Aufhören, gebraucht zu werden – Therapiestunde #8

Ich verrate euch mal folgendes Geheimnis:

Ich will gebraucht werden.

Ich gehe vollends darin auf, wenn Menschen zu mir kommen und ich ihnen weiterhelfen kann. Zwischen einigen meiner Freundschaften ist der Insider meines „Therapeutenstuhls“ entstanden, auf dem ich immer sitze, während sie zu mir kommen und ich zuhöre. Ich liebe es, helfen zu können.

Und ich hasse es. Nicht selten ist es die reinste Folter, die eigenen Bedürfnisse immer hinter die eigenen zu stellen. Viel zu oft komme ich zu kurz, viel zu oft fahre ich mitten in der Nacht durch die Stadt, um einer anderen Person beizustehen. Ich dachte immer, dass es daran läge, dass ich ein viel zu großes Loyalempfinden habe, aber dann begann ich mit der Therapie.

Ich wurde so erzogen.

Manchmal tat es mir selbst schon leid, wie sehr meine Therapeutin auf die Erziehung meiner Eltern herumtrat. Doch ich wusste im Herzen, dass sie recht hatte.

Ich war immer stolz darauf, sehr selbstständig erzogen worden zu sein. Im Alter von 10 konnte ich die Waschmaschine bedienen und mit 11 den Kühlschrank von innen putzen. Jeder half im Haushalt mit und daran ist nichts verwerflich.

Aber scheinbar war da viel mehr. Ich wollte es nicht sehen, weil ich meine Eltern liebte.

Finden Sie das fair?“, fragte die Therapeutin mich, als ich ihr erzählte, dass meine Mutter mich für meine Schwester verantwortlich machte. Ich sollte auf sie aufpassen. Sie auf Schritt und Tritt verfolgen und darauf achten, dass ihr nichts zustieß.

Na ja, ich bin ihre Schwester. Also, ja, irgendwie schon.“

Richtig, Sie sind Ihre Schwester. Nicht ihre Mutter.“

Daraufhin sagte ich nichts. Ihr Satz ergab Sinn, doch er kam nicht bei mir an. Ja, ich war nicht ihre Mutter, aber es war doch trotzdem meine Aufgabe! Oder?

Nach weiteren Diskussionen entstand zum ersten Mal in meinem Leben die Option, dass ich nicht Schuld gewesen sein könnte. Nicht Schuld an ihrem alkoholisierten Absturz. Nicht Schuld, dass sie durch diesen gewaltigen Sturz Zahnprothesen bekam. All die Jahre wurde ich dafür beschuldigt, nicht auf sie aufgepasst zu haben. „Das verzeihe ich dir nie“, war der exakte Wortlaut.

Mittlerweile ist dieses Gefühl der Verantwortung zu einer Art Lebensstil geworden, welches ich nicht abschütteln kann. Und durch die Therapie lernte ich, dass ich in der Rolle meiner Familie nicht Kind, sondern viel mehr Mutter war. Ich wurde so erzogen und habe danach gelebt gebraucht zu werden. Ich kümmterte mich – weil ich dachte, dass das meine Aufgabe war. Und dieses Konzept setzte ich in meinem ganzen sozialen Umfeld ein. Die meisten meiner Freundschaften wissen, dass ich nie nein sage. Aber sie wissen nicht, welchen Preis es hat.

Als meine Therapeute darauf plädierte, mehr an mich zu denken, hielt ich sie für unsensibel. Ich schloss ganz klischeehaft daraus, dass sie sicher keine Geschwister hatte (was auch stimmte). Es sprach Trotz aus mir für die Frau, die die Erziehung meiner Familie und meine Persönlichkeit in Frage stellte. Und sie hatte recht.

Gebraucht zu werden, hat seine Kehrseiten.

Und seit ich nach und nach immer mehr an mich denke, geht es mir besser. Es tut gut auch an sich zu denken. Es macht gesund.

