Gespräche über Rassismus – Wenn Menschen bewusst nicht verstehen wollen

Dieser Beitrag richtet sich nicht an diejenigen, die sich mit Rassismus auseinandersetzen und sich um ein respektvolles Verhalten bemühen. Er richtet sich an jene, die bewusst nicht verstehen wollen.

Ich bin müde. Ihr ahnt nicht, wie müde. Immer diese Gespräche, nie das Verständnis. Ich versuche mich zu erklären und werde doch nicht gehört. Es ist zum Verzweifeln.

Ich weiß, dass Gespräche über Rassismus ein sehr heikles Thema sind.

Für nicht betroffene Menschen kann es manchmal schwer sein, sich in diese Lebensweise zu versetzen. Vieles ist so abstrakt, dass es kaum verständlich erscheint. Umso mehr freut es mich, wenn Menschen sich nach Kräften bemühen, zu lernen und zu verstehen. Wenn sie ihren Horizont erweitern wollen. Wenn sie helfen und unterstützen wollen.

Aber viele machen das auch nicht.

Einige schließen bei Gesprächen über Rassismus sofort die Tür. Sie versuchen es gar nicht erst. Sie akzeptieren meine Sichtweise nicht. Sie vergleichen meine Erfahrung mit ihrer, obwohl man sie überhaupt nicht vergleichen kann. Beziehen vieles auf sich, obwohl es nicht um sie geht.

Die Gespräche sind immer dieselben.

Es mag ein Phänomen sein, aber ich habe schon unzählige Gespräche mit unterschiedlichen Menschen geführt. Oft haben sie exakt gleich reagiert – als hätten sie sich alle abgesprochen, nur um mich zu ärgern. Ich bin so müde davon, dass ich sie für mich als Klischee abgetan habe. Klischee, weil es eine Unwahrheit ist, denn nicht alle reagieren so. Und doch Klischee, weil es sehr oft vorkommt. Sehr, sehr, sehr oft.

Laut und aggressiv.

Ja, auch das ist ein gängiges Klischee, dass schwarzen Menschen nachgesagt wird. Sie regen sich immer gleich so auf. Sie werden gleich persönlich, nur weil man sich mal eben falsch ausgedrückt hat. Da reden sie lieber mit jemandem, der nicht gleich so ausflippt. Nicht selten ist das eine weiße Person, die überhaupt keine Ahnung hat. Denn das ist auch ein sehr verbreitetes Klischee. Weiße Menschen hören erst dann über Rassismus zu, wenn andere weiße Menschen es ihnen erklären.

Aber wisst ihr was? Ich darf laut sein.

Ich darf mich darüber ärgern, dass ich jeden gottverdammten Tag Rassismus erlebe. Ich darf mich darüber aufregen, dass viele Menschen nach wie vor ignorant sind und erst reden, bevor sie nachdenken bzw. sich gründlich zu informieren. Ich darf mich aufregen, weil mich Rassismus innerlich zerstört. Und deshalb werde ich mich auch nicht dafür entschuldigen, wenn ich laut werde. Ich werde mich nicht entschuldigen, wenn anderen Leuten mein Ton nicht passt. Wenn ich euch mit voller Wucht auf die Hand trete, heult ihr doch auch vor Schmerz auf, oder?

Es ist nicht meine Aufgabe, anderen Leuten erst zu sagen, dass mich ihr Verhalten verletzt.

Ich erspare euch mal die herzzerreißenden Anekdoten über rassistische Angriffe, aber wann immer ich mit weißen Leuten über Rassismus diskutierte, wurde ich erst dann angehört, wenn ich klipp und klar sagte, dass mich etwas tief verletzte, oder wenn ich in Tränen ausbrach. Aber wisst ihr was? Rassismus ist immer verletzend. Selbst wenn es „positiver“ Rassismus ist, der sich hinter einem Kompliment versteckt. Selbst, wenn er nicht böse gemeint ist. Selbst, wenn ihr eigentlich helfen wollt. Rassismus tut weh – immer.

Jeder Mensch macht Fehler.

