Introvertiert und isoliert? Ich muss raus aus dem Haus!

Nicht jeder tritt gern unter Leute, so auch ich. Doch bei mir ist es inzwischen so gravierend geworden, dass ich unbedingt raus aus dem Haus muss, um mich nicht noch weiter in die Krankheit zu reiten.

In den letzten Jahren hat sich einiges bei mir verändert. Ich bin ruhiger geworden, introvertierter. Ich unternehme nicht mehr so viel, wie sonst. Ich bin gerne allein. Ich bin gerne für mich. Ich habe immer weniger den Drang, andere Menschen zu sehen. Ich fühle mich nur zu Hause am wohlsten.

Ist das etwas Schlechtes?

Eigentlich dachte ich mir nichts dabei, als diese Veränderungen eintrafen. Ich schob es auf mein „Alter“ und sagte mir selbst, dass meine Interessen sich verändert hätten. Dass ich eben so bin wie ich bin und nicht mehr so oft ausgehe, weil ich nicht ausgehen will.

Meine Therapeutin jedoch hält dies für einen Rückschritt!

Bevor sie zu diesem Entschluss kam, fragte sie mich nach dem warum. Warum blieb ich gern zu Hause? Warum unternahm ich nichts mehr mit anderen? Warum fühlte ich mich in der Gegenwart anderer so unwohl?

Um ehrlich zu sein, musste ich lange darüber nachdenken. Es war schwer, das Gefühl zu definieren, das ich empfand. Ich wiederholte immer wieder, dass es sich um ein allgemeines Unwohlsein handelte.

WARUM?, fragte sie wieder.

Weil ich mich nicht verstecken wollte.

In den letzten Jahren habe ich unheimlich viele Fortschritte in Bezug auf meine Gesundheit gemacht. Ich schäme mich nicht mehr für meine Krankheit, aber ich habe nach wie vor ein großes Problem damit, wenn ich von anderen verurteilt werde.

Daher verstelle ich mich viel zu oft.

Ich rede nicht öffentlich über meine Krankheit(en) oder meine Therapie. Ich unterhalte mich mit flüchtigen Kollegen nicht über diverse Familiendramen. Ich spreche meine Gedanken zum Thema Ehe, Kinder,…nicht öffentlich aus, weil ich dann jedes Mal schief angesehen werde. Ich erzähle nicht, was mich wirklich beschäftigt und bin kurz gesagt, nicht ich.

Und dann fragte sie mich, was mir mein Zu Hause gab. Die Antwort: Ehrlichkeit und Sicherheit.

Zu Hause fühlte ich mich sicher und geborgen. Hier musste ich mich nicht verstellen, ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Mein Zu Hause war meine Oase. Ohne Streit, ohne Panik, ohne Angst. Wann immer ich mich nach Gesellschaft sehnte, lud ich jemanden zu mir ein. Zu mir. Ich ging selten und ungern zu anderen.

Doch damit machte ich es nicht besser, sondern schlimmer.

In dem ich mich in meinem Heim isoliere, schotte ich mich zwar von diversen Einflüssen ab, komme jedoch immer weniger mit „Menschen“ klar. Erst neulich in der Uni war ich ziemlich überfordert, als viele Menschen den Vorlesungssaal besetzten. Ich wurde nicht klaustrophobisch, aber ich war nah dran. Ich war es einfach nicht mehr gewohnt, unter so viele Leute zu treten.

Raus aus dem Haus!

Das muss ich nun tun! Egal, wie sehr es mich nervt. Ich muss wieder lernen, unter die Leute zu treten. Ja, ich liebe mein Heim und es wird meine Oase bleiben, aber das Problem wird nicht verschwinden, nur weil ich zu Hause abwarte, dass es irgendwann vorbei gehen wird.

Vor allem aber muss ich lernen, darauf zu „scheißen“, was andere denken.

Jetzt, da ich mich endlich akzeptiere, wie ich bin, muss ich als Nächstes versuchen, einen F*** darauf zu geben, was andere von mir halten. Ich bin wie ich bin. Einige werden mich mögen, andere nicht. Mit Letzterem werde ich irgendwie klarkommen müssen. Genauer gesagt muss ich es. Andernfalls werde ich mich nie in der „Öffentlichkeit“ wohl fühlen können.

Trotzdem möchte ich mich nicht stressen.

Dieser Wandel ist ein Prozess, der auch mit kleinen Schritten erreichbar sein wird. Auch mit kleinen Schritten kommt man ans Ziel!

