Die Sache mit rassistischen Witzen…

…Die meisten sind eigentlich nicht witzig, zumindest nicht, wenn man sie in alle Einzelteile zerlegt. Und doch plädieren einige darauf, dass sie nun mal dazugehören, ja sogar wichtig sind, weil sie Barrikaden aufbrechen und Menschen mit Gelächter zusammenbringen. Warum ich dieser Idee nicht zustimme, möchte ich in diesem Post erklären.

Eins vorweg: Meine Intention ist es immer, aufzuklären, und niemals jemanden anzugreifen. Wenn ich bestimmte Verhaltensweisen kritisiere, dann nur diese und nicht den Menschen, der dahintersteht. Mir ist es wichtig, das nochmal festzuhalten, da mir scheint, dass Menschen automatisch in eine Abwehrhaltung gehen, wenn sie sich angegriffen fühlen, und dann erst recht nicht zuhören/lesen.

So, und da das Thema diskriminierende Witze so unendlich breit gefächert ist- Witze über Dicke, Arme, Frauen, Homosexuelle etc. – möchte ich mich in diesem Post ausschließlich auf jene Scherze fokussieren, die eine rassistische Funktion haben. Den anderen werde ich mich bei Gelegenheit ein anderes Mal zuwenden.

Witze über sich und über andere machen

Immerzu heißt es, dass es wichtig ist, über sich und über andere zu lachen. Man soll nicht alles so ernst nehmen, da jeder hochgenommen wird und sein Fett wegkriegt. Menschen, die nicht darüber lachen und jene Witze gar als verletzend empfinden, werden als Spaßbremsen deklariert, denn natürlich meine man das alles nicht ernst. Eben deshalb scherze man ja – weil man die Person so toll findet. Deshalb sei man noch lange kein:e Rassist:in, im Gegenteil, man wolle damit demonstrieren, wie bescheuert Rassismus sei!

Hmm sag ich da nur. ^^ Einfach nur Hmmm. Denn die Sache ist die: Wenn eine Person sagt, dass sie dieser rassistische Witz verletzt, und die Person das nicht einsieht, ist das ziemlich ignorant und sehr wohl rassistisch.

Aber gehen wir zurück zu diesem Witze über sich und über andere machen…

Unausgeglichene Scherz-Spanne

Starten wir mal damit, dass die Spanne zwischen der Scherze über Menschen, die Rassismus erleben und jene, die kein Rassismus erleben, völlig unausgeglichen ist. Auch über Weiße werden Witze gerissen (zum Beispiel über die „alten Weißen Männer“, „die alten Weißen Schnobs“). Aber diese kommen nicht so häufig vor wie Rassismus.  

„Witze über sich und über andere machen“ ist also ein sehr ungleiches Unterfangen, weil PoC’s vielmehr einstecken müssen.

Apropos einstecken …

Selber Witze machen, aber nicht einstecken können?

In den letzten Jahren ist mir aufgefallen, dass viele zwar rassistische Witze reißen, aber selbst nicht einstecken können. Besonders stark aufgefallen ist mir das, als vor einigen Jahren die Scherze über die sogenannten „Almans“ trendeten. Viele Deutsche aus meinem Umkreis reagierten sehr säuerlich auf diese Bezeichnung, empfanden es als überspitzt, überzogen und schlicht und einfach nicht witzig. Einige haben sich sogar angemaßt, mit mir darüber zu diskutieren, dass die Bezeichnung „Alman“ genauso schlimm ist, wie bei Menschen, die Rassismus erleben.

Und wieder sag ich nur Hmm. ^^ Selber Witze machen geht also, aber einstecken nicht? Diese Haltung kann man nur haben, wenn man zum ersten Mal in der Situation steckt, in der man aufgrund seiner Hautfarbe oder Nationalität verarscht wird. Und das ist im ersten Moment sehr schmerzhaft – aber für die meisten PoC’s auch das alltägliche Leben.

Aber gut, zurück zum Text! Wir halten fest, dass viel mehr Scherze über Menschen die Rassismus erleben gemacht wird, als Menschen, die keinen Rassismus erleben. Demnach muss eine Gruppe viel mehr einstecken, während die andere es nicht tut.  

