„Ich habe keinen Platz mehr in meinem Bauch“

Durch eine Essstörung verliert man die gesunde Wahrnehmung zum Essen. Das schließt sowohl den Hunger, als auch Portionen und das Sättigingsgefühl ein, worüber ich schon einige Male geschrieben habe.

Gestern beim Grillen habe ich es wieder gemerkt. Einerseits war ich froh, dass ich nach all der Zeit überhaupt an einem Grillfest teilnehmen konnte, andererseits wurde mir beim letzten Bissen des Grillkäses klar, dass ich viel mehr gegessen hatte, als mein Körper überhaupt wollte.

Gut, beim Grillen ist das natürlich ohnehin eine gefährliche Sache und ich bin sicher, dass die meisten gestern über ihr Limit aßen. Aber nach dem Essen erinnerte ich mich an eine Konversation, die mir erneut die Augen öffnete.

Wenn ein Kind dich belehrt…

Ich dachte an mein 3-jähriges Babysitterkind und wie ich neulich auf ihn aufpassen musste. Er hatte schon eine Menge Wassermelonen genascht und nach drei Bissen wollte er nicht mehr das Hauptgericht anrühren.

„Aber Mama hat gesagt, dass du noch ein bisschen essen solltest, bevor du ins Bett gehst.“, sagte ich ruhig.

Er legte seine beiden Hände um seinen Bauch und schaute mich einem verzagten Gesichtsausdruck an.

„Aber ich habe keinen Platz mehr in meinem Bauch.“

Dieser Satz ließ mich aufhorchen. Natürlich ist mir laut aktuellen pädagogischen Informationen bekannt, dass man Kinder niemals zum Essen zwingen sollte, weil man dadurch ihr natürliches Sättigungsgefühl manipuliert.

Aber was mich berührte, was dass so viel Ehrlichkeit in diesem Satz lag! Dieser kleine Junge war noch so fern von dem Essen aus Frust, essen aus Kummer oder essen aus Langeweile. Wenn er aß, dann nur aus Hunger. Und wenn er satt war, dann ließ er eben den Teller noch halb voll.

In diesem Moment wünschte ich mir sehr, noch wie ein Kind zu empfinden. Ich habe damals auch sehr wenig gegessen, weswegen meine Eltern lange dachten, dass ich mit 4 Jahren magersüchtig wäre. Natürlich haben sie das Essen regelrecht in mich hineingestopft, sodass ich bis zum heutigen Tag immer sehr viel mehr essen muss als andere, um satt zu werden. Und noch viel später begann das Essen aus anderen Gründen.

Heute kann ich nicht immer auf mein Bauchgefühl hören. Viel zu oft lasse ich mich dazu verführen, noch mehr zu essen, selbst wenn „kein Platz mehr in meinem Bauch“ ist. Und anders als meine restlichen Freunde vom Grillen entstehen danach Selbstzweifel, Angst vor dem Zunehmen und Ärger, dass ich mich nicht zusammenreißen kann.

Der Gedanke an diesen einen Satz.

Wie wird man wieder gesund, werde ich manchmal gefragt. Meine Antwort lautet meistens, dass jede Heilung individuell ist, weil der psychische Ballast auf unterschiedliche Wege aufgebaut werden muss. Es gibt also mehrere Wege.

Für die Neuorientierung meiner Grundgedanken habe ich mir einige Sätze aufgeschrieben, die ich mir regelmäßig durchlese, z.B.:

„Du bist nicht egosostisch.“

„Du bist liebenswert.“

„Du bist nicht hässlich.“

Mein kürzlich hinzugefügtes lautet:

„Du hast keinen Platz mehr in deinem Bauch.“

Ja, ich rede in der Du-Form mit mir 😀

Habt ihr auch „Mantras“ oder irgendwelche Phrasen, die euch über den Tag begleiten? Helfen sie euch? Ich hoffe es!

Tatsache ist, dass ich von einem kleinen Kind belehrt wurde. Und ich bin ihm sehr dankbar dafür!

Euch allen einen schönen Montag! ♥

Foto gefunden auf unsplash.com

 

11 Kommentare zu „„Ich habe keinen Platz mehr in meinem Bauch“

  1. Liebe Mia,

    je öfter ich Deine Einträge lese, die sich mit Essstörungen beschäftigen, um so nachdenklicher werde ich, meine eigene Person betreffend.

    Der Eintrag hiier hat dieses Nachdenken nun ganz besonders befeuert und nun steht die eine Frage ganz klar und eindeutig vor mir:

    Wann spricht man (noch) von falschem Essverhalten und ab wann von einer Essstörung?
    Wo ist die Grenze, wenn es denn eine gibt? Oder ist die fließend?

