Mit der Essstörung des Kindes umgehen – Wenn Eltern es nur gut meinen und trotzdem alles „falsch“ machen

Wenn ihr darüber nachdenkt, euren Eltern eure Essstörung anzuvertrauen, dann lasst euch vorher eins gesagt sein: Eltern sind keine Heilige. Sie sind auch nur Menschen und meinen es in den meisten Fällen nur gut mit euch. Behaltet das im Hinterkopf, wenn ihr mit ihnen redet. Denn egal, wie sie es drehen oder wenden, in euren Augen werden sie trotzdem alles falsch machen.

Meine Eltern haben nach Leibeskräften versucht alles richtig zu machen, und währenddessen alles falsch gemacht. Sie konnten gar nicht anders. Das lag in erster Linie nicht an ihnen, sondern an mir. Damals war ich zu krank, um ihre Hilfe zuzulassen geschweige denn zu wertschätzen.

Als sie von meiner Essstörungen erfuhren, hatten beide das Ziel, mich zu unterstützen, und gingen jeder anders damit um. Meine Mutter versuchte es und mein Vater versuchte es auch. Mit dem Wissen, das ich heute habe, würde ich gerne zurück in die Vergangenheit reisen, beide drücken und ihnen sagen, dass sie sich nach allen Kräften bemüht hatten, aber es gar nicht richtig machen konnten. Es war nicht ihre Schuld. Es war die Schuld meiner Essstörung, deren Stimme einfach zu laut und dominierend in meinem Kopf war.

Mein Vater war nicht gerade das, was man taktvoll nennt.

Und, wie ist es heute? Hast du Bauchschmerzen? Hast du wieder zu viel gegessen? Warum machst du das eigentlich? Ich verstehe das nicht, du bist so hübsch. Hast du gekotzt? Wirst du kotzen? Wie ist das eigentlich? 

Mein Vater scheute sich auch dann nicht, dieses äußerst persönliche Thema anzuschneiden, wenn wir uns an einem öffentlichen Ort befanden. Einmal waren wir mit meiner Schwester im Restaurant. Während ich kurz pinkeln ging, fragte mein Vater meine Schwester (die zu dem Zeitpunkt noch nichts von meiner Essstörung wusste), ob ich denn jetzt kotzen ginge. Daraufhin stattete mir meine Schwester einen Besuch im Klo ab und erzählte mir lachend von den wilden Fantasien unseres Vaters. Ich wollte im Boden versinken. Nicht nur, dass er mich fast vor meiner Schwester „geoutet“ hätte, er schickte sie, um nachzusehen, ob ich wirklich nur auf dem Klo saß! Beschämt, wütend und frustriert, machte ich ihm später eine Ansage. Dabei hatte er nur Angst um mich und meinte es gut.

Seine besserwisserischen Kommentare waren auch nicht ganz ohne.

Immer glaubte er, über „die eine“ richtige Ernährung bestens bescheid zu wissen. Nein, ich solle nicht zu viel rohes Gemüse essen. Nein, zu viel Tee sei ungesund. Nein, von dem vielen Essen würde ich doch nur wieder „kotzen“. Jep, er scheute sich nie, das K-Wort zu benutzen, das viele an seiner Stelle umschreiben. Doch auch hier weiß ich heute, dass er es im Grunde nur gut meinte.

Meine Mutter war das andere Extrem – sie schwieg über das Problem und versuchte es im Stillen selbst zu lösen.

Mütter glauben oft, dass sie es besser wüssten – so auch meine. Sie akzeptierte zwar meine Krankheit, doch sie hatte andere Methoden, um mich zum Essen oder nicht essen zu bringen.

Ich weiß noch wie wütend ich war, als meine Mutter während meiner anorektischen Phase (in der ich sehr wenig und kalorienarm aß) versuchte, mir durch eine riesigen Klumpen Butter im Reis ein paar zusätzliche Kalorien zu unterjubeln. Ich fühlte mich hintergangen und betrogen. Ich hörte auf ihr zu vertrauen. Ich beschloss, mir nur noch meine eigenen Gerichte zu kochen. Ich bestrafte sie mit meiner Sturheit. Obwohl sie es nur gut meinte und Angst hatte, dass ich zu dünn werde.

Genauso gut meinte sie es auch, als sie anfing, Essen vor mir zu verstecken.

