Wohin mit der Wut?

Kennt ihr das, wenn das Herz so fest schlägt, dass es beinahe wehtut? Wenn jeder Atemzug schwer ist und der Bauch kribbelt? Wenn die Hände zittern und der ganze Körper wie gelähmt ist? 

Man möge annehmen, dass jene Reaktionen die Symptome eines Verliebten visualisieren. Man möge auch meinen, dass sie Trauer ausdrücken. Der Körper reagiert trotz unterschiedlicher Empfindungen ähnlich. Und doch sind die Gefühle andere dieser Art.

Mir ist übel. Mir ist ziemlich übel. Ich sitze in der U- Bahn und schreibe diese Zeilen in mein Handy, um den Moment genau festzuhalten. Mein Kiefer schmerzt, weil ich die Zähne krampfhaft zusammenhalte, um nicht loszuheulen. Nicht hier. Nicht vor all den urteilenden Menschen. 

Jede Faser meines Körpers reagiert auf mein Empfinden. Ich bin wütend. Ich bin unglaublich wütend. Und ich könnte hier und jetzt zusammenbrechen, so intensiv fühle ich.

Ich bin kein „Schrei-Mensch“. Ich bin auch kein „Hau-Mensch“. Wut drückt sich bei mir nie in Aggression aus. Ein Familienmitglied war einmal so wütend, dass er/sie die Tür aus den Angeln geschlagen hat. Danach war alles wieder gut, die Wut war fort und heute amüsieren wir uns über diese absurde Geschichte. 

Ich hingegen bleibe still. Und weiß nicht wohin mit der Wut. Klar habe ich auch mal frustriert gegen das Kissen geschlagen, aber die Wut ging nicht weg. Und daran ist ein schlechter Charakterzug schuld. 

Ich bin nachtragend. 

Die einen reden nicht mit dir, weil sie wütend sind, die anderen verzeihen dir und kochen innerlich weiter. Ich gehöre zu der letzteren Sorte.

Mir war es lange nicht bewusst, aber leider stimmt es. Konfrontationen sind für mich ein großer Stressfaktor und deshalb gerate ich nur selten in einem Streit. Aber nur weil ich „alles wieder gut“ laut ausspreche, muss das nicht der absoluten Wahrheit entsprechen. Ich vergebe, aber vergesse nicht. Und selbst wenn alles wieder gut ist, bin ich noch lange, lange wütend, enttäuscht oder traurig. Somit lüge ich, indem ich die Wahrheit verberge.

Aber wohin mit der Wut? Über seine Gefühle reden und das Ganze hier und jetzt klären? 

Ja, das habe ich diesmal wirklich versucht. Ich habe mich getraut, die „Nörgelnde“ zu sein und meine Gefühle offenbart. Es war ein unermesslich großer Schritt und ich zittere aufgrund dessen immer noch. 

Aber meine Worte wurden nicht verstanden. Sie wurden mit einem gehässigen Lächeln weggenickt und mit einer hämischen Arroganz zunichte gemacht. 

Und jetzt stehe ich hier, in der verdreckten U-Bahn, eingequetscht von vielen weiteren Menschen, die mir die Luft zum Atmen nehmen, gleichzeitig verwundert darüber, dass die U-Bahn am Sonntagmorgen so voll ist; und will einfach nur nach Hause. 

Irgendwie muss ich trotzdem lächeln. Dies war die erste Regung. Obwohl meine Angst sich bewährt hat, habe ich mich der Konfrontation gestellt. Es war ein winziger Schritt nach vorne. Und ich werde nicht mehr zurück gehen.

