebe Mia. Ich finde deine Entscheidung gut, auf dich zu hören und momentan eben nicht öffentlich zu weinen oder nicht bei der Therapeutin. Mein momentaner Standpunkt und Erkenntnis ist, dass etwas vielleicht schon gut wäre, zu machen, aber wenn ich selber mich dabei nicht gut oder wohl fühle oder es für mich nicht der richtige Zeitpunkt zur Zeit ist, dann denke ich, macht es einfach wirklich mehr Sinn, es nicht zu machen. Habe gemerkt, wenn ich Dinge mache, zu denen ich eigentlich nicht bereit oder noch nicht bereit war, dann kommt es irgendwie auch nicht wirklich super raus. Lieber Gruss von thoughts on life.

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  2. Weinen ist jeweils Ausdruck einer Emotion, eines in aller Regel tieferen Empfindens. Es gehört zum Leben dazu. –

    Ich muss es so deutlich sagen: Ich finde das ganze Gerede über und die Demonstration von „Stark-sein-Müssen“ einfach nur furchtbar. Und, ich finde es noch furchtbarer, das sage ich nun freilich ganz aus meiner Sich als Mann, dass Männer und Weinen immer noch und sehr allgegenwärtig als ein „Tabu“ angesehen wird. Vor allem unter Männern.

    Mir geht es mit dem Weinen sehr unterschiedlich. Oft reißt mich eine Emotion einfach mit und mir stehen buchstäblich die Tränen in den Augen, ohne das ich etwas „dagegen“ tun kann. In der Öffentlichkeit bemühe ich mich meistens, das zu unterdrücken. Es gibt einfach so Situationen von denen ich weiß, wie außergewöhnlich und befremdlich es für Dritte wäre, wenn ich meinen Tränen freien Lauf ließe.

    Am schwierigsten ist es für mich, wenn mir Tränen wegen großer Rührung, besonderen Mitgefühls (mit dem Schmerz eines Anderen), einer Freude über eine vermeintliche (für andere) Nichtigkeit in die Augen schießen. Solche Situationen habe ich nicht so selten … – Die positivste Reaktion, die ich dabei bislang erfahren habe, war Überraschung verbunden mit dem Versuch zu verstehen.

    Bei Trauer ist es verschieden. Ich habe schon sehr spontan, bitterlich und intensiv geweint, bei bestimmten Todesfällen zum Beispiel. Es gab aber auch schon Verluste, wo ich das erst viel später „konnte“.

    In Therapien (über insgesamt gute drei Jahre) habe ich, glaube ich, vier oder fünfmal geweint. Das letzte Mal war besonders schwierig und intensiv. Zunächst war mir danach leichter, es fühlte sich wie eine Entlastung an. Aber das ist nicht so geblieben …

    Lange Rede, kurzer Sinn:

    Weinen sollte akzeptiert werden. Als etwas, was einfach dazu gehört, was einen fühlenden Menschen eben auch ausmacht. Egal wann, wo, aus welchem Anlass es geschieht.

    So oft wird für alles eine „Begründung“ gesucht. Am besten eine die IMMER gilt. Aber jeder Mensch hat seine eigenen Gründe, seine eigene Seele, die Empfindungen jeweils unterschiedlich verarbeitet und zum Ausdruck bringt.

    Und also ist Weinen wichtig. Doch. Ja! – Jeder so wie er kann, wie er muss, wie er möchte.

    *

    Du hast wieder ein sehr interessantes Thema angesprochen, liebe Mia. Bei Menschen, wie Du einer bist, traue ich mich halbwegs unbefangen darüber zu schreiben – insofern ist’s ein bisserl länger geworden heute …

    Dankeschön! Und ganz viele, sehr liebe Grüße an Dich! ❤

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    1. Lieber sternfluesterer,
      Dass du deine ganz persönliche Sicht hier mit mir teilt, bedeutet mir sehr viel! Ich Danke dir für dein Vertrauen und deine Meinung!

      Und das „stark sein müssen“ finde ich genauso lächerlich wie du! Insbesondere aus der Sicht des Mannes, dass jene immer stark sein müssen und weinen für Schwächen steht.

      Im übrigen war auch ich immer die „komische“ weil ich als Mädchen so gar nicht geweint habe…diese Klischees gehen in alle Richtungen und enden damit, dass wir nicht so sein können, wie wir wollen.

