„Dann hör‘ doch auf zu essen“ – 10 Sprüche, die man sich einfach sparen sollte

Ich hatte bereits in meinem vergangenen Beitrag 5 gefährliche Sätze darauf hingewiesen, dass diese insbesondere für Menschen mit psychischen Erkrankungen sehr verletzend sind. Nun erweitere ich diese Liste und beziehe mich dieses Mal auf angeblich gut gemeinte Ratschläge, die für die Seele jedoch alles andere als „gut“ sind.

Hier die 10 Sprüche, die man sich einfach sparen sollte:

1. Versuch nicht daran zu denken.

Ich muss schon fast über diesen Spruch grinsen, denn es ist mir noch nie gelungen, einen Gedanken einfach abzuschütteln, in dem ich mir befahl, an etwas anderes zu denken. Im Gegenteil. Der Gedanke manifestiert sich in meinem Kopf.

2. Ich habe es dir doch gesagt.

Vorwürfe sind Gift. Und die Darlegung, dass ich einen Fehler hätte verhindern können, wenn ich auf ihn oder sie gehört hätte, helfen in diesen Momenten am allerwenigsten. Sie verstärken nur das Versagergefühl.

3. Hab‘ keine Angst.

Bitte was?! Ich erzähle dass ich Angst habe und werde damit getröstet, dass ich keine Angst haben soll? Wo ist da der Sinn? Ganz genau, es gibt keinen. Das Gefühl von Angst in momentan sehr präsentes in meinem Kosmos. Die Floskeln, die man zu Kindern sagt, wenn sie nicht einschlafen können, sind zwar auch gut gemeint, aber bringen nichts.

4. Es gibt schlimmere Probleme. (In Afrika hungern Menschen.)

Ich heiße Vergleiche ganz und gar nicht gut. Jede/r hat eine bestimmte Grenze, die irgendwann erreicht ist. Sie kann für andere banal erscheinen, aber dennoch ist sie die Grenze. „Nur“ eine Essstörung ist schließlich kein Hungern. „Nur“ eine Depression ist schließlich kein Krebs. „Nur“ eine überteuerte Miete ist schließlich kein Dach über dem Kopf. Mit Vergleichen zu kommen, lässt die anderen Probleme nicht verschwinden. Sie werden nur untergeordnet und unterdrückt.

5. Dann hör‘ doch auf zu essen.

Ich habe diesen Spruch in Bezug auf meine Essstörung schon mehr als ein Mal gehört. Außenstehende Menschen können es selten nachvollziehen, dass der seelische Hunger so groß ist, dass ich einfach nicht aufhören kann. Dieser Satz macht mich mittlerweile sehr wütend und traurig, insbesondere wenn ich ihn zum wiederholten Mal aus demselben Mund höre.

6. Warum lernst du es einfach nicht?

Auch diese Situation lässt sich auf meine Essstörung beziehen. Aber nicht nur darauf – auf Beziehungen, Streitereien, Freundschaften,…Ich brauche manchmal mehrere Anläufe bis ich es lerne. Und manchmal mache ich einen wiederholten Fehler, weil ich nicht rational genug bin, um eine emotionale Bindung einfach aufzulösen. Der Vorwurf dieses Satzes verletzt mich so tief, dass ich mich irgendwann nicht mehr traue zu öffnen.

7. Das finde ich irgendwie übertrieben.

Wie oft treffen wir auf Menschen, die unsere Probleme, unsere Gedanken, unsere Ängste als unberechtigt empfinden, weil sie  nicht „krass“ und spektakulär genug sind? In Bezug auf das momentane Angstgefühl in mir treffe ich sehr häufig auf Unverständnis, aber auch sonst im Leben ernte ich skeptische Blicke zu ehrlichen Aussagen. Niemand weiß, was in mir vorgeht. Niemand weiß wie oft ich mir ein gequältes Lächeln abringe und wie schrecklich es ist, wenn meine Worte als „übertrieben“ empfunden werden.