Monate später war ich nicht mehr anorektisch, sondern bulimisch. Fortan wollte sie mich nicht mehr zum Essen bringen, sondern bremsen. Dies tat sie natürlich mit Worten:

Iss das besser nicht. Du hast schon sehr viel gegessen. Nicht dass du später wieder Bauchschmerzen kriegst!

…aber auch mit „Taten“. Zum Beispiel packte sie Produkte wie Käse in Alufolie und verstaute sie im Kühlschrank zwischen dem Busch Petersilie und der Zucchini. Schokolade und Ähnliches Fear Food versteckte sie überall im Haus verteilt in Schränken. Sicher könnt ihr euch vorstellen, wie ich mich fühlte, als ich davon erfuhr: wie ein verdammter Junkie. Meine Mutter musste den Käse vor mir verstecken, damit ich das Ding nicht mehr in einem Essanfall vertilgte und anschließend ins Klo spülte. Und ich reagierte dementsprechend provokant und erschnüffelte jedes einzelne Versteck. Teils aus Trotz, aber teils aus Sucht. Ich war eben doch ein Junkie.

Meine Mutter meinte es nur gut mit mir. Sie wollte mich nicht mit all diesen triggernden Produkten konfrontieren und dachte, dass es die beste Lösung war, sie vor mir zu verstecken. Das war sie nicht. Denn es gibt nicht die perfekte Lösung.

Ich will mit diesen Worte nicht meine Eltern verschmähen.

Ich will aufzeigen, dass Eltern es noch so gut meinen, aber vermutlich trotzdem falsch machen werden. Denn das ist der springende Punkt: Sie können es gar nicht richtig machen. Hätten sie meine Essstörung ignoriert, hätte ich mich nicht unterstützt gefühlt. Hätten sie mich jeden Tag darauf angesprochen, hätte ich mich erdrückt gefühlt. Wäre ihr Tonfall diplomatischer gewesen, wäre er mir immer noch zu gehässig erschienen. Wie man es auch drehen und wenden möchte – es wäre falsch gewesen. Meine Essstörung wollte ihre Hilfe nicht zulassen.

Sie wollte bewusst Dinge missverstehen und bewusst streiten. Sie wollte im recht sein und die vollständige Macht über mich erlangen. Fast wäre es ihr gelungen. Doch das ist es nicht. Weil ich mich auf den Heilungsweg begab und meine Eltern mich auf ihre Weise unterstützen. 

Heute ist es manchmal noch immer so, dass sie sich ein paar Gesten oder Bemerkungen erlauben, die ganz sauer in mir aufstoßen. Doch nun weiß ich besser damit umzugehen, nicht zuletzt, weil ich weniger sensibel darauf reagiere als früher. Und weil ich immer mehr heile. ♥

Wie ist das bei euch? Wissen eure Eltern von euren psychischen Krankheiten? Geratet ihr manchmal auch aneinander?

17 Kommentare zu „Mit der Essstörung des Kindes umgehen – Wenn Eltern es nur gut meinen und trotzdem alles „falsch“ machen

  1. Meine Eltern gingen auch nicht gut damit um – meine Mutter tat so, als wäre nichts (sie hatte aber auch selbst nie ein normales Essverhalten, weil sie dünn bleiben wollte für meinen Vater) und mein Vater fragte mich, ob ich die Schwindsucht hätte…

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    1. Okay, aber deine Eltern haben wirklich eine Menge falsch gemacht! Nach allem was ich jetzt von ihnen erfahren habe, kann man ja gar nichts beschönigen! Es wirkt nicht einmal so, als ob sie es gut gemeint hätten:( Sry wenn ich das so hart sage :/<3

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      1. Keine Ahnung, ob sie was gut gemeint haben, sie waren wohl einfach oberflächlich und handelten oft unüberlegt. Außerdem lagen auch immer irgendwelche Spannungen in der Luft, das macht alles auch nicht besser…

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  2. Uff, ja, Eltern sind echt keine Heiligen.

    Meine Eltern wussten/wissen nie offiziell etwas. Meine Mum hat glaube ich was vermutet und immer mal hier oder da etwas angedeutet, aber nie direkt angesprochen.. Und vieles auch „falsch“ interpretiert. („Solange sie noch Süßigkeiten isst, mache ich mir keine Sorgen um ihre Figur“…)
    Mein Paps – na ja, er beschert sich immer, wenn irgendwelche Lebensmittel leer werden, selbst wenn es nur der normale Verbrauch ist. Dadurch verursacht er bei mir ein dauerhaftes Schuldgefühl, was durch die paar Male, die ich Essanfälle von „seinen“ (also von ihm für alle bezahlten) Lebensmittel habe, ins Unendliche gesteigert werden. Vielleicht ist das auch nur sein Umgang mit der Unsicherheit oder so was in der Art.

