Dienstagabend: (Nicht)Freundschaften im Seminar

Gehen oder nicht gehen? Das ist hier die Frage.

Jedes Mal dieselbe Situation: Nach 4 Freistunden habe ich nur auf dieses Seminar gewartet. Sogar den Text habe ich dieses Mal zur Hälfte gelesen. Aber warum drängt eine innere Stimme jedes Mal aufs neue, besser nach Hause zu gehen?

Vorahnung

Wird es heute passieren? Werde ich unaufgefordert ran genommen und gestehen, dass ich das ganze Seminar nicht verstehe? Oder habe ich schon längst den Ruf als faule Kommilitonin erreicht, welche nie mit macht und immer alleine hinten sitzt? Einige sind wie ich bereits im Raum und führen ein angeregtes Gespräch über Portemonnaies. Mich bringt nie jemand mit ein, aber wie auch, wenn ich mich permanent aus den Gesprächen ausschließe?

Hoffen und beten

Wie jede Woche drücke ich das stille Gebet um den Ausfall des Kurses aus. Nicht, dass ich der Dozentin etwas Böses wünschen würde – aber ich hätte kein Problem damit, wenn sie radikal verschlafen und es leider nicht mehr zu ihrem Seminar um 16 Uhr schaffen würde.

Bitte, bitte, bitte, lass das Seminar heute ausfallen. Ich ertrage es heute echt nicht.

Ankunft der Dozentin

Die Dozentin ist nun da und trägt wie immer den gleichen fuchsroten Blazer. Ich frage mich, ob es wirklich immer derselbe ist, oder sie viele gleich aussehende bei sich im Schrank hängen hat. Nicht, dass ich sie kritisieren würde – im Gegenteil. Ich fühle mich inmitten von routinierten Mustern sehr wohl. Während sie den Inhalt unserer Sitzung bespricht, versinke ich erneut in meine Gedanken. Ausgelöst von dem heutigen Tag drehen sich meine Gedanken um Freundschaften. Drei Jahre studiere ich schon und muss gestehen, dass ich mir das universitäre Leben etwas anders vorgestellt habe. Nicht unbedingt negativ, aber auch nicht positiv.

Wunschvorstellung

Die Schulzeit war für mich keine primär schlechte Zeit, aber durch mein Gefühl der Andersartigkeit sehr einsam. Davon weiß natürlich keiner, denn ich habe eine Menge alter Fotos mit diversen „Schulfreunden“. Nach dem Abitur war meine utopische Vorstellung, viele, viele Menschen zu finden, die so sind wie ich. Echte Freunde, die mich kennen und verstehen würden. Ich stellte mir vor, wie ich eine Clique fand, wir gemeinsam die Vorlesungen besuchten und jedes Wochenende auf durch die Bars zogen oder auf Homeparties stürzten. Ich wünschte mir so sehr, dazuzugehören.

Realität

Letztendlich ist es ganz anders gekommen. Zwar habe ich zwei wirklich tolle Freundinnen gefunden, mit denen ich auch außerhalb unseres Studiums etwas unternehme, aber die erhoffte Uni-Gruppe viel bis jetzt aus.

Eigentlich ist es meine Schuld. Natürlich gab es jene  Kneipenabende und Parties. Ich ging nur nicht hin. Ich hatte einfach keine Freude daran. Insbesondere am Anfang hielt ich mich aus den meisten Gruppenaktivitäten heraus. Feiern und trinken war einfach nie mein Ding. Manchmal sagte ich allen ernstes aus Bequemlichkeit ab. Ich hatte keine Lust, mich erst um 12 zu treffen, um 3 in den Club zu gehen und um 5 in einen anderen weiterzuziehen. Und je seltener ich ging, desto seltener wurde ich gefragt. Warum also sollte ich darüber meckern?

Ist es nicht absurd mir etwas zu wünschen, was ich gar nicht will? Oder wünsche ich mir, es überhaupt zu wollen?

So ist es nun gekommen, dass ich in meinem jetzigen Seminar keinen einzigen Namen meiner Kommilitonen kenne. Bei dem Gedanken daran habe ich gemischte Emotionen. Ich fühle mich zwar komisch, immer alleine zu sitzen und mit keinem zu reden, aber andererseits wüsste ich nicht, worüber ich mich unterhalten könnte. Um ehrlich zu sein geht es mir in allen Kursen meines Zweitfaches so. Ich kann mich nicht sehr gut mit jener Fakultät identifizieren, und scheinbar ist es auch mit den Menschen so.

Außenseiter?

Glücklicherweise gibt es so etwas wie Mobbing in meiner Uni nicht. Wir alle behandeln uns menschlich, auch wenn wir nicht miteinander befreundet sind, geschweige denn unseren Namen kennen. Aber bin ich trotzdem ein Außenseiter? Weil ich keinen kenne? Obwohl ich mich bewusst dafür entschieden habe?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mich nicht weniger einsam fühlen werde, wenn ich mich diesen Gesprächen anschließen würde. Denn dann wäre es wieder wie in der Schule.

Eigentlich will ich auch nicht undankbar sein. Nun habe ich 2 wirkliche Freunde statt 20 flüchtige bekommen. Vielleicht bin ich eben so. Vielleicht werde ich nie ein Getümmel an Freundschaften haben. Und vielleicht sollte ich an diesen zwei Menschen einfach stärker festhalten.