      Dass du zu wenige Erfahrungen damit gemacht hast, in aller Rührung zu weinen, bestärkt natürlich den Drang, es in der Öffentlichkeit nicht zu tun. Und für dich als sensiblen Menschen, der Emotionen so viel intensiver spürt als andere, ist das vermutlich eine gigantische Last.

      Dabei weiß jeder, dass wir alle es tun. Wir weinen hinter geschlossenen Türen und trauen darüber, diese „Schwäche“ zu verbergen.

      Leider kann ich mich nicht dagegen wehren, dass ich öffentlich nicht weinen kann. Trotz ehrlicher Versuche war das Weinen vor anderen eine zu große Stresssituation für mich. Vermutlich weine ich im Durchschnitt genauso viel wie jeder. Nur eben wenn keiner es sieht.

      Aber kennst du diese bestimmten Momente, in denen dir nach weinen zumute ist, aber du einfach nicht kannst? Diese Situationen habe ich immer häufiger. Keine Träne kommt raus, obwohl mein Herz bitterlich weint. Ich habe daher den Kampf aufgegeben, es unbedingt zu müssen. Vielleicht kommt es irgendwann von selbst. Vielleicht, wenn ich mich auch Trauer immer mehr „ich“ in aller Öffentlichkeit zu sein!

      Deinem Fazit schließe ich mich definitiv an! Weinen sollte akzeptiert werden!

      Nur die liebsten Grüße und gute Besserung! ❤️

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  3. Dass Weinend befreiend ist, kann ich zu 100 % nachempfinden! Mir ist es allerdings genau das Gegenteil: Alleine heule ich wirklich nie! Ich kann es gar nicht. Aber sobald ich zum Beispiel bei der Therapie anfange zu erzählen (auch wenn richtige Kleinigkeiten sind!), dann fange ich sofort an zu heulen. Mittlerweile kennt meine Therapeutin das schon, am Anfang war sie noch etwas verwundert. Ich schäme mich auch oft ein wenig dafür, dass dort wegen jeder Kleinigkeit heule. Aber wie du bereits sagst: Weinen sollte wirklich akzeptiert werden. 🙂

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    1. Also schämen musst du dich dafür absolut nicht! Im Gegenteil! Ich finde es bewundernswert, seine Gefühle auch „öffentlich“ zu offenbaren! Vielleicht lässt du deine Emotionen erst dann richtig raus, wenn du mit jemandem darüber redest! Ich glaube, da ist eben jeder anders gepolt!

      Liebe Grüße!!

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  4. Ich möchte die ganze Zeit schon etwas dazu schreiben, weil ich dich so gut verstehen kann, aber schiebe es ständig vor mir her. Wahrscheinlich möchte sich ein Teil in mir gerade mit nichts wirklich auseinandersetzen. Grummel 😑

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    1. Das Verstanden werde reicht mir schon völlig! Bei aufkommendem Verständnis ist meist schon alles gesagt vielleicht muss man den Teil von dir nicht dazu drängen, sich damit auseinander zu setzen:) und wer weiß, vielleicht kommt es ja noch!

      Liebe Grüße!

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  5. Ich kann auch nicht weinen. 44 Jahre und ich kann mich nur an 2x erinnern. Einmal, als mir gesagt wurde, ich hätte evtl. Krebs (mit Ende 20, glücklicherweise war es keiner) und einmal wegen: Natürlich, einer Frau. Warum, weiß ich nicht. Du hast wenigstens eine Ahnung. Ich finde es aber auch nicht schlimm, ich kann es nicht und basta.

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    1. Dein letzter Satz trifft es auf den Punkt! Wenn es eben einfach nicht geht, dann ist das so. Du hast scheinbar eine andere Methode, mit seinen Emotionen umzugehen und wenn meine Tränen dabei fließen, dann ist das auch völlig in Ordnung!
      Liebe Grüße!

