Meine Erfahrung mit der Online Therapie

Da wir momentan alle unter „Quarantäne“ stehen, bedeutet das für meine Therapie, dass sie auf virtueller Basis stattfinden muss. Nach einem Monat Online Therapie möchte ich gern meine Erfahrung mit euch teilen.

Meine Therapeutin steckt momentan noch im Ausland fest, aber da sie ihre Patient*innen nicht so lange im Stich lassen wollte, hat sie eine „Online-Therapie“ vorgeschlagen. Dafür braucht es nur einen Laptop, Internetanschluss und ein Programm, in das wir beide uns einloggen mussten.

Die erste Stunde Online Therapie – schräger geht’s nicht!

Ich muss ehrlich zu euch sein: Am Anfang fand ich das Ganze mehr als seltsam. Ich sprach zu ihr über mein Handy, weil sich die Seite auf meinem Laptop nicht öffnen ließ. Meine Therapeutin trug ein farbenfrohes Kleid, weil sie ja noch im Urlaub war. Ihre Haare wehten im Wind. Hinter ihr zwitscherten laute Vögel, und so ziemlich alles an diesem Bild erinnerte mich permanent daran, wie weit weg sie war.

Meine Therapeutin bemerkte sofort, dass ich etwas angespannt und krampfiger als sonst war. Ich schob es auf die momentanen Umstände und verriet ihr nicht, dass mir das Ganze nicht behagte. Irgendwie war das alles so „falsch“. Ich in meinem Schlafanzug – sie in einem bunten Sommerkleid. Außerdem konnte ich nicht aufhören MICH selbst anzustarren. „So“ sah ich also aus, wenn ich mit ihr sprach? So ernst? Immer mit der lächerlichen Furche in der Stirn?

Am Ende der Sitzung warf meine Therapeutin mir sogar einen Kussmund über die Linse zu – es war zwar bestimmt nur ein versehentlicher Reflex vom üblichen Skypen, (und kam auch nie wieder vor) aber trotzdem schräg!

Die zweite Stunde Online Therapie – Smalltalk!

Aus irgendeinem Grund fiel mir die zweite Sitzung über das Handy (mit meinem Laptop klappte es nach wie vor nicht) erstaunlich leicht. Bis auf die Tatsache, dass mein Arm fast einschlief, weil ich ihn die ganze Zeit vor mein Gesicht hielt, fühlte sich das Reden ganz „normal“ an.

Ich erkundigte mich nach ihrer Lage und sie erzählte mir von ihren Umständen. Wir führten freundlichen Smalltalk mit einer Mischung aus höflichem Interesse und echter Neugier. Es war ungewohnt, aber irgendwie auch schön mal etwas von ihr zu erfahren. Überraschenderweise fiel es mir danach leichter, über mich zu reden.

Die Dritte Stunde Online Therapie – persönlicher Talk!

In der dritten Woche hatte ich überhaupt keine Bedenken, mit meiner Therapeutin über einen Bildschirm aus zu quatschen. Ich konnte ausgelassen reden – vielmehr noch: ich konnte persönlicher reden. Vielleicht lag es daran, dass ich mich in meinen eigenen vier Wänden befand. Oder an der Tatsache, dass ich mich der Situation mit einem Klick entziehen konnte, wenn ich wollte. Was es auch war, ich war offener.

Und sie war es auch. Nicht, dass ich jetzt ihre komplette Lebensgeschichte kenne, aber inzwischen weiß ich ein bisschen von ihr und finde um einiges sympathischer.

Die vierte Stunde Online Therapie – Humor und Witze

Meine letzte Therapiestunde am Mittwoch war eine sehr schöne, ehrliche und auch witzige. Generell lacht meiner Therapeutin oft über mich – also nicht über mich, sondern über meine trockenen, sarkastischen Bemerkungen. Viele Geschehnisse aus dem Alltag verpacke ich als humoristische Anekdoten, die sie entweder schmunzeln oder laut auflachen lässt. Ich nehme es überhaupt nicht persönlich, im Gegenteil!

Doch nun ist sie ebenfalls auf den Humorzug gesprungen. Auch sie versucht sich an ein paar witzige Vergleiche, die die Stimmung auflockern und schweren Themen etwas Gewicht nehmen. Neulich hat sie meine Angst vor Knappheit in Bezug auf Essen (verkneifen) mit der Angst vor Knappheit von Klopapier verglichen. Wir beide mussten daraufhin laut lachen.

Die Dynamik unserer Kommunikation hat sich verändert. Sie ist offener, ehrlicher und humorvoller.

Dies ist mein Fazit der Online Therapie. Natürlich wünsche ich mir irgendwann wieder einen persönlichen Austauch, denn eine introvertierte Person wie ich braucht es hin und wieder, raus gehen zu MÜSSEN. Außerdem glaube ich, dass wir jetzt, wo wir offener miteinander umgehen, sicher nicht zum stocksteifen Anfang zurückkehren werden.

Allerdings saugt eine Online Therapie ganz schön viel Akku aus. Und falls es bei einer Person tatsächlich mal Verbindungsprobleme geben könnte, fällt die Sitzung wohl oder übel ins Wasser. Des Weiteren muss man darauf achten, in einem Raum zu sein, an dem man ungestört allein ist. Als ich neulich etwas über meine Mutter erzählte, wurde ich beim Reden immer leiser und leiser, aus Angst, sie würde von unten lauschen. ^^

Was ist eure Meinung zu Online Therapien? Wäre es was für euch oder könnt ihr gar nichts mit dem Konzept anfangen?