Weiter geht es mit den Scherzen an sich.

Rassistische Witze sind rassistisch – aber nicht witzig.

Oder findet ihr es wirklich witzig, einen Menschen mit Fäkalien zu vergleichen à la „Scheißhaufen + Ich= Familienfoto“ Amüsiert es euch, einen Schwarze Person zu entmenschlichen, in dem ihr sie mit Affen gleichsetzt und jene Tiere nachahmt? Vermutlich nicht, denn das alles ist zutiefst menschenverachtend – aber so ist das bei diesen Scherzen. Wenn wir sie auseinandernehmen, sind sie einfach nur gemein.

Aber sind Witze nicht immer gemein?

Ja, vielleicht. Wir Menschen scherzen grundsätzlich über die Dinge, die im Leben schlecht laufen. Niemand macht Scherze über Erfolge – um sie lustig zu finden müssen sie in einem aufziehenden Kontext stehen.

Aber warum müssen sie rassistisch sein? Können wir es nicht bei anderen Scherzen belassen, die nicht auf die Hautfarbe, Nation oder Religion unseres Gegenübers anspielt? Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten, um eine Person aufs Korn zu nehmen, und ihr dabei nicht permanent das Gefühl zu geben, dass man bloß ihre Herkunft/Hautfarbe sieht?

Rassistische Jokes – Manchmal muss ich selbst darüber lachen

Wenn der Witz einem unbewusst über die Lippen kommt, es dann aber irgendwie passt. Oder ein pointierter Kommentar, der zur Situation passt. Dann lache ich mit und fühle mich keinesfalls angegriffen.

Das Problem ist, dass, wenn ich lache, mein Gegenüber sich oft darin bestätigt fühlt, weitere Witze zu reißen. Und damit über sämtliche Stränge zieht, weil jede Form von Rassismus wehtut – auch in Form eines Scherzes. Ich weiß, dass das vermutlich nicht böse gemeint ist, höchstwahrscheinlich will mich die Person nur erneut zum Lachen bringen. Aber etwas rational zu wissen, ist etwas völlig anderes, als es auch zu empfinden. Rassismus ist auf Dauer nämlich überhaupt nicht lustig.

„Aber mein Schwarzer Freund findet es überhaupt nicht schlimm, wenn ich diese Witze mache!“

Ja, das überrascht mich nicht, schließlich verarbeitet jede:r Betroffene Rassismus auf eine andere Weise. Einige lachen, weil es leichter ist, als sich immer wieder erklären zu müssen. Es ist ganz einfach eine Bewältigungsstrategie – und das ist den Betroffenen oft selbst nicht bewusst, Stichwort: Internalisierter Rassismus!

Und dennoch kann ich nicht für die Allgemeinheit sprechen. Mit Sicherheit wird es Menschen geben, die absolut kein Problem mit rassistischen Witzen haben. Aber ihr müsst euch erst vergewissern, dass es so ist, und dürft, nur weil es ein oder wie eurer Mitmenschen erlauben, nicht davon ausgehen, dass die restliche Menschheit es auch tut.

Trotzdem würde ich euch raten, sie euch einfach zu sparen. Denn mit jedem kleinen Witz reproduziert ihr den tief in der Gesellschaft verankerten Rassismus von Neuem. Denn ob nun Scherz oder nicht – er ist immer noch rassistisch.

Aber warum dürfen Schwarze untereinander Scherze machen?!“

Ganz einfach: Weil sie betroffen sind. Bei ihnen ist es mit Sicherheit nicht rassistisch gemeint, bei nicht Betroffenen ist das weniger klar. Überhaupt ist es etwas anderes, über etwas zu scherzen, das einen persönlich betrifft. Scherze können ja auch eine gewisse Bewältigungsstrategie sein. Wenn meine Schwester also einen rassistischen Witz auf meine Kosten macht, ist es etwas anderes, als wenn meine Weiße Freundin das tut. Das gehört sich auch einfach nicht, finde ich.

