Wenn Sorge übergriffig wirkt: Wie wir mit Essstörungen und anderen psychischen Krisen im Umfeld umgehen können

Manchmal erkennen wir eine Krise erst rückblickend. Wenn Erinnerungen plötzlich wieder auftauchen – ausgelöst durch ein Gespräch, einen Konflikt oder das ungute Gefühl, dass mit einem Menschen, den wir lieben, etwas nicht stimmt.

Hi, kennt ihr mich noch? Ich weiß, lang ist’s her. Mein letzter Blogeintrag liegt über ein Jahr zurück. Inzwischen finde ich so wenig Zeit für meinen Blog, dass ich manchmal mit dem Gedanken spiele, ihn aufzugeben. Doch dann habe ich, so wie jetzt, gerade eine Schreibpause – und merke, wie sehr ich es vermisst habe, mich auf diese Weise mitzuteilen. Und dass in mir noch viele Themen brodeln, denen ich unbedingt mehr Aufmerksamkeit widmen möchte.

In diesem Text möchte ich mich der guten alten Verdrängung widmen – sowie der Frage, wie wir als Angehörige mit Sorge umgehen, ohne übergriffig zu werden. Aber auch davon, warum Wegsehen oft das Schädlichste ist – selbst dann, wenn Hinschauen wehtut.

Hierzu eine kleine Geschichte. Ich nenne sie:

Ein Streit in Prag

Wir schreiben das Jahr. 2015. Meine Freundinnen und ich sind auf einem Girlstrip in Prag. Es ist der letzte Tag. In wenigen Stunden fährt unser Bus zurück nach Berlin. Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit in einem Café. Alle drei bestellen etwas Süßes. Ich fühle mich verpflichtet, es ebenfalls zu tun, aber beim Anblick der klebrig-süßen Kalorien vor mir wird mir ganz schlecht.

Meine beste Freundin, die merkt, dass ich zögere, wirft mir einen scharfen Blick zu. Also kaufe ich ein winziges Törtchen – und kann nicht sagen, wie es schmeckt, weil ich kaum einen richtigen Bissen nehme.

„Das war jetzt wirklich nicht viel, Mia“, sagt meine Freundin streng.
„Ich hab Bauchweh“, verteidige ich mich.
„Du hast schon nicht gefrühstückt und den ganzen Urlaub total wenig gegessen.“
„Das stimmt doch gar nicht“, sage ich wütend.

Unsere anderen Freundinnen schweigen betreten.

Im Bus ist die Luft zwischen meiner Freundin und mir noch immer dick. Was fällt ihr ein, sich ein Urteil über mich zu erlauben? Ich fühle mich bevormundet und bewacht.

Ein paar Tage später bin ich bei besagter Freundin zu Hause. Wir unterhalten uns über dies und das, vor uns ein Tisch voller Snacks. Ich esse extra viel, um zu zeigen, dass alles okay mit mir ist. Zwischendurch reden wir kurz über Prag, und ich versichere ihr (und mir), dass ich an dem Tag wirklich nur Bauchweh hatte. Dass alles okay mit mir ist.

„Dann bin ich beruhigt“, sagt sie. „Ich war nur ein bisschen besorgt. Nach der Trennung hast du plötzlich so viel abgenommen. Ich kenne das ja, weil es bei mir auch so war.“

Ich weiß nicht mehr, was ich erwiderte. Aber danach sprachen wir nie wieder darüber.

Verdrängung, Kontrolle und die Illusion von „Alles ist okay“

Wusste ich es damals schon? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich schon – zum Teil jedenfalls. Aber ich war wirklich gut darin, anderen etwas anderes weiszumachen. Und vor allem mir selbst.

Tatsache war, dass ich die „Magersuchtsphase“ längst hinter mir hatte. Ich steckte schon mitten im Binge Eating, würde ein paar Monate später in die Bulimie rutschen. Damals, im Prager Café, beneidete ich die Menschen, die es einfach bei einem Törtchen belassen konnten. Die nicht nach mehr gierten, einen Hunger in sich spürten, der sich nur dann zu stillen schien, wenn einem das Essen buchstäblich bis zum Hals stand. Aber die Krankheit war noch zu frisch. Und ich im maximalen Leugnungsmodus.