Dieser Beitrag fiel mir sehr schwer, denn ich habe mich in den Vordergrund gestellt und andere für etwas verantwortlich gemacht. Ich mag es nicht das zu tun, selbst wenn es berechtigt ist. Aber auch das muss ich lernen. Der Wahrheit ins Auge blicken.

Geht es euch ähnlich? Oder hört ihr ganz deutlich eure innere Stimme, die ihre Bedürfnisse ausspricht?

Habt einen schönen Abend! ♥

 

20 Kommentare zu „Aufhören, gebraucht zu werden – Therapiestunde #8

  1. Eine schmerzhafte, aber auf Dauer gesunde Erkenntnis, die du gewinnen konntest!

    Ich habe da auch so einen Antreiber: sei perfekt und mach es allen (anderen) recht. Dabei übergehe ich regelmäßig meine eigenen Bedürfnisse, nehme sie oft genug nicht einmal wahr. Aber immerhin, auch ich erkenne das – ein Anfang.

    lg

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      1. Naja… mal ja, mal nein. Ich bin oft wütend, weil ich irgendwie immer zu kurz komme. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben, schon als Kind bekam ich nicht die Aufmerksamkeit, die ich mir gewünscht hätte. Damals dachte ich, ich müsse mich nur mehr anstrengen und beliebt machen, dann würde das schon klappen. Tat es aber nicht, ich arbeitete sehr viel als Kind, gewürdigt wurde das leider nie 😦

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  2. „Ich habe mich in den Vordergrund gestellt und andere verantwortlich gemacht …“
    Nein! Du bist hier die Hauptperson. Dein Blog, dein Leben und das zählt.

    Verantwortlich gemacht? Hallo??? Du hast diese zu Unrecht an dich übergebene Verantwortung zurück gegeben. Oder hat man dir die Wahl gelassen? Nein. Es ist nicht deine Aufgabe gewesen, sich über das normale Maß hinaus zu kümmern. Das wollte die Therapeutin sagen.

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  3. Meine Liebe!
    Ich bitte dich, fühle dich nicht shhlecht, wenn du dich in deinem Beitrag auf DEINEM Blog in den Mittelpunkt stellst…. Ich meine, schließlich ist das doch genau die Person, von der wir hier lesen wollen!!!! 😉

    Dein Problem kenne ich wirklich nur zu gut… Ich habe auch ein ausgeprägtes schuld Bewusstsein in dem Sinne, dass ich nicht weg sehen kann, wenn ich weiß, es geht Mensen in meiner Umgebung schlecht… Dann renne ich auch noch am Abend nach einem vollen Tag und mit dröhnenden Kopfschmerzen zur Freundin die traurig ist…
    Und vor allem halte ich eigene Probleme immer zurück. Wenn es dem anderen schlecht geht will man ihn ja nicht auch noch belasten. Und irgendwie kann man sich ja immer einreden, dass man den anderen nicht belasten will…
    Und nur die wenigsten sind derart sensibel, dass sie aufspüren, wenn es einem shhlecht geht…
    Deswegen ist es zum einen wichtig sich mit Menschen zu umgeben, die diese Fähigkeit besitzen, ansonsten macht man sich kaputt…
    Und vor allem ist es wichtig, dass wir lernen, dass wir nicht immer die fresse halten. Dass du, wenn es dir schlecht geht, das auch einfach aussprichst! Denn oft merkt man dann, dass das Gegenüber doch für einen da ist. Du musst nicht immer die starke sein. Du darfst auch Hilfe in Anspruch nehmen! Du bist nicht für das Glück deiner Freunde verantwortlich… 😉
    Es ist gut, dass deine Therapeutin derart deutliche Worte findet! Auch wenn du sie wahrscheinlich in dem Moment so gar nicht ausstehen konntest … Es ist gut, dass du ihre Worte wirken lässt und ihren wahren Kern erkennst!
    Auch wenn es schwer ist, das mit der Liebe zu den Eltern zu vereinbaren… Doch ich denke, es ist wichtig, diese Fehler wirklich zu erkennen… Und sich gleichzeitig bewusst zu machen, dass sie nie etwas böses wollten. Man darf sich dennoch nicht „schonen „, es ist für dich einfach eine wichtige Erkenntnis.