Das ist nichts schlimmes, sondern menschlich. Da Rassismus (in der Schule etc.) nie ausreichend behandelt wurde, ist das auch kein Wunder. Doch es obliegt an jedem, aus seinen Fehlern zu lernen. Eine einfache Entschuldigung bringt niemanden um, hilft aber Betroffenen sehr. Ein „Achso, das wusste ich nicht. Dann werde ich das zukünftig anders machen“ reicht schon aus. Mehr erwarte ich nicht.

Falls die ein oder anderen sich in meinen Worten wiederfinden sollten, dann bitte ich euch, euch zu informieren. Lest euch in Themen ein, über die ihr nicht viel Bescheid wisst. Springt über euren Stolz und bittet andere um Verzeihung, wenn ihr das Gefühl habt, dass ihr einer anderen Person einst auf die Füße getreten seid. Es ist nie zu spät dafür. In meinem Post neulich habe ich euch sogar ein paar Herzensempfehlungen über Bücher, die Rassismus aufzeigen oder erklären zusammengefasst.

Außerdem habe ich erfahren, dass es die Bücher exit racism und Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören: aber wissen sollten kostenlos bei Spotify gibt! 

Zum Abschluss ein Dank an alle (aus dem Blog und Instagram), die mir in den letzten Tagen viele verständnisvolle und liebe Worte auf den Weg gegeben haben. Die meisten von euch haben nämlich unfassbar mitfühlend und unterstützend reagiert.

Und danke danke danke an alle, die am Wochenende trotz Corona im Regen und mit Masken auf die Silent Demo gegangen sind, um für schwarze Menschen einzustehen.♥

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Was hat #Rassismus mit #Essstörungen zu tun? | Essstörungen sind zumeist Symptome für etwas viel Tieferes – #Depressionen, #Trauma, oder auch Rassismus. Ich rede selten öffentlich über Rassismus, weil ich meist nicht verstanden werde und mich dann noch schlechter fühle. Tatsache ist, dass rassistische Erfahrungen meine (Körper)Wahrnehmung beeinflusst haben. Ich habe mich immer anders gefühlt – nicht gut genug, und wenn dann nur hypersexulaisiert. Immer gab es nur weiße Vorbilder – nie welche, die so aussahen wie ich. Meinen Körper (damals) zu hassen habe ich zu einem Großteil dem Rassismus zu verdanken. Rassismus ist nicht nur „scheiße“, sondern gewaltvoll, traumatisierend und zerstörerisch. Rassismus hinterlässt Wunden in der Psyche. Ich möchte meine Stimme nutzen, um dagegen anzukämpfen – für all jene, die betroffen sind. Und auch für mich. Ab morgen möchte ich wieder meinen regulären Content aufnehmen. Ich werde aber trotzdem nicht aufhören über Rassismus zu reden. Und ich hoffe, ihr tut es auch nicht.♥️

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Dieser Beitrag enthält Werbung wegen Namensnennung.

 

13 Kommentare zu „Gespräche über Rassismus – Wenn Menschen bewusst nicht verstehen wollen

      1. Ich hab’s sogar dreimal gelesen… Und es ignoranten Menschen in die Hand gedrückt, die ja vermeintlich sooo linksliberal waren, und Herr Carax hat das Buch auch gleich mehrmals verschenkt- Es lohnt sich. 🙂

        Überhaupt bin ich in dieser Sache komplett mit dir. Zwar haben meine Rassismuserfahrungen nix mit meiner Anorexie zu tun, aber ich verstehe, weshalb es bei dir so ist. Und gerade als Teil der Gastronomie sind die täglichen: „Woher stammen Sie? Ihr Deutsch ist aber gut!“-Gespräche ein absoluter Pain in the Ass. 😡

        Aber… Wir sind nicht alleine. Und werden immer mehr. Alles Liebe nochmals: VVN

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  1. Was ich hier zu dem Thema zu schreiben hätte, steht bei mir „drüben“ schon geschrieben Gestriger Eintrag). Aber ich möchte Dir sehr gern auch hier, in Deinem Refugium, noch einmal versichern, dass ich das Anliegen, was Du so mutig, tapfer und letztlich doch immer wieder mit unerschöpflicher Geduld verfolgst, zu unterstützen und dabei selbst immer weiter zu lernen versuche.

