Reden wie ein „Proll“ – Ist das schon Rassismus?

Sprache ist mächtig. Alltagsfloskeln springen unbedacht aus dem Mund, ohne, dass ihr tieferer diskriminierender oder gar rassistischer Sinn dahinter wahrgenommen wird. Aber zählt das Reden wie ein „Proll“ auch schon zu Rassismus?

„Prollig“ reden?

Jede*r weiß sofort, was gemeint ist. Kein korrekter grammatikalischer Satzbau und viele“Ey’s“ und „Jo’s“. Das „Ich“ wird zu „Isch“ und vereinzelte Buchstaben wie das R oder T irgendwie härter ausgesprochen. Wir alle haben mindestens einen Menschen getroffen, der so gesprochen hat. Und wenn wir nicht so sprechen, haben wir bestimmt einmal aus Spaß so geredet, um einen „Proll“ nachzumachen.

Reden wie ein „Proll“ und Rassismus?!

Es mag anfangs irritierend erscheinen, die Worte „Proll“ und „Rassismus“ in Zusammenhang zu bringen. Doch jetzt, nach dem letzten Wochenende, bin ich sicher, dass es einen gibt.

Kurze Storytime:

Am Samstag war ich auf einer Geburtstagsfeier, die bis spät in die Nacht ging. Je höher der Alkoholpegel der Besucher*innen stieg, desto „derber“ wurden alle. Einer von ihnen, machte sich den Spaß, immer „prolliger“ zu reden. Soweit so gut, dachte ich. Bis die Floskeln „Habibi“,  „Insha allah“ und „Wallah billah“ aufkamen.

Da ich selbst arabisch spreche, weiß ich natürlich, was die Worte bedeuten. Er jedoch sagte sie in einem zusammenhanglosen Kontext, die, wenn man sie in die deutsche Sprache einbringt, automatisch „prollig“ klingen. Dämmernd wurde mir klar, dass er sich gar nicht nur um „Prolls“ an sich, sondern auch um „Araber“ lustig machte. Er selbst würde zwar nicht von sich behaupten, dass er es böse gemeint hatte, aber ich fühlte mich trotzdem gekränkt und verletzt. 

An diesem Abend wurde mir zum ersten Mal richtig klar, dass der Begriff „Proll“ sich laut heutiger Definition überwiegend auf Menschen mit Migrationshintergrund bezieht. Diese haben nämlich gelegentlich einen bestimmten Einschlag in der Zunge, der sie das „ch“ nicht gut aussprechen lässt, weil es diesen Buchstaben in der Muttersprache ihrer Eltern nicht gibt. Genauso ist es mit dem gerollten R. Wenn sie „Hey, Bruder“ etwas „prollig“ sagen, dann nur, weil sie nicht anders kennen. Im Übrigen ist „Bruder“ im Arabischen ein Synonym für „Kumpel“. „Wir“ jedoch machen uns darüber lustig. Und nach langem hin und her Überlegen ist mir klargeworden, dass auch das eine Form von Rassismus für mich ist.

Jetzt würden einige sicher entgegenbringen, dass nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund so sprechen, und der „Proll“-Jargon inzwischen sogar einen Teil der Jugendsprache ausmacht. Ja, ist es und ja, tut es. Aber ich finde es trotzdem nicht richtig und in jedem Fall diskriminierend. Indem wir uns über eine andere Gruppe lustig machen, stellen wir uns über sie – als wäre unsere Sprache „richtiger“ oder „besser“.

„Darf man denn gar nichts mehr sagen?“

Hach ja, meine Lieblingsfrage. ^^ Die meisten Menschen, die mir mit diesem Spruch kommen, hören mir meistens nicht richtig zu. Ich will ihnen überhaupt nichts verbieten, sondern aus der Sicht einer Betroffenen lediglich Impulse geben, um sich und sein Verhalten zu hinterfragen. Sprache ist im ständigen Wandel und nie abgeschlossen. Wir sollten sie immer unseren aktuellen Weltvorstellungen anpassen und darauf achten, niemanden zu verletzen.

Einsicht ist der erste Schritt. 

Wenn ihr euch in dem Beitrag wiedergefunden habt, dann ist das überhaupt nicht schlimm. Wichtig ist nur, sich selbst zu reflektieren und an sich zu arbeiten, wenn man merkt, dass man mit seinem unbewussten Verhalten Menschen verletzt. Ich weiß, dass es vielen schwer fällt, weil der unschuldige Spaß verloren geht. Aber denkt in Momenten wie diesen daran, dass ihr mit eurer lustigen Imitation eine gesamte Gruppe diskriminiert und verletzt.