Und jetzt sollte ich wirklich aufpassen, denn mein lautes Tippen hat wohl für eine gewisse Auffälligkeit gesorgt!

Euch allen einen schönen Dienstagabend! ♥

11 Kommentare zu „Dienstagabend: (Nicht)Freundschaften im Seminar

  1. Ich weiß aus meiner eigenen Studiumszeit wie unangenehm es sein kann alleine zu sitzen. Nicht, weil ich es selbst schlimm fand sondern, weil ich Angst hatte, dass die anderen etwas Schlechtes über mich denken oder mich komisch finden. Aber letztendlich bringt einem so ein bisschen Smalltalk während einer Vorlesung halt wirklich nichts. Das ist weder das was du suchst, noch das was du brauchst.
    Ich weiß nicht ob es dir so geht wie mir, aber ich habe sehr schnell das Gefühl was zu verpassen. Darum kann es sein, dass ich eigentlich am liebsten nur zu Hause chillen würde, aber mir trotzdem auch wünsche mit den anderen auf WG-Party XY zu gehen. Ich will dazu gehören bei der Party und auch bei den Gesprächen danach. Ich will was erlebt haben, auch wenn mir oft körperlich gar nicht danach zumute ist.. vielleicht ist der Grund bei dir ja in ähnlicher.
    Lg 🙂

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    1. Das Gefühl kenne ich nur zu gut! Ich habe so oft das Gefühl etwas zu verpassen und wünsche mir eigentlich auch ein cooles Studentenleben – nur will ich es dann nicht, wenn ich da bin. Vielleicht unter anderen Umständen mit anderen Menschen..
      Ich habe auch Angst, als komische abgestempelt zu werden, weil ich als Einzelgänger gelte. Andererseits denke ich auch nicht so über andere – vielleicht gehe ich immer automatisch vom schlimmsten aus…
      Danke für deine netten Worte! ❤️

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  2. Genau und letztendlich verpasst man meistens eh nichts Tolles…
    Und sollte dich wirklich jemand als komisch abstempeln, dann ist dieser jemand ziemlich voreilig und denkt nicht mit.. du hast ja Freunde, halt nur nicht in der Vorlesung. Ich finde es sogar mutig, sich dann nicht auf diese oberflächlichen Bekanntschaften einzulassen, sondern alleine zu bleiben. Ein Großteil traut sich das gar nicht

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  3. Ich habe ja schon einmal angedeutet, dass ich auch kein Partymensch bin. Und ich war es auch nie, Auch bin ich dem Alkohol kaum zugeneigt. Wenn andere zu trinken „beginnen“, möchte ich schon gehen. Ich trinke nur sehr wenig Alkohol. – Ich habe mich eigentlich auf Feiern, Parties nie wohlgefühlt. Insoweit vermisse ich da auch nichts. Ich weiß, dass Discos, Parties, Ansammlungen mit vielen Menschen für mich nicht der Ort sind, wo ich mich wohlfühle, wo ich ICH sein kann. Und ich habe auch begriffen, dass ich dort kaum Freundschaften schließen kann.

    All das hat auch mir mein „Anderssein“ bewusst gemacht, und dieses Bewusstwerden ist nicht leicht. Es hat Zeit gebraucht, bis ich herausgefunden habe, dass es aber kein Nachteil ist, dass ich statt dessen meine Aufmerksamkeit viel mehr bewusst auf andere Orte, auf andere Arten von Begegnungen lenken sollte.

    Ja, und auf diese Art und Weise habe ich mittlerweile ein paar sehr tragfähige, sehr schöne Freundschaften gefunden, jede für sich auch speziell, aber für mich alle wertvoll. Darüber bin ich sehr, sehr glücklich. Der einzige „Nachteil“ ist, dass siese wirklichen Freundschasften alle recht weit von mir entfernt wohnen. Aber ich bin deswegen nicht weniger dankbar, dass ich sie habe.

    Ich möchte Dich darin bestärken, liebe Mia, DU zu sein. Wenn Du keine „Partylöwin“ bist, wird eine Party kaum der Ort sein können, an dem Du finden kannst, wonach Du Dich sehnst.

    Es gibt aber die anderen Orte, DEINE Orte, wo es leiser ist, es aber womöglich auch etwas mehr Geduld braucht. Aber ich bin mir recht sicher, dass Du an solchen Orten nach und nach noch ein paar Menschen findest, die es auch eher mögen, in kleiner Runde beisammen zu sein, und Du so Begegnungen erleben kannst, die dadurch auch auf vielfache Art intensiver, unmittelbarer, verbindlicher werden und sein können. – Und ich glaube, dass es das ist, was Du suchst, wo Du Dich wohler fühlen würdest. (Auch da sind wir uns wohl recht ähnlich. 🙂 )

    Verzweifle also bitte nicht!

    Viele ganz, ganz liebe Grüße an Dich! ❤

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  4. Ich hab jetzt die anderen Kommentare nicht gelesen. Wollte dir nur sagen, dass ich mich sehr gut in dich hineinfühlen kann. Ich hätte mir auch immer eine Horde guter Freunde gewünscht. Ich habe zwar immer gerne Party gemacht, daran wäre es nicht gelegen. Aber ich brauche eben sehr sehr viel Zeit für mich alleine und so ist es mir am Ende lieber, wenn ich mich „nur“ um meine zwei (wirklich sehr schönen und vertrauten) Freundschaften zu kümmern habe als eben um 20.

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