Dienstagabend: Versagensängste im Seminar

Die Stunde hat seit einer Weile begonnen und ich halte mich wie immer raus. Ich habe die Hausaufgaben nicht gemacht und da ich letzte Woche nicht da war, verstehe ich kein Wort. Ich sitze wieder in der hintersten Reihe, weil ich kurz zuvor in eine überfüllte Vorlesung hereingeplatzt bin und vor Scham im Erdboden versinken möchte.

Während ich abschweife, denke ich an den Kurs von heute morgen. Der Gedanke daran schmerzt. Und ich erinnere mich  daran, warum meine Therapeutin immer wieder forderte, meine Kindheit aufs Gründlichste zu untersuchen.

Der Ursprung des Schmerzes liegt lange zurück.

Ich habe momentan Schwierigkeiten in der Uni. Mein Kopf ist einfach nicht da, egal, wie sehr ich mich um Konzentration bemühe. Heute schrieben wir einen Test und ich wusste nur etwa die Hälfte der Fragen. Da er nicht bewertet wird, habe ich mir keine großen Gedanken deswegen gemacht, aber ohnehin nicht viel gelernt. Als alle anderen im Kurs darüber prahlten, wie einfach er war, erinnerte ich mich an ein bestimmtes Gefühl. Dieses furchtbar schmerzende Gefühl.

Erinnerung an die Schulzeit.

Auf dem Gymnasium empfand ich oft so. Meine Eltern beharrten darauf, mich auf eine Schule zu schicken, die zu hoch für mein Niveau war und ich demzufolge die schlechteste Schülerin war. Ich war die einzige mit einem Ausfall, die einzige, dessen Nachhilfelehrer schreiend wegliefen (kein Scherz) und die einzige, neben der es sich nicht zu sitzen lohnte. Ich bestand die Klasse nicht und musste wiederholen. In der neuen Klasse wurde es trotz meines Rufes als Sitzenbleiberin zwar im ersten Jahr besser, aber im zweiten bestand ich auch diese nicht und wechselte die Schule. Aus dieser traumatischen Erfahrung entstand übrigens der Grundgedanke, dass ich dumm bin. Heute weiß ich, dass mein Tempo einfach nicht für jene Schule reichte und nicht meine Intelligenz schuld war/ist. Aber ab und an schleicht sich das Gefühl wieder ein.

Nach der Schulzeit hatte ich dieses Gefühl kaum noch. Ich studierte das, was mir gefiel, war fleißig und bekam gute Noten. Bis zu diesem Kurs. Um ehrlich zu sein interessiert das Thema mich nicht. Er ist schwer und langweilig und leider Pflicht. Ich hänge total hinterher und bange darum, diesen Kurs überhaupt zu bestehen. Ständig müssen meine KommilitonInnen mir die einfachsten Dinge erklären, die ich nicht verstehe. Und dann passiert es. Ich fühle mich undiszipliniert und dumm. Dumm weil ich es nicht verstehe. Und dumm, weil ich selbst schuld bin und nicht lerne.

Versagensängste.

Ich fühle mich in einem Teufelskreis gefangen. Er beginnt damit, dass ich mich dumm fühle, setzt mit Konzentrationslosigkeit fort und endet mit fehlenden Resultaten im Studium. Dann fühle ich mich erneut dumm, finde keine Konzentration und Motivation weiter zu lernen usw…

Am liebsten würde ich nach Hause und das doofe Gefühl loswerden. Mir etwas leckeres zu Essen machen und mich in mein warmes Bett einkuscheln. Und dann das Gefühl weiterhin aufrecht halten und erneut in die Küche gehen. Weiter essen. So lange, bis ich nicht mehr kann. So lange, bis ich es tue. Da ich heute aber nicht alleine bin, wird letzteres Szenario vermutlich nicht stattfinden. Vor anderen Menschen kann ich mich besser zum Selbstzwang zwingen. Und doch ist da dieser Stau an Gefühlen, denen ich frei Luft machen will.

