Man kann nur so viel geben, wie man kann – Wie ihr lernen könnt, euch eigene Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu respektieren

Es ist wichtig, über alles zu reden, aber genauso wichtig ist es, sich selbst dabei nicht zu schaden und zu erkennen, wenn euch etwas zu viel wird. In diesem Beitrag möchte ich euch zeigen, wie ihr lernen könnt, euch eigene Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu respektieren.

Ihr wisst, dass ich immer darauf plädiere, über alles zu reden, und sich unbedingt anderen Menschen anzuvertrauen. Dabei sollte allerdings aus dringend darauf geachtet werden, die Grenzen des Gegenübers zu respektieren. Dies geschieht jedoch nur im Einklang, wenn die Person es kommuniziert und ihr selbst es akzeptiert.

Für mich fällt beides noch schwer – sowohl eigene Grenzen zu setzen als auch sich bei jener Grenzsetzung nicht zurückgewiesen zu fühlen.

Obwohl es im Blog so scheinen mag, als würde ich über alles reden, was mir auf der Seele liegt, ist oft das Gegenteil der Fall. Die meisten Dinge mache ich nach wie vor mit mir selbst aus. Erst nach Wochen oder Monaten – wenn „es“ nicht mehr ganz so frisch ist, kann ich darüber reden, was mich so beschäftigt hat. Wenn ich es tue, fällt es mir allerdings alles andere als leicht. Jedes Mal fühle ich mich danach entblößt und besonders verletzlich.   

Ich habe beschlossen, diesen Blogpost in zwei Themen zu unterteilen. Erst will ich darauf eingehen, wie man lernen muss, wenn die Grenzen bei einem selbst gesetzt werden, und anschließend, wie man selbst lernen kann, welche zu setzen.

„Stopp. Das ist gerade zu viel für mich!“ – Lernen, dass jemand eine Grenze bei mir setzt

Grenzen setzen = Zurückweisung?

Wenn mein Gegenüber mir dann mitteilt, dass er:sie damit gerade nicht umgehen kann, weil er:sie beispielsweise selbst mit dem Thema struggelt, fühle ich mich automatisch zurückgewiesen. Da habe ich mich getraut, so etwas Großes zu teilen, und mein Gegenüber macht dicht. Das tut im ersten Moment weh, mehr noch, werden viele alte Grundannahmen aktiviert.

Ich bin „zu viel“.

Ich bin eine Belastung.

Ich bin nervig.

Ich verletze andere mit meinen Problemen.

Und dann will ich mich instinktiv wieder zurückverkriechen und nie wieder etwas von mir preisgeben, aus Angst, andere damit zu belasten und am Ende noch verletzter zu sein.

Die Projektion von altem Schmerz

Aber das ist der völlig falsche Weg. Denn damit projiziere ich nur. Die Person hat weder gesagt, dass ich zu viel noch eine Belastung wäre, sondern lediglich, dass IHR das Thema gerade zu viel wird. Es hat also NICHTS mit mir zu tun, sondern mit IHR.

Es gibt rational gesehen also überhaupt keinen Grund, verletzt oder traurig zu sein, weil die Person mich nicht angegriffen oder verurteilt, sondern lediglich ihre Grenzen gesetzt hat.

Wenn also jene Grundannahmen automatisch hochkommen, versuche ich sie mit rationalem Denken zu lösen.

„Okay, Mounia, du bist jetzt verletzt, aber das hat eigentlich nichts mit dir zu tun. Xy ist dieses Thema zu viel und das ist okay! Ich bin nur deshalb gekränkt, weil meine alten Glaubenssätze noch tief in mir feststecken. Aber so ist es überhaupt nicht. Ich bin nicht zu viel, ich bin nicht nervig und auch keine Belastung.“

„Stopp, das ist zu viel für mich!“ – Lernen, sich eigene Grenzen zu setzen

Man kann nur so viel geben, wie man kann

Der Mensch ist keine Maschine. Wir alle haben irgendwo eine Grenze, auch, wenn wir diese oft überschreiten. Dies ist jedoch fatal, da wir damit vielleicht der Person helfen, aber dafür uns schaden.