    Mir stellt sich diese Frage heute so ganz besonders nachdrücklich, weil mir beim Lesen Deines Textes sehr bewusst geworden ist, wie oft mir eine innere (vielleicht meine kindliche) Stimme mir sagt: „Ich habe keinen Platz mehr in meinem Bauch“, uind ich das schlicht und ergreifend ignoriere. – Ich habe bemerkt, dass das wirklich OFT passiert.

    Ich versuche das dann dadrch zu „kompensieren“, dass ich mir sage: „Die nächsten zwei, drei tage wirst Du eh nicht regelmäßig bzw. weniger essen.“ – Dann, wenn ich voraussichtlich keine Zeit haben werde beispielsweise zu Mittag zu essen. – Aber ich spüre zunehmend, wie ich mir damit in die eigene Tasche lüge. – Abgesehen davon, dass dann gelegentlich Abends der Appetit nur noch größer ist als gewöhnlich …

    Ich möchte mir nichts einreden, aber ich bin wirklich sehr unzufrieden mit mir, so, dass ich das Ganze mehr und mehr als PROBLEM wahrnehme.

    Mit Mantras tue ich mich übrigens schwer. Immerhin versuche ich es mitunter, mir bewusst „gut zuzureden“ seit meiner Therapie. Aber es hilft nicht immer – im Gegenteil, manchmal macht es mich im Ergebnis nur traurig.

    Nur ganz liebe, sternflüsternde Grüße an Dich! ❤

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    1. Oh lieber sternfluesterer, da bin ich gerade dabei, mir deinen neuen Beitrag durchzulesen, aber muss trotzdem unterbrechen und dir hier antworten, weil ich dich keinesfalls aufwühlen wollte!

      Ich kann dir hier sagen, dass sehr, sehr, sehr viele Menschen der westlichen Welt über ihr Limit essen. Fast alle, die ich kenne. Jedoch unterscheide ich von mir und meiner Schwester, die auch mal ordentlich reinhauen kann darin, dass ich aus Zwang (nicht)esse und sie nicht.

      Ich esse ohne Hunger. Ich esse als Ventil. Ich esse, weil ich mein Hungergefühl verlernt habe. Und wenn ich kein Essen bekomme, dann werde ich wie auf Drogenentzug hibbelig. Ich mache mir große Gedanken wegen meiner Figur und fühle mich oftmals schlecht, weil die Wahrnehmung zu meinem Körper verzerrt ist.

      Die Angst zuzunehmen haben zwar viele Menschen, aber oftmals klagen sie nur, ohne bewusst oder gar radikal einzuschreiten. Die Worte, nach Weihnachten oder ähnlichem etwas weniger zu essen, höre ich von sehr vielen. Ich hingegen habe es geschafft, tageland zu fasten, wenn ich an einem Tag zu viel gegessen habe. Und „andere Wege“ gefunden, das Essen loszuwerden.

      Eine Essstörung hat fast die gleichen Erkennungsmerkamle wie bei jeder anderen Sucht (z.B dem Rauchen, Alkohol, Dorgen oder Spielsüchten). Man „braucht“ es. Man denkt nur daran. Man fühlt sich schlecht mit und ohne. Man versucht dagegen anzukämpfen.

      Zum Abschied möchte ich noch anmerken, dass das was wir industriell im Supermarkt kaufen, oft einen starken Suchtfaktor hat. All die Zusatzstoffe und der Zucker lassen uns immer weiter futtern, weil der Gaumen plötzlich nicht aufhören möchte. Das ist niemandes Schuld. Ich versuche daher oft „clean“ zu essen, um satt zu werden und nicht diesen städnigen Heißhunger zu bekommen.

      Wenn dir Mantras nicht so liegen, dann hoffe ich, dass du einen anderen Weg finden kannst, um mit deinen Gedanken besser klar zu kommen! Ich wünsche es mir jedenfalls sehr für dich.

      So, jetzt muss ich leider zur Uni, aber ich lese mir deinen Beitrag jetzt in der Bahn weiter durch! Ganz liebe Grüße! ❤

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  2. Liebe Mia, da kommt mir einiges sehr bekannt vor. Ich war als Kind auch spindeldürr. Mein natürliches Gefühl für Hunger und Sättigung wurde früh hinterfragt und so wurde ich bald zum Reste-Esser gemacht. Ich blieb dennoch dünn bis zur Pupertät. Seither is(s)ts auf und ab. Seit ich denken kann, bin ich Frustesser. Bin ich gerade nicht in einer Frustessphase, dann verspüre ich sehr selten Hunger (und wenn, dann meistens nachts im Bett…) und kriege oft nichts runter. Da muss ich dann geplant und vernünftig essen, entgegen allem Unverständnis meiner Gefühle. So oder so, Essen bedeutet für mich immer Stress, auf die eine oder andere Art.