Ein neuer Weg.

Oft habe ich das Gefühl, anderen Mut zusprechen zu können, aber es bei mir selbst zu scheitern. Ich kann Ratschläge geben, solange sie nichts mit mir zu tun haben und habe keine eigenen für mich.

Daher distanziere ich mich von dieser Situation, bin nicht mehr die Frau, die Angst hat zu versagen, sondern bin eine Freundin, die ihr einen Rat gibt. Ich spreche zu mir selbst, aber nicht als Betroffene, sondern als Freundin:

Du musst daran glauben, dass du es schaffst. Du musst dir immer wieder klar machen, wie intelligent du bist und dass es genügend Gründe gibt, dass du nicht dumm bist. Du darfst nicht zu streng mit dir sein, wenn du mal scheiterst. Denn das bedeutet nicht, dass du versagt hast. Glaube an dich, nimm alle Zeit, die du brauchst und mit der richtigen Einstellung kehrt auch die Konzentration wieder.

Ich lese es wieder und immer wieder. Ich präge mir die Worte ein – meine Worte, und versuche sie endlich zu glauben.

Und wieder war das Seminar äußerst produktiv für mich. Leider habe ich wieder nichts vom Unterricht mitbekommen. 😉

4 Kommentare zu „Dienstagabend: Versagensängste im Seminar

  1. Wieder einmal habe ich mich in nicht Wenigem dessen, was Du geschrieben hast, sehr wiedergefunden. Vor allem diese sich immer mehr aufbauenden Versagensängste kann ich gut nachempfinden. Gerade jetzt, wo ich meinen einen Job gekündigt habe (seit gestern ist es amtlich, ich hatte das Gespräch mit meinem Chef, bin aber noch zu aufgewühlt, habe es noch nicht wirklich verarbeitet), ist da eine ganz laute Stimme in mir die schreit: „Schon wieder versagt! Nicht genug für diesen Job, nicht (mehr) genug eine Belastung auszuhalten, die andere schon Jahre tragen!“

    Hach, ja, liebe Mia – und es ist auch, was die „Ratschläge“ angeht ebenso wie bei Dir: Für Dich habe ich hier durchaus etwas parat, auf mich schaue ich dagegen mit Scham und ziemlich hilflos.

    Die Idee, Dir einen Text als Freundin Deinerselbst vorzulegen ist sagenhaft! Soweit bin ich noch lange nicht.

    Deine Freundin ist eine ziemlich coole und kluge Freundin!

    Wenn Dir ein Kurs oder ein Fachgebiet nicht liegt, wenn Du dazu keinen Zugang findest, heißt das in der Tat längst nicht, dass du dumm bist. Es ist tatsächlich dieses verinnerlichte Versagensempfinden, das Dir das suggeriert.Und Dein grundsätzlicher Ehrgeiz, Deine grundsätzliche Leistungsbereitschaft, Dein grundsätzliches Streben danach, alles irgendwie so gut als möglich hinzubekommen, tun ein Übriges. – Dabei sind das an sich alles sehr wertvolle, sehr schöne, sehr schätzenswerte Eigenschaften.

    Im Übrigen frage ich mich in letzter Zeit sowieso vermehrt: Wer oder was ist eigentlich DUMM. Jemand, der die eine oder andere nicht so glänzende Note auf dem Zeugnis hat, ist es jedenfalls nicht. Auch jemand, der bemerkt, dass ihm sein gewähltes Studium nicht liegt, ist definitiv DESWEGEN nicht dumm.

