Die Scham vor dem nackten Körper überwinden – Selbsttherapie #12

Wir Menschen schämen uns für vieles, selbst für etwas Banales, wie unseren Körper. Ich möchte euch hier eine Form der Selbsttherapie vorstellen, wie ihr die Scham vor dem nackten Körper überwinden könnt.

Einige Menschen empfinden keine Scham bei der Nacktheit. Sie schlafen nackt, laufen nackt durch die Wohnung oder besuchen gern FKK Strände. Ich hatte mal eine Freundin, deren Mutter mir splitterfasernackt die Tür geöffnet hat. Sie kam frisch aus der Dusche und hatte (im Gegensatz zu mir) kein Problem damit, dass ich sie gerade nackt sah. Auch ein guter Freund sagte mal zu mir, dass er all seine Familienmitglieder nackt kennt und der nackte Körper bei ihnen nie schambehaftet war.

Bei mir war das schon immer anders.

Ich war noch nie gern nackt.

Vielleicht kommt das komisch, wenn man das so sagt. Dennoch ist es die Wahrheit. Schon als Kind mochte ich es nicht, zu viel Haut von mir zu zeigen. Nackt am Strand sein? Niemals. Nach dem Schwimmunterricht mit allen anderen duschen. Nope, nicht mit mir. Ich hasste es, vor anderen nackt zu sein und vor allem hasste ich es, nackt „gesehen“ zu werden. Ich weiß auch nicht genau, warum das Nacktsein bei mir derart schambehaftet war. Fakt ist, ich war es nicht gern.

Die Scham vor dem nackten Körper und Essstörung

Je kränker ich wurde, desto mehr nahm mein Schamgefühl zu. Der Großteil meiner Haut wurde durch Stoff verdeckt, und immer mehr Situationen, in denen ich nackt sein musste (zum Beispiel mein jährlicher Besuch im Hamam Bad) wurden vermieden. Selbst ICH vermied den Blick auf mich. Beim Duschen flitzte ich in die Wanne und wusch mich, ohne mich anzusehen. Beim Anziehen vermied ich ebenfalls den Blick auf meinen Körper. Nur die sogenannten „Problemzonen“ sah ich mir gelegentlich an, aber auch nur, um mir vor Augen zu führen, wie hässlich ich war. Kurz gesagt: Mich nackt zu sehen war für mich die Hölle auf Erden.

Selbsttherapie

Scham ablegen? Kleidung ablegen!

Jetzt, einige Jahre später, gelingt es mir viel eher, meinen Körper zu akzeptieren. Ich würde nicht gleich von bedingungsloser Liebe sprechen, aber durchaus von Akzeptanz. Inzwischen traue ich mich, wieder mehr Haut zu zeigen – zum Beispiel in Form von Besuchen am See oder in freizügiger Kleidung. Aber so richtig nackt sein? Das fällt mir immer noch schwer.

Ich habe mir daher vorgenommen, mich mit mir selbst zu konfrontieren und mich richtig anzusehen. Da ich aber keinen Spiegel zu Hause habe, war es gar nicht so leicht, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ich versuchte mich also an einer anderen Methode und entschied mich letzte Woche in den besonders heißen Tagen dazu, bloß in Unterhose und einem Sport-BH in der Wohnung zu sein. Komplett nackt zu sein traute ich mir nicht zu, aber in Unterwäsche sein, schon.

Das Ergebnis: Es war gewöhnungsbedürftig. Obwohl ich nicht nackt war und niemand außer mir da war, kam es mir falsch vor, so viel Haut zu zeigen. Mit meinem Bauch war es besonders schwer. Er ist nicht sonderlich trainiert und stand ohne den Schutz der Kleidung ständig hervor. Ich erwischte mich dabei, wie ich ihn ständig einzog und fast schon einen Muskelkater davon bekam. Auch mit meinen Oberschenkeln war es so eine Sache. Fast jeder Mensch hat ein bisschen Cellulitis, so auch ich. Auch die Wachstumsstreifen entgingen mir nicht.

Eine Frage der Gewöhnung

Nach einer Woche halbnacktem Herumlaufen gewöhnte ich mich schließlich daran. Es ist eben alles eine Übungssache, auch das Ablegen von der Scham des eigenen Körpers. Da es in den nächsten Wochen wieder kälter werden wird, werde ich wohl nicht mehr so häufig dazu kommen, halbnackt durch meine Wohnung zu spazieren. Aber ich werde mir andere Möglichkeiten suchen. Vielleicht werde ich beim Duschen versuchen, ganz bewusst auf meinen Körper zu schauen, auch wenn alles in mir sich instinktiv dagegen sträuben wird. Aber ich will diese Scham endlich ablegen und das passiert nicht, wenn ich es mir bloß wünsche.

Wie ist es bei euch mit der Scham vor dem nackten Körper? Habt ihr Probleme damit? Oder macht euch das gar nichts aus?

10 Kommentare zu „Die Scham vor dem nackten Körper überwinden – Selbsttherapie #12

  1. Super spannender Beitrag!

    In vielen Dingen verstehe ich dich sehr gut. Ich mochte es zum Beispiel auch schon sehr früh nicht, nackt gesehen zu werden und habe mich schon als Kind geweigert, nackt in Saunen etc. zu gehen. Meine Eltern haben mich das letzte Mal „ganz ohne“ gesehen, als ich so 9 oder 10 war, danach hab ich das auch vermieden. Worin ich vielleicht stark von meinem älteren Bruder beeinflusst wurde, denn ich erinnere mich, dass es in meiner jüngeren Kindheit ganz normal für mich war, meine Eltern nackt zu sehen und von ihnen nackt gesehen zu werden.