    Was machen diese Mantra Sätze mit Dir, wenn Du sie liesst ? Glaubst Du Dir dabei ? Fällt es Dir einfach, sie zu lesen ? Bewirken sie Veränderung ?

    Ich folge Deinen Einträgen seit einigen Wochen und merke, wie sie in mir widerhallen. Ich weiss ja, dass ich kein gesundes Verhältnis zum Essen habe, aber ich deute es einfach so, dass jeweils die Lebensumstände für die extremeren Phasen verantwortlich sind und dass ich die meiste Zeit gar kein sooo grosses Problem damit habe. Es besteht keine klinisch diagnostizierte Essstörung und vielleicht gäbe es auch keine zutreffende Kategorie für meinen Fall, aber das Thema Essen beschäftigt bzw. plagt mich täglich, eigentlich fast ununterbrochen. Es ist immer irgendwo da in den Gedanken. Da frage ich mich wie Sternfluesterer: Wann wird es zu einer Essstörung ? Ich leide an einer komplexen PTBS und es scheint, mir ist es fast unmöglich, mich überhaupt mal realistisch wahrzunehmen und einzuschätzen, nicht nur, wenn es ums Essen geht.

    Danke für Deine Offenheit hier. Ich wünschte mir, ich hätte ein auch nur 1/10 so gutes Gespür für mich selber, wie es dieser Junge hat. Für mich fühlt sich das ganze Leben an wie ein Moorbeet. Da gibts kaum was zu unterscheiden, ist alles einerlei, irgendwie.

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    1. Liebe measententia,
      Danke für deinen lieben und ehrlichen Kommentar!

      Die „Mantras“ habe ich in der Therapie gelernt. Ich sollte all meine Grundgedanken, die mein Essverhalten beeinträchtigten hinterfragen und aufarbeiten. Wir haben meine Grundgedanken ZB Egoismus hinterfragt und ergründet, warum ich so denke, aber vielleicht gar nicht so bin. Um dies in meinen Kopf festzusetzen, musste ich mir diese Gedanken immer wieder vor Augen führen. Nun habe ich einige „Mantras“ die ich mir oft durchlese, um meine Gedanken und mein (Ess)verhalten langfristig zu ändern.

      Zu deinem Kommentar bezüglich deines Essverhaltens: Ungesundes Essverhalten muss nicht zwingend eine Essstörung sein, aber es könnte. Die Merkmale sind schwer zu erkennen, weil sie bei jedem unterschiedlich ausfallen. Auch muss man nicht zwingend hungern oder nichts essen, um nicht trotzdem krank zu sein. Zu einer ES gehört aber auch eine verzerrte Wahrnehmung zum Körper. Ich weiß aber leider nicht, ob und inwiefern sich das mit einer PTBS erkennen lässt, aber ich wünsche es mir natürlich für dich!

      Bei mir ist das (nicht)essen schlicht und einfach ein Zwang. Es plagt mich auch täglich in meinen Gedanken und lässt sich mit jeder anderen Sucht vergleichen. Irgendwann (noch vor der Diagnose) wusste ich es dann. Aber ich kann unmöglich von mir auf andere schließen. Du könntest ja versuchen aufzuschreiben, wann du isst und warum du isst. Vielleicht hilft es dir, dein Essverhalten besser wahrzunehmen.

      Und hast du mal überlegt, mit einer ärztlichen Person über dein Essverhalten zu sprechen? Schließlich gibt es so viele Kategorien, die mir auch fremd sind!

      Wenn du noch weitere Fragen hast oder deine Gedanken teilen möchtest , kannst du dich jederzeit gerne melden! 🙂

      Ganz liebe Grüße!

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      1. Danke für Deine Rückmeldung 🙂

        Ich bin seit vielen Jahren in Therapie wegen der Traumata, habe es aber bis jetzt vermieden, all zu detailliert über das Essen zu reden, was nicht schwierig ist, da noch so unendlich viele weitere Probleme bestehen, die auch angeschaut, berücksichtigt und behandelt werden wollen/ sollen. Am Ende ist es wohl so, dass sich ein Grossteil davon bei Fortschreitender Verarbeitung der Traumatisierungen bessern kann und eine spezifische Therapie aufgrund der Komplexität meiner PTBS oft gar nicht möglich ist.

