Das Instagram Café

Neulich war ich in einem sehr interessanten Restaurant. Ich vermeide es, den Namen und Standort zu erwähnen, weil ich erstens nicht dafür werben und zweitens nicht persönlich kritisieren will. Aber es befindet sich nicht in Deutschland!

Ich nenne es „das Instagram Café“. Ich fand auf Pinterest ein schönes Bild von seiner Inneneinrichtung und wollte es mir gerne ansehen. Man könnte meinen Eindruck als Staunen des Entsetzens bezeichnen, denn ich wusste absolut nicht, was mich erwarten würde.

Glanz und Gloria

Dort angekommen, konnte ich nicht aufhören zu starren. Ich fühlte mich wie inmitten eines Drehortes für einen Disney Film. Der Boden bestand aus Birkenholz, die Wände aus Backsteinen. Mitten im Raum reihten sich unechte Kirschblütenbäume an. Ebenso rosa Luftballons hingen aus der Decke. Es war, als säße man im Herzen eines Barbiehauses. Die Einrichtung war in einem überspitzten Vintage Stil. Hellgraue Tische und Stühle und allesamt in einem „altertümlichen“ Charme. Eine Mischung aus Barock und Rokoko verzierten das Ambiente! Selbst die Toiletten waren totschick!

Ich mochte es!

Na, überrascht? Dass ich einen so kommerziell eingerichteten Ort toll fand, der mit so viel Rosa und Tüll warb? Leider ja. Ich mag gewissen Kitsch und kam nicht umhin, ein Foto von der Einrichtung zu machen, als ich mich unbeobachtet fühlte. Einige Sekunden später schaute ich mich um und sah, saß ich nicht die einzige mit dieser Idee war.

It’s Selfie time!

JEDER machte Fotos! Ausnahmslos jeder! Mit dem Handy bewaffnet, lag jedes der Gäste auf dem Tisch, während nach und nach alle aufstanden und sich neben einem Kirschbaum positionierten. Zack kam das Bild in die Instagram Story. Zack wurde es bei Snapchat geteilt. Der Tisch neben mir hatte den Handyton nicht abgeschaltet, sodass wir im 10-Sekunden Takt immer ein Fotoknipsen hörten.

Die Kellner waren Fotografen.

Neben dem Servieren vom Essen bestand die Hauptaufgabe der Kellner*innen darin, Fotos von den Gästen zu schießen. Sie machten ohne Wiederrede das Bild und dann erneut im Querformat. Als ich einen Kellner fragte, ob er ein Polaroid Bild von mir und meinem Freund machen könnte und ich ihm die Einstellung der Kamera erklären wollte, nickte er gelassen, als hätte er das gleiche Modell zu Hause.

Die Models

Mir fiel sofort auf, dass die Kunden ziemlich schön aussahen. 90% von ihnen waren weiblich und 80% von ihnen trugen ein weißes Outfit. 70% der Frauen quetschten sich in 9 cm High Heels. Ich gehörte zu den oberen 2%, die mit ihrem Freund im Schlepptau waren und einen kleinen Reiserucksack, sowie bequeme Vans trugen. Mein Freund in seinem Tank Top war ebenfalls nicht die „Schickheit“ in Person. Es kam mir so vor, dass wir auffielen, weil wir nicht auffielen…

Warum waren alle bloß so aufgetakelt? Doch nicht etwa für das Lokal? Oder etwa doch? Machte das richtige Bild im richtigen Lokal alles aus? Oder befand ich mich in einer völlig anderen Gesellschaft? War dieser Restaurantbesuch stellvertretend für ein kurzes Fotoshooting?

Die Low Carb Karte

Als ich einen Blick auf die Karte warf, musste ich stutzen. Alles sah ziemlich gesund aus. Das meiste davon war außerdem vegan. Als ich bei den Nudelgerichten ein fremdes Symbol sah, dass für Low Carb stand, hielt ich inne. Mit gemischten Gefühlen fragte ich mich, ob ich begeistert oder entsetzt sein sollte. Der essgestörte Teil in mir freute sich! Endlich mal Nudeln im Restaurant, statt immer den Salat! Und dann auch Low Carb! Und zwar zum ein und denselben Preis! Der andere Teil fragte sich, ob diese Diät unterstützenswert ist. Denn vegane Gerichte kann ich absolut nachvollziehen, aber Low Carb ist nichts als eine Diät!

