Wenn Recovery auf Moral trifft – Warum ich für meine Genesung nicht vegan lebe

Ich hatte dieses Thema bereits öfter erwähnt, doch aufgrund der hohen Nachfrage entschieden, es erneut anzusprechen. In diesem Beitrag möchte ich euch erklären, warum ich für meine Genesung nicht vegan lebe. 

In Zeiten der Klimakrise ist es wichtig, den Lebensstil nachhaltiger zu gestalten. Das gilt für den Alltag, dem Konsum, aber vor allem auch für die Ernährung. Letztere hat einen unfassbaren Einfluss auf das Klima. Darum wird schon seit geraumer Zeit dazu aufgerufen, Essen nicht mehr zu verschwenden, auf Bio umzusteigen, regionale Produkte zu kaufen, auf die Tierhaltung zu achten und im besten Fall komplett auf tierische Produkte zu verzichten.

Seit Jahren schon bewegt mich dieses Thema, weshalb ich inzwischen größtenteils vegetarisch lebe. Allerdings stoße ich beim Thema Essen auch immer wieder auf meine Essstörung.

Recovery trifft auf Moral

Es ist so, dass sämtliche Essensverbote meine Zwänge auslösen. Demnach versuche ich mir alles zu erlauben und nichts zu verbieten. Für die Recovery ist das die richtige Entscheidung, für meine Moral jedoch die falsche.

Immer wieder bekomme ich Gewissensbisse, weil ich die Tierhaltung verabscheuungswürdig finde und aus moralischer Sicht der Meinung bin, dass der Mensch keine tierischen Produkte braucht, um zu überleben. Sie sind ein Luxus, auf den wir vor allem in der westlichen Welt kaum verzichten wollen. Außerdem gibt es inzwischen viele Alternativen – vegane Milch, veganen Käse, sogar veganes Fleisch. Es ist geschmacklich nicht dasselbe, aber es ist zumindest eine Alternative.

Moral trifft auf Luxus

Doch es ist nicht nur die Moral, die mich nicht vegan leben lässt. Es ist der Luxus, den ich habe, und dem es mir schwer fällt, abzulegen. Manchmal bekomme ich unstillbare Lust auf ein richtig gutes Steak. Manchmal gehe ich in einen überteuerten Laden und kaufe mir überteuerten Käse. Ich mag den nicht veganen Lebensstil, was den Geschmack angeht, und es fällt mir schwer, auf sämtliche Geschmacksexplosionen zu verzichten.

Dies ist jedoch nur ein eindeutiges Zeichen dafür, wie reich ich eigentlich bin – so wie viele andere, die in diesem Land wohnen und tierische Produkte zu Spottpreisen ergattern können. Wir alle sind reich und zu bequem, um etwas daran zu ändern.

Dennoch bemühe ich mich darum, meine Privilegien zu hinterfragen und abzulegen. In den letzten Jahren habe ich mich an Alternativen, wie vegane Milch, vegane Sahne, veganen Joghurt und veganen Frischkäse versucht, die ich geschmacklich sogar noch besser finde. Hierbei war die Umstellung überhaupt nicht schwer. Was den Käse und das Fleisch angeht…da hadere ich noch mit mir.

Kein veganer Lebensstil während der Recovery

Ich weiß, dass es vielen genauso geht wie mir. Ich weiß, dass viele den Luxus lieben und nicht ablegen wollen. Und ich weiß, dass das, was man nicht bekommen darf, umso reizvoller erscheint.

Bei einer Essstörung läuft das Fass dann komplett über. All dieser Druck – die Moral, das schlechte Gewissen und die Lust am Essen, verursacht Zwänge in Form von Heißhungerattacken und Essanfällen.

Daher kann ich euch nur das raten, was ich mir selbst verordnet habe. Setzt eure Gesundheit in den Vordergrund und stellt eure Moral vorerst zurück. Es ist toll, dass ihr einen nachhaltigen Lebensstil bevorzugt und der Welt (und den Tieren) etwas Gutes tun wollt, aber wenn ihr nur mit dem halben Herzen dabei seid und ihr noch dazu eure psychische Gesundheit aufs Spiel setzt, nützt es nichts.

Ein Kompromiss mit der Recovery und der Moral.

Im Gegenzug könntet ihr versuchen, den veganen Lebensstil Schritt für Schritt anzugehen. Ihr könntet euch an vereinzelte Alternativen wagen, anstatt „alles“ mit einem Schlag radikal umzustellen.