„Sind Akzente nachmachen auch rassistisch?“

Meine Meinung: Ja. Fast alle Menschen aus meinem Bekanntenkreis (einschließlich mir selbst) imitieren manchmal einen Akzent, wenn sie vom lustigen Besuch beim Italiener oder vom russischen Bekannten berichten. Wir erzählen nicht nur von der Person, wir spotten auch über ihre Herkunft. Und klar sind bestimmte Akzente besonders süß oder besonders lustig, aber die betroffenen Personen reden ja nicht zum Spaß so, sondern, weil sie nicht anders können. Eine gute Freundin von mir ist Französin und hasst es, wenn ihr Akzent imitiert wird. Sie fühlt sich immer sofort auf ihre Herkunft reduziert, auch, wenn es vom Gegenüber nicht böse oder sogar als Kompliment gemeint ist.

„Aber dann sind Dialekte nachmachen auch rassistisch.“

Nein, sind sie nicht. Rassismus ist definitiv das falsche Wort. Diskriminierung passt  aber eher und ich verstehe es, wenn sich Menschen diskriminiert fühlen, wenn ihr beispielsweise sächsischer oder bayrischer Einschlag ständig als Basis für Imitationen ausgelegt wird. Das würde nämlich bedeuten, dass das klare Hochdeutsch das „Richtige“ ist – und das ist schon ein bisschen überheblich, findet ihr nicht?

Das Stichwort lautet in dieser Debatte übrigens cultural appropriation. Auf diesen Begriff werde ich bei Gelegenheit in einem seperaten Beitrag eingehen – bis dahin könnt ihr den Blick ja mal googeln, wenn ihr neugierig seid.

Reden wie ein „Proll“ – Ist das schon Rassismus?

Nun zum Fazit des Ganzen: Meiner Meinung nach kommt es auf die Begriffe an, die man in seinen „Proll“-Jargon bezieht. Wird in Form der Ausdrücke über die Nationalität und Herkunft gespottet, ist die Rede definitiv von Rassismus. Allem voran ist das Imitieren von Akzenten und Dialekten immer diskriminierend.

Was ist eure Meinung des Ganzen? Habt ihr euch schon mal kritische Gedanken über das „Reden wie ein Proll“ gemacht?

 

9 Kommentare zu „Reden wie ein „Proll“ – Ist das schon Rassismus?

  1. Hallo Mia, ich finde das sehr gut, dass die die Proll-Ausdrucksweise in Zusammenhang mit Rassismus bringst…. denn (meine Meinung ist) der Mensch ist als Wesen (gegenüber den Tieren z.B.) ja auch eine Rasse und wenn ich Menschen beschimpfe so beleidige ich die Menschen oder den einen Menschen…. das geschieht natürlich unbewusst – aber es geschieht. Und übrigens finde ich es auch beleidigend, das Menschenbeschimpfungen mit Tiernamen oft eigentlich eine Beleidigung für das Tier ist. Nehmen wir mal das Schwein, es ist ein überaus kluges Tier und Menschen, die ‚prollisch‘ reden sind das nicht, sonst würden sie das wissen. Aber wir Menschen – mit unserer Neigung zu werten und abzuwerten ist halt auch der Unwissenheit haben das halt auch noch zu lernen.

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    1. Oh wow – danke für diesen Impuls! Darüber habe ich noch nie richtig nachgedacht! Aber Begriffe wie: „Du Schwein, Sau, Hund, Esel“ gehen auf die Kosten des Tiers… und damit erheben wir uns als Menschen schon wieder – diesmal über das Tier!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Mia!

    Ich beschäftige mich immer wieder gern mit Linguistik und was man dabei über Slangs und Dialekte lernt, ist super Horizonterweiternd. Während in der Gesellschaft ständig vom Verfall der deutschen Sprache gesprochen wird, wird unter Linguisten einfach nur die Veränderung wahrgenommen und als etwas natürliches akzeptiert. Es geht nicht um schlechter oder besser. Sprache wandelt sich.

    Ich selbst und meine Freunde haben auch immer wieder dieses prollige Reden aus Spaß nachgemacht. In meinem Kopf habe ich dabei nie an Araber gedacht, da ich (auch dank der Linguistik) weiß, warum manche diese Aussprache, den Satzbau und benannte Wörter auf diese Art verwenden. Meine Nachahmungen richteten sich immer an deutsche, die sich aufgrund von Gruppenbindung genauso verhalten. Linguistisch alles erklärbar, ich komme aber doch nicht umhin, das albern zu finden.

    Ich habe aber nie darüber nachgedacht, wie die Wirkung dieser Proll-Blödeleien von außen ist und diese in Zusammenhang mit Rassismus gepackt. Ich danke dir für diesen Denkanstoß, werde auf jeden Fa weiter darüber sinnieren!

    Liebe Grüße!

