Als ich es meiner Mutter erzählte

Wenn ich sie heute nach ihrer damaligen Reaktion fragen würde, dann wäre die Antwort so etwas wie: „Ich war natürlich geschockt, aber du bist schließlich meine Tochter und ich kenne dich.“

Falsch. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, dass ich seit bereits über einem Jahr an einer Essstörung litt. Sie war so sehr mit ihrem eigenen Frust und Schmerz beschäftigt, dass sie den Kummer ihrer Kinder ausklammerte. Sie ist und bleibt eine tolle Mutter. Aber sie hatte einfach nicht genug Kraft für uns.

Daher sah sie nie, wie ich mich nachts in die Küche schlich und meinen Fressattacken nachgab. Sie ignorierte die Tatsache, dass ich ewig das Bad besetzte. Sie sah über meine stechend roten Augen hinweg, die sich jedes Mal verfärbten, wenn ich meinen Würgereflex manipulierte.

Sie hätte es niemals erfahren, wenn ich es ihr nicht ins Gesicht gesagt hätte. Und da dieser Moment damals so absurd für mich war, zwang ich mich selbst dazu, nie wieder daran zu denken und niemandem davon zu erzählen.

Und doch ist er mir jetzt wieder eingefallen. Und ich erinnere mich wieder.

Es war später Nachmittag und ich hatte mich gerade zum zweiten Mal am selben Tag übergeben. Normalerweise hob ich es mir immer auf den Abend auf, doch da ich mich nicht mal tagsüber zügeln konnte, brach ich völlig zusammen.

Aus irgendeinem Grund packte mich der Mut und ich steuerte in ihr Zimmer. Sie lag in ihrem Bett und schaute fern. Ich setzte mich zu ihr und begann zu weinen. Sie fragte besorgt nach meinem Ausbruch, doch ich gab keine richtige Antwort, spielte mit den Wörtern hin und her und murmelte etwas wie: „Hab Angst, dass du sauer wirst“, Will dich nicht traurig machen“, „Bin komplett verzweifelt“.

Nach etwa 15 Minuten sprach ich es dann aus. „Habbulimie“, nuschlete ich.

Sie brach augenblicklich in Tränen aus. „Nein, nein, nein, nein, nein, nein“, wiederholte sie immer wieder und nahm mich in den Arm. „Nicht mein Kind!“ Ich fiel ihr um den Hals, weinte in den vertrauten Armen meiner Mutter und fühlte mich so befreit und dankbar, dass sie so emotional darauf reagierte. Noch nie zuvor habe ich bei einem Menschen gesehen, wie schnell die Tränen aus den Augen schießen können.

„Aber Moment“ sagte sie plötzlich. „Bulimie ist doch nicht dieses…oder doch?“

Es folgte also eine kleine Einführung. Kontrolllosigkeit – Essattacken – Übergeben.

Und dann hörte sie auf zu weinen. „Achsooo. Ach, das ist kein Problem. Das kriegen wir hin.“

Bitte was?! Ich verstand die Welt nicht mehr.

„Was dachtest du denn?“

„Keine Ahnung, ich dachte irgendwas tödliches.“

Sie hatte wohl Leukämie statt Bulimie verstanden. Und dadurch, dass ich „nur“ eine Essstörung hatte, war sie so erleichtert wie noch nie. Sie versprach, mich dennoch zu unterstützen, die Waage zu verstecken und mir morgens immer ein Frühstück zu machen, damit ich nicht mehr Heißhungerattacken bekäme.

Nach meiner Beichte fühlte ich mich seltsam unentspannt. Denn obwohl sie mir Mut zusprach und unterstützen wollte, so trauerte ich um ihre erste Reaktion. Ich bin natürlich unendlich froh darüber, dass ich nicht an besagter Krankheit leide, doch ich wünschte mir trotzdem, dass sie aus ganzem Herzen mit mir weinte.

Weinen darüber, dass ich monatelang so viel Kummer hatte. Weinen darüber, dass ich von Sodbrennen und Magengeschwüren geplagt wurde. Weinen über die permanente Angst, dass beim Kotzen eine Ader in meinem Gehirn platzen, ich einsam auf der dreckigen Kloschüssel krepieren und sie mich am nächsten Morgen so einsam und verlassen finden würde. Weinen, dass eine Essstörung sehr wohl tödlich enden kann. Und Weinen, weil sie als Mutter nicht sah, wie schlecht es ihrem Kind ging.