Wenn Sorge triggert – und trotzdem notwendig ist

Vor Kurzem hatte ich eine Unterhaltung mit jemandem, um den ich mir gerade große Sorgen mache. Die Person entgegnete, dass sie mein Verhalten als „übergriffig“ empfinde und von mir in letzter Zeit ständig das Gefühl bekomme, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Schließlich wisse sie ja wohl selbst am besten, wie es ihr gehe – und dass meine skeptischen Blicke sie nur triggern würden.

Ein paar Stunden nach diesem Gespräch kam meine Erinnerung von Prag wieder hoch. Und die Erkenntnis, dass ich damals genauso war. Krank. Und nicht bereit, es einzusehen.

Weil mich das Kranksein – so absurd es auch klingt – auch glücklich machte. Wir würden nicht so lange an etwas festhalten, das uns zerstört, wenn es uns nicht auch irgendetwas gäbe: ein Ventil, eine Ablenkung, einen Lebensinhalt. Alles, um den Tatsachen nicht ins Auge blicken zu müssen. Noch nicht.

Ignorieren oder ansprechen? Ein schmerzhafter Balanceakt

Was also könnt ihr tun, wenn ihr jemanden in eurem Umfeld habt, bei dem ihr ahnt, dass irgendetwas nicht stimmt? Es ignorieren? Oder etwas sagen – und gegebenenfalls riskieren, dass die Person gekränkt ist und sich verschließt?

Ich glaube, ignorieren ist das Schlimmste, was man tun kann. Denn damit tun wir gar nichts. Ich könnte es mir nie verzeihen, einfach nur zuzusehen.

Gleichzeitig merke ich, dass ich solche Situationen manchmal sehr zu meiner eigenen Aufgabe mache. Mich verantwortlich fühle, obwohl ich es nicht bin. Ich muss lernen, mich zu distanzieren. Zu akzeptieren, dass ich niemanden retten kann, der sich nicht retten lassen will. Der Wunsch nach Heilung muss aus einem selbst kommen. Genau wie der Moment der Erkenntnis. Der erste und wichtigste Punkt.

Was wirklich hilft: Dasein, zuhören, Grenzen achten

Aber ich kann trotzdem da sein. Als Freundin. Zuhören, nicht werten, nur dann meinen Senf dazugeben, wenn es explizit erwünscht ist. Und das so sanft wie möglich. Hier ist wirklich äußerstes Fingerspitzengefühl gefragt – insbesondere bei Menschen, die die Dinge am liebsten mit sich selbst ausmachen.

Warum niemand gerettet werden kann, der nicht bereit dafür ist

Eine Freundin und Psychologin, mit der ich über diese Situation sprach, riet mir außerdem, auf die Realität der Person einzugehen – selbst dann, wenn sie Dinge von sich gibt, die für mich sehr realitätsfern klingen.

Kurz zum Kontext: Das Problem der Person aus meinem Umfeld bezieht sich auf einen Drogenrückfall, Manie und starke Paranoia. Ihr Nervensystem ist stark überreizt, ihre Emotionen die reinste Achterbahnfahrt. Anfangs habe ich viel versucht, auf sie „einzureden“. Rückblickend verstehe ich selbst, wie bevormundend das auf sie gewirkt haben muss. Erst recht, da diese Person mit Gaslighting und psychischer Manipulation zu kämpfen hat.

Vielleicht gibt es keine perfekte Art, jemanden in einer psychischen Krise zu begleiten. Aber gar nichts zu tun, ist auch keine Lösung.

Seid für eure Mitmenschen da. Nehmt ihre Realität ernst. Aber schützt auch eure eigenen Grenzen – egal, wie nah euch der Kummer eurer Liebsten geht. Eine gewisse Distanz ist trotz allem wichtig. Für sie. Und für euch.

Das wären meine Gedanken dazu.
Was sind eure?

Passt auf euch auf! 🤍

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