Feiertage wie Weihnachten und Silvester sind für viele eine Zeit der Freude – für andere hingegen eine große Herausforderung. Das gilt vor allem für Menschen mit Essstörungen. Warum? Die Kombination aus gesellschaftlichem Druck, Familientraditionen und emotionalem Stress macht diese Tage besonders schwierig.
Eigentlich geht es bei den meisten großen Tagen des Jahres um Gemeinschaft und das Zusammenkommen mit Familie und Freund:innen. Aber jeder besondere Anlass lädt auch zu einem besonderen Essen ein.
Damals, in meiner akuten Binge Eating Phase, habe ich die Feiertage nicht mit Vorfreude erwartet, sondern regelrecht gefürchtet. Für mich waren das immer die Tage, in denen meine Essstörung besonders laut war.
Ich war schon Tage vorher angespannt und versuchte mir einen „Plan“ zu machen, wie ich das Event überstehen soll. Den ganzen Tag nichts essen, weil ich ja schon am Abend so viel esse – Spoiler: Ganz blöde Idee, denn dann wird der Heißhunger noch größer sein) Oder mir ganz fest vorzunehmen, dass ich nur bestimmtes esse, z.B. die Beilagen, aber nicht das fettige Zeug – Spoiler: Noch blödere Idee, denn selbst, wenn man durchhält, da der Heißhunger nach dem Essen umso stärker ausbrechen kann. Man kann eine Essstörung nicht loswerden, indem man auf Mengen und Kalorien guckt. Man kann sie generell nicht loswerden, wenn man bloß versucht, die Symptome zu bekämpfen. Aber das wusste ich zu jener Zeit noch nicht.
Egal, was ich versuchte, jeder Plan scheiterte. Und am nächsten Tag hatte ich Bauchweh. Doch die psychischen Schmerzen waren noch schlimmer – Schuldgefühle, Scham, und Selbstvorwürfe waren kaum auszuhalten.
Der Weg zur Heilung – Essen ohne Schuldgefühle
Inzwischen liegt diese Zeit glücklicherweise hinter mir. Es war ein langer Prozess, der in erster Linie damit begann, nicht gegen meinen Körper zu arbeiten, sondern mit ihm. Dabei war es entscheiden, nicht nur mein Körpergefühl zu stärken, sondern meine seelischen Verletzungen zu heilen, und eine intuitive Beziehung zum Essen aufzubauen.
Doch auch heute sind die meisten festlichen Anlässe noch schwer für mich – zwar weniger wegen des Essens, sondern der gesellschaftlichen Erwartungen, die die die Feiertage oft begleiten.
Gesellschaftliche Konventionen an Festtagen
Viele Feiertage sind stark von Traditionen geprägt – vor allem, wenn es ums Essen geht. Jede Familie hat ihre eigenen Rituale, bei denen bestimmte Gerichte einfach dazugehören, weil es „immer schon so gemacht wurde“. Bei religiösen Festen wird oft sogar erwartet, dass bestimmte Speisen aufgetischt werden. Da bleibt wenig Raum, die eigenen Bedürfnisse anzusprechen.
Hinzukommt, dass Familienfeiern nicht immer so harmonisch verlaufen, wie sie oft scheinen. Je angespannter die Stimmung, desto höher steigt das Konfliktpotenzial und der Wunsch nach einem Ventil. Menschen, die Schwierigkeiten haben, mit emotionalem Stress umzugehen, kompensieren diesen oft über Essen – das gilt nicht nur für Betroffene einer Essstörung. Doch für jene ist es natürlich besonders schwierig.
Wer seine Essstörung geheim hält, fühlt sich oft gezwungen, sich anzupassen und mitzuspielen, was den inneren Druck weiter erhöht. Aber auch diejenigen, die offen mit ihrer Krankheit umgehen, stehen vor Herausforderungen. Jeder Bissen wird von neugierigen Blicken verfolgt oder kommentiert. Manche Familienmitglieder reagieren unsensibel oder machen unbedachte Bemerkungen, die sehr verletzend sein können.
Alle, die froh sind, dass Feierlichkeiten vorbei sind: Ihr seid nicht allein.
Manchmal sind solche Zusammenkünfte mehr Stress als Erholung, und das ist okay. Manchmal leidet man mehr unter dem Essen als es zu genießen, und auch das ist in Ordnung. Ihr solltet euch niemals dafür schlecht fühlen, wie ihr empfindet. Im Gegenteil, spürt in euch hinein, und fragt euch, woher die Gefühle kommen. Und was ihr ggf. tun könnt, um die Situation bestmöglich für euch zu machen.
Tipps für Betroffene von Essstörungen
Wenn ihr euch in diesen Herausforderungen wiedererkennt, seid sicher: Ihr seid nicht allein. Feiertage zu „überstehen“ ist oft schon eine Leistung für sich.
Hier ein paar Tipps:
- Vermeidet strikte Essenspläne: Versucht stattdessen, die Situation insgesamt erträglicher zu gestalten.
- Äußert eure eigenen Bedürfnisse: Traut euch, Grenzen zu setzen, auch wenn es schwerfällt.
- Findet nicht-essen-bezogene Rituale: Z.B. Spaziergänge, Spieleabende oder ein besonderer Film, um den Fokus vom Essen zu nehmen.
Tipps für Familien und Freund:innen
Wenn ihr mit jemandem feiert, der betroffen ist:
- Unterstützt eure Liebsten und schreitet bei verletzenden Bemerkungen ein.
- Verzichtet auf Kommentare zu Diäten oder Gewicht.
- Macht dem Kind keine „Du isst nichts“-Schuldgefühle, nur weil es euch schwerfällt, es so leiden zu sehen. Es würde dadurch nur noch mehr leiden.
Passt auf euch auf, seid freundlich zu euch selbst und unterstützt einander!
Ach ja, und frohes neues Jahr! ❤