    Also denk an dich!! Es ist wichtig, dass du das tust! Es ist schwer, das in den Kopf zu bekommen…. Ich habe darüber auch offen mit Freunden geredet, ihnen gesagt, dass ich auch vorsichtig mit meiner Kraft umgehen muss, und dann kann man es vllt irgendwann lernen^^

    Ich wünsche dir, dass du an denken kannst, ohne dich schlecht zu fühlen, denn das ist wirklich Blödsinn!!! ❤️

    Ganz liebe abendgrüße an dich🌼🌻

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    1. Liebe Luna,
      Deine Kommentare sind mal wieder der Beweis dafür, wie verstanden ich mich von dir fühle!
      Manchmal ist es hart, die Wahrheit zu hören, aber ich werde es meiner Therapeutin nie vergessen, dass sie mir dies klar gemacht hat. Man kann sich nicht um andere kümmern, wenn man sich nicht auch um sich kümmert…schlecht fühlen fühle ich mich deswegen trotzdem, weil dieser Grundgedanke noch sehr präsent ist! Aber das vergeht hoffentlich!

      Danke für deine wieder sehr einfühlsamen Worte!

      Ganz liebe Grüße! ❤️

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  4. Liebe Mia,
    Ich finde es toll, dass du dich überwunden hast, die Verantwortung ein Stück weit von dir zu weisen.
    Du weißt ja, dass das bei mir auch ein hab ganz großes Thema ist.
    Zum Glück sieht meine innere Stimme die Unfairness in den Extremfällen, in denen ich von anderen verantwortlich gemacht werde und spricht sehr laut dagegen. Aber deswegen nehme ich diese Verantwortung Initial immer erstmal an und muss mir jedesmal hart erarbeiten, auch im Rest meines Bewusstseins zuzulassen, dass ich hier nicht verantwortlich bin und dass ich ein Recht habe, mich abzugrenzen.

    Abgrenzung ist aber enorm wichtig und du stellst ja selber schon fest, dass es dich gesünder macht. Ich wünsche dir dafür noch viel Kraft und viele gute Erfahrungen! Einige Freunde etc werden sich wohl erstmal ziemlich vor den Kopf gestoßen fühlen, weil sie das von dir nicht gewöhnt sind. Aber auch das ist nicht deine Verantwortung! Die, die es wert sind, werden lernen damit umzugehen und sehen, wieviel besser es dir damit geht. Die die damit nicht umgehen können, sind es auch nicht wert.

    Alles Liebe ♥️

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    1. Liebe grübel Eule,
      Danke für diesen wunderschönen Kommentar! Ich kann mir vorstellen, dass du mit ähnlichen Schuldgefühlen zu kämpfen hast. Toll, dass du bei Extremfällen deine eigene Stimme sehr laut und deutlich hörst!
      Für mich sind die fast „schlimmsten“ die unscheinbaren Momente, in denen ich selbst nicht merke, dass ich etwas für andere tue und nicht dahinter stehe…ich versuche gerade diese Momente überhaupt zu erkennen!

      Liebe Grüße! ❤️

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  5. Da ist Dir aber auch ganz schön was aufgedrückt worden…. Und es ist gut, wenn Du sowas jetzt zurechtrückst und ggf. auch zurückweisen kannst. Das hat auch gar nichts damit zu tun sich in den Vordergrund zu stellen (tust Du nicht), sondern mit einem fairen Umgang miteinander.
    Außerdem gibt es ja auch noch eine Unterschied zwischen „gebraucht werden“ und „ausgenutzt werden“.