13 Kommentare zu „Wohin mit der Wut?

  1. Hallo Mia,
    Gratulation zu deinem ersten Schritt. Nörgeln ist nicht schlecht. Du darfst das sagen, was dir nicht passt bzw. nicht gefällt. Lediglich der Ton macht die Musik. 😉
    Ich ziehe mich zurück, wenn ich wütend bin. Gewalttätig bin ich (auch) nicht. Aber ich mache mir mittlerweile zuerst Luft, in dem ich das im familiären Umfeld sage, was mir nicht passt. Leider nicht immer im vernünftigen Tonfall. Ich kann ziemlich giftig werden, wenn mein großes Fass voll ist. 😉 Mein Wut kommt auf unterschiedlicher Art und Weise zum Vorschein. Ich gehe nicht mit jedem gleich um. Bei den Kindern meines Mannes verlasse ich den Raum, wenn es mir gegen den Strich geht. Mein Sohn bekommt dagegen erstmal die übliche Standpauke. 😉 Andere Situationen, andere angepasste Verhaltensweisen. Ich bin mittlerweile nur noch ein kleiner Elefant im Porzellanladen. 😉
    Wichtig ist, dass die Wut irgendwie rauskommt, denn Wut macht auf Dauer krank und mürbe.
    Weiter so, liebe Mia. 🙂 Deine Gefühle darfst du zum Ausdruck bringen, auch wenn anderer nicht der Meinung sind. Zum Runterschlucken sind diese nicht geeignet. 😉
    Dir einen tollen Tag.
    Schneereiche Grüße
    Michaela 🙂

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      1. Das stimmt… Nicht verstanden zu werden, ist hart. Es wird immer Menschen geben, die dich mit großen Augen anschauen, egal wie sehr du dich erläuterst. Dann gibt es wieder Menschen, bei denen brauchst du gar nichts sagen und die verstehen dich auf Anhieb. Gib die Hoffnung nicht auf, auf solche Menschen zu treffen. Ich kann wahrlich ein Lied davon singen, obwohl ich aber sowas von talentfrei bin in diesem Bereich. 😊 Ich jedenfalls kann deine Worte fühlen und verstehen, denn mir erging und ergeht es noch heute häufig so. Jedoch habe ich gelernt, anders mit den Situationen umzugehen. Ohje, jetzt kling ich mit meinen 35 Lenzen so belehrend wie eine alte Schachtel. Wie es wohl wird, wenn ich es wirklich bin? 😉
        Sei dir bewusst, jede noch so schmerzhafte Lektion in deinem Leben, hat auch etwas Gutes. 😍
        Viele Grüße
        Michaela, die mittelalte Schachtel

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  2. Ich vermag héute nicht so viel zu schreiben, wie ich eigentlich möchte, zu Deinem Eintrag liebe Mia. Du weißt warum, und Du wirst es mir verzeihen, glaube ich. –

    Sagen möchte ich Dir aber weniugstens, dass ich Deine hier dargestellten Empfindungen wieder sehr, sehr gut verstehen kann, sie sind den Meinigen auf die geschilderten Situationen bezogen, sehr ähnlich.

    Dein letzter Absatz hat mir ein bisschen „Wasser“ in die Augen geschickt – Das bist so sehr Du, die ganz spezielle Stärke, die Du erworben hast aus all den Tälern, die durchwandern musstest hast Du die irgendwie mitgenommen. Ich bin immer wieder sehr berührt und beeindruckt davon.

    Du bist eine unglaublich tolle, junge Frau! Ganz liebe Grüße auch hier noch einmal! ❤

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    1. Du musst dich niemals rechtfertigen, ich bin dankbar über jeden Leser, ob er kommentiert oder nicht!:) dass du die Zeit findest, überhaupt rein zu schauen, freut mich sehr!

      Danke dir sehr für deine (vielen!) Worte! Sie berühren mich immer sehr!