    Auch hier noch einmal ganz liebe Grüße an Dich, liebe Mia! 💖⚓

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  2. Ich, Mutter, weiß, habe eine Tochter, Vater, schwarz… und ich weiß sehr genau wovon Du sprichst – und ich pflichte Deinen Worten bei…. und ja, es gibt auch positiven Rassismus….und auch der tut einer Mutter weh, wenn jemand sagt (zu meiner Tochter als sie klein war): Ach, ist die süß, ich hatte mal so eine Puppe mit genau der gleichen Farbe…. (und auf meinen starren Blick dann…), ich liebte diese Puppe, so eine schöne Hautfarbe…. Ja, auch das tut weh – der Mutter – die „Kleine“ im Kinderwagen verstand es zum Glück noch nicht, dass auch das Rassismus ist – heute versteht sie es und noch viel mehr…..

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      1. und ich glaubte ihr sogar, dass sie es gut meinte, aber genau das ist das Traurige. Und ich bin davon überzeugt, dass auch Leser, die hier das Lesen immer noch nicht verstehen, was das eigentlich heißt…

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  3. Liebe Mia,
    Ich weiß, dass ich vermutlich nicht komplett nachfühlen kann, was dieser Alltagsrassismus für dich und viele Andere bedeuten muss…, weil ich weiß bin, in meinem näheren Umfeld keine Menschen mit schwarzer Hautfarbe habe und aus diesen Gründen dieses Thema einfach weniger präsent für mich ist.

    Ich möchte dir trotzdem gerne von meinen begrenzten Erfahrungen erzählen und wie sie mich berührt haben.
    Ich habe vor 2 Jahren in einer Wohngruppe mit jungen Flüchtlingen gearbeitet. 3 der 8 Bewohner waren schwarz. Wenn ich mit einem der dunkelhäutigen Bewohner einkaufen war oder beim Arzt im Wartezimmer saß, habe ich einen leichten Eindruck bekommen, wie es sich wohl anfühlt, als schwarze/r in einer weißen Gesellschaft zu leben… obwohl sie ja angestarrt wurden, nicht ich…

    In irgendeinem Zusammenhang (ich weiß nicht mehr in welchem), sagte eine weiße Frau, dass man als weißer Mensch nur dann einen wirklichen Eindruck davon bekommt, wie es den schwarzen in unserer Gesellschaft geht, wenn man für einige Zeit, in einer Gegend lebt, in der nur schwarze leben. Dann hat man das ganze mal umgedreht… ich glaube das stimmt… vorher kann man als weißer das vermutlich nicht nachfühlen…

    Ich hab im Fernsehen die Trauerzeremonie für George Floyed verfolgt… es hat mich sehr bewegt, was die Familienmitglieder erzählten und auch der Priester. Und nach dem ich das Fernsehprogramm wieder wechselte, aber auch schon auf dem gleichen Sender als die live- Übertragung vorbei war, dachte ich (weil ich es sah): „scheiße ist unser Fernsehprogramm weiß“ … ich hab mich geschämt, vielleicht weil mir das vorher nicht so aufgefallen ist, vielleicht weil ich als weiße im Alltag nicht wirklich etwas an dieser ganzen Rassismus- Situation ändere… keine Ahnung…

    Ich hatte vor ein oder zwei Jahren mal eine Weiterbildung, da ging es um beachteiligung in verschiedenster Form, welche Faktoren alle für Benachteiligung stehen (z.b. Geschlecht, Alter, Hautfarbe und noch einiges mehr). Wir haben da eine Übung gemacht, bei der alle mit dem Rücken zueinander im Kreis standen und uns fragen gestellt wurden, die danach fragten, ob man selbst schon mal Benachteiligung erlebt hatte… und eine Frage ist mir im Gedächtnis geblieben „wurdest du im Auto schon mal aufgrund deines Aussehens von der Polizei angehalten?“ – Nein wurde ich nicht,… aber krass es gibt Menschen, denen passiert das tagtäglich…