    Wie oft schon sind mir Menschen in „einfachen Berufen“ und/oder von „gewöhnlicher“ oder sogar ärmerer sozialer Herkunft begegnet, die eine hohe Sozialkompetenz besaßen, die Menschlichkeit im besten und schönsten Sinne verkörperten, die allerdings von manchem in ihrem Umfeld und darüber hinaus schubladengemäß in das Fach „ziemlich dumm“ einsortiert wurden. –

    Solche „Einteilungen“ passieren heute leider recht oft – sie sind so schön bequem, um sich abzuheben von anderen Menschen, die nicht ins eigene Raster passen, das seinerseits längst ein Sammelbecken uniformiert einer Herde nachrennender Leute geworden ist, die sich selbst für schlaue und clevere Individualisten halten.

    Du, liebe Mia, passt in kein solches Raster. Du bist auf eine besondere und schöne Art und Weise einzigartig, die Du nur noch immer ein bisschen mehr schätzen, wertschätzen, lernen musst.

    So gut ich es vermag, will ich versuchen, Dir dabei zu helfen. Denn ich muss DAS nicht mehr lernen … 😉

    Sehr liebe Grüße an Dich und „Deine Freundin“!!! ❤

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    1. Zuerst einmal: Glückwunsch zu deiner Kündigung! Ich empfinde es nicht als Versagen, sondern als mutigen Schritt! Aber dass du aufgewühlt bist, ist für eine solche Veränderung völlig verständlich!

      Und der Grundgedanke, dumm zu sein und ständig zu versagen, hat natürlich tiefere Wurzeln. Ich konnte das gleiche empfinden in diesem Fall auch lokalisieren. Ich nehme an, dass deine Angst auch tief verankert ist.

      Ich frage mich im übrigen auch, was dumm und klug bedeutet. Muss ich einen hohen iq haben, um als intelligent zu gelten? Und ist ein Mensch mit großen sportlichen Fähigkeiten dumm, weil körperliche Intelligenz nicht zählt? Vielleicht sollte man auch diese Begriffe hinterfragen!

      Viele liebe Grüße, Danke für deine aufbauenden Worte und ganz viel Kraft für die nächsten Tage!❤️

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  2. Leider ist unsere moderne Gesellschaft ganz praktisch darauf aufgebaut, dass wir Angst haben, zu versagen. Wo kämen wir hin, wenn wir so sicher wären wie wir täten?
    Es gibt also in dem grossen Seminar sicher noch mehrere, die es auf Anhieb nicht verstanden haben und sich schlecht fühlen. Dass Dir das Studium aber sonst ganz gut gefällt, zeigt ja, dass es Dir auch liegt, also hast Du hier bestimmt richtig entschieden. Mir ging es ganz ähnlich, Angst und Panik an der Tagesordnung, drei gleichwertige Studienabschlüsse mit Bestnoten gemacht (wie blöd) und danach das Gefühl, total ‚verramscht‘ worden zu sein. Habe eine Zeit lang erst mal gejobbt und dann ging es wieder und sicher werde ich es noch mal tun. Heute glaube ich, dass ich das auch ohne so viel Mühe geschafft hätte, Mut zur Lücke und sich einigermaßen treu bleiben! Man muss nicht alles kapieren, Schwamm drüber, fertig, noch ein bisschem lernen, um zu bestehen, dann aber nächste Baustelle, muss manchmal das Motto sein. Mehr gute Gedanken bitte, denn das Leben ist einfach zu kurz! Wünsche alles erdenklich Gute!

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    1. Das stimmt natürlich, ich sehe mich ständig als Individuum, das versagt, und klammere aus, dass es vielen auch so geht. Andererseits kommt in mir auch der Gedanke auf, dass ich mir immer doppelt und dreifach mehr Mühe geben muss, um mit den anderen halbwegs mitzuhalten und das stützt sich eben auf vergangene Erfahrungen, die jenes Versagen bestätigt haben. Am Ende des Tages fragt man sich natürlich, was das alles bringen soll und für ständigen Leistungsdruck ist man in das Leben in der Tat zu kurz!
      Dir auch alles Gute!!

      Gefällt 2 Personen

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