Doch all das bedachte sie nichts. Und dieser kurze Gedanke war schon bald vergessen. So wie alles andere auch. Nach drei Wochen hörte sie auf, mir Frühstück zu machen. Und nach 5 Wochen tauchte die Waage zum Vorschein. Alles nahm seine gewohnte Routine wieder ein.

Ich sagte bereits, dass sie selbst viel Kummer plagte. Und ich werde sie nicht dafür verurteilen, dass sie Ihr bestes versuchte und es mir nicht reichte. In erster Linie bin ich sehr froh und dankbar für alles.

Und ich bin gleichzeitig sehr enttäuscht.

Macht das Sinn?

Bis heute weiß nicht, ob das hypersensibel von mir ist, weil ich nicht objektiv auf die Sache schauen kann. Irgendwo steckt auch eine absurde Komik dahinter. Denn was erwarte ich? Dass sie mir die Art von Aufmerksamkeit widmet, als hätte ich eine tödliche Krankheit?

Und die wichtigste Frage, die mir auf der Seele brennt ist: Was, wenn sie sich nicht verhört hätte? Wäre sie bis zum Schluss an meiner Seite? Oder nur am Anfang?

Mit diesen offenen Fragen schließe ich meinen Rückblick in die Vergangenheit ab. Letztendlich muss man immer nach vorne schauen…

6 Kommentare zu „Als ich es meiner Mutter erzählte

  1. „Denn was erwarte ich? Dass sie mir die Art von Aufmerksamkeit widmet, als hätte ich eine tödliche Krankheit?“ Ich bin ziemlich sicher, dass es das ist. Wenn ich an mich zurückdenke, wollte ich einfach jene Liebe und Wertschätzung, die bei Menschen zumeist erst dann entsteht, wenn sie den (nahenden) Verlust eines geliebten Menschen verspüren. Deshalb stellte ich mir ständig meine Beerdigung vor. Das Verhalten Deiner Mutter, auch wenn es Gründe hat und für Dich nachvollziehbar ist, tut weh. Ich habe ähnliche Reaktionen erlebt und ich war froh um meinen Verstand, der mir nach dem ganzen Frust über diese verletzende Reaktion half zu erkennen, dass ich für mich ganz alleine stehe. Dass es nichts bringt, weiter krank sein, um Liebe zu bekommen. Denn das war für mich mit einer der Hauptgründe. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft! LG Simone

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  2. Ich sehe es wie Simone (Lichtausdruck) – Du hast Verständnis gewollt und Liebe. – Das klingt so „global“, wie so oft, dabei ist es doch immer wieder so im Kleinen wichtig. – Ich bemerke das immer wieder bei meiner Arbeit mit 13 – 15jährigen im Rahmen des Potenzialassessments zur Berufsorientierung. –

    Wenn Du da weniger selbstbewussten jungen Leuten (vor allem bei Mädchen ist das ganz häufig und stark zu beobachten), etwas von ihren Stärken erzählst, ihnen sagst, dass Du die im Rahmen der Mikrobeobachtung nicht nur vermutest sonder SIEHST, dann schauen sie dich immer ganz ungläubig an. Und wenn du dann noch ein betärkendses Lächeln dazu schickst, dann bekömmst du oft so ein zwar schüchternes aber Befreiuung signalisierendes Lächeln zurück, dass es mich immer und immer wieder sehr berührt.

    In Familien, wo man sich ständig sieht, wo vieles Routine wird, wo vielleicht auch durch zu vielfältige allseitige Belastung der Blick für vieles gar nicht mehr da ist (da sein kann), da geht insoweit wohl viel unter.

    Ich hoffe, dass ich da in Bezug auf meinen Sohn nicht allzu viel verkehrt mache. ich bin zum ersten mal und nur einmal „Eltern“ (eine Hälfte, versteht sich) – da hört das Lernen nie auf.

    Auch hier noch einmal viele liebe Grüße an Dich, liebe Mia!

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    1. Lieber sternfluesterer,
      Das ist ein sehr interessanter Ansatz und auch noch aus der Sicht eines Elternteils!! Ich (das Kind) kann natürlich schnell urteilen, aber da du mir recht gibst, ist es beruhigend zu wissen, dass ich nicht völlig irrational gedacht habe. Danke, dass du wieder einmal deine persönliche Erfahrung mit mir geteilt hast 🙂

      Gefällt 1 Person

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