A-typische Essstörungen

In letzter Zeit wird immer mehr das Thema Essstörungen aufgezeigt. Was allerdings nach wie vor kaum beachtet wird, sind a-typische Essstörungen.

Essstörungen sind nicht gleich Essstörungen. Es gibt viele verschiedene Formen und Symptome. Diejenigen, die sich ein bisschen auskennen, wissen, wo die Unterschiede zwischen Magersucht, Bulimie und Binge Eating (die drei häufigsten Formen) liegen. Es gibt aber auch ganz andere Formen, a-typische Formen.

Was bedeutet a-typisch?

Im Grunde bedeutet es dasselbe wie „untypisch“, also nicht dem Typus entsprechend und vom normativen Krankheitsverlauf abweichend. Etwas das a-typisch ist, ist demnach individuell und fordert andere Herangehensweisen.

A-typische Essstörungen

Vor der Gründung meines Blogs hatte ich viele Bücher über Essstörungen gelesen, ohne, dass ich mich in ihnen wiederfand. Meine Form der Essstörung war anders und sprunghaft. Am Anfang war ich anorektisch, später bulimisch, dann wieder anorektisch, dann rutschte ich ins Binge Eating, dann wieder in die Bulimie, etc. Ich hatte nicht „die eine Form“, daher passte auch kein Wikipedia Eintrag zu mir.

Auch mein Essverhalten war sehr a-typisch. Es folgte keiner Logik (je kalorienärmer desto besser), sondern einer völlig anderen. Nudeln und Brot waren nicht okay, aber andere Produkte (zum Beispiel Reis mit ähnlichem Kaloriengehalt) schon. Kuchen ging nicht, dafür Eis. Mein Kopf hatte sich sein eigenes System erstellt, das es einzuhalten galt.

Auch meine „Gründe“ waren nicht der Norm entsprechend. Ich fiel nicht in die anorektische Phase, weil ich unbedingt dünn sein sollte, sondern weil ich es aufgrund meines nicht existierenden Selbstwerts gern hatte, dass die Menschen sich um mich sorgten. Außerdem war meine Essstörung zum Teil eine Selbstbestrafung. Es ging mir gar nicht so sehr ums Abnehmen oder Essen, sondern um etwas viel Tieferes.

A-typische Essstörungen sind auch Essstörungen.

Obgleich sie nicht zu der Norm von Essstörungen gehören, sind sie gleichermaßen klinisch relevant und ernst zu nehmen. Im Grunde gilt das für jede psychische Krankheit – keine Diagnose lässt sich pauschalisieren. So auch Essstörungen. In meinem Beitrag „Magersüchtige sind extrem dünn“ – Gefährliche Klischees von Essstörungen erzähle ich euch mehr darüber – zum Beispiel, dass Menschen mit Magersucht nicht unbedingt „mager“ aussehen müssen.

Wenn ihr den Eindruck habt, dass euer Essverhalten gestört ist, ihr euch aber in keine der Diagnosen findet, dann verzagt nicht. Ihr seid nicht „komisch“, sondern a-typisch. Ich bin es auch und komme inzwischen gut damit klar. Für jeden gibt es einen Weg da raus, aber eben nicht immer den gleichen.

Habt ihr Erfahrungen mit a-typischen Essstörungen?

7 Kommentare zu „A-typische Essstörungen

  1. Kein Mensch passt oder gehört in eine Schublade. Für seine Krankheiten, zumal psychisch bedingte, gilt dasselbe. –

    Es mag übergreifende Merkmale geben, Erscheinungsformen mögen sich ähneln, aber die Entwicklung eines Menschen, die Wege, die er beschreitet und wie er sie beschreitet sind wie der Verlauf seiner Krankheiten jeweils einzigartig.

    Was „typisch“ ist oder „normal“ ist zudem immer eine Frage der Betrachtung. Nicht mehr …

    Deinen Eintrag empfinde ich als schön und wichtig, liebe Mia!

    Herzlich liebe Grüße an Dich! 💖

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      1. Ich lese deinen Blog ja schon von Beginn an, und er war und ist mir immer eine Bereicherung. Zumindest lernen kann ich immer noch dazu, auch, wenn ich manchmal keine Worte beisteuern kann.

        Liebe Grüße zurück an Dich! 💖

        (Die Kommentarfunktion von meinem account spinnt seit gestern völlig. Ich bekomme keine Nachrichten mehr, wenn jemand bei mir kommentiert bzw. auf einen meiner Kommentare anderswo antwortet. Auf meinem Blog steht unter Einträgen sogar, dass 6 Kommentare da sind, aber man kann dann nur zwei lesen. Hattest Du so was schon mal? – Ich habe mich schon an den Support gewandt, aber die können mir offenbar auch nicht helfen …)

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  2. Hallo Mia!

    Ich hatte in meiner Teenagerzeit eine typische ES. Nach vielen Jahren Therapie hatte ich eine ES-freie Phase, die viel später sich in eine a-typische ES „verwandelt“ hat. Jetzt passe ich in kein Schema mehr hinein. Es sind Reste meiner ursprünglichen ES da, es haben sich andere Verhaltensweisen entwickelt, die damit nicht mehr korrespondieren. Lange Zeit habe ich daher gar nicht erkannt, dass ich wieder in eine ES gerutscht bin, weil es keinem bekannten Schema entspricht.

    Als Problem für mich hat sich ergeben, dass kein Arzt meine ES ernst nahm. Ich habe keine Diagnose bekommen, weil ich in kein Diagnoseschema passe. Es stört mich, dass die Ärzte meine ES nicht ernst nehmen.

    Ich habe versucht es zu erklären und dass die ES sich nicht durch das spezifische Essverhalten sondern vor allem durch den Leidensdruck definiert, der damit verbunden ist. Und durch die Absicht, die mit dem Essen verbunden ist – verändern der Gefühlslage, fehlende Selbstregulation, Regulation der Gefühle durch Essen statt durch adäquates Verhalten.

    Menschen, für die Essen reine Nahrungsaufnahme ist, können das vermutlich nicht nachvollziehen.

    lg, Maria

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Maria, wenn ich das lese, wird mir erneut bewusst, wie falsch es ist, wenn Ärzt*innen sich nur auf die Lehrbücher konzentrieren. Wenn man als Patient*in Hilfe braucht, dann sollte es immer ernst genommen werde. Es tut mir sehr leid, dass du diese blöde Erfahrung gemacht hast! Und ja, ich stimme dir zu! Eine Essstörung hat gar nicht so viel mit Essen zu tun – Menschen, für die Essen lediglich „Nahrungsmittel“ ist, können das manchmal tatsächlich nicht sehr gut nachvollziehen!

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  3. Danke, für den Post. Das ist so eine wichtige Botschaft und ich wünschte, alle Menschen für die Essen ein Problem darstellt würden ernstgenommen werden – unabhängig von ihrem Körper oder der Art wie sie essen. Mein Körper hat sich nie in irgendeins der Extreme verändert, aber mein Essverhalten war auch überall von anorektisch, bulimischisch bis zum bingeing und ich hatte nie das Gefühl ein Recht auf Hilfe zu haben, weil ich in keins der Schemen passte…. Danke also nochmal, dass du das so gut ausdrückst und teilst..

    Alles Liebe!

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