Jeans im Sommer – Komplexe im Sommer

Der Sommer ist mit viel Sonnenschein und heißen Temperaturen hereingebrochen. Für viele bedeutet das: kurze Hosen, kurze Kleider und kurze Röcke. Aber nicht alle zeigen mehr Haut. Andere trennen sich nicht von ihren Jeans. Wegen ihrer Komplexe.

Dieser Beitrag richtet sich nicht ausschließlich an Menschen mit Essstörungen. Er gilt denjenigen, die unter Komplexen leiden – also allen.

Wir alle haben Komplexe.

Die einen mehr, die anderen weniger. Trotzdem gibt es wenige, die durch und durch mit jeder einzelnen Falte, jedem Röllchen Speck und jeder Kurve zufrieden sind. All diese Attribute sind menschlich und schön – aber das Ideal sagt was anderes. Und das wiederum verursacht Komplexe.

Jeans im Sommer

Und so kommen wir zu den Jeans. In den letzten Jahren ist mir nämlich ein Phänomen vermehrt aufgefallen: nicht alle tragen im Sommer kurze Kleidung. Einige tragen lange Hosen und lange Oberteile. Warum ist das so? Nur Zufall?

Komplexe im Sommer

Vor ein paar Tagen war meine Schwester bei mir zu Besuch. Sie trug ein langes Oberteil und eine enge Jeans.

„Ist dir darin nicht extrem warm?“, rutschte es überrascht aus mir raus.

„Doch, aber ich habe ein bisschen zugenommen“, gab sie zurück. Als wäre das Wort „zugenommen“ eine eindeutige Erklärung dafür, dass sie im Sommer lange Kleidung trug.

„Na und?“, sagte ich.

„Nichts na und. Du weißt doch, wie das ist.“

Und ob ich das wusste. Natürlich wusste ich, dass es nicht leicht war, wenn der Körper sich veränderte, und die Jeans nicht mehr gut passte. Ich war nur überrascht, dass meine Schwester, die mit Essstörungen nichts am Hut hatte, auch im Team „lange Jeans im Sommer“ war – wegen ihrer Komplexe.

Kurze Kleidung – ein unausgesprochenes Gesetz

Wer sich diesem Gesetz widersetzt, wird blöd angestarrt und bekommt dumme Sprüche zu hören. Jede*r mit langer Kleidung im Sommer hat diese Diskussion schon geführt. Als müssten wir uns dafür rechtfertigen, was wir tragen.

Deshalb ist der Sommer für viele Menschen mit Essstörungen die reinste Folter. Da viele eine verzerrte Wahrnehmung zu ihrem Körper haben, ist Sonnenbaden vor den Augen anderer nicht so drin. Genauso wenig wie das Tragen kurzer Kleidung. Doch wie bereits gesagt trifft das Phänomen auf viele zu – nicht nur mit einer Essstörung. Ein Kumpel von mir (der ebenfalls keine Essstörung hat) tut sich momentan auch schwer damit, kurze Kleidung zu tragen, weil er momentan nicht so zufrieden mit seinem Körper ist.

Das ist nicht schlimm. Niemand schreibt uns vor, was wir tun oder lassen sollten. Entscheiden wir uns für lange Jeans im Sommer, hat das niemanden was anzugehen. Unser Körper, unsere Regeln!

Kein „Pro Komplexe“

Trotzdem möchte ich niemanden dazu motivieren, weiterhin in der Herrschaft seiner Komplexe zu verweilen. Das Ziel ist es natürlich, eines Tages ohne sie leben zu können, und sich nicht die Garderobe von ihnen aussuchen zu lassen. Aber das geht eben nur Schritt für Schritt. Einsehen, reflektieren, ändern. In dieser Reihenfolge.

Kennt ihr das Phänomen, aufgrund der Komplexe im Sommer lange Kleidung zu tragen?

7 Kommentare zu „Jeans im Sommer – Komplexe im Sommer

  1. Ich hasse Wärme! Her mit den kurzen Klamotten, auch gerne mal was engeres, man muss sich ja challengen 🙂 Am besten nur Croptops.
    Nein – Das war nicht immer so, im GEGENTEIL.
    Ich erwische mich dann oft wenn ich an Schaufenstern vorbeigehe – sehe ich dick aus? Beim gehen? Habe ich zugenommen, im Vergleich zum letzten Jahr? Wabbelt mein Bauch?
    Ja ein wenig, ich mache nämlich gar keinen Sport 🙂
    viel zu lange habe ich mich versteckt. Viel zu lange nichts aus mir gemacht oder Schichten getragen…im Sommer geschwitzt wie verrückt weil ich vernarbte Arme habe und bei 30° mit Pullover raus – schluss damit!
    Gerade seit letztem, aber auch schon vorletztem Sommer habe ich damit angefangen, einfach mal meine Haut atmen zu lassen und ja, diese Unsicherheiten sind dabei:
    Ist diese Shorts jetzt zu kurz? Sieht man zu viel? Ist das zu durchsichtig? Aber: Ist es wirklich schlimm wenn man ein bisschen vom BH durchsieht, was ist denn an einem BH verwerflich?
    (Meine Angst geht eher in die Richtung, ich könnte ja zu aufreizend angezogen sein).
    Ist für mich Quatsch. Jede Frau soll von sich zeigen was sie mag ohne be/verurteilt zu werden, klar.
    Ich kann viel Bauch und Bein Zeigen, aber ausschnitt? Schwierig. Also wenn, dann darf nichts gepuscht sein…man darf nicht zu viel Brust sehen, da fühl ich mich unwohl.
    Und ja, ich hätte gerne nen straffen Bauch, aber soll ich mich dafür jetzt aufreiben, nur, weil irgendwelche Frauen straffe bäuche haben? Neeee!