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  6. Ich glaube wir machen ähnliche Schritte durch…
    Ich war 7 als meine Schwester geboren wurde und ab da war ich ihre zweite Mutter. Immer. Bis heute. Sie verhält sich jetzt in der Pubertät genauso zu mir wie zu unserer Mutter… Es ist schwer.
    Ich war schon als Kind in der Schule der Seelsorger für alle. Alles wussten das und noch heute sprechen sie mich darauf hat. Als wäre das meine einzige Stärke an die sie sich noch erinnern können…
    Ich habe mich immer wohl damit gefühlt für andere da zu sein. Zu reden und zuzuhören, wenn es nötig war. Nie hat jemand mit mir geredet, weil er oder sie glücklich war… Ich war nur die Person, für die Fälle, wenn es ihnen schlecht geht. Und das ist nicht fair.

    So viel Energie wie du in diese Menschen steckst… Und nichts dafür bekommst. Hier findet kein Energieaustausch statt. Kein faires Geben und Nehmen. Nur du gibst Energie und erhälst nichts. Nur mehr Verantwortung.

    Es ist okay, wenn man versucht sich selbst Energie zu lassen. Sich Energie zu holen, wenn man sie braucht und Energie zu schenken, wenn man sich austauschen kann.
    Du hast so viel. Du bist so viel und du darfst voller Kraft und ohne Last sein. Du musst kein Magnet für negative Energien sein. Du bist nicht verantwortlich. Du bist nicht Schuld. Du bist es nicht!

    Mach wirklich nur das, wo du du selbst sein kannst. Wo du mit Liebe und Selbst dahinter stehen kannst. Es gibt Verantwortung die man liebt, weil sie so leicht ist und natürlich, und dir so viel wieder gibt an Energie, dass sie nichts mehr von der negativen Verantwortung hat, die du jetzt noch spürst…

    Keine Ahnung ob das Sinn macht was ich geschrieben habe. Ich muss das selbst gerade noch heraus finden….

    Ich schicke dir Energie und Licht um deine eigene Antwort zu finden💚

    Liebe Grüße

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    1. Wow… – danke für deine Worte, liebe Sophie.

      Es machtg absolut Sinn, was du geschrieben hast und ich weiß, dass du mich verstehst, weil du oben deine Erfahrung mit mir geteilt hast. Obwohl es wehgetan hat zu lesen, dass die Menschen nicht mit dir geredet haben, als sie glücklich waren. Das kam mir sehr bekannt vor. Auch dias Verhältnis zu deiner Schwester ist eines, dass mir nicht fremd ist.

      Du hast völlig recht, man sollte nur das tun, wo man „ich“ ist und dahinter steht. Und man sollte sich nicht vergessen oder unterordnen. Ich hoffe, dass wir das beide eines Tages erreichen können!

      Ganz liebe Grüße! ❤

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  7. Ich bin auch so und kann dich gut verstehen. Aber wie du selbst schon erkannt hast muss man auch mal an sich denken. Wenn man sich selbst immer hinten anstellt geht man irgendwann kaputt..
    ich denke, dass Freunde, Eltern und so weiter oft gar nicht merken, dass eine Person immer macht und tut und in ihren Bedürfnissen gar nicht wahrgenommen wird. Man muss dann tatsächlich mehr auf sich aufmerksam machen und genau das ist super schwer. Aber du hast auch das Recht, dass dir jemand zuhört. Und das ist nicht mal egoistisch, weil dein Gegenüber durch das Zuhören vielleicht auch ein gutes Gefühl bekommt 🙂

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    1. Danke für deine lieben Worte 🙂
      Du hast recht. Sicher wissen die Mitmenschen oft nicht, dass sie so viel „nehmen“, weil sie es nicht anders gewohnt sind! Aber man darf sich einfach nicht dabei vergessen und nur für andere leben…

      Liebe Grüße!

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