Die Fessel der Essstörung – die Akzeptanz von körperlichen Veränderungen

„Du hörst nur, was du hören willst.“

„Du siehst nur, was du sehen willst.“

Sicher steckt ein gewisser Wahrheitsgehalt in jenen Sätzen. Diese haben jedoch noch nie verhindern können, dass sie in einer beispielhaften Situation mein Gemüt herabwürdigen. Ich bin noch immer gefangen. Gefangen in meiner verzerrten Wahrnehmung und den Auswirkungen von meinen körperlichen Veränderungen.

In den letzten Monaten wurde ich gezielt darauf aufmerksam gemacht, dass ich zugenommen habe. Und obwohl es niemand aussprach und vielleicht gar nicht so meinte, hörte ich nur das:

„Du bist fett geworden.“

Folgende Beispiele verstärkten meine Assoziation.

Frustrierendes Shoppen

Als ich mich am Wochenende durch die überfüllten Läden quetschte und mir eine neue Hose kaufen wollte, ging ich mit leeren Händen nach Hause. Keine passte mehr – an den Hüften war sie bereits eine Nummer größer schon zu eng und an den Waden zu weit. Ich fühlte mich unförmig und war entmutigt.

Väterliche Komplimente

Mein Vater ist toll! – wirklich! Aber manchmal fehlt ihm das gewisse Einfühlungsvermögen! Taktgefühl war nie seine Stärke.

„Oh, du hast zugenommen, oder? Schön!“

Ich weiß natürlich, wie er es meint. Vermutlich findet er, dass ich gesünder aussehe. Aber es steht im Regelhandwerk auf Seite eins, dass man einer Person mit einer Essstörung nicht sagen sollte, dass sie zugenommen hat. Warum, muss ich wohl kaum erklären.

Urteilende Blicke

Bei einem Aufeinandertreffen zwischen mir und einem Freund saß dieser eines Abends lange mit mir am Küchentisch. Als ich um 1 Uhr morgens ein wenig Hunger verspürte, schnitt ich mir ein paar Scheiben Brot. Ich sparte nicht an reichhaltigem Camembert und genoss ein deftiges Nachtmahl. Er aß nichts, aber schenkte mir einen bestimmten Blick. Ich kann mir auch alles eingebildet haben, doch ich nahm an, dass er meine belegten Brote sehr unappetitlich und zu kalorienreich fand. Frustriert aß ich zu Ende und nahm trotz Hunger nicht mehr nach. Vielleicht klingt das lächerlich und ist für Außenstehende unverständlich, doch ich hatte das Gefühl, falsch zu empfinden. Zur falschen Zeit Hunger zu haben und das Falsche zu essen.

Ich wusste, dass ich mit meinem Entschluss gesund zu werden, das Risiko aufnahm, zuzunehmen.

Und obwohl es schwer war, habe ich mich irgendwie damit arrangieren können. Nun ist jenes Risiko aufgetreten und obwohl es nur ein bisschen „mehr auf den Hüften“ ist und niemand anderes es erkennt, so ist es dennoch merkwürdig.

Aber nichts geschieht ohne ein paar Rückschläge. Ich versuche mich fortlaufend daran zu erinnern, wie viel mehr ich im Leben genießen kann, ohne zwanghaft eine Diät zu betreiben.Denn eigentlich will ich es ja so!

Worauf kommt es eigentlich an?

Ich weiß, dass ich nicht beides haben kann – einen ungesunden Lebensstil und glücklich sein. Das ist es jedoch, worauf es eigentlich ankommt. Gesund und glücklich zu sein. Wozu eine dürre Figur, wenn ich mich innerlich genauso ausgemagert fühle. Essstörungen haben den Wunsch, ein positives Gefühl aus dem Ganzen zu ziehen. Ob aus dem Aussehen oder aus dem Essgefühl. Aber alles sind nur kurzlebige Momente.

Von den Fesseln befreien!

Ich muss unbedingt mein ungesundes Denken verabschieden. Ich muss akzeptieren, dass mein Körper sich verändern wird. So ist der Mensch nun mal. Sein Körper verändert sich seit seiner Geburt und das wird sich auch niemals ändern. Es ist das natürlichste auf der Welt.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein schönes Wochenende und eine angenehme Weihnachtszeit. ♥

 

2 Kommentare zu „Die Fessel der Essstörung – die Akzeptanz von körperlichen Veränderungen

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