Kennt ihr das „Problem“, sich nur zu Hause wohl zu fühlen? Seht ihr das auch so kritisch wie ich? Oder ganz anders?

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13 Kommentare zu „Introvertiert und isoliert? Ich muss raus aus dem Haus!

  1. Weiss du was? Sobald du innerlich soweit bist, dass du einen Sch… drauf gibst, was andere von dir denken, wirst du akzeptiert als das, was du denkst, fühlst und bist. Du brauchst gar nichts zu sagen, sie spüren es! Die blöden Kommentare hören auf, und die Ratschläge bleiben aus. Probiers. Niemand wird geliebt, bloss weil er sich anpasst, oder dann sicherlich von den falschen Menschen.

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  2. Sich daheim wohl zu fühlen, ist doch kein Problem. Und Du setzt es ja auch in Anführungszeichen.
    Es heißt ja nicht umsonst „my home’s my castle“. Ich fühle mich zwar nicht ausschließlich zu Hause wohl – bin hier aber sehr gern, anderenfalls würde ich mich nicht zu Hause fühlen. Hier ist zwar auch mein Hauptarbeitsplatz, aber es ist zu einem öffentlichen Job halt auch eine schöne Ergänzung. Ein ziemlich ruhiger Gegenpol, in dem ich manchmal sogar das Telefon einfach klingeln lasse (gibt ja noch Mail), wenn ich gerade nicht gestört werden will oder in meiner Arbeit versunken bin.
    Ich finde es überhaupt nicht dramatisch, um auf Deine Frage zurückzukommen. Es ist etwas Individuelles, wie so vieles. Ganz liebe Grüße!

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  3. Ich fühle mich auch daheim am Wohlsten! Und ich sehe es nicht als Problem an, da ich ja sowieso täglich raus muss – außer am Wochenende. Als ich arbeitslos war, ging ich manchmal ein paar Tage nicht raus, mir hat nix gefehlt. Es ist einfach herrlich stressfrei, wenn man in alten Klamotten rumhängen kann und sich nicht aufbrezeln muss 😀

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  4. So, ich wollte dir schon beim letzten Mal einen Gedanken da lassen, aber etwas kam mir leider dazwischen…
    Ich denke, es ist komplett unbedenklich, sich zuhause wohl zu fühlen. Dennoch ist das geschickte Nachfragen deines Therapeutin sehr angebracht. Denn klar, irgendwie ist es einfach typabhängig, ob man gern allein ist, oder nicht… darüber hinaus kann es aber auch noch andere gründe haben. Und wenn es der grund ist, dass man angst hat, vor anderen man selbst zu sein, dann ist das schlecht…
    Es ist okay, viel zuhause zu sein und selten Leute zu sehen. Die Leute, die man dann sieht, sollten aber so wertvolle Menschen sein, dass man sich keinen Moment vor ihnen verstellen muss.
    Glaubst du, dass es wirklich daran liegt, dass deine Freunde dich verurteilen würden, oder hast du nur eine unbegründete Angst davor?
    Vielleicht kannst du genau das auch mit ihnen thematisieren?

    Ganz liebe Grüße!!!

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    1. Danke für deinen Kommentar, liebe Luna! Tatsächlich denke ich jetzt, einige Wochen, nachdem ich diesen beitrag geschrieben habe, ein bisschen anders darüber.
      Ja, ich fühle mich nun mal wohl zu Hause. Das habe ich in letzter Zeit wieder sehr stark bemerkt. Mein „Problem“ ist nur, dass mein Zu Hause nicht mehr nur Oase, sondern auch Zufluchtsort geworden ist. Ich versuche mich derzeit wieder in die „Welt“ zu wagen, weil dieser Dauerzustand nicht gut für mich ist!
      Und das Verurteilen ist nicht auf meine besten Freunde bezogen, sondern vielmehr auf alle anderen, mit denen ich verkehre (Kollegen, Bekannte,…). Aber das ist eine andere Geschichte, denn außerdem muss ich unbedingt lernen, dasrauf zu „scheißen“, was andere von mir denken/halten.

      Danke für deinen Input!;)
      Liebe Grüße!