      Erhol dich schön und mach dir keinen Kopf! ❤️

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  3. Deine Gefühle fordern dich auf, mit Dir selbst ehrlich zu sein. Deine Gefühle( u.a. Wut ) kommen hoch und klopfen an (werden von Aussen getriggert), weil sie herein gelassen werden wollen. Sie wollen in den Arm genommen werden und geliebt, wie das kleine Kind in Dir. Es sind Teile deines Selbst und es gab sicherlich mal eine Zeit(meist die frühe Kindheit), in deinem LEBEN, in der die Verdrängung, mancher deiner Gefühle, überlebensnotwendig war. Doch diese Strategie gilt nicht ewig. Alles hat seine Zeit und vor allem, die Veränderung = (das einzig beständige) in unserem Leben. Versteh mich bitte nicht falsch ich möchte Dir nicht sagen was du tun sollst, ich gebe lediglich das weiter, was ich selbst erlebt und erfahren habe.
    Lese-empfehlung diesmal…
    Bücher von Safi Nidiaye (selbst schauen was dich, deine Seele, davon anspricht)
    Alles LIEBE 💕

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  4. Liebe Mia, ich bin mir sicher, dein Gefühl ziemlich gut nachvollziehen zu können. Ich bin oft unsicher darin, wie man mit Wut sozial angemessen umgehen soll. Und dennoch so, dass sie sich vermindert, dass sie mein Seelenleben ausdrücken kann.
    Wer bestimmt denn überhaupt die Grenze zwischen ‚angemessen‘ und ‚gefährlich‘, ‚asozial‘? Und wo liegt überhaupt die Schwelle, ab welchem Punkt man wütend sein darf, ohne dass es als hypochondrisches Verhalten abgetan wird?
    Ich vermute, dass gerade das Gefühl der Wut und die Verzweiflung im Umgang mit dieser zu Essstörungen oder anderen seelischen Problemen führen kann. Es zeigt vielleicht, dass im wunderschönen äußeren Schein der nach Perfektion strebenden Gesellschaft etwas nicht stimmt. Gefühle sind nicht erlaubt, nicht erwünscht – obwohl diese Vorstellung oder viel mehr diese Norm utopisch erscheint.

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    1. Da hast du völlig recht. All diese intensive Gefühle bestärken ein unausgeglichenes Gefühlsleben. Wenn sie weiterhin unterdrückt werden, suchen sie ihr Ventil eben bei einer Essstörung. Jedoch kommt die Angst auf, als „hypersensibel“ oder „zickig“ abgestempelt zu werden, wenn die Wut raus kommt. Meine einzige Lösung besteht jedoch nur darin, die Wut angemessen rauszulassen, damit sie auch weg ist – die Konsequenzen sind nämlich viel schlimmer!

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende ❤

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      1. Liebe Mia, da kann ich dir nur zustimmen. Jeder hat eben eine eigene „Schmerzgrenze“. Dem Einen bringt innerlich nichts aus der Ruhe, wohingegen es bei mir wohl anders aussieht. Daran muss ich wohl noch arbeiten, nein! Ich möchte daran arbeiten, zumindest damit adäquat umzugehen. Welche Strategie hast du zur Gefühlsregulierung, vor allem bei besonders starken Emotionen?

        Liebe Grüße

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      2. Danke dir für deine netten Worte!:)

        Mit hilft es, das Gefühl erst mal einzusehen und dann rauszulassen. Sei es in Form von weinen oder gar laut werden. Kinder drängt man immer dazu, mit dem weinen aufzuhören, aber ich unterdrücke den Drang nicht und mache so lange weiter, bis es von selbst aufhört. Ich schreibe es auch meist auf. Oft werde ich als nachtragend abgestempelt, weil das Gefühl nur dann zu regulieren ist, wenn ich meine Zeit hatte, es zu verarbeiten. Auf welche Weise du auch immer du es raus lässt – es ist sicherlich besser, als es zu unterdrücken:)

        Liebe Grüße!

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      3. Danke für deine ehrliche Antwort. 🙂
        Ich glaube, in der Emotionsregelung bin ich dir ziemlich ähnlich. Mir ist nur selten nicht so bewusst, dass das okay ist, einfach mal zu weinen, damit alles überhaupt wieder besser werden KANN. ♥

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