    Aber es ist wie es ist und Eltern handeln wie jeder Mensch nur in ihren Möglichkeiten. Ein Gedanke, der mir inzwischen in vielen Situationen mit meinem Paps sehr hilft, ist, dass er es nicht böse meint und einfach nur eine sehr seltsame Art hat, seine Sorge mir gegenüber auszudrücken und dass ich ihm schon wichtig bin, er es aber einfach nicht richtig zeigen kann.

    Liebe Grüße an dich! 🌻

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    1. Ja, da hast du recht. Eltern sind keine heiligen und auch nur Menschen. Und manchmal glauben sie, dass es das beste ist, nichts zu sagen. Ich glaube auch, dass Eltern bewusst nicht wahrhaben wollen, dass es dem Kind so schlecht geht – weil sie es nicht ertragen (glaube das ist sogar wissenschaftlich bewiesen, was Traumata oder Ähnliches beim eigenen Kind angeht).

      Dass dein Vater dich unterschwellig so verletzt hat, kann ich so gut verstehen! Meinst du, er würde sensibler damit umgehen, wenn er von deiner ES wüsste? Auf diese Weise würdest du ihm zumindest die Chance geben, überhaupt zu reagieren!

      Liebe Grüße!

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      1. Ja, ich glaube auch, dass Eltern es einfach nicht wahrhaben können oder wollen. Ergibt auch Sinn, dass bestimmte Dinge nicht so auffallen (weil man sich eh viel sieht) oder eben nicht gesehen werden wollen (weil es auch Hinweis auf eigene Fehler sein kann)

        Ich glaube es tatsächlich nicht. Mein Paps tendiert dazu, Schwächen und Fehler gegen einen zu drehen und damit seine eigene Überlegenheit auszunutzen oder darzustellen, wenn er eigentlich keine Argumente mehr hat – zumindest habe ich ihn immer so wahrgenommen. Z.B. war eine seiner Standartaussagen, wenn ich mich als Teenie daneben benommen habe „So kannst du deine Freunde behandeln. Ach stimmt ja, du hast ja keine. Frag dich mal wieso“. Das sitzt einfach super tief und ich kann ihm einfach nichts anvertrauen, mit dem ich mich verletzbar machen könnte 🤷🏼
        Und allgemein ist in etwa so einfühlsam und feinfühlig wie Zwieback 😂

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      2. oje, also Empathie ist was anderes…:/ Dann ist es vermutlich vernünftig, nichts zu erzählen, um dich selbst zu schützen!! Man erreicht auch nicht die Erfüllung, wenn man sich „outet“, das Versteckspielen hört nur auf, was vielen helfen kann – aber nicht allen!

        Liebe Grüße!

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  3. Ich habe zwar nicht direkt eine Essstörung, aber kämpfe mit einem gesunden Selbstbild. Meine Eltern haben mir zwar viel beigebracht über gesunde Ernährung und uns auch immer gesund ernährt, aber was mir wirklich geschadet hat, war das schlechte Bild von übergewichtigen Menschen, das mir vermittelt wurde. Während andere Familien vielleicht rassistisch sind, wurden bei uns immer dicke Menschen fertig gemacht. Bei jeder Erzählung, in der ein dicker Mensch vorkam, war dieser entweder dumm, dämlich, undiszipliniert, unsympatisch, hässlich, eklig oder sogar mehreres davon. Es war auch immer in jeder Erzählung wichtig zu erwähnen, ob jemand sportlich oder dick ist.
    Irgendwann habe ich selbst einige Kilos zugelegt und fiel nun selbst in diese Kategorie. Entsprechend schlecht habe ich mich damit dann auch gefühlt, gerade in Anwesenheit meiner Familie. Und erst recht, wenn es dann Bemerkungen gab, ob ich wirklich ein zweites Stück Kuchen brauche oder ob ich nicht einfach mal weniger essen könnte.
    Klar, haben das alle nur gut gemeint, aber indirekt sagten sie mir damit eigentlich immer, dass ich dumm, hässlich, undisziplinert, eklig und dämlich bin.