    Gefällt 3 Personen

    1. Ach Luna, es freut mich so sehr, dass du immer öfter bei mir vorbeischaust! Danke für deinen Kommentar – der schon fast aus einer wissenschaftlichen Richtung kommt! Ich finde es überhaupt nicht schlimm, dass Sprache wandelbar ist – ich finde es sogar gut, weil sie immer der aktuellen Zeit angepasst wird. Jedenfalls freut es mich, dass ich dir einen Denkanstoß geben konnte! 🙂

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Mia!

    Ich finde, du sprichst da etwas sehr wichtiges an.

    Mir als Landei ist dieses „Proll-Sprech“ damals erstmals durch Erkan & Stefan begegnet. Die beiden haben ja die „Zustände in Ghetto“ satirisch zum Thema ihrer Comedy-Show gemacht.

    Und damit stellt sich wieder ein bisschen die Frage „Was darf Satire?“
    Ich erinnere mich nicht mehr genau an Details, da ich die Sendung nicht so viel geschaut habe, aber ich erinnere mich noch an die Veränderungen in meinem (ländlichen) Umfeld.

    Denn einerseits waren es gerade die Freunde und Klassenkameraden mit Migrationshintergrund in meinem Umfeld, die darüber am lautesten gelacht haben und ich denke, diese Show war einfach auch für viele irgendwie relatable. Auf der anderen Seite hat die Show gerade dieses „sich lustig Machen“ über diese Art zu sprechen salonfähig gemacht. Plötzlich haben auch Jugendliche (und Erwachsene) angefangen so zu sprechen, um „cool“ zu sein, oder den einen oder anderen Lacher abzusahnen.

    Und ich denke, an dem Punkt wird es eben auch beleidigend. Denn – wie so oft wenn es um das Thema Rassismus geht, aber auch einfach ganz allgemein zwischenmenschlich trifft das m. E. zu – die eigenen Schwierigkeiten humoristisch zu verarbeiten ist eine sehr andere Sache, als sich als Außenstehender darüber lustig zu machen. Und es ist auch eine sehr andere Sache, sich über Dinge aus den Leben Gleich- oder Höhergestellter lustig zu machen, als über die von Menschen die in irgendeiner Weise mir gegenüber benachteiligt sind. Und ein ausländischer Dialekt macht es Menschen im allgemeinen in Deutschland schon deutlich schwerer, einen guten Job zu finden.

    Ich finde es also ganz richtig, dieses Proll-Sprech mit Rassismus in Verbindung zu bringen. Es zeugt meines Erachtens sehr deutlich von (sicher häufig unbewussten aber nichtsdestotrotz vorhandenen) Überlegenheitsgefühlen aufgrund der Herkunft. Und das ist rassistisch.

    Liebe Grüße ❤

    Gefällt 2 Personen

    1. Danke für deinen Kommentar, liebe Grübel Eule! Ich kenne Erkan und Stefan tatsächlich gar nicht, aber ich kenne es, wenn Menschen mit Migrationshintergrund über „sich“ selbst lachen. Ich glaube, es liegt zum Großteil daran, dass sie es unbewusst schön finden, repräsentiert zu werden, weil sie es in anderen Kontexten gar nicht tun. So ist es ja auch beim Deutschrap und anderen Bereichen. Sie identifizieren sich miteinander.

      Die Satire ist aber so eine Sache. Solang die Person es nicht nur als Scherz meint, sondern sich auch politisch für andere Minderheiten einsetzt (und nicht nur labert) finde es Satire lustig und akzeptabel. Wenn da aber irgendwer am Podest steht, rassistische Witze macht und von sich behauptet, er sei kein Rassist, kann er sich nicht hinter dem Begriff Satire verstecken. So meine Meinung!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  4. Ich habe mir darüber ehrlich noch nie aktiv Gedanken gemacht, aber ich finde dieses „Nachmachen von Akzenten“ allgemein sehr unangenehm und nicht wirklich unterhaltsam, oft eher peinlich für die Person selber. (Klar, das kommt auf den Kontext an und manchmal finde ich es auch amüsant, aber das ist die Ausnahme)
    Vielleicht kommt das daher, dass sich meine Gastkinder in NZ und Norwegen manchmal über mein englisch/norwegisch lustig gemacht haben und ich weiß, wie sehr das verunsichern kann, wenn man eine Sprache eben nicht gut kennt.

    Im allgemeinen würde ich es jedoch nicht als Rassismus, sondern eher als Diskriminierung bezeichnen 🤔

    Im Übrigen mag ich es total, verschiedenen Akzenten und Dialekten zuzuhören.😌
    Liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Im Allgemeinen würde ich auch eher zu den Worten Beleidigung oder Diskriminierung tendieren, aber sobald offensichtlich auf die Herkunft appelliert wird, zu Rassismus. Anderen Akzenten zuhören mag ich auch sehr gern, aber ich strenge mich an, es der Person nicht zu sagen, weil ich sie nicht darauf reduzieren will.

      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar! 🙂

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