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  6. Liebe Mia,
    dann gebe ich hier auch mal meinen Senf dazu 😉

    Ich bin ja die Heulsuse vor dem Herrn. Wenn ich großen emotionalen Stress habe, heule ich. Egal wo, egal vor wem. Ich kann das nicht wirklich kontrollieren. Außer, wenn ich vorbereitet darauf bin und weiß, dass etwas schwer werden wird, dann kann ich mich quasi ein bisschen von mir selbst abschirmen…
    Ich habe mir sehr lange nichts sehnlicher gewünscht, als weniger zu weinen. Mich damit halbwegs ausgesöhnt habe ich nur aus der Not heraus, weil ich es einfach partout nicht ändern kann.
    Ich habe dadurch aber auch gelernt, den Stressabbau, den mir das Weinen verschafft, aktiver und bewusster genießen zu können.

    Ob es nun für dich wichtig und richtig wäre, das Weinen (vor anderen) wieder zu lernen, kannst wohl nur du entscheiden und da finde ich es gut, dass du auf dein Bauchgefühl hörst und auch die Worte deiner Therapeutin hinterfragst. Vielleicht ist es allgemein für dich nicht der richtige Weg, vielleicht ist es auch nur jetzt im Moment nicht der richtige Weg. Das wird die Zeit zeigen.

    Vor anderen zu weinen birgt meiner Erfahrung nach immer auch ein Risiko in sich. Dass man dafür angegriffen wird, dass der Gegenüber allgemein nicht gut damit umgehen kann, dass er sich erpresst fühlt etc.
    Wie du schreibst, hast du gerade mit deinem Vater genau diese Erfahrung auch gemacht. Insofern ist es vielleicht eine Frage des sich-sicher-Fühlens oder des sich-angenommen-Fühlens und ich könnte mir vorstellen, dass auch eine gewisse Sorge mit hinein spielt, ob man es denn in den wichtigen Situationen (also vor deinem Vater) noch kontrollieren könnte, wenn man in anderen Situationen diese hart erkämpfte Kontrolle aufgibt?

    Ich wünsche dir jedenfalls gutes Nachfühlen und gute Entscheidungen und Erfahrungen.
    Beste Grüße und alles Gute!

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  7. Mich haben andere Leute auch niemals weinen sehen! Ich zeige keine Schwäche, allein heule ich tagelang, aber sobald ich raus muss waschen, make up drauf und the show must go on. Einmal hat ein Mann von Angesicht zu Angesicht mit mir Schluss gemacht, mir zerriss es das Herz, wir waren auf der Straße, ich erinnere mich an jede Kleinigkeit, obwohl es ewig her ist. Ich sagte zu ihm „Okay, du gehst deinen Weg, ich meinen. Tschüss.“ und ging davon, völlig auf Autopilot. Erst daheim brach ich zusammen. Und so ist es immer, ich kann keine Schwäche vor anderen zeigen. Das liegt auch teilweise an meiner Erziehung (stell dich nicht so an… etc.), aber zum größten Teil an meinem Vater. Er zeigte öfter Schwäche, wenn er wieder stockbesoffen war, und ich kam damit überhaupt nicht klar. Ich wollte einen starken, unerschütterlichen Vater…

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    1. Sehr interessant wie ähnlich das bei dir ist! Bei mir war es einmal dieselbe Situation mit dem Schluss machen! Ich bin auch von der Erziehung geprägt, aber eigentlich stört es mich. Ich will ich selbst sein und dazu gehört schon weinen!

      Ganz liebe Grüße!

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      1. Mich stört es eigentlich nicht, bin bisher gut damit gefahren. Ich finde es sogar eher bewundernswert! Wenn man vor anderen Schwäche zeigt, macht man sich angreifbar, das will ich nicht. Besonders Frauen finde ich da sehr schlimm, die benutzen doch gleich alles gegen einen, verschmiertes Make up etc. Ja, sie machen das, weil sie sich selbst klein fühlen, aber trotzdem, ich will ihnen kein Futter liefern.

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  8. Was mir noch eingefallen ist: ich zeige auch nicht, wenn ich krank bin! Keiner kriegt das mit, nur ich weiß, wenn es mir schlecht geht. Ich hatte mal Hexenschuss, nicht mal das wusste jemand, ich biss einfach die Zähne zusammen und gut…

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      1. Ich möchte nicht schwach erscheinen – wohl wieder wegen meinem Vater. Wenn er Schwäche zeigte, verstörte mich das total, ich kam damit nicht zurecht, hätte ihn schon als Kind dann am liebsten angeschrien, er solle damit aufhören. Ich glaube, ich möchte für andere der Fels in der Brandung sein, die Heldin, die alles schafft und meistert.

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