Aussehen wie ein Mensch…oder Alien? – Therapiestunde #6

Will ich aussehen wie ein Alien?

Lange Zeit fragte ich mich das, ohne eine Antwort zu wissen. Wir kennen Aliens aus der Scince Fiction Welt und stellen sie uns als großköpfige Außerirdische mit gigantischen schwarzen Augen vor. Aliens leben nicht auf dieser Welt. Aliens sind keine Menschen. Man kann sie nicht mit unserer Spezies vergleichen, weil sie eine völlig andere ist (nicht, dass ich an Aliens glauben würde!).

Aber im ersten Drittel meiner Therapie lernte ich, was ich überhaupt damit bezwecken will, nicht wie ein Mensch auszusehen.

„Beobachte nackte Menschen in der Sauna

In diesem Wortlaut hat meine Therapeutin mit dieses Experiment nicht direkt geäußert, aber trotz ihrer blumigen Umschreibung war die Aufgabe glasklar. Ich sollte Menschen und ihre Figuren erforschen. Am besten „au naturel“. Die Sauna war ein idealer Ort.

Es dauerte sehr lange, bis ich dazu kam, in einem öffentlichen Bad auf nackte Haut zu treffen. Das „Gaffen“ fällt mir unheimlich schwer. Ich kam mir lächerlich pervers vor, andere Frauen verstohlen zu beobachten. Sicher merkte es keine von ihnen, doch das Schamgefül war sehr lebendig.

Der menschliche Körper

Ich war überrascht. Ich sah kein einziges Model. Keinen einzigen flachen Bauch und nicht einen Oberschenkel ohne ein bisschen Cellulite. Selbst bei meiner guten Freundin (die ideale Modelmaße hat), schwabbelte es an den Oberbeinen.

Nach dieser Analyse war ich ziemlich verdutzt. Ich wusste schon immer, dass nicht alle Welt zum Sport rennt und nur an Brokkoli nagt. Aber nun sah ich es mit eigenen Augen. Ich war gar nicht anders. Ich war wie sie. Nicht perfekt. Und vielleicht gerade deswegen vollkommen. Ein Mensch eben. Mit einigen Makeln, die man entweder bis zum bitteren Ende bekämpfen oder vielleicht lieben lernen sollte.

Nicht aussehen wollen wie ein Mensch

Leider verschwand das Ideal in meinem Kopf nicht so schnell. Ich wollte nach wie vor dünn und straff gebaut sein. Ich war unzufrieden und konnte es nicht ändern. Mein Umfeld unterstützte mich sehr dabei, mir das Gefühl zu geben, selbst mit ein paar Kilos mehr „schön“ zu sein.

Wie habe ich es geschafft, mich aus dem Denken zu befreien?

Die Gestaltung des Lebens hat nichts mit dem Gewicht zu tun. Ich kenne viele dünne Frauen und genauso kenne ich ein paar korpulente. Wie wir es leben hängt nicht von ein paar Zahlen ab. Wir können trotzdem einen Job finden, in den Urlaub fahren, Kinder kriegen und glücklich sein. Ich bin ein Mensch. Und ich habe eine menschliche Figur. Ich möchte Essen genießen und ein Lebensgefühl zu entwickeln, dass sich nicht auf Optik stützt.

Tatsache ist, dass ich es schon weit gebracht habe. Ich habe akzeptiert, dass ich nun etwas mehr wiege und mein Gewicht nichts damit zu tun hat, ob ich glücklich bin oder nicht. Dies war ein langer Prozess, den ich mir über Monate jeden Tag gesagt habe. Jeden Menschen, der Druck auf Status und das Aussehen geübt hat, habe ich seit jeher gemieden.

Aber die Akzeptanz ist jedoch noch längst nicht abgeschlossen. Das Unwohlbefinden steigt jedes Mal, wenn ich meinen kompletten Körper im Spiegel betrachte. Ich kann noch nicht alles essen worauf ich Lust habe und werde traurig, sobald ich zunehme. Ich habe noch einige Ziele, die ich verfolgen muss.