8.  Sieh doch mal das Gute!

Ich als Optimistin bleibe oft positiv gestimmt – aber nicht immer. Wenn Angst, Trauer oder Wut in meinen Kosmos einkehrt, dann wird das Gute ausgeblendet. Dann hilft auch nicht die Aufforderung, stets das Gute im Leben zu sehen.

9. Zu viel gegessen? Ich weiß, wie es dir geht!

Hier muss ich gleich differenzieren, dass es durchaus Menschen gibt, die mir diese Worte sagen und ich sie glaube. Hier im Blog zum Beispiel weiß ich, wie viele Menschen mich verstehen und viele Erfahrungen nachvollziehen können.

Aber draußen, in der „Welt“, glauben so viele Menschen, dass sie wissen, was in mir vorgeht. Sie glauben zu wissen, wie es ist, viel zu essen, weil sie sich auf ihre Erfahrung stützen. „Ich habe gestern eine ganze Tüte Chips gegessen, danach war mir auch schlecht.“ Die eigene Erfahrung ist nicht die Erfahrung anderer. So kann auch ich niemals alles nachvollziehen oder genauso empfinden, womit ich nie konfrontiert wurde.

10. Da musst du eben durch.

Ich schließe ab mit meinem Favoriten aller Sprüche, die man sich sparen sollte. Nichts ärgert mich so sehr wie der Hinweis darauf, dass ich keine andere Wahl habe, und „es“ ertragen muss. Ich weiß, dass dieser Satz schneller über die Lippen kommt, als man denkt, aber mal ehrlich: wollen wir ihn wirklich hören? Hilft er uns? Bin ich die einzige, die beide Fragen mit nein beantworten würde?

Das waren meine 10 Sprüche, die man sich einfach sparen sollte.

Inspiriert wurde ich durch meinen Urlaub mit meiner Familie. Ich hörte diese Sätze mehr als nur ein Mal – beim Jammern meiner Bauchschmerzen oder Offenbaren meiner Angst. Sie machten es jedoch nicht besser. Sie machten es schlimmer.

Aber ich bin zurück mit dem Appell, sich Sprüche wie diese einfach zu sparen.

Habt einen schönen Mittwoch! ♥

 

 

26 Kommentare zu „„Dann hör‘ doch auf zu essen“ – 10 Sprüche, die man sich einfach sparen sollte

  1. Hallo Mia
    Es geht alles mal vorbei.
    In zehn Jahren lachen wir darüber.
    Der Fundus an Sätzen, die es Menschen ermöglicht, nichts tun zu müssen, als dumm daher zu reden ist riesig.
    Was sollen diese Sprüche bringen, außer dem Betroffenen zu sagen, lass mich damit in Ruhe. Genau dazu dienen sie. Gefühl los, abwertend und hart herzig. Schön das du das zur Sprache bringst.
    Lg Robert

    Gefällt 3 Personen

      1. Ja das meine ich. Die Gründe dafür sind meist nicht bösartig aber sie wollen sich mit der Situation nicht beschäftigen Es ist ihnen unangenehm, sie fühlen sich hilflos oder sind genervt. Was auch immer ihre Beweggründe sind, sie wollen sich nicht die Zeit nehmen,sich mit dem Hilfsbedürtigen auseinander zu setzen. Wenn ich wirklich Anteil an etwas nehme, dann benutze ich keine dieser Sprüche Daher sehe ich diese Art der Sprüche in einer Skala, von lieblos bis bösartig.

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  2. Kommentare, die ich immer „ganz toll“ finde: „Alle Menschen haben Probleme!“ oder auch „Jeder hat sein Päckchen zu tragen!“ Das beinhaltet zum einen, dass man offenbar für so doof gehalten wird, dass man nicht weiß, dass auch andere leiden. Zum anderen wird man ausgebremst und im Regen stehen gelassen, in einem Moment, in dem man versucht hat sich zu öffnen. Menschen können leider sehr bescheuert und ignorant sein. Leider muss man wirklich aufpassen, wem man was erzählt, denn sonst hat man schneller als man schauen kann direkt die nächste Verletzung an der Backe.