    Auf Facebook habe ich gestern einen Beitrag und die Kommentare eines Freundes gelesen, der ein Bild bei sich gepostet hat zum Thema „# black lives matter“. Auf dem bild ist ein schwarzes Mädchen zu Sehen, was ein Schild hoch hält auf dem sowas steht wie „black lives matter; we never said „only“ black lives matter; but we need your help with # black lives matter to show that black lives are in danger“. So sinngemäß …

    Ich fand das Schild und Bild unheimlich einleuchtend und klar. Der Freund von mir schilderte auf Facebook unter diesem bild seine diskussion/ Kommunikation mit einem ehemaligen Freund der ihm erzählen wollte dass „all lives matter “ doch viel einleuchtender wäre als „black lives matter“ der Freund von mir erklärte ihm dann, dass diese Einstellung Teil des Problems ist. Und dass er sich nur mal fragen solle, weil er gerne joggen geht, ob er sich jemals gefragt hat, wenn er sich auf den weg macht, dass er vielleicht nicht zurück nach Hause kommen könnte, weil er unterwegs erschossen würde… mein Freund ist auch weiß… und sagte ihm dann weiter, dass er selbst auch nie eine solche Frage in seinem Kopf hatte, weil für weiße diese Gefahr so nicht besteht, für schwarze ist sie aber Alltag…

    Das hat mich auch sehr bewegt… oder dass in den USA Eltern mit ihren schwarzen Kindern sinngemäß folgenden Satz mit der Geste der erhobenen hände üben „Ich bin unbewaffnet. Bitte schießen Sie nicht“.

    Wir leben schon in einer krassen Welt… und ich kann nachvollziehen, dass man als betroffener/ betroffene aufgrund von täglichen alltagserfahrungen mit Rassismus müde wird, sich hilflos fühlt und eventuell auch resigniert… ich glaube mir würde das so gehen…

    Und ich bin für einen Moment geschockt…, schüttel das irgendwann wieder ab und gehe weiter meinem sorglosen, weißen Leben nach…

    Es tut mir sehr leid liebe Mia…!!!

    Liebe Grüße, Caritas

    P.S.: Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Menschen und die Gesellschaft Stück für Stück wandeln werden…

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    1. Wow, danke für diesen wunderbaren ehrlichen Kommentar!! Scheint als hättest du dir schon viele Gedanken zu dem Thema gemacht. Ich finde es so wichtig, wenn man sich darüber informiert!

      Ich habe deinen Kommentar übrigens mehrmals durchgelesen, weil du so viele wertvolle Inhalte mit mir geteilt hast! Deine Empathie und deine Mitgefühl haben mich sehr gefreut!!

      Ich glaube auch, dass man als Weiße Person inmitten vieler anderer POC’s einen Eindruck bekommt, wie es ist, ständig angestarrt zu werden etc – aber man darf auch nicht vergessen, dass Weiße selbst als Minderheit niemals kriminalisiert werden, sondern um Gegenteil einen privilegierten Status. Das Leben als schwarze Person ist in dieser Welt nun mal ein sehr Hartes, aber genau wie du hoffe ich darauf, dass es irgendwann besser werden wird!

      Liebe Grüße!♥️

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      1. Ja Mia, mit der Kriminalisierung hast du sicherlich Recht. Das ist ein Unterschied!

        Wobei ich mir sicher bin, dass die Mehrheit der Weißen im Jugendalter mindestens einmal z.B. auch schon einen Ladendiebstahl begangen haben… sagt man das aber von Schwarzen scheint das auf einmal eine völlig andere Bedeutung zu haben…

        Hinzu kommt mit Sicherheit auch eine Korrelation von Benachteiligung und Armut und dann wieder eine Korrelation von Armut und Kriminalität…
        Wodurch es dann schon möglich sein kann, dass mehr schwarze als weiße kriminell werden… aber nicht, weil sie schlechtere Menschen wären, sondern weil sie schlechtere Lebensbedingungen haben…

        LG Caritas

        Gefällt 1 Person

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