Zurück zu den Models und Aliens…

Natürlich verurteile ich keine Models für ihr Gewicht und Aussehen. Jeder ist auf seine Weise schön.Und die These, dass der ideale Körper einem Alien gleicht, ist schon ziemlich hart. Aber ich glaube, ihr wisst, was ich damit sagen wollte. Das Gewicht permanent aufrecht zu erhalten, sowie allen nötigen Idealen zu entsprechen, ist nun mal nicht natürlich.

Durch viel intensiven Sport bleibt der Körper straff und durch eine sehr „zarte“ Ernährung bleibt der Körper schlank. Würden Models das Essen, was sie wollen und Sport machen, wann es Ihnen passte, würden sie ganz gewiss schon bald wie Menschen aussehen.

Dies war ein großer Punkt, den die Therapeutin und ich immer wieder durchgekaut haben. Und es hat sich gelohnt, denn meine Ansichten haben sich verändert.

Lasst euch nicht von Idealen beeinflussen. Wir sind alle Menschen und sollten unsere Spezies nicht gegenseitig ausgrenzen. Wir sind alle Menschen. Wir sind alle schön! ♥

14 Kommentare zu „Aussehen wie ein Mensch…oder Alien? – Therapiestunde #6

  1. Hast Du schön geschrieben, liebe Mia. – Und es zeigt wieder einmal, wie sehr Du vorangekommen bist auf dem Weg, Dich von Deiner Erkrankung zu lösen.

    Ich glaube Dir, dass Dein Erkenntnisprozess noch nicht zu Ende ist. – – Obwohl ich nie an einer Essstörung litt, mag ich Dir ehrlich sagen, dass auch ich mit meinem Äußeren, meinem Aussehen keineswegs so ganz im Reinen bin. Auch mich verfolgen immer wieder quälende Fragen, auch ich ertappe mich bei unsäglichen Vergleichen und (ver)zweifle bisweilen an mir, meinem Äußeren.

    In den letzten Jahren hat das sogar zugenommen, wenn ich aufrichtig zurückblicke – und ich denke, es hat wohl nicht so sehr mit „Figürlichem“ zu tun als damit, dass ich mir meines Älterwerdens bewusst(er) werde. (also ein anderer Aspekt) Dieser Prozess zeigt sich ja keineswegs nur an Äußerlichkeiten, sondern wird auch SPÜRBARER. Es ist nicht immer leicht, damit umnzugehen, das so anzunehmen, wie es ist, manches ist ja auch buchstäblich schmerzhaft.

    Die Methode, die Deine Therapeutin vorgeschlagen hat, ist vermutlich grundsätzlich die Heilsamste gegen derartige Zweifel.

    Allerdings ertappe ich mich öfter bei solch kruden Fragen, wie: „O je, der ist ungefähr so alt wie ich, sehe ich etwa schon genauso aus?“ Und, wenn ich jüngere Menschen sehe, dann wünsche ich mir oft Zeit zurück … – Da stellt sich manchmal schon Wehmut, auch ein bisschen Schwermut ein – etwas, was ich gar nicht brauche angesichts entsprechender Probleme, die ich sowieso schon mit mir rumschleppe. Aber ganz dagegen zu wehren vermag ich mich nicht.

    Ich biun damit nun ein bisschen vom eigentlich von Dir hier besprochenen Thema abgekommen. Oder vielleicht doch aiuch nicht?

    Es ist mir so in die Tasten geflossen … HMMM …- Sei mir nicht bös‘ drum, ja?

    Ganz liebe Grüße an Dich! ❤

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    1. Ich bin immer dankbar über deine Kommentare, lieber Sternfluesterer. Du teilst mir damit deine Erfahrungen zu meinem Thema mit und das bedeutet mir viel. Ich glaube dir sehr, dass der Druck über die Veränderung des Körpers zunimmt.

      Im Übrigens gefallen mir keine gegenseitigen Vergleiche, denn danach ging es mir noch nie besser.
      Aber es hat durchaus etwas tröstliches, daran erinnert zu werden, dass wir alle Menschen sind, die ähnlichen Gedanken haben und denselben Prozess durchleben.

