Schluss mit den Selbstvorwürfen: Ich sorge für mich wie eine Freundin – Selbsttherapie #13

Es braucht nicht viel, um mich an mir selbst zweifeln zu lassen. Wenn das passiert, brechen die Vorwürfe über mich herein und versuchen mich in ihr tiefes Loch der Selbsterniedrigung zu ziehen. Ich versuche momentan jedoch aktiv dagegen vorzugehen und bei Selbstvorwürfen mein Mantra anzuwenden: „Ich sorge für mich wie eine Freundin!“

Kennt ihr das, wenn ihr immer streng zu euch seid, aber ganz anders reagiert, wenn es um eine*n Freund*in geht? Dann fällt euch der Rat nicht schwer. Ihr baut die Person auf, tröstet sie und gebt ihr motivierende Worte auf den Weg. Aber bei euch… da sind die Selbstvorwürfe am Start.

Selbstvorwürfe bei mir

Obwohl ich versuche, gut zu mir zu sein, erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich mir selbst einen Vorwurf mache. Der Grund kann ein ganz banaler sein. Kürzlich zum Beispiel ist mir aufgefallen, wie schlecht mein Englisch geworden ist. Ich konnte kaum einen flüssigen Satz hervorbringen und musste beim Lesen eines Textes ständig stocken. Diese Tatsache habe ich aber nicht einfach nur hingenommen – ich habe mich innerlich dafür getadelt, dass ich die Sprache habe schleifen lassen und immer schlechter werden würde, wenn ich sie nicht ab sofort übe. Das Problem? Mir fehlt absolut die Zeit und um ehrlich zu sein auch die Lust, mich zusätzlich hinzusetzen und mein Sprachverständnis aufzubessern. Dafür mache ich mir Selbstvorwürfe.

Dann der Haushalt, den ich gerade mächtig schleifen lasse. Ich fühle mich selbst nicht mehr wohl und ärgere mich über meine fehlende Disziplin, dass ich mir nicht zwei Stunden Zeit nehmen und meine Wohnung auf Vordermann – oder Vorderfrau bringen kann. Für diese kleine Tatsache bin ich böse zu mir, was so gesehen ziemlich lächerlich ist.

Das mit dem fehlenden Sport ist auch so eine Sache, die mich sehr belastet. Den ganzen Tag sitze ich auf meinem Ar*** und bewege mich kaum. Ich bin nicht mehr fit, mir fehlt der Elan. Dabei ist ein wenig Fitness wichtig für meinen Körper und meine Gesundheit. Doch ich komme nicht dazu und mache mir Selbstvorwürfe.

Doch am meisten tadele ich mich dafür, wenn ich nicht genügend Leistung erbringe. Wenn ich mich ablenke, anstatt zu arbeiten. Wenn ich nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe. Es ist echt verrückt, wie schwer es mir fällt, Freizeit zu genießen, während ich in stressiger Arbeit aufblühe. Das ist nicht gesund – vor allem nicht für die Psyche.

Was also tun?

„Ich sorge um mich wie für eine Freundin.“

Am Ende meiner ersten Therapie ließ mich meine Therapeutin eins von vielen Kärtchen aussuchen, das mich auf dem zukünftigen Weg begleiten würde. Ich entschied mich für dieses, weil ich es so motivierend fand. Wenn wir uns genauso um uns sorgen, wie um andere, ergeht es uns besser. Ich nahm mir vor, diesen Spruch wie ein neues Mantra zu sehen. Ihn mir einzuprägen, immer wieder zu lesen, und in Momenten, in denen ich wieder zu streng mit mir war, von mir selbst getröstet zu werden – wie eine Freundin es tun würde.

Das Problem? Ich habe das Mantra schleifen lassen.

Das ist nämlich das Ding mit solchen Übungen. Es nützt nichts, den Spruch ein einziges Mal zu lesen. Vielmehr müssen wir ihn uns einprägen und immer danach leben. Die Fürsorge anderer Menschen endet schließlich auch nicht nach einer einzigen Aktion. Wir sind häufig für andere da – warum nicht auch für uns selbst?

