Die Beichte meiner Essstörung – Mein kleines Weihnachtswunder

In diesem Jahr bin ich etwas früher beschert worden. Ich erhielt nur wenige Stunden vor dem vierten Advent ein gigantisches Geschenk, das nicht greifbar und dennoch riesig war. Ich weihte einen weiteren Menschen in mein Geheimnis ein und bekam eine unsagbar wunderschöne Reaktion.

Seit vier Jahren lebe ich mit meiner Essstörung und im Laufe der Zeit traute ich außer meiner Familie nur 5 weiteren Menschen davon zu erzählen. Die meisten Reaktionen waren ehrlich gesagt ziemlich „still“. Oft wussten sie nicht, was sie dazu sagen sollten, mit einer habe ich nach diesem Gespräch sogar nie wieder darüber geredet. Ich weiß, dass sie es niemals böse meinten. Dieses Thema verschlägt einem nun mal die Sprache…

Die Beichte an meinen guten Freund

Wir kennen uns schon seit der Schulzeit und hatten über die Jahre immer sporadischen Kontakt. Nach einigen dramatischen Hochs und Tiefs befinden wir uns heute auf einer platonischen und vertrauenswürdigen Ebene. Er weiß überdurchschnittlich viel von mir, obwohl ich für gewöhnlich die Verschlossenheit in Person bin. So wusste er auch schon seit längerem über meinen Blog Bescheid, auch wenn ich ihm den Inhalt stets erfolgreich verschwieg. Er ahnte nichts, aber auch rein gar nichts von meiner Essstörung. Neulich jedoch verplapperte ich mich…

Ich rief ihn an, weil ich ihn um einen Rat bitten wollte. Eine Journalistin war auf meinen Blog aufmerksam geworden und wollte mich für einen Artikel interviewen. Da er sich in der Branche des Schreibens recht gut auskennt, gab er mir aufschlussreiche Tipps, und akzeptierte es, dass ich ihm weiterhin nichts über den Blog erzählte. Es tat mir leid, dass ich ihn ständig mit Halbwissen abspeiste – aber was hätte ich tun sollen? Ihm einfach davon erzählen? Wohl kaum. Die Beichte einer psychischen Krankheit gleicht der Beichte eines rosa schimmernden Arschgeweihs am eigenen Steiß (hoffentlich hat keiner meiner Leser eins, wenn doch, dann war das nicht abwertend gemeint!). Aber der Effekt ist wohl derselbe: Man ist völlig baff.

Später dämmerte es mir. Ich hatte ihm nicht vom Inhalt des Interviews erzählt, aber den Namen des Magazins ausgeplaudert. Es wäre ein leichtes gewesen auf die Seite zu gehen und alle Artikel durchzuscrollen. Also dachte ich nach. Sollte ich es ihm einfach selbst erzählen? Oder das Schicksal entscheiden lassen?

Schließlich traf ich die Entscheidung aus einem Bauchgefühl heraus. Der Artikel wurde veröffentlicht, ich überflog ihn und leitete ihn an ihn weiter. Er las ihn und rief mich danach an. Ich erklärte in grober Kurzfassung von dem Beginn und Verlauf meiner Krankheit und obwohl ich ihn nicht so eingeschätzt hatte (wir sind nämlich beide Sturköpfe und haben oft eine gegensätzliche Meinung), reagierte er sehr einfühlsam. Er schien zwar ein wenig überrumpelt, ber dennoch verzichtete er nicht auf diverse Komplimente zu meinem Mut, meiner Stärke und meinem Kampfgeist. Mir war nicht bewusst, wie dringend ich das hören musste.

Nach jener Beichte fühlte ich mich komisch. Ich hatte ein großes Stück von mir gegeben und wusste nicht damit umzugehen. Eine Reihe verschiedener Emotionen überwältigte mich – ich war glücklich, traurig, skeptisch, paranoid. Oftmals verfiel ich danach in einen gigantischen Essanfall – es wurde schon fast zur Gewohnheit. Vielleicht hielt ein Teil von mir es auch nötig, der Krankheit gerecht zu werden. Aber dieses Mal nicht.

Ich erzählte es ihm – und der Ausbruch blieb aus.

Nach dem Telefonat verlor ich mich in einer spannenden Serie. Ich wollte ich ablenken, an etwas anderes denken – doch ich wanderte mit meine Gedanken immer wieder zurück zu seinen Worten.

Ich wusste schon von Anfang an, dass er mich weder verachten, noch verurteilen würde – aber dass die Reaktion derart positiv sein würde, konnte ich nicht ahnen. Fakt ist, dass es keinen Ausbruch gab. Weder an dem Abend, noch am nächsten oder übernächsten. Ich nahm mir nach dem Telefonat sogar ein paar Lebkuchen in die Hand, biss in einen hinein, und legte ihn wieder zurück. Nichts in mir verspürte den Drang etwas zu essen.

Ich weiß noch nicht, woran es lag. Vielleicht war es seine einfühlsame Reaktion oder die Tatsache, dass ich allmählich gesund werde.Was ich jedoch weiß, ist, dass ich durch diese Beichte nichts verloren habe – im Gegenteil!

Er wird meinen Blog nicht lesen.

Das sagt er zumindest. Ob das wirklich stimmt, wage ich zu bezweifeln. Ich an seiner Stelle wäre schon neugierig. Aber ob er es nun tut, oder nicht – es freut mich, dass er es sich überhaupt vorgenommen hat. Ich kann viel freier und ehrlicher schreiben, wenn ich weiß, dass keine Menschen aus meinem Umfeld mitlesen.

So viel also zu meinem kleinen Weihnachtswunder. Ich hoffe, ihr erlebt auch eins! ❤️

Fröhliche Weihnachten! 🎄

PS. Hier der Artikel  mit dem Interview: Warum die Feiertage für Menschen mit Essstörungen eine schwierige Zeit sind , falls ihr Lust habt, ihn zu lesen 🙂

12 Kommentare zu „Die Beichte meiner Essstörung – Mein kleines Weihnachtswunder

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