Mir fällt es immer besonders dann schwer, wenn Menschen über ihre suizidalen Gedanken reden. Ich ahne, wie schwer es diesen Menschen fällt, sich überhaupt anzuvertrauen, und möchte sie auf keinen Fall zurückweisen. Gleichzeitig merke ich auch, wie ich selbst von dem Thema getriggert werde und überhaupt nicht damit umgehen kann, weil das Thema Tod ein sehr wunder Punkt für mich ist.

Es ist also schon vorgekommen, dass ich extrem schlecht auf das Thema reagiert habe und damit der Person ein extrem schlechtes Gewissen gemacht habe, oder ich habe alles „geschluckt“, zugehört, war für die Person da, war aber anschließend ein emotionales Wrack, und bin nicht selten in die Essstörung zurückgefallen, weil diese Gefühle so intensiv für mich waren, dass ich nicht anders wusste, als sie um jeden Preis „wegzudrücken“. Aber damit habe ich es natürlich nur schlimmer gemacht. Und deshalb ist es wichtig, eigene Grenzen zu setzen und auf seine eigenen Kapazitäten zu achten.

Speziell zum Thema Suizid: Meine größte Angst ist immer, dass ich denke, dass ich es bei der suizidalen Person noch schlimmer mache, und dass sich die Person danach erst recht bestärkt fühlt, sich etwas anzutun. Und dass es am Ende meine Schuld ist, wenn etwas passiert ist, weil ich zu „weich“ war, um mir ein paar Gedanken anzuhören.

Und auch das ist falsch. Sich eigene Grenzen zu setzen, kann niemals falsch sein. Wir sind auch nur Menschen und für keinen anderen verantwortlich. Meine Therapeutin hat mir damals gesagt, wenn es mir zu viel wird, folgendes zu sagen.

„Tut mir voll leid, aber ich merke gerade, dass ich nicht weiter darüber reden kann. Ich will dich keinesfalls hängen lassen, aber ich muss meine eigenen Grenzen respektieren.“

Falls die Person danach tatsächlich „negativ“ darauf reagieren sollte und ihr wirklich fürchtet, dass sie sich was antut, dann solltet ihr eine Suizidhotline anrufen und melden, dass ihr glaubt, dass die Person sich etwas antun könnte. Das ist kein „in den Rücken fallen“, sondern eben alles, was ihr in dem Fall tun könnt.

Aaaaaber: Vielleicht wird das Gespräch auch nicht negativ verlaufen, weil das Gegenüber eure Grenzen respektiert – selbst bei einem so ernsten Thema wie Suizid. Deshalb habe ich im ersten Teil des Blogposts auch darüber geschrieben, wie wichtig es ist, die Grenzen anderer zu akzeptieren und nicht persönlich zu nehmen. Grenzen setzen und wahrnehmen ist ein Themenfeld, das beide Parteien betrifft.

Lernen, nein zu sagen

Ihr sagt öfter ja, als euch lieb ist? Dann müsst ihr das dringend ändern. Um zu lernen, euch Grenzen zu setzen, müsst ihr lernen, nein zu sagen, auch, wenn ihr euch grausam vorkommt und es euch so unendlich schwerfällt. Es ist deshalb wichtig, weil es nicht anders geht. Wenn eine Person deshalb sauer wird (und glaubt mir, das hatte ich auch schon) hat das nichts mit euch zu tun, sondern mit ihr. Natürlich darf die Person enttäuscht und traurig sein, aber euch deshalb ein schlechtes Gewissen zu machen, ist ziemlich daneben. Nochmal: Ihr seid nur Menschen und keine Maschinen.

Aller Anfang ist schwer – aber mit der Zeit wird es leichter

Auch wenn ihr beim ersten Mal glaubt, dass ihr unmöglich nein sagen könnt, irrt ihr euch. Natürlich könnt ihr. Aber je öfter ihr das tut – je öfter ihr nein sagt und eure Grenzen setzt, desto leichter wird es für euch selbst. Außerdem setzt auch bei eurem Gegenüber ein Lernprozess ein, da diese Person irgendwann begreift: „Oh, diese Person tanzt ja gar nicht mehr auf meiner Pfeife.“

Nun zu einem allerletzten Punkt, der zwar etwas über das Thema hinausgeht, aber nicht weniger wichtig ist.