In der Regel würde ich jetzt dazu neigen, mir selbst vorzuwerfen, dass ich meine mentale Gesundheit habe schleifen lassen – ironisch, oder?  Doch ich versuche mich diesmal nicht dazu verleiten zu lassen und mir vorzunehmen, mich von nun an jeden Tag wie eine gute Freundin zu behandeln. Mit mir selbst zu reden, wie mit einer Freundin, mich selbst aufzubauen, wie eine Freundin, mir selbst Trost und Zuversicht zu spenden, wie bei einer Freundin. Ich muss das immer tun, denn nur durch genug Übung kann ich wahre Veränderung bewirken. So ist es schließlich mit allem. Kein*e Sportler*in konnte auf Anhiebt Bälle in den Korb werfen oder ins Tor schießen, wenn es vorher nicht ausreichend geübt wurde.

Das ist auch das Fazit meines heutigen Blogposts:

„Ich sorge für mich wie für eine Freundin!“

Wir alle werden gern getröstet und aufgebaut. Am leichtesten ist es, wenn wir die Person sind, die uns aufbaut. Wir dürfen diesen „Trick“ allerdings nicht schleifen lassen. Es muss zu einem festen Bestandteil des Lebens werden. Auf diese Weise können wir auch besser mit Selbstvorwürfen und anderen inneren Plagen umgehen.

Was haltet ihr von dem Mantra? Würdet ihr etwas ergänzen?

PS.: Falls ihr noch mehr Selbsttherapien ausprobieren wollt und auf Harry Potter steht, könnt ihr ja mal hier vorbeischauen:

Die Patronus Übung – Selbsttherapie #11

4 Kommentare zu „Schluss mit den Selbstvorwürfen: Ich sorge für mich wie eine Freundin – Selbsttherapie #13

  1. Ich finde es total schön, dass deine Therapeutin diese Kärtchen benutzt und ihre PatientInnen zu Beginn der Therapiezeit eine Karte ziehen lässt.

    Ich kenne das zu gut mit den Selbstvorwürfen und dem fehlenden Verständnis mir selber gegenüber und finde es auch teilweise super schwer aus diesem Trott raus zu kommen.
    Was mir manchmal hilft, ist, dass ich meine Erwartungen aktiv runter schraube und ein oder zwei Tage einfach jedem (gesunden) Bedürfnis ungefragt nachgehe. Wenn ich also zum Beispiel ganz plötzlich Lust habe, spazieren zu gehen, dann mache ich das, unabhängig davon, wie viel Arbeit noch auf dem Schreibtisch liegt. Und wenn ich plötzlich Lust habe zu putzen, obwohl eigentlich zeitlich gesehen gerade einkaufen sinnvoller wäre, dann mache ich eben erst das. Oder wenn ich mich mit einem total unwichtigen Thema mitteilen muss, schicke ich einfach eine Sprachnachricht an eine Freundin. Alles Sachen, die ich sonst nicht einfach so spontan machen würde. Diese Methode hilft mir ungemein dabei, sanfter mit mir und meinen Bedürfnissen zu werden, gerade wenn ich wegen mir selber frustriert bin. Und dadurch fällt es mir auch leichter, meine „nicht-Leistungen“ trotzdem wert zu schätzen und mich dafür zu „loben“, weil ich mir wenigstens etwas Gutes getan habe (indem ich meinen Bedürfnissen/Impulsen nachgegeben habe).
    Ansonsten finde ich es oft hilfreich, die negativen Gedanken mir selber gegenüber laut auszusprechen, um ihren damit die abstrakte, aber wahr wirkende Realität zu nehmen (denn oft merke ich dabei, wie negativ Gedanken sind) oder ich „singe“ sie in Gedanken zu Kinderliedermelodien 😂 Und wenn ich etwas geschafft habe, lobe ich mich auch aktiv. Also z.B. indem ich sage „Hey, du hast diese Situation wirklich gut gemeistert!“ – also ich versuche nicht nur dann meine beste Freundin zu sein, wenn etwas nicht klappt, sondern auch dann, wenn etwas gut läuft 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen Kommentar! Ich schätze es immer sehr, wenn du so ausführlich auf meine Posts eingehst! ❤ Tatsächlich hat meine Therapeutin mir diese Karte am Ende der Therapie gegeben – als Abschluss sozusagen.

      Deine Strategien finde ich allesamt sehr hilfreich! Das mit dem Singen der Gedanken in Kindermelodien finde ich besonders toll!! 😀

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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