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  3. Ich glaube sogar, das ist eine Mischung aus beidem: es einerseits (vermeintlich) gut meinen und andererseits ein Thema „abbügeln“ zu wollen, weil man dann nicht in die Tiefe gehen muß/will.
    Schön, wenn Du über manche dieser Sprüche auch lächeln kannst. – Ich mache das bei doofen Kommentaren im Job ganz ähnlich, allermeistens gelingt es jedenfalls 😉

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  4. Ich kenne viel dieser Sätze, nicht nur von der ehemaligen Essstörung, sondern auch von meiner Schlafstörung. Ich glaube, das Umfeld ist oft einfach machtlos und vielleicht auch tatsächlich etwas genervt. Ich habe inzwischen akzeptiert, dass eine Freundin von mir meine Schlafstörungen nicht verstehen kann und rede mit ihr einfach nicht mehr darüber. Das macht mich auf eine Art traurig, aber es ist wohl die richtige Entscheidung. Ich kann von ihr leider nicht verlangen, dass sie mich versteht. Man sagt immer wie wichtig reden ist, aber manchmal ist es besser, eifach gar nicht darüber zu reden und unseren Schatz zu hüten, bis jemand uns das Gefühl gibt, uns wirklich verstehen zu wollen.

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    1. Und es ist auch okay, sich für das Reden jemand anders zu suchen. Nicht immer passt alles kompatibel zusammen. Das heißt nicht, dass Freundschaften einfach fallengelassen werden sollten, aber eben die Möglichkeit offen halten, auch andere Menschen in sein Leben zu lassen.

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  5. „Dann ess doch mal mehr, wenn du dich zu dünn findest!“
    „Vergiss den Anker nicht, es ist windig draußen!“
    „Du wieder. Du brauchst dir über Klamotten doch keine Gedanken machen!“

    Nur mal so als Ergänzung … 😡 … Und ja, Sprüche, die absoluten Nerv – Charakter haben …

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      1. Aufmerksamkeit oder „Fishing for compliments“ … Als wenn es so toll ist, in der Kinderabteilung einzukaufen … 😒 … Oft gelingt es mir, darüber wegzugehen und Nachsicht mit meinen Mitmenschen zu haben. Manchmal aber, da liegen sogar bei mir die Nerven blank und ich pampe kräftig zurück. Bringt zwar nichts, kann ich aber nichts gegen tun 😁

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  6. Liebe Mia,

    die meisten derartigen oder ähnlich gearteten „Ratschläge“, „Hinweise“ oder auch „Bewertungen“, von denen ich so manche sehr ähnliche auf meine Erkrankung bezogene kenne, sind vor allem eins: Überflüssig. Egal, wie sie gemeint sind.

    Ich habe mich früher auch oft sehr über derartige Aussagen und Wertungen geärgert. Inzwischen ist das ein bisschen anders. –

    Es ist leider so, und nicht zuletzt bei Verwandten, dass sich Menschen einfach nicht (mehr) die Zeit nehmen wollen, erst einmal zuzuhören, erst einmal ein bisschen Einblick zu bekommen, die Vielschichtigkeit, die Komplexität einer Sache bzw. eben einer Erkrankung ein bisschen zu erfassen oder gar zu verstehen. – Die Zeit und sehr viele Menschen heute sind so, dass sie auf jedes Problem eine schnelle Antwort haben wollen. Die Zeit ist so schnelllebig, da „passen“ Phasen des Innehaltens, des Nachdenkens, des Hinterfragens nicht. Und das obwohl die meisten Fragen und Probleme heutzutage viel komplexer, komplizierter und vielschichtiger sind als früher

    Aber das ficht so viele nicht an. Entweder eine schnelle Antwort oder Lösung oder eben Ungeduld, ein (vor)schnelles Urteil oder Gleichgültigkeit.