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    1. Oh ja, das Bild von dicken Menschen ist seit jeher stigmatisiert…ich kann mir gut vorstellen, wie schlimm es für dich war, plötzlich in diese Kategorie zu fallen, in der die Mitmenschen einem das Gefühl geben wertlos zu sein…Auch wenn viele es nur gut meinen und keine bösen Absichten haben, tut das natürlich trotzdem höllisch weh!

      Danke für das Teilen! Liebe Grüße!

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  4. Hallo Mia!

    Unmittelbar nach meinem Outing habe ich eine Therapie begonnen. Ich kann mich noch gut erinnern, – es war so rund 3 Monate später – dass mich mein Vater gefragt hat ob ich denn jetzt (endlich) wieder gesund bin. Ich war so empört, dass ich es gar nicht in Worte fassen konnte. Denn das ist ja keine Sache, die man ablegt wie einen Mantel.

    Leider hat auch meine Tochter eine ES. Sie hatte mit 15 eine stark anorektische Phase und ich war wirklich erschrocken, als ich ihren Körper sah. Sie wusste davon, dass auch ich eine ES habe und daher war von Anfang an eine Vertrauensverhältnis da. Ich war die einzige, mit der sie wirklich darüber geredet hat und bei der sie Vertrauen hatte, verstanden zu werden.

    Von Anfang an habe ich mit ihr über die Hintergründe der ES geredet und versucht sie dabei zu unterstützen, ihren Weg zu finden. Was ihr überraschend schnell gelungen ist! Sie ist innerhalb von wenigen Monaten wieder in ein Normalgewicht gekommen.

    Mir (und auch ihr) ist bewusst, dass die ES damit nicht verschwunden war. In schwierigen Zeiten greift sie noch immer auf Verhaltensweisen zurück. Sie hat nie eine Therapie gemacht, sondern nur mit mir gemeinsam daran gearbeitet (ich habe viele Jahre Therapie hinter mir).

    Es war für mich unglaublich schwierig sie so leiden zu sehen und zuschauen zu müssen. Denn ich wusste, dass ich ihr vertrauen muss und sie ihren Weg alleine gehen muss. Ich konnte nur da sein für sie, wenn sie mich brauchte und auf mich zuging. Diese Bereitschaft war alles, was ich aktiv tun konnte und ihr zu zeigen, dass ich sie liebe und sie verstehe.

    Gerade weil ich selbst die Probleme auch habe war es besonders schwer für mich zuzuschauen, da ich weiß, wieviel Leid damit verbunden ist. Gleichzeitig wusste ich aber, dass es ihr Kampf ist und nicht meiner. Ich habe eh meinen eigenen Kampf.

    Am aller schwersten war für mich die Frage, ob ich – dadurch dass ich selbst eine ES habe – ihr ein gestörtes Essverhalten vorgelebt habe und mit verursacht habe, dass sie eine ES hat. Damit habe ich sehr lange gerungen, zumal auch meine Mutter Probleme mit dem Essen hatte.

    Viele Grüße und alles Gute!
    Maria

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    1. Liebe Maria, danke danke fürs Teilen deiner ehrlichen Geschichte! Es hat mich wirklich sehr berührt das zu lesen. Wenn du mal ausführlicher als Gastbeitrag in meinem Blog darüber schreiben willst, kannst du mir gerne eine private Nachricht per „Kontakt“ senden! Das Thema Essstörung beim Kind mit eigener ES Vergangenheit, ist eines, das auch unbedingt mehr Repräsentation erhalten muss.

      Im Übrigen hat mein Vater mich auch nach drei Monaten Therapie gefragt, ob es besser wurde…je öfter er fragte, desto zickiger wurden meine Antworten – was uns beiden nicht recht war…Hach ja Eltern:P

      Liebe Grüße!

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    2. Hi! Dein Kommentar hat mich so berührt, da musste ich einfach drauf antworten. Ich finde es so schön, wie du deiner Tochter beistehen möchtest aber trotzdem weiß, dass sie ihren eigenen Weg gehen muss und wird.
      Ich habe mich meinen Eltern gegenüber nie wirklich geöffnet, sie sind beide normale Esser und können sich das irgendwie echt nicht vorstellen, von daher kann es ja auch gute Seiten haben, wenn du das Gefühl vermittelst, Verständnis zu haben und genau zu wissen, wie schwer es manchmal ist.
      Ich wünsche dir alles Liebe!

      Gefällt 1 Person

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