      Ganz liebe Grüße und danke für deine schönen Kommentar ❤

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  2. Liebe Mia,

    ich wünschte, dieser Beitrag würde noch viel mehr Menschen erreichen! Ich bin sicher, hätte ich ihn zu einer Zeit gelesen, als ich stark unter meiner Essstörung litt, wäre ein kleiner Funken Hoffnung und Einsicht in mir entfacht, der mir sehr geholfen hätte.

    Und ich verrate Dir jetzt etwas, das ich vorher nie ausgesprochen habe, weil ich mich mit diesem Gedanken damals so verrückt fühlte: Wenn ich Filme mit diesen ganz klassischen Aliens, wie Du sie beschrieben hast, gesehen habe (z.B. Signs, mit Mel Gibson), dachte ich oft, wäre doch toll, wenn wir Menschen so aussehen würden… Und jetzt schreibst Du genau darüber 😀 Ich hatte schon fast vergessen, dass ich das mal dachte.

    Ich habe damals auch angefangen, andere Menschen zu beobachten, zwar nicht in der Sauna, aber dort, wo sich sonst so die Gelegenheit bot. Den Blickwinkel zu ändern, war sehr heilsam und mittlerweile finde ich dünne, drahtige Figuren, die eher einem Alien oder Kleinkind ähneln, auch überhaupt nicht mehr nachahmenswert.

    Meine liebe Mia, es ist großartig, dass Du Deinen Fortschritt und Deine reflektierten Gedankengänge teilst! Schön, dass es Dich hier gibt!

    Hab ein wundervolles Wochenende ❤
    Deine Sophie

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    1. Liebe Sophie,
      Ich danke dir für deine wunderschönen Worte! Es ist ein riesiges Kompliment, dass du ale ehemals Betroffene diese Gedanken nachvollziehen kannst.

      Ich finde deine Alien Theorie im übrigen gar nicht verrückt! Aber durchaus sehr symphatisch und liebenswert 🙂

      VIel zu oft schauen wir auf Modeplakate und ignorieren unsere Mitmenschen mit ihren ganz“ normalen“ Körpern. Das Beobachten war für mich in dem Sinne auch ein Augen öffnen.

      Ganze viele Grüße und ein schönes Wochenende! ❤

      Gefällt 1 Person

  3. Ich kann mich den anderen Kommentaren nur anschließen! Ich hatte zwar auch zum Glück nie eine Essstörung, aber das Gefühl, mit seinem Körper unzufrieden zu sein und „nicht schön genug zu sein“ kenne ich gut. Es hat sehr lange gedauert, bis ich dazu ein entspannteres Verhältnis entwickelt habe. Ich sehe immer noch nicht gerne in den Spiegel, aber ich kann den Gedanken, heute mal wieder besonders scheiße auszusehen inzwischen ganz gut wieder abschütteln. Dann schaue ich halt scheiße aus. So what?! Kann ich jetzt spontan auch nicht ändern…
    Gerade Saunabesuche haben mir da auch sehr geholfen. Zu beobachten, wie Menschen, die optisch keineswegs perfekt sind sich einfach wohl in ihrer Haut fühlen und glücklich sind und (verneintlich) ein erfülltes Leben führen, in dem sie die Leben ihrer Mitmenschen bereichern.
    Sowas rückt für mich immer nochmal die Prioritäten dahin, wo ich sie gerne haben möchte: zu einem erfüllten Leben, in dem ich mich positiv auf mein Umfeld auswirke. Und dafür ist es nicht wichtig, wir straff der Körper ist.

    Ich kann mir natürlich nur vage vorstellen, wie es dir ergeht, aber in dem mir möglichen Maß kann ich deine Gedanken, und Wünsche schon gut nachvollziehen und finde es absolut bewundernswert, dass du dich dem jeden Tag aufs neue stellst und so Schritt für Schritt dein Selbstbild verbesserst.
    Sich selbst zu lieben und mit sich selbst achtsam und freundlich umzugehen, ist glaube ich eine Sache, die sehr vielen Menschen sehr schwer fällt, die aber so unglaublich viel Lebensqualität schenken kann. Bei mir bezieht sich diese mangelnde Selbstliebe inzwischen weniger auf meinen Körper und mehr auf meinen Charakter, aber die Lektion, die ich da noch lernen muss, ist der deinen vermutlich gar nicht so unähnlich…

    Beste Grüße!

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