        Mit meiner Frage bezüglich Mantras meinte ich: Helfen sie Dir ? Hilft es Dir, sie regelmässig zu lesen ? Verändern sie Deinen Blick auf Dich selber, Deine Gefühle Dir gegenüber ? Ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit meinen (falschen) Glaubenssätzen und habe einige auch umgeschrieben. Das Problem ist, dass ich mir diese neuen Sätze bis heute nicht abkaufe, ich kann sie noch so oft lesen. Deshalb meine Frage, wie Deine Erfahrungen damit sind 😏

        Sei herzlich gegrüsst 🙂

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      2. Ich kenne mich bei der Methodik leider gar nicht aus, aber könnte die ptbs nicht auch im Zusammenhang mit dem Essverhalten angesprochen werden? Als Folge oder Auslöser? Ohne eine spezifische Therapie.

        Und zu den mantras: Ja, sie helfen mir wirklich! Ich bin noch nicht ganz an dem Punkt, an dem ich sein möchte, aber durch die Aufarbeitung meiner Grundgedanken konnte ich viele Entscheidungen in meinem Leben treffen, die mein Esssverhalten positiv beeinflusst haben. Ich versuche z.B. „lieb“ zu meinem Körper zu sein, anstatt gegen ihn anzukämpfen. Ich sage mir immer und immer und immer wieder all diese Phrasen. Manchmal schreibe ich sie auf, manchmal sage ich sie mir kurz vor dem schlafengehen auf. Es ist natürlich nervig, aber für mich hat es sich gelohnt! Das gilt auch für alle anderen Grundgedanken!

        Liebe Grüße! 🙂

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      3. Eine PTBS ist eine Posttraumatische Belastungsstörung, also Folgeprobleme eines traumatischen Ereignisses. In meinem Fall sind es mehrere Traumatisierungen aus früher Kindheit. Methoden, diese anzugehen, gibt es viele. Wir sind am ausprobieren. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die Essstörung und auch die meisten anderen Probleme, mit denen ich kämpfe, etwas mit den Traumatisierungen zu tun haben. Ich wollte Dich mit all dem aber nicht verwirren, entschuldige 😉

        Deine Artikel, besonders dieser Aktuelle, haben in mir einfach viel ausgelöst. Vielleicht spreche ich das Thema Essen bei Gelegenheit doch mal wieder an in der Therapie.

        Ich freue mich, dass Dir diese Mantras helfen und wünsche Dir, dass es weiterhin aufwärts und vorwärts geht ! 😀

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  3. Du Liebe,
    ich mag es so, so sehr, wie aufmerksam und stets hinterfragend Du durch das Leben gehst! Deine Zeilen verbinden uns, denn ganz oft habe ich ähnliche Gedanken auch schon gehabt, wie Du sie hier niederschreibst.
    Dass ein Kind diesen Satz sagt, hat im Kern etwas so Reines und Unschuldiges. Deshalb finde ich, dass Dein „Du hast keinen Platz mehr in deinem Bauch.“ eine ganz besondere Magie in sich trägt und Dir ja vielleicht ab jetzt noch mehr helfen kann, als alle anderen Sätze. Ab sofort könnte es Dein eigener Zauberspruch sein.

    Ich wünsche Dir alles erdenkliche Gute auf Deinem weiteren Weg und werde immer an Dich glauben!

    Allerliebste Grüße ❤

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  4. Hach ..ich mag deine Einträge so sehr. ♡

    Ich hab seit meiner Recovery einen Satz „ich mag mich“. Ich sage ihn mir oft vor dem Spiegel. Manchmal ist es eine Lüge (vorallem in der Anfangszeit) aber ich akzeptiere es immer mehr. Selbstakzeptanz, für mich ein sehr weiter Weg.

    Was das Grillen betrifft konnte ich mein Verhalten sehr gut beobachten. Ich hab anfangs wirklich über meine Grenze gegessen, aber umso regelmäßiger gegrillt wird, umso weniger esse ich. Es wird jetzt bei uns wirklich mindestens 2x die Woche gegrillt.

    Und wie es beim Grillen ist, so geht es mir bei allen Mahlzeiten. Ganz schlimm war z.B. Pasta. Es gab keine Grenze, aber umso öfter ich sie gegessen habe, umso besser wurde es. Ich finde es wird Schritt für Schritt leichter.

    Nur mit der Schokolade funktioniert es noch nicht so 🙈

    Alles Liebe ♡

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