Als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich krank bin

Triggerwarnung!

Diesen Beitrag habe ich vor einigen Jahren geschrieben, noch lange bevor ich einen Blog hatte. Ich habe ihn etwas umformuliert, die Namen entfernt und ein wenig ergänzt. Er handelt von dem einen Moment, der mich erkennen ließ, dass ich möglicherweise krank war und ein großes Problem hatte.

Wann habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich krank bin?

Es war kurz nach Neujahr und ich kam gerade von einer Freundin nach Hause. Ich war zu diesem Zeitpunkt seit etwa einem Monat von meinem Freund getrennt und ziemlich traurig. Meine Tante und mein Onkel waren über die Winterferien zu Besuch. Ihretwegen versuchte ich mir nicht anmerken zu lassen wie schlecht es mir eigentlich ging. Im Nachhinein machte die Unterdrückung meiner Gefühle alles noch schlimmer.

Bruch meiner Routine.

Dieser Besuch war ohnehin schon  schwer für mich, weil ich mich dem Essen der Gäste anpassen musste. Ich hatte in dieser Zeit meine Ernährung radikal umgestellt und aß so kalorienarm wie möglich. Außerdem vermied ich es, nach 18 Uhr zu essen. Meine Familie und ich aß ohnehin kaum noch zusammen, weil wir immer zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause waren. Sie merkten also erst viel später, wie ungesund ich mich ernährte.

Aber zurück zum Geschehen.

Ich kam von meiner Freundin nach Hause und packte die Brownies aus, die sie mir eingepackt hatte. Schnell brachte ich sie in den Kühlschrank, weil ich hoffte, dass sie jemand im Haushalt finden und essen würde. Aber da meine Familie kein Hunderudel war, das alles aß, was man ihm vor die Nase stellte, rührten sie die Brownies nicht an. Trotzdem traute ich mich nicht, sie zu essen. Ich kannte das gehaltvolle Rezept und wusste genau, dass der Teig fast nur aus Zucker, Butter und Kakao bestand.

Heißhunger!

Am Abend griff ich schließlich doch nach einem Brownie. Ich biss in den saftigen Teig und schloss genüsslich die Augen. Ich schluckte ihn hinunter und stellte den Rest zurück in den Kühlschrank. 10 Sekunden später öffnete ich  den Kühlschrank wieder und nahm einen viel größeren Biss von dem Brownie. Dann noch einen und noch einen.

Mein Mund war voller Brownie, doch ich konnte den Inhalt nicht runterschlucken. Es war einfach zu viel. Zu viel Zucker, zu viel Fett. Ich spuckte die klebrige Masse also in den Müll und ehe ich mich versah, nahm ich den nächsten Bissen. Ich kaute und spuckte ihn erneut aus. Dies machte ich auch bei den anderen zwei Brownies, die sie mir geschenkt hatte. Als ich nach unten sah, musste ich das Gesicht verziehen. Ich starrte auf die dunkle Masse, die ich gerade noch im Mund hatte.

Okay, das ist krank, dachte ich.

Ich hatte drei große Brownies über dem Mülleimer gekaut und in den Müll gespuckt. Damit ich den Geschmack hatte, aber die Kalorien nicht in meinem Körper ankamen. So dachte ich zumindest. Ich ging in mein Zimmer und verdrängte die Situation. So machte ich es immer.

Eine Form der Essstörung.

Zugegeben – es klingt alles andere, als appetitlich, sein Essen zu kauen und wie ein Lama gekonnt auszuspucken. Eine alte Freundin (mit der Diagnose Magersucht) offenbarte mir jedoch einst, dass auch sie früher Essen gekaut und wieder ausgespuckt hatte. Dass ich auch im Team Lama war, verschwieg ich ihr.

Viele wissen nicht, dass diese Form des Kauens und Ausspuckens ebenso eine Essstörung ist. Im Englischen nennt man sie „chew and spit syndrom“. Und leider ist sie gar nicht so selten. Falls es euch also jemals so ergeht/erging, oder ihr an eurem Essverhalten etwas Ungewöhnliches feststellt, dann fühlt euch keineswegs deswegen schlecht! Essstörungen sind heimtückisch und lassen sich in unzähligen Variationen feststellen.

Bis ich endlich sagen konnte, dass ich wahrhaft krank war und an einer Essstörung litt, dauerte es noch mindestens ein Jahr. So ist das nun mal mit den psychischen Krankheiten. Es braucht eine Weile, um sie überhaupt zu erkennen und noch länger, sie loszuwerden.

Heute muss ich über diese Geschichte fast schon schmunzeln. Ich war damals noch so unsicher, ängstlich und von meinem Körper besessen. Heute bin ich es nicht mehr.♥

Titelbild gefunden auf unsplash.com

11 Kommentare zu „Als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich krank bin

  1. Liebe Mia,
    danke für’s Teilen dieses Beitrags. Du beschreibst da, wie ich finde, sehr eindrücklich, was damals in dir vorging. Ich kann mir das sehr lebhaft vorstellen!
    Ich finde es allgemein toll, wie offen du über all diese Dinge schreibst 🙂

    Alles Liebe ❤

    P.S.: Ich glaube, beim Umschreiben hast du im vorletzten Absatz versehentlich ein bisschen zu viel weggekürzt…?

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      1. Immer gerne! Beim Umschreiben passiert sowas so leicht 😉

        Und wie! Es ist sicher nicht immer leicht, über Dinge wie „chew & spit“ zu sprechen, die potenziell für andere im besten Fall unverständlich sind und im schlimmsten Fall etwas sind, worauf sie mit dem Finger zeigen könnten.
        So erlebe ich zwar die Community hier überhaupt nicht – im Gegenteil – aber ich kenne diese Sorgen von mir, dass vielleicht doch mal was dabei ist, was andere verschreckt… Deshalb habe ich da großen Respekt vor!
        Liebe Grüße zurück ❤

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  2. Finde den Beitrag auch sehr interessant! 🙂 Vor allem, dass du dich an den Moment so gut erinnern kannst. Was mich noch interessieren würde: War es dir in dem Moment klar, dass du etwas dagegen tun musst? Oder wusstest du nur, dass etwas nicht stimmt und wolltest es dir eigentlich nicht eingestehen? Bei mir war es ganz lange so, dass ich mir es nicht eingestehen wollte, dass ich nicht gesund bin…

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      1. Interessant, dass es bei dir auch so war! Ich weiß gar nicht, wie lange ich es dann verdrängte, bevor ich mir professionelle Hilfe suchte, aber bestimmt auch ein paar Monate. Obwohl… selbst als ich dann zum ersten Mal mit einer Psychotherapeutin redete auch nicht komplett eingestanden hatte und immer davon redete, dass ich ja nicht dem typischen Krankheitsbild entspreche. Was vollkommener Schwachsinn ist. Schon komisch. 🙄😜

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