„Ich will von anderen gemocht werden und ignoriere meine eigenen Grenzen deshalb.“

Einigen von euch fällt es deshalb schwer, sich Grenzen zu setzen, weil sie Angst haben, dass die Person dann sauer ist. Die Gleichung ist wie folgt.

Die Person mag mich nicht = Ich bin nicht liebenswert

Sichtwort: Niedriger Selbstwert! Wenn wir unseren Selbstwert ständig darin bestärken von anderen gemocht zu werden, können wir logischerweise nicht damit umgehen, wenn das Gegenteil einsetzt. Das ist aber deshalb so schlimm, weil euch das Ignorieren eurer Grenzen und ständige Ja-Sagen Stück für Stück kaputt macht. Und das wäre ziemlich suboptimal.

Wenn ihr euch also in diesem Gedanken wiederfindet, rate ich euch, dringend an eurem Selbstwert zu arbeiten. Mir hat eine Therapie dabei sehr geholfen, da wir all meinen Glaubenssätzen an den Grund gegangen sind und die Wurzel am Schopf gepackt haben.

Soo, ich hoffe, dass war jetzt nicht zu viel auf einmal. Ich hoffe, ihr habt jetzt einen groben Überblick darüber, wie ihr lernt, euch selbst Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu akzeptieren.

Habt ihr Ergänzungen dazu?

PS: Buchtipp: Depression – und jetzt? von Nora Fieling

Falls ihr mehr über die Themen „Grenzen setzen und Grenzen anderer respektieren“ wissen willt, kann ich euch dieses Buch stark ans Herz legen. Es enthält so viele Tipps und Formulierungen, wie ihr mit euren Gegenüber darüber kommunizieren könnt. Ich habe das Buch neulich gelesen und werde auch bald die Rezension mit euch teilen!

2 Kommentare zu „Man kann nur so viel geben, wie man kann – Wie ihr lernen könnt, euch eigene Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu respektieren

  1. Das ist ein ebenso wichtiger wie starker Beitrag, den Du hier geschrieben hast. Ich habe mich sehr, sehr von ihm angesprochen gefühlt, weil er eins meiner Kernprobleme aufgegriffen hat, das ich schon seit so vielen Jahren habe. Ein wenig besser habe ich es inzwischen im Griff, aber längst nicht so, wie es wohl sein sollte und für mich und meine soziale Umwelt gut wäre.

    Für mich ist gegenseitiges Vertrauen in diesem Kontext das absolut wichtigste Moment. Wenn ich mir sicher bin, einem Menschen vertrauen zu können und ebenso sicher weiß, dass er/sie mir entsprechend vertraut, dann kann ich insbesondere sehr gut akzeptieren, wenn mein Gegenüber mir ein Zeichen gibt, dass dies oder jenes jetzt gerade nicht geht, zu viel ist oder noch Zeit braucht. Ich missverstehe das nicht (mehr), weil ich wegen des bestehenden Vertrauens genau weiß, dass ich durch das „Stoppzeichen“ nicht etwa zurückgesetzt wurde, eben, weil dieses Zeichen grundsätzlich nichts mit mir zu tun hat.

    Unsicher bin ich freilich auch in diesem Kontext tiefen Vertrauens recht häufig nach wie vor, nicht von mir aus „zu weit“ zu gehen. Gerade wenn man langjährig mit manifesten Ängsten und Depression zu tun hat und sich selbst aktiv damit auseinanderzusetzen bemüht ist, weiß man, wie schwer manche „Auswüchse“, die man gern „loswerden“ möchte, auf andere Menschen wirken oder für sie auszuhalten sind. – Insoweit bin ich nur dankbar, wenn jemand, zu gegebener Zeit tatsächlich „Stop“ sagt.

    Mit den eigenen Grenzen ist es insgesamt schwerer. Vor allem der Alltag und dann, wenn man viel mit Menschen zu tun hat, Verantwortung für sie trägt, habe ich längst noch nicht immer den richtigen bzw. einen „gesunden“ Weg gefunden …

    Jedenfalls noch einmal Dankeschön dafür, dass Du das Thema hier angesprochen hast. So schwer und differenziert das Thema ist, habe ich mich doch schon beim Lesen auch sehr verstanden gefühlt.

    Liebste Grüße an Dich! 💖🤗

    Gefällt 1 Person

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