    Ich versuche die kritischen Stimmen nicht gewinnen zu lassen.
    Mehr eben so – Mein Körper ist super, ich darf ihn zeigen, ich darf ihn mögen (oder zumindest daran arbeiten)… 🙂

    LG

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe das jetzt Jahrelang gemacht. Den ganzen Sommer über Jeans und Tshirt mit Strickjacke oder ähnlichem drüber. Jeden Tag, egal wie warm es wurde. Ich habe mir höchstens mal Sandalen erlaubt…
    Ich dachte immer, dass das nur mir so geht. Zumindest fühlte ich mich so.
    Meine Beine waren durch die Nesselsucht voller Narben oder offener Wunden und jeder hat danach gefragt oder angewidert geguckt. In der Uni war mir das so peinlich, dass ich manchmal gar nicht mehr hingegangen bin, nachdem mich jemand auf meine Beine angesprochen hat.
    Dieses Jahr habe ich mir Kleider gekauft und Röcke… ich überwinde mich jetzt einfach und schau mal was passiert.

    Liebste Grüße
    Sophie

    Gefällt 1 Person

  3. Huhu, ich weiß garnicht, wann ich zuletzt wirklich kurze Hosen im Sommer getragen habe, wenn etwas kürzer dann stehts unterm Knie. Ich hab da so mein Probleme 😉
    Mein Mann hat es nun aber geschafft mich zu überzeuge, naja okay er brachte mir einfach Kleid und Rock mit, dass ich das doch mal probieren solle. Und siehe da es gefiel mir tatsächlich. Nun trage ich seit 17 Jahren das erste Mal wieder Kleid/Rock. beides natürlich lang, denn meine unschönen beinen werde ich nicht wieder los 😉 Aber es gefällt mir und ist luftig im Sommer. Also nur Mut werte Damen und Herren!
    Grüße Nilarii

    Liken

  4. Komplexe ist vielleicht zu viel gesagt, allerdings würde ich nicht im Top oder mit rückenfreiem Oberteil an Orten rumlaufen, an denen mich jemand kennen könnte, da ich die Erfahrung gemacht habe, dass mein Oberkörper eher als (abstoßend) zu dünn bzw. „fettfrei-knochig“ wahrgenommen wird, obwohl ich nicht abgemagert bin.

    In einem bekannten Umfeld würde ich daher bedeckter rumlaufen, damit man die „Struktur“ meines Körpers nicht so deutlich sieht. Und beim Kampfsport ist mir das eben unangenehm bei Körperkontakt an den bei mir besonders knochigen Stellen; ich stelle mir das für den anderen unangenehm vor und habe auch durchaus den ein oder anderen entsprechenden Kommentar bekommen.

    Und früher habe ich mich beim Leichtatheltik geweigert, in dem dort üblichen bikini-ähnlichen Outfit als Jugendlicher vor diversen Zuschauern über die Bahn sprinten zu sollen usw. und die weiten kurzen Hosen und Obterteile vom Handball angezogen.
    Die Jungs mussten beim Leichtathletik ja auch nicht so „halb-nackt“ rumlaufen und warum man beim Sport möglichst viel von seinem Körper herzeigen soll, erschließt sich mir nicht. Meine Eltern meinten damals, ich solle mich nicht so anstellen, diese Art Kleidung sei normal. Letztlich habe ich das aber konsequent verweigert.

    Gerade beim Kinderballet usw. finde ich die in sportlicher Hinsicht nicht notwendigen knappen Qutfits, bei denen man aufgrund der im Genitalbereich äh „slipartigen“ Schnitte extrem viel sieht, sehr befremdlich. Ich frage mich wirklich, für wen diese Einblicke ermöglicht werden sollen. Auch bei den erwachsenen Sportlerinnen. Bei den Kindern wirkt es aber nochmals verstörender, weil die ja vor den Erwachsenen auftreten und sich denen „präsentieren“.

    …. bei South Park wurde das mal sehr treffend aufs Korn genommen mit den ganzen Erwachsenen in der Jury, die sich auf die knapp bekleideten Kinder einen runterholen.

    Sorry, das ist leider etwas ot geworden.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für deinen Kommentar! Ich verstehe deine Unsicherheit sehr gut, allerdings glaube ich auch, dass sie nicht nötig wäre, wenn die Gesellschaft eine andere wäre. Und das kann sie theoretisch sein – wenn alle ein bisschen reflektierter sind 🤔
      Und zu deinen letzten Absätzen kann ich dir nur zustimmen! Ich finde das auch sehr befremdlich!!
      Liebe Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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