    Ich glaube, es gab noch nie eine Zeit in der Geschichte der Menschheit, in der so viel aneinander vorbei geredet worden ist. – Und sich Zeit für einen anderen Menschen zu nehmen, wirklich Zeit, das ist wirklich sehr selten geworden – deshalb für denjenigen, der/die es denn doch erfährt, so sehr kostbar.

    Was ich nicht ausschließen möchte, ist, das manche Frage oder Äußerung auch aus reiner Unsicherheit getätigt wird.

    Während meines Klinikaufenthalts habe ich mich öfter mit einer Frau unterhalten, die an Anorexie litt. Ich wusste zuvor NICHTS über diese Krankheit.- Nach und nach lernten wir uns ein bisschen kennen, und ich traute mich schließlich zu fragen, ob es für sie in Ordnung wäre, mir ein bisschen von ihrer Krankheit zu erzählen. Sie war einverstanden und sie beantwortete mir jede Frage, auch die bei denen ich vorher noch einmal sagte, dass sie hoffentlich nicht zu persönlich oder zu belastend sei. – Ich war mir halt sehr unsicher.

    Ich denke, das könnte und wird mir in vergleichbaren Situationen wieder passieren. Und vielleicht würde ich auch mal „daneben“ liegen mit einer Frage oder Ansicht.

    Damals ist die Sache sehr gut erlaufen. Die Frau sagte mir mal: „Du bist einer der sich wirklich interessiert und nicht gleich zu bewerten versucht – Du kannst nicht mehr „falsch“ fragen.“ – Das hat mich seinerzeit sehr gefreut. – Deshalb bin ich mir aber längst nicht „sicher“ nun immer „richtig“ zu liegen mit Fragen oder Ansichten zu Belangen anderer Menschen.

    Aber ich weiß, dass Behutsamkeit, bewusstes sich Zeit nehmen, durch unaufdringliches „da sein“ Bereitschaft zu verstehen zu signalisieren, ganz viel bewirken können. Viel mehr als alle (un)möglichen Ratschläge. –

    Ich weiß das aus meiner eigenen Krankheitsgeschichte.

    Ich wünsche Dir, liebe Mia, dass es wenigstens zwei, drei Menschen gibt, die es so mit Dir halten mögen.

    In diesem Sinne, ganz viele, ganz liebe Grüße an Dich! ❤

    Gefällt 4 Personen

    1. Lieber sternfluesterer,
      du hast völlig recht. Diese Sprüche sind leider überflüssig – ob gut gemeint oder nicht. Und wenn sie von der Familie stammen, dann tun sie besonders weh – mir zumindest.

      Ich glaube es gibt nur sehr wenige Menschen, die reflektiert und nicht wertend sind. Zwei, drei Menschen, denen ich mich anvertrauen kann habe ich zum Glück, und einer davon bist du.

      Danke für deine Worte, lieber sternfluesterer, für „alle“, immer und überall!

      Liebe Grüße! ❤

      Gefällt 2 Personen

  7. Solche Sprüche sind in der Tat äußerst lästig, oft sogar verletzend. Sicherlich lässt nicht jedem eine böse Absicht unterstellen, dennoch müssen sich diese Menschen einer gewissen, berechtigten Kritik stellen. Sei es nun ein Mangel an Empathie, Unwissenheit, Lustlosigkeit oder was auch immer – da nutzt es auch nichts, sich hinter dem Vorwand, es gut gemeint zu haben, zu verstecken.
    Spätestens durch die Erkrankung meines Opas hatte ich gelernt, nicht einfach irgendwelche Floskeln auszuplappern, sondern immer genau zu hinterfragen, was ich wann zu wem sage und dass es manchmal besser ist, erstmal gar nichts zu sagen, sondern zuzuhören und vorsichtig Unterstützung anzubieten, ohne sie aufzudrängen.

    Gefällt 1 Person

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