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      1. Es ist gut, dass dir deine besten Freunde eine kleine Insel der Geborgenheit schenken können! Ich kann es sehr gut nachvollziehen, wenn es aber mit der restlichen Gesellschaft anders aussieht… Ich war gestern in Berlin und als ich nach Hause kam, kuschelte ich mich lang und fest an meinen Freund und murmelte „ich will nie wieder raus“
        Natürlich wird das nicht so stattfinden, aber gestern hat mir diese verrückte Welt einfach gereicht.
        So verrückt das aber auch alles ist, wir dürfen uns davon nicht ändern lassen. Es ist wirklich nicht wichtig, was irgendein fremder oder bekannter von dir denkt. Demnach ist dein Vorhaben, darauf zu scheißen, sehr wichtig.

        Das ist auch einfach, wenn man Leute nicht täglich sieht… Aber mir fällt das bei Arbeitskollegen sehr schwer. Immerhin möchte man sich selbst das Leben nicht unnötig schwer machen, aber sich auch nicht die ganze Zeit verstellen.
        Ich habe für mich beschlossen, eine Rolle zu spielen. Ich möchte bei keinem auf arbeit, dass er mich kennt, ich bin mir zu wertvoll, als dass ich möchte, dass sie sich derart das Mail zerreißen… Darum spiel ich die Rolle einer gut funktionierenden Arbeitskraft. Und da ich mir bewußt bin, dass es nur eine Rolle ist und letztlich jeder auf arbeit eine Funktion und Rolle hat, fällt mir dies auch enorm leicht.
        Ich weiß nicht, wie du das siehst, mir hilft es allerdings.

        Entschuldige den langen Kommentar 😉
        Liebe Grüße 💞

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      2. hihi, ich komme ja aus Berlin und bei mir ist es, wenn ich außerhalb Berlins bin genau andersherum mit dem Gedanken „Ich will hier nie wieder weg.“ 😀 Unsere kleine Oasen sind wohl bei jedem woanders!

        Und echt spannend, dass du mit der „Rolle“ am Arbeitsplatz so gut klar kommst. Für mich ist das nämlich total kräftezehrend, weil dieses ewige Verstellen einfach anstrengend ist. Aber ich verstehe deinen Hintergedanken, dir das Leben nicht allzu schwer zu machen!

        Liebe Grüße!

        PS.: Ich mag deine langen Kommentare sehr gerne 🙂

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      3. Ja, es ist definitiv schwierig mit der Rolle… Ich hörte einst einen Soziologie Podcast (soziopod), in welchem die Sprache auf den Soziologischen Begriff „Rolle“ kam. Klar, es bedeutet, dass sich jeder denErwartungen, die seine Funktion heraufbeschwören, beugt. Sein ich dahinter wegfallen lässt. Das kann ein Käfig sein, absolut. Und man aufpassen, dass man die Rolle dort lässt, wo sie hin gehört und nicht mit nach hause nimmt. Und man muss schauen, dass es nicht zu sehr gegen die eigene Natur geht, das ist klar. Aber bei diesem Podcast wurde mir klar, wie allumfassend diese Rollen sind und das ich ihrer ebenso gebrauche. Ich habe bestimmte Erwartungen an eine Mutter, an einen Lehrer, einen Schaffner, einen Bäcker, eine Schwester, einen Opa, einen Kollegen, einen Vorgesetzten. Und diesen Erwartungen entsprechen sie nicht unbedingt mit ihrer ganzen Person. Ich habe für mich hinterfragt, was von mir auf arbeit erwartet wird, was ich auch bereit bin, zu leisten , und alles andere ist unnötiger Tand, den ich mir für mich behalte. Ich bin nicht auf Arbeit, um dort Freunde in meinen Vorgesetzten zu finden. Es ist schön, wenn das möglich ist. Wenn es aber nun einfach mal nicht passt, dann bleibt es bei dem Rollenspiel… 😉
        Aber wie gesagt, ich verstehe, wenn du es als kräftezehrend empfindest, mir geht es auch immer wieder so… Es ist traurig, Menschen um sich zu haben, mit ihnen zu lachen und doch zu wissen „Wäre ich gerade ich, dann könnten wir nichts miteinander anfangen“
        Ich frage mich nur, ob das Gegenüber genau solche Probleme hat… Und ob eine Welt ohne Rollen möglich wäre…

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      4. Der Podcast klingt super interessant!! Vielleicht höre ich mir den mal an 🙂 Und jetzt, wo du es sagst, habe ich tatsächlich Erwartungen an bestimmte Menschen…Darüber werde ich mal in Ruhe sinnieren!

        Liebe Grüße!

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