Es war eine Erfahrung wert.

Ich bereue es keineswegs, das Instagram Cafe besucht zu haben, denn das Essen war ausgezeichnet und das Ambiente wunderschön. Dennoch weiß ich nicht, ob ich es besuchen werde, weil mir im Laufe des Besuches nicht mehr wohl war. Ich fühlte mich underdressed und im Vergleich der anderen „übergewichtig.“ Auch meinem Freund ging es ähnlich. Irgendwie war alles so „fancy“.

Das Instagram Cafe ist ein Ort der Selbstdarstellung. Die Menschen kommen gut gekleidet her, um sich vor den Kirschblüten fotografieren zu lassen. Die Speisekarte legt viel Wert auf eine gesunde und kalorienarme Ernährung und das spricht auch für sein Publikum. Man besucht diesen Ort nicht, weil man Bock auf deftiges Essen hat.

Und eigentlich spricht auch nichts dagegen. Ich finde es sogar interessant, dass Cafes und Restaurants sich an sozialen Netzwerken anpassen und ihr Ambiente „fotogerecht“ verzieren. Nur ist das Hauptgericht dort eben nicht das Essen.

Wie findet ihr das Cafe? Würdet ihr dort auch hingehen? Oder schreckt es euch ab?

Habt einen schönen Mittwoch! ♥

13 Kommentare zu „Das Instagram Café

  1. Ich finde die ganze Social Media-Entwicklung eigentlich spannend. Auch die Möglichkeit, als Influencer*in sein Geld zu verdienen, finde ich interessant. Krass, habe noch nie von so einem Restaurant gehört. Wenn ich ein Influencer wäre, dann würde ich dort sicher mal vorbeischauen:-). Bin ich aber (noch) nicht. Also bewege ich mich solange noch in „normalen“ Restaurants:-). Ich glaube, mir würde es fast noch mehr Spass machen, ein solches Restaurant zu betreiben, als selber hinzugehen:-). Aber ja, du meintest ja wohl nicht, dass das dort alles Influencer im grossen Stil sind. Vielleicht haben sie sich die professionellen Influencer als Vorbild genommen…

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    1. Ich finde die Entwicklung auch spannend – manchmal aber auch sehr beängstigend!
      Das Café war ein ganz „normales“, in dem jeder mit einem Instagram Account dort sein durfte. Prinzipiell mag ich Lokale, die besonders aussehen auch sehr gerne! In diesem Ausmaß hatte ich es nur noch nie gesehen und war ein bisschen erschlagen:D

      Liebe Grüße!

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  2. Schwierige Frage, liebe Mia. Ich weiß wirklich nicht ob meine Neugier meine Scheu besiegen könnte/würde in so einem Fall. – Wenn ich „Verstärkung“ mit dabei hätte so wie Du Deinen Freund …

    Jedenfalls kann ich sicher sagen, dass ich ein solches oder auch nur ein ähnliches Restaurant bislang mit Sicherheit noch nie gesehen habe. Deine Beschreibung war freilich sehr illustrativ, nicht nur, was das Restaurant und die darin verkehrenden Leute betraf, sondern auch alle von beiden ausgehenden Wirkungen auf Dich.

    Es war ein Vergnügen, das zu lesen.

    Auch hier noch einmnal ganz liebe Grüße an Dich! ❤

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  3. Ich glaub das Café würde mir ehrlich gesagt gar nicht gefallen! Solche Cafés versuche ich eher zu vermeiden… Dort fühl ich mich dann eher unwohl, weil man gar nicht seine Ruhe hat und sich beobachtet fühlt (so stell ich es mir gerade vor). Gegen veganes Essen habe ich generell nichts, aber stimmt schon, low carb muss für mich auch nicht unbedingt sein. 😀 Ich steh einfach auf Kohlenhydrate. 😉

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