    Tatsächlich bin ich schon vor ein paar Jahren auf ein paar Artikel gestoßen, in denen beschrieben wurde, dass nackt schlafen gut für das Körpergefühl sein soll – weshalb ich damals damit angefangen habe und es bis heute gelegentlich tue.
    Meine größte persönliche Challenge war vor ca. 2 Jahren nackig im Fjord (fernab der Zivilisation 😂) zu baden. Wenn Menschen da gewesen wären, hätte ich mich nichtmal im Bikini gezeigt.
    Ich kann von mir aus sagen, dass es sich total verrückt angefühlt hat /für mich/ nackt zu sein. Also zu wissen, dass mich keiner sehen wird, keiner be-/verurteilt und ich alleine meinen Körper ungestört aushalten darf, kann und muss und gleichzeitig war da dieses Gefühl von „Was, wenn jetzt jemand kommt und mich sieht?“
    Mir haben diese Experimente tatsächlich sehr geholfen – auch dabei, die tatsächlichen Grenzen meines Körpers wahr zu nehmen.
    Im Sommer bin ich mitunter auch ein paar Stunden nur in Unterhose in meiner Wohnung gewesen – erstens weil es eh zu warm war und zweitens wieder um die Grenzen meines Körpers bewusst wahr zu nehmen. Und tatsächlich habe ich dieses Jahr (obwohl ich viel zugenommen habe) zum ersten Mal seit langem kein Problem damit gehabt, kurze Kleidung zu tragen (von den Catcalls einiger Idioten mal abgesehen. 🤦🏽)
    Eigentlich ist es doch paradox – immerhin steigt man auch nackig unter die Dusche, oder? Und da ist es auch „normal“…

    Tatsächlich überlege ich seit ein paar Tagen, eine Freundin zu bitten Fotos von mir in einem ruhigen Waldstück zu machen, auf denen ich oberkörperfrei bin – nicht für die Außenwelt, sondern einfach für mich und für das Gefühl, mich so zeigen zu dürfen, wie ich bin. Aber so ganz traue ich mich auch noch nicht 😀

    So viel von mir zu dem Thema – aber egal wie, eigentlich ist doch jeder Körper perfekt wie er ist – nicht, weil er unglaublich perfekt aussieht, sondern weil er unglaubliche Dinge für uns leistet 💚

    Liebe Grüße!

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    1. Danke für deinen tollen Kommentar! Es ist so schön zu lesen, dass du ein paar schöne „freie“ Momente erlebt hast! Und woooow! Was für eine tolle Idee mit den Fotos! Meinst du, du würdest dich eher trauen, wenn du einen Selbstauslöser hättest? Also liegt es an der Person, die dich ablichtet, oder ist es das eigene persönliche Empfinden?

      Und das mit der kurzen Kleidung isst auch eine tolle Entwicklung! Wie du schon sagst, ist nackt sein eigentlich ja was ganz normales – ich mein, wir sind ja auch nackt geboren worden 😅

      Liebe Grüße!

      Gefällt 2 Personen

      1. Es kann gut sein, dass ich mich mit Selbstauslöser eher trauen würde – aber ich möchte mich eigentlich auch gerne dieser Angst stellen. Zumal ich es weirder fände, mit Selbstauslöser oben ohne im Wald zu stehen als mit einer anderen Person 🤔

        Eben!
        Ich habe für mich tatsächlich festgestellt, dass es bei mir oft eher an der Enge der Kleidung liegt – also wenn ich anliegende Hosen/Shirts trage, fühle ich mich körperlich unwohlerer als im Schlabberlook, beziehungsweise in locker anliegender Kleidung..
        Und klar, es ist auch total tagesabhängig.
        Vielleicht eine ganz gute Übung (falls du sie noch nicht kennst) – sich direkt nach dem Aufwachen/bevor man das erste Mal an sich herunter bzw in den Spiegel schaut fragen, wie wohl man sich gerade auf einer Skala fühlt, auf welche drei Dinge man sich freut und für welche drei Dinge man gerade dankbar ist. Mir gibt das morgens immer ein besseres Gefühl und ich verschiebe den Fokus vom Äußeren auf das Innere 😄

        Liebe Grüße!

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      2. Übrigens: das Fotoprojekt hat stattgefunden 😌 Und es war irgendwie weniger schlimm als befürchtet – tatsächlich hat es sogar ein Stück weit gut getan. Wobei wir am Ende nicht im Wald, sondern im Dickicht an See unterwegs gewesen sind 🤭
        Liebe Grüße! ☺️

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  2. Da scheinst Du auf einem guten Weg zu sein. Und ich denke, wichtiger ist, daß Du Deinen Körper lernst zu akzeptieren. Ob Du Dich dann trotzdem unwohl damit fühlst, (zu viel?) Haut zu zeigen, finde ich erstmal zweitrangig, denn es ist Dein Gefühl dazu und nur das zählt.

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  3. Ich wünsche Ihnen daß Sie zu einer Einheit von Leib, Seele und Geist finden und daß sich die Problematik des Eßverhaltens in Wohlgefallen auflöst.

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