Ich hoffe, ich konnte euch einen groben Überblick darüber geben, warum rassistische Witze absolut nicht okay sind, egal, wie lustig sie gemeint sind. Wenn wir in einer gleichberechtigten Welt leben wollen, müssen wir damit anfangen, uns auf Augenhöhe zu begegnen – und das geht nicht, wenn wir Menschengruppen nach wie vor unterordnen. Auch nicht aus Spaß.

Soo, meine Meinung ist jetzt, denke ich, ganz klar! Trotzdem würde mich natürlich eure interessieren. Wie steht ihr zu rassistischen Witzen? Falls ihr nicht auf sie verzichten wollen würdet – warum nicht?

2 Kommentare zu „Die Sache mit rassistischen Witzen…

  1. Das ist ein spannendes und für mich nicht ganz einfaches Thema. Ich kenne die Position des „Objekts diskriminierender Witze“ in erster Linie aus sexistischen Witzen, deshalb kann ich nur dazu Beispiele aus meiner Erfahrung bringen. Als Kind und Jugendliche habe ich über diese sehr viel Sexismus internalisiert und erst Jahre später merke ich, wie sehr das mein allgemeines Verhalten geprägt hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bei rassistischen Witzen ganz ähnlich ist.

    Vor einigen Jahren habe ich mal ein paar Comedy-Sketche von Behinderten über Behinderte gesehen. Gefragt, warum sie über dieses Tabuthema Witze machen, sagten die Beteiligten, es sei auch diskriminierend, wenn man als Gruppe für Witze tabu sei. Ich denke immer noch häufig über diese Aussage nach.

    Es macht aber auch einfach einen großen Unterschied, wer einen Witz wem gegenüber macht und in welchem Kontext.

    Ja, es ist möglich, liebevoll miteinander zu witzeln und dabei auch diskriminierende Klischees aufs Korn zu nehmen. Ich kann über einen Witz von meinem Freund a la „Frauen gehören in die Küche“ lachen, weil er absolut konträr zu seinem seit Jahren etablierten Verhalten steht. Ich weiß, dass er von ihm gemeint ist, um sich über die etablierten Geschlechterrollen zu echauffieren. Und kann ihm vertrauen, dass wenn ich ihm sage, dass ich etwas gerade nicht lustig finde, er sofort mit den Scherzen aufhört und statt mit Vorwürfen mit Sorge reagiert. Der gleiche Witz von jemandem, den ich nicht so gut kenne, würde mich in aber in keinster Weise amüsieren. Stattdessen würde ich mich fragen, welche unreflektierten Vorurteile dieser Mensch hat. Und weil ich vorher nicht weiß, wie er/sie auf Kritik reagiert, würde ich mich doppelt unwohl fühlen.

    Der Witzemachende hat grundsätzlich kein Recht, dem Empfänger seines „Witzes“ vorzuschreiben, was man lustig zu finden hat. Vorwürfe a la „hab dich nicht so“ oder „du bist zu empfindlich“ disqualifizieren die Person, die sie macht. Eine Verletzung durch einen Witz mag nicht beabsichtigt sein, aber wer so reagiert zeigt damit, dass es ihm wichtiger ist, selber Spaß zu haben, als andere dabei nicht zu verletzen. Wer das Verhalten dann auch noch wiederholt, zeigt, dass er nicht mal mit etwas Abstand bereit ist, darüber zu reflektieren und disqualifiziert sich in meinen Augen komplett.

    Das war jetzt ein bisschen all-over-the-place. Einfach ein paar Gedanken, die mir beim Lesen deines Beitrags gekommen sind.

    Viele liebe Grüße!

    Gefällt 1 Person

    1. Das war überhaupt nicht all over the place, sondern perfekt auf den Punkt gebracht! Danke dafür! Ich gebe dir absolut recht – es kommt auf die Person an, die spricht, und vor allem auf den Kontext. Einen Satz fand ich gerade besonders toll, nämlich

      „Der Witzemachende hat grundsätzlich kein Recht, dem Empfänger seines „Witzes“ vorzuschreiben, was man lustig zu finden hat.“

      Sooo gut gesagt!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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