 

10 Kommentare zu „Meine Erfahrung mit der Online Therapie

  1. Als ja durchaus „therapieerfahrener“ Mensch habe ich eine solche Konstellation noch nie erlebt. – Ich glaube, sie würde mir erstmal ziemlich skurril und befremdlich vorkommen. Wie es sich dann weiter entwickeln würde …, schwer zu sagen. Ich denke, dass ich mich generell schwer täte.

    Für mich gehört eine Therapie nicht nach Hause, Und wenn ich daheim vor einem Bildschirm sitzen müsste, um mich mit meinem Therapeuten zu unterhalten – hmm. So lange ich nicht wirklich ganz allein daheim wäre, ginge das für mich gar nicht. – Aber auch generell muss eine Therapiegespräch für mich einen anderen Ort haben.

    Nun ist ja die Lage jetzt eine besondere, und da ich auch weiß, wie schwer es oft ist Thearpieunterbrechungen durchzuhalten, sind natürlich alternative Überlegungen und Realisierungen wichtig …

    Du siehst, liebe Mia, ich bin sehr hin- und hergerissen. Aber, wenn ich Dich richtig gelesen und verstanden habe, kannst Du Deiner Online-Therapie-Phase durchaus Positives abgewinnen, und das freut mich sehr für Dich! 🙂

    Ganz viele liebe Grüße + Knuddel dür Dich! 💖🤗

    (P.S. – Und natürlich schöne Ostertage, ich habe „“gelesen, dass Du seit Deinem 18.Lebensjahr das Ostereiersuchen liebgewonnen hast … – also, falls Du diesmal auf die Suche gehen kannst, dann viel Glück 🍀 dabei!)

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    1. Danke für deinen Kommentar, lieber sternfluesterer! Ich kann deine Meinung voll und ganz nachvollziehen – auch dass die Therapie grundsätzlich nicht ins Haus gehört. Aber momentan ist es so, wie es ist, und bis jetzt hilft sie mir sehr!

      Könntest du dir vorstellen, die Therapie telefonisch zu führen? Ein paar Freunde von mir berichten Positives darüber!

      Liebe Grüße! ♥️

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      1. Wie ich schon schrieb: ich freue mich sehr, dass Dir die Online-Variante so hilft, dass Du damit so gut zurechtkommst, liebe Mia. Wenn es so ist, ist es nur gut!

        Telefonische Therapie? Auch da bin ich eher skeptisch. Ein Gespräch, etwa zur Entlastung, wenn sonst wirklich keine andere Möglichkeit besteht, ja, das denke ich, kann sogar eine sehr wichtige Möglichkeit sein. – Aber letztlich geht bei dieser Art von Kommunikation noch mehr verloren als bei einer Online-Therapie, wo man sich immerhin ein bisschen sieht, was für eine Therapie doch von ganz besonderer Bedeutung ist – die Gesten, die Körpersprache, physische Reaktionen (Fußwippen, Nägelkauen, sich über die Oberarme streichen, die Arme verschränken etc.) – (Wobei für mich auch wichtig ist, die entsprechenden Reaktionen meines Therapeuten zu sehen …)

        Als Überbrückung, als Akutmöglichkeit aber, ist es nicht zu vernachlässigen.

        Generell spielt natürlich auch hier eine Rolle, wie gut die „Chemie“ zwischen Therapeut und Patienten ist – je vertrauensvoller das Verhältnis, um so mehr ist möglich.

        O je, nun ist das hier fast ein „Referat“ geworden … 😉

        Viele liebe Grüße zurück! 💖

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  2. Danke, dass du deine Erfahrungen zu diesem Thema geteilt hast!! Auch in diesen Zeilen erkenne ich sehr viele Parallelen, wenngleich ich sagen muss, dass ich mich bisweilen noch nicht getraut habe, meine Therapie online weiterzuführen…

    Ganz, ganz wunderbare Ostern! 🐥 🐰

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  3. Hi! Ich find’s super schön, wie du deine Erfahrung mit Therapie beschreibst. Ich habe auch schon Online Therapie Erfahrung und finde es persönlich schon um einiges hilfreicher, weil ich mich übers Netz doch nicht so richtig öffnen kann. Aber es ist total schön zu hören, wie ihr Stück für Stück auch zum Humor und der Leichtigkeit gefunden habt. Ich habe gerade erst einen Blog über Essstörungen angefangen und deinen jetzt hier entdeckt und ich freue mich total, ihn in den nächsten Tagen durchzustöbern. Ich hoffe dir geht es gut in dieser komischen Zeit und wüsche dir alles Liebe!

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  4. Hallo Mia,
    ich hatte jetzt auch schon wegen Covid19 einige online Sitzungen und bin da ziemlich ambivalent. Einerseits muss ich nicht aus dem Haus und spare mir die Fahrten mit dem ÖPV, was mir sogar entgegenkommt. Andererseits ist es viel schwieriger für mich, den Ausführungen meiner Therapeutin zu folgen. Auch befremdlich für mich, jetzt Ihr Gesicht plötzlich 30cm vor mir zu haben. Ich befürchte, da wird sich auf absehbare Zeit wohl nichts dran ändern. LG

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    1. Danke für deine Meinung! Ja, dass die Therapeutin plötzlich viel näher an einem dran ist, fand ich anfangs auch etwas befremdlich! Könntest du dir vorstellen, dass es einfacher für dich wäre, deine Therapeutin nur zu hören und nicht zu sehen? Das macht meine Freundin gerade und ist sehr zufrieden!

      Liebe Grüße!

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