Zudem könnte es euch helfen, einen prüfenden Blick auf die Tierhaltung zu werfen, euch und nichts unter Halterungsstufe 4 zu kaufen. Ich weiß, dass das auf jeden Fall teurer werden wird, aber für meine Moralvorstellungen ist das ein Kompromiss, den ich bereit bin zu akzeptieren. Inzwischen werfe ich beim Kauf von Käse und Fleisch immer einen Blick auf die Rückseite und spähe nach den Siegeln, die eine artgerechte Tierhaltung garantieren.

Noch ein paar Worte zu den Menschen, die die vegane Ernährung für „übertrieben“ halten und nichts damit am Hut haben wollen:

Seid mir nicht böse, aber ich finde diese Haltung ignorant. In Zeiten wie diesen obliegt es jedem von uns (vor allem wir Bürger*innen der westlichen Welt), die Welt vor ihrem „Untergang“ zu bewahren. Die Klimakrise ist real und die Tierhaltung trägt einen beträchtlichen Anteil dazu bei. Wer sich aus Bequemlichkeit oder Sturheit gar nicht erst an vegane Alternativen versuchen will und glaubt, ohne seine Lieblingssalami nicht leben zu können, den kann ich nur dazu einladen, es trotzdem zu versuchen. Es gibt unzählige vegane Gerichte, die wunderbar schmecken. Mir fallen ganz viele Rezepte aus der orientalischen Küche ein, aber auch aus der asiatischen (vietnamesich, indisch, etc.).

Was ist eure Meinung zur veganen Ernährung? Beeinträchtigt euch dieser Lebensstil in der Recovery?

8 Kommentare zu „Wenn Recovery auf Moral trifft – Warum ich für meine Genesung nicht vegan lebe

  1. Ich kann Deinen Gedankengang gut nachvollziehen. Ich esse wirklich gerne Fleisch und Tierprodukte wie Milch und Käse, aber ich habe in den letzten Jahren versucht immer mehr davon aus meinem Ernährungsplan zu streichen und dafür verschiedene Alternativen auszuprobieren.

    Diesen Plan habe ich aber zum Großteil verworfen, als ich mit meinem Abnehmabenteuer angefangen habe, denn ich erziele die meisten Erfolge durch Low Carb. Weil ich dabei schon viele Lebensmittel, wie Reis, Kartoffeln und Nudeln, extrem eingeschränkt esse weiß ich, dass ich bei meinem Vorhaben scheitern würde, wenn ich auch noch die Tierprodukte streichen würde. Da spielt leider auch mit rein, dass ich nicht alle Fleischalternativen vertrage. Andere Sachen konnte ich allerdings auch bei Low Carb gut einbauen, zum Beispiel Mandelmilch und vegane Joghurts.

    Beim Fleisch habe ich für mich den Entschluss gefasst, dass ich nur Bio-Produkte kaufe und Ramschpreise meide. Zum Beispiel bin ich von diesem Crowdbutchering-Prinzip ziemlich begeistert, bei dem der Preis fernab der Supermarkt-Spotpreise liegt, die Tiere bei Bio-Bauern gezüchtet werden und außerdem nicht für die Mülltonne geschlachtet werden. Das kostet zwar einiges, aber jeder Cent, der dafür sorgt, dass die Bauern ihre Tiere halbwegs artgerecht halten können, ist es mir wert.

    Falls ich mein Zwischenziel für dieses Jahr erreiche, will ich aber wieder mehr von den fleischlosen Alternativen, zumindest die, die ich auch vertrage, ausprobieren und in meinen Speiseplan integrieren. Vorsichtig natürlich, damit ich mir meine eigenen Erfolge nicht gleich wieder zerstöre.

