„Er isst viel weniger als ich!“ – Portionen mit anderen vergleichen als Trigger für Essstörungen

Für die Heilung ist es wichtig, auf sein eigenes Körpergefühl zu hören, und dem Körper genau das zu geben, wie er braucht. Jedoch steht mir eines dabei immer im Weg und löst einen Trigger aus: das Vergleichen meiner Portion mit der anderer.

Eigentlich sollten Portionen keine Rolle spielen, denn es gibt nicht „die“ richtige Vorgabe. Der rationale Teil mir versteht also überhaupt nicht, warum ich mir selbst so einen Stress mache. Der nicht rationale Teil in mir schon…

Manchmal esse ich mehr als mein Freund.

Und mit „mehr“ meine ich „viel mehr“. So viel mehr, dass es uns beiden auffällt. Ich bin kleiner und zierlicher als er und doch kriege ich mehr runter.

Viele würden jetzt sicher sagen, dass das überhaupt nichts Ungewöhnliches ist. Dass einige mehr Nahrung brauchen als andere und unterschiedlich auf Hunger und Sättigung reagieren. Prinzipiell würde ich zustimmen, aber die Essstörung sagt dazu nur folgendes:

Du isst mal wieder mehr als andere.

Du isst sogar mehr als dieser stämmige Typ.

Du isst mehr als ein Teenager in seiner Pubertät.

Du hast ein Problem.

Du bist nicht gesund.

Du isst zu viel.

Du bist dick.

Du bist hässlich.

Und obwohl ich die Stimmen abzuschalten versuche, holen sie mich immer wieder aufs Neue ein.

Bei jedem gemeinsamen Essen mit einer vergleiche ich mich automatisch. Manchmal passe ich mich unbewusst an, nur um dann festzustellen, das sich eigentlich noch Hunger habe, oder schon längst satt bin. Dieses Vergleichen macht mich irre. Es blockiert den Bezug zu meinem Körpergefühl und ersetzt es durch Scham. Denn genau darum geht es eigentlich.

Ich schäme mich für mein Essverhalten.

Weil die Essstörung mir einredet, dass mein Essverhalten ja falsch sein muss – sonst wäre ich ja auch nicht krank. Tief im Innern weiß ich natürlich, dass es nicht stimmt. Ich muss mich nicht dafür schämen, dass ich einen gesunden Appetit habe! Das ist nichts Krankes.

Dieses Vergleichen muss aufhören! Nur wie? Schließlich ist das ein automatischer Prozess, den mein Gehirn gegen meinen Willen raussendet.

Aber das Gehirn ist auch programmierbar.

Wer glaubt, dass sich Menschen und Verhaltensweisen nicht ändern können, liegt falsch. Es ist möglich, allerdings sehr schwer. Es erfordert viel Arbeit, mein Denken umzupolen. Momentan versuche ich es mit folgenden Tricks.

1. Ich esse weiterhin mit anderen.

Übung macht schließlich den Meister, oder? Und wenn ich die Situation auf ewig vermeide, komme ich auch nicht weiter.

2. Ich sage mir während des Essens kleine Mantras auf.

Es ist okay, dass ich mehr esse. Mein Körper will es so, und es ist immer noch weniger als sinnloses Binge Eating. Vergleichen nützt nichts, jeder Körper ist anders.

3. Ich lobe mich selbst.

Eigenlob stinkt NICHT! Im Gegenteil! Wir sollten uns viel öfter loben und nicht darauf warten, dass andere es tun. Jeder Tag, jede Mahlzeit, jeder Snack ohne Zwang ist gigantisches Lob wert. Es motiviert und stärkt mich. Vor allem aber hilft es mir, am Ball zu bleiben.

Diese kleinen Tipps helfen mir manchmal – nicht immer. Ich versuche es weiterhin und bin gespannt, was die Zukunft verspricht. Vergleichen bringt nämlich nichts. Das muss auch mein Gehirn endlich kapieren.

Kennt ihr das Problem, euer Essverhalten mit dem anderer zu vergleichen? Was hilft euch dabei?

PS.: Mein Buch „Zwischen meinen Worten“ ist jetzt erhältlich!

zwischen_meinen_worten

 

 

4 Kommentare zu „„Er isst viel weniger als ich!“ – Portionen mit anderen vergleichen als Trigger für Essstörungen

  1. Das ist doch schon mal ein guter Weg, den Du da für Dich gefunden hast.
    Und wenn Du sagst, Du bist kleiner und zierlicher als Dein Freund, dann könntest Du den Satz, daß Du wieder viel mehr ißt als andere ja verlängern um den Zusatz „und man sieht es Dir nicht an“? Dann wärst Du an der Stelle schon mal ins Positive abgebogen… 😉

    Wie läuft’s mit dem Buch eigentlich?

    Gefällt 1 Person

  2. Mhm dieses Vergleichen kenne ich von mir selbst so nicht. Als ich mal früher überhaupt kein Gefühl dafür hatte, was eine normale Portionsgröße ist und ob ich zu viel oder zu wenig esse, habe ich mich mal vorübergehend an den Portionsgrößen meiner Eltern etc. orientiert.

    Was ich dagegen leider kenne ist, dass man entspannt irgendwo mit anderen isst und später einer der Anwesenden damit anfängt, dass man ja viel gegessen habe, dass habe man einem gar nicht zugetraut, weil man nicht so aussehen würde etc..

    DAS finde ich sehr unangenehm, weil es die Illusion zerstört, dass man entspannt mit anderen essen könnte, ohne dass einem die Bissen in den Mund gezählt werden.

    Gefällt 1 Person

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