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  2. Liebe Mia, ich finde diesen Beitrag sehr gut und wichtig. Insbesondere auch deswegen, weil es ja gar nicht stimmt dass Vegane Nahrung immer moralisch einwandfrei ist, sowohl was den Klimawandel betrifft, und das Tier- und Menschenwohl weltweit. Ich bin der Meinung, besser ist es beispielsweise einen Guten Bergkäse zu genießen, der aus Milch von Tieren hergestellt wurde die auf grünen Almwiesen leben (wo nebenbei sowieso keine Landwirtschaft für den direkten Konsum von Menschen möglich ist), als Soja-Ersatzprodukte oder sonstiges zu essen, die um die halbe Welt transportiert wurden, und in Ländern erzeugt werden wo deren Umwelt und Bewohner dafür schwer geschädigt werden.
    Es ist egal was wir essen, wir sind nie frei von der Verantwortung dafür wo es herkommt und wie es erzeugt wurde. Dazu kommt der Aspekt unserer eigenen Gesundheit, und viele vegane Produkte sind voll von ungesunden Zusatzstoffen. Ich bin sicher dass ich mir (inzwischen) mehr Gedanken mache und bewusster über jedes Lebensmittel nachdenke ob es gut für mich ist, und wie stark es die Umwelt belastet, als manche Veganer, die gerne einfach nur mit dem Finger auf andere zeigen, und sich selbst bloß darauf ausruhen dass sie vegan Leben, ohne zu hinterfragen welche Spuren die Herstellung ihrer Produkte auf dem Planeten hinterlässt.
    Liebe Mia, ich möchte dir ein ganz großartiges Buch zu dem Thema empfehlen falls du es noch nicht kennst, dass dir ganz sicher aus der Seele sprechen wird, und wunderbare Argumente liefert die du den all den Kritikern entgegenbringen kannst: „Ab in die Küche“, von Franz Keller
    Ich selbst bin gerade in der Recovery einer sehr langen und schweren Geschichte einer ES, und dieses Buch hat mir sehr geholfen überhaupt wieder ein positives Verhältnis Verhältnis zu irgendwelchem Essen aufzubauen, und vieles jetzt nicht mehr anziehend zu finden, was häufig in der Vergangenheit zum Triggern von Essanfällen geführt hat. Ich bin H.Keller unglaublich dankbar für dieses Buch, und habe es aber auch schon mehrmals an gesunde Freundinnen verschenkt, weil auch ich den Themenkomplex Ernährung/Klimawandel/Tierwohl/Soziale Verantwortung/ und nicht zuletzt die eigene Gesundheit … wahnsinnig wichtig finde, und jeder seinen Teil der Verantwortung dazu trägt (und auch tragen kann!), ob er/sie will oder nicht. Viele sich auch aus Mangel an Information (oder wegen falscher Bewertung von irgendeiner Information) nicht gut. Deswegen verschenke ich so gerne dieses Buch von Franz Keller und empfehle es weiter, weil es so viel wichtige Information enthält, Dinge miteinander in Beziehung setzt die nicht alleine bewertet werden sollten, und auch jede Menge Anregungen liefert wo jeder einzelne anfangen kann seine Verantwortung zu übernehmen. Und noch dazu ist es wirklich unterhaltsam und macht Spaß zu lesen 🙂
    Liebe Mia, ich hinterlasse hier gerade zum ersten mal einen Kommentar aber lese deinen Block jetzt schon seit ein paar Monaten sehr sehr gerne. Lieben Dank, dass dass du damit dazu beträgst Anregungen zu geben, um den Weg zu finden um gesund zu werden, und Ganz doll dabei zu helfen mich mit meinen Problemen nicht mehr so sehr wie früher wie ein „einsamer Alien„ zu fühlen!

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    1. Danke für deinen ehrlichen Kommentar, und deine lieben Worte! 🙂 Wie du schon sagst, sollten wir Verantwortung für unseren Konsum tragen und immer hinterfragen. Danke sehr für deinen Buchtipp! Vielleicht komme ich irgendwann dazu, es mir anzusehen!

      Liebe Grüße!

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  3. Ich verstehe deinen Punkt total, dass Verbote in der Recovery einfach nicht hilfreich sind.
    Für mich ist es so, dass ich inzwischen seit 12 Jahren vegetarisch lebe und mich an den Geschmack von Fleisch gar nicht mehr erinnern kann. Es fühlt sich für mich gar nicht mehr wie verzichten an, weil ich das Fleisch einfach nicht vermisse (und es auch gar nicht als eine Essensalternative für mich ansehe). Die Vorstellung, Steak oder Fleisch zu essen, erscheint mir inzwischen total abwegig.

    Wenn ich koche, dann tatsächlich oft vegan, allerdings eher automatisch und ohne, dass ich viel darüber nachdenke – ich benutze statt Sahne Tahin oder andere Nusspasten oder Kokosnussmilch, zum Anbraten Öl, Fleisch esse ich eh nicht.
    Dafür esse ich gerne Käse, Quark, Eier und Butter und möchte darauf morgens und abends nicht verzichten. Ebenso wenn ich unterwegs bin und mir essen bestelle – da esse ich auch einfach vegetarisch.
    Ich hab eine Weile 3 Tage die Woche vegan gelebt, wobei ich das aktuell auch nicht mache(n kann), weil es dir Essstörung befeuert hat.
    Und auch bei Süßigkeiten esse ich alles, wobei ich versuche, auf Gelantine zu verzichten.

    Insgesamt würde ich auch niemandem „verbieten“ wollen, Fleisch oder andere tierische Produkte zu essen. Ich mache Menschen nur immer darauf aufmerksam, dass sie sich bewusst machen sollen, dass alles, was sie essen irgendwo her kommt und irgendwie in die Natur eingegriffen hat. Also dass für Fleisch und Milchprodukte nicht nur ein Tier gestorben ist bzw. ein Kalb von der Mutter getrennt wurde, sondern eben auch die Acker bepflanzt wurden und diese Fläche auch effizient für Pflanzen, die der Mensch verzehrt, genutzt werden könnte, wenn man seinen Konsum nicht mehr auf Quantität, sondern auf Qualität ausrichtet.
    Klar, nicht jeder kann sich nur Bio Fleisch, Metzger, unverpackt etc leisten (ich auch nicht), aber es tut der Umwelt und der eigenen Gesundheit einfach besser, nicht das Billigste und Abgepackte zu kaufen, sondern weniger und dafür höhere Qualität.

    Und selbst wenn man für „ordentliches“ Fleisch und Milchprodukte nicht das Geld hat, kann man sich trotzdem bewusst machen, dass es irgendwo her kommt. Nicht, um sich den Appetit zu verderben, sondern um dankbar für das Produkt als solches zu haben und für den Luxus, es essen zu können.

    Liebe Grüße!

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    1. Danke für deinen Kommentar! Solange es keine Verbote gibt, ist es, wie du schon sagst, auch kein Verzicht. Ich bin auch der Meinung, dass man sich aber auf jeden Fall Gedanken darüber machen sollte, woher die Produkte kommen und welche Prozesse dafür nötig waren.

      Liebe Grüße!

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  4. Ich finde es bewundernswert, dass du versuchst, deine moralische Vorstellungen in deinen Speiseplan einzuweben, obwohl es für dich mit der ES sowieso schon ein schweres unterfangen ist. Wirklich, riesen Respekt dafür. Es ist ja schon für mich enorm schwierig, ein einigermaßen Umweltfreundliches Essverhalten umzusetzen, obwohl ich keine Krankheitsbedingte Zwänge zu befürchten habe. Da reicht schon meine fleischliebende Erziehung (und wirklich, ich liebe Fleisch, es ist ein geniales Nahrungsmittel aus meines Sicht, aber ja… Die konventionelle und Produktion natürlich gar nicht) und mein schwächer Wille. Ich habe vllt ein dreiviertel Jahr vegetarisch gelebt bis auf Biofleisch Ausnahmen seltenerweise, doch seit dem Umzug ist das passé und ich Kämpfe fürchterlich. Es ist wie ein Fluch. Ich esse auch viel zu viele Milchprodukte…
    Du merkst, ich bin da mit mir zur Zeit so überhaupt nicht im reinen… Und leide darunter auch…
    Um so stärker finde ich dich. Du hast in deinem Genesungsprozess schon viel zu kämpfen, um so krasser finde ich, dass du schon ejnen guten Weg gefunden hast, wie ich denke. Es gibt ja auch noch andere Stellschrauben, an denen man sein Leben nachhaltiger einrichten kann. Sobald es um die Gesundheit geht, sollte die an erster Stelle stehen.

    Liebe Grüße!

    Liken

    1. Oh ja, ich liebe Fleisch auch. In einem Beitrag habe ich mal über meine „Fleisch“ Phase geschrieben, in der mein Fleischkonsum so radikal und fast zwanghaft war, dass ich ohne Fleisch nie richtig satt war.

      Es hat auch wirklich eine Weise gedauert, um sich von dem Konsum loszuseilen, aber ich finde, dass in diesem Fall kleine Schritte auch reichen.

      Auf jeden Fall danke ich dir für deine lieben Worte! Es hat mich nochmal darin bestärkt, sich keinen allzu großen Druck zu machen – ich finde, das gilt auch für dich. Sobald es ein zwanghafter Verzicht wird, der mit vielen Selbstvorwürfen gezeichnet ist